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Nr. 138 / Dezember 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jean Willi: "Matar" (Kriminalroman) | Bilgerverlag
"Ich hatte mir vorgenommen, jemanden umzubringen"

Christian Baer will jemanden töten. Niemand bestimmtes, aus keinem Grund. "Um den Kreis zu durchbrechen", wie er sagt. In einem Tagebuch hält er die minutiöse Planung seiner Tat fest. Ein etwas anderer Kriminalroman.

Von Sandra Despont.

Mit dem Rauchen aufhören, weniger Essen, sparen, zu Grossmama netter sein - diese und ähnliche Vorsätze gehören ebenso zum neuen Jahr wie die Erkenntnis, das man die vom letzten Jahr schon wieder vergessen hat. Der Protagonist in Jean Willis Kriminalroman "Matar" gibt sich mit so konventionellen Vorhaben nicht zufrieden. Sein alles andere als guter Vorsatz für das neue Jahr: jemanden umbringen. Und er ist auch fest entschlossen, diesen Vorsatz umzusetzen.

Du sollst nicht töten
Doch so einfach ist das gar nicht. Was für eine Waffe braucht es zum Töten eines Menschen und wie kann man sie sich unauffällig beschaffen? Wie wählt man schliesslich ein Opfer aus, wenn man überhaupt kein vernünftiges Motiv zum Töten hat? Denn jemanden aus "kleinlichen Gründen", jemanden, der ihm auf die Nerven geht, umbringen, kommt nicht in Frage. Diesen Problemen stellt sich der Protagonist. Schwankend zwischen gesellschaftskritischen, einleuchtenden Gedanken zu dem Gesetz "Du sollst nicht töten!" und der eigenen Rechtfertigung der grausam durchdachten Planung seiner Tat, führt sich das gleichermassen kranke und scharfsinnige Gehirn von Christian Baer den Leserinnen und Lesern selbst vor. Auch an sein fehlendes Motiv verschwendet er ein paar Gedanken und kommt zum Schluss, dass es zwar keinen Grund gibt, jemanden umzubringen, aber eben auch keinen, es nicht zu tun. Bei seiner weiteren Rechtfertigung verwickelt er sich in Widersprüche. Durch die Tötung will er einen Gott umbringen, an den er gar nicht glaubt, dass er die Menschen verachtet wird zwar deutlich, doch reicht das um einen beliebigen Mann oder eine beliebige Frau umzubringen? Baer vermischt seine eigene Inszenierung mit dem Glauben an eine Art Schicksal, das ihm sein Opfer zuführen soll. Schliesslich ist er überzeugt, dass nur diese Tat ihn aus seiner düsteren Lage, seinem "bis in die Wurzelspitzen verfaulten Leben" retten kann.

Ungewöhnlicher Kriminalroman
Jean Willi zeichnet mit "Matar" das Psychogramm eines grausamen, rücksichtslosen, bei allem aber auch klugen und gebildeten Mörders, der nach einer ganz eigenen Logik funktioniert. Gleichzeitig ist "Matar" ein spannender Kriminalroman und ein literarisches Experiment, bei dem die Ereignisse im ersten Teil ganz aus der Sicht des Protagonisten geschildert werden, während der zweite dann in einen auktorialen Bericht über die anderen Beteiligten übergeht und klar werden lässt, dass Christian Baer selbst das Schicksal und der Gott ist, die er vorher beschwört hat und dem Zufall tatsächlich nur die Wahl seines Opfers zubilligt. Gerade der Wechsel in der Perspektive macht "Matar" zu einem kurzweiligen Kriminalroman, der dank der geschickten Leserführung und der sorgfältig konstruierten und ineinander verschachtelten Motive auch literarisch anspruchsvollere Leserinnen und Leser überzeugt.

250 Seiten, CHF 35.15


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