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Nr. 139 / Januar 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gimma
Rap français
 

Saïan Supa Crew: "Hold-Up" | EMI
Rohff: "Au-delà de mes limites" | EMI
113: "113 degrés" | Sony BMG
Akhenaton: "Double Chill Burger" | EMI
Rap français: Zweiter Frühling oder Ausverkauf?

Rap aus Frankreich hat seit jeher einen Ausnahmestatus. Für manche sind die Beats aus den Banlieues sogar die besten überhaupt. Seit ein paar Jahren herrscht jedoch Katerstimmung. Nun ist Aspirin in Sichtweite: Gleich vier neue Alben von grossen Namen aus verschiedensten Genre-Ecken wurden auf den Markt geworfen.

Von Gregor Frei.

Der Freak-Rap: Saïan Supa Crew

Niemand scheint geeigneter, die von Gleichförmigkeit bestimmte Krise im Rap français zu beenden, als die Saïan Supa Crew, irgendetwas zwischen den französischen Wailers und dem französischen Wu-Tang Clan. Ihr Vorgänger "X-Raisons" ist ein Meilenstein, ihre Auffassung von Hip Hop als Sammelbecken von ausufernder Kreativität zumindest in Frankreich einzigartig. "Hold-Up" heisst ihr neues Teil, und wie man es vom Ensemble aus Paris nicht anders erwarten konnte, ist es ein lebendiges Mosaik aus Turbo-Beats, wirbelnden Raps, Gitarren, Comedy-Einlagen und gefühlvollen Singparts. Sly, Leeroy, Sir Samuel, Vicelow und Féfé haben sogar noch einen draufgegeben: "Hold-Up" lebt von einem Maximum an wildem, manchmal chaotischem Drive, der nur durch zwei Lieder durchbrochen wird: "96 Degreez" besingt zusammen mit Patrice emotionale Hitze-Momente, "Rouge Sang" die Tragik der schwarzen Geschichte. Bis hierhin scheint der französische Rap gerettet. Doch plötzlich geht's bergab: Die zweite Albumhälfte besteht mehr oder weniger nur aus belanglosen Gesangsnummern mit Fokussierung auf die Begriffe "fille" und "lady". Altern ist ja normal. Dazu stehen bewundernswert. Nur ist das nicht der beste Weg, um den französischen Rap zu neuen Ufern zu führen. Spätestens mit der abschliessenden House-R'n'B-Nummer "Fly" ist die Chance vergeben.

www.saiansupacrew.com


Der Disco-Rap: Rohff

"PARENTAL ADVISORY: EXPLICIT CONTENT", steht auf Rohffs neuer Doppel-CD, und es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Rohff mit dem für Frankreich unüblichen Etikett protzt. Kaum ein Rapper aus dem grossen Nachbarland orientiert sich so stark am populären amerikanischen Hip Hop wie der "Cauchemar du rap français": Knarren sind sein Lieblingssujet, hochgetunte Synthesizer sein Markenzeichen und auch die Tatsache, dass er in seinen Shout-Outs vor allem Leute wie Pharell und The Game erwähnt, stimmt den auf typischen Banlieue Rap eingestellten Hörer recht misstrauisch. Die 31 Lieder, die sich auf die beiden CDs verteilen, sind denn auch weniger einnehmend als langweilend. Die Produzenten können sich bis zum Schluss nicht recht entscheiden zwischen Party und Schiesserei. So mischt sich die oberflächliche Gefälligkeit des Dirty South mit der Trostlosigkeit französischer Vorstädte. Abgesehen von ein paar Liedern, in die "Roh deux f" überdurchschnittlich viel Herzblut giesst ("La hass", "Trop dangereux"), verliert sich der Mann aus Paris in diesem unrühmlichen Zusammenspiel. Einem, der sein letztes Lied dazu nutzt, um die baldige Veröffentlichung seiner DVD anzukündigen, kann man sowieso nicht trauen.


Der Hardcore-Rap: 113

Während Saïan in der Fantasiewelt und Rohff in glitzrigen Hallen spielen, halten sich 113 in düsteren Kellern auf. Dort rappen sie über Beats, deren Aggressivität mit Gewehrschüssen zu vergleichen ist. Nur wenn arabische oder weibliche Gastsänger auftauchen, geben sie sich mit leichterer Musik ab: Banlieue-Härte trifft auf Orient-Romantik. Das tönt roh und militant. Partisanen, die mit ins Feld ziehen, sind Leute wie Mobb Deep, Buju Banton oder Booba und Le Rat Luciano. Die zwei Letzteren bieten auf "On sait l'faire" etwas vom Beeindruckendsten, was man in letzter Zeit aus Frankreich gehört hat: Ein typisch 113 hochtechnischer Beat (vom Hausproduzenten Demon), darüber vier MCs, deren Bedrohlichkeit sehr echt wirkt. So echt, dass man der idiotischen Auffassung der französischer Politiker, Rapper wie 113 und Booba seien für die Vorstadt-Krawalle verantwortlich, für einen kurzen Moment doch ein bisschen Glauben schenkt. Die andere, ebenso typische Seite von "Cent trèize" kommt auf Liedern wie "Partir loin" zur Geltung: Arabisch angehauchte Beats erzeugen nach Wasserpfeife duftende Stimmungen, die den Körper schwingen lassen. Dass Rim'K, AP und Mokobe das Potential zum Retten haben, beweisen sie mit "113 degrés" nicht zum ersten Mal. Ein paar kleine Löcher im Boot lassen es dennoch untergehen. Knapp daneben ist leider auch daneben.


Der Melancholie-Rap: Akhenaton

Der Zeitpunkt der neusten Akhenaton-Veröffentlichung ist fast ein bisschen zynisch: Während alle rumjammern und der Kater immer noch nicht ausgeschlafen ist, kommt der Altmeister und sagt: Schaut, so einfach ist es. Akhenatons traurig-zuversichtlichen Beats weichen auch heute noch jedes Herz auf und bringen jeden Kopf zum Schütteln. Das Problem ist nur: Das Ding ist ein Best-Of. Drei Viertel auf "Double Chill Burger" stammen aus der Vergangenheit, aus der Zeit, als alles noch besser war eben. Vielleicht will der Kopf des legendären IAM-Trios ein bisschen Nachhilfeunterricht unterteilen. Vielleicht will AKH auch einfach noch ein bisschen Kohle machen. Die Zusammenstellung all seiner Perlen wie "Paese", "Mes soleils et mes lunes", "Nid de guêpes" begeistert jedenfalls. Und auch seine neuen Lieder sind der Konkurrenz in Sachen Feinfühligkeit noch um Weiten voraus. Akhenaton hat dabei seinem altbekannten Basilikum noch mehr Pfeffer beigegeben. Speziell zu erwähnen ist das feierliche "Leurs temps de cuisson", dessen Beat Blaukreuz-Bläser mit Mozart-Streichern kreuzt. Ein weiteres Mal sind die Gerichte von Akhenaton mehr als nur gelungen: Das Aufeinandertreffen von weicher Harmonie und purer Härte funktioniert wie eh und je. Ein bisschen holt Akhenaton somit das goldene Zeitalter in die Gegenwart. Der französische Rap ist damit leider nicht gerettet.


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