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Jean Willi: "Matar" (Kriminalroman)
| Bilgerverlag
"Ich hatte mir vorgenommen, jemanden umzubringen"
Christian Baer will jemanden töten.
Niemand bestimmtes, aus keinem Grund. "Um den Kreis zu durchbrechen",
wie er sagt. In einem Tagebuch hält er die minutiöse
Planung seiner Tat fest. Ein etwas anderer Kriminalroman.
Von Sandra Despont.
Mit dem Rauchen aufhören, weniger Essen,
sparen, zu Grossmama netter sein - diese und ähnliche Vorsätze
gehören ebenso zum neuen Jahr wie die Erkenntnis, das man
die vom letzten Jahr schon wieder vergessen hat. Der Protagonist
in Jean Willis Kriminalroman "Matar" gibt sich mit
so konventionellen Vorhaben nicht zufrieden. Sein alles andere
als guter Vorsatz für das neue Jahr: jemanden umbringen.
Und er ist auch fest entschlossen, diesen Vorsatz umzusetzen.
Du sollst nicht töten
Doch so einfach ist das gar nicht.
Was für eine Waffe braucht es zum Töten eines Menschen
und wie kann man sie sich unauffällig beschaffen? Wie wählt
man schliesslich ein Opfer aus, wenn man überhaupt kein
vernünftiges Motiv zum Töten hat? Denn jemanden aus
"kleinlichen Gründen", jemanden, der ihm auf die
Nerven geht, umbringen, kommt nicht in Frage. Diesen Problemen
stellt sich der Protagonist. Schwankend zwischen gesellschaftskritischen,
einleuchtenden Gedanken zu dem Gesetz "Du sollst nicht töten!"
und der eigenen Rechtfertigung der grausam durchdachten Planung
seiner Tat, führt sich das gleichermassen kranke und scharfsinnige
Gehirn von Christian Baer den Leserinnen und Lesern selbst vor.
Auch an sein fehlendes Motiv verschwendet er ein paar Gedanken
und kommt zum Schluss, dass es zwar keinen Grund gibt, jemanden
umzubringen, aber eben auch keinen, es nicht zu tun. Bei seiner
weiteren Rechtfertigung verwickelt er sich in Widersprüche.
Durch die Tötung will er einen Gott umbringen, an den er
gar nicht glaubt, dass er die Menschen verachtet wird zwar deutlich,
doch reicht das um einen beliebigen Mann oder eine beliebige
Frau umzubringen? Baer vermischt seine eigene Inszenierung mit
dem Glauben an eine Art Schicksal, das ihm sein Opfer zuführen
soll. Schliesslich ist er überzeugt, dass nur diese Tat
ihn aus seiner düsteren Lage, seinem "bis in die Wurzelspitzen
verfaulten Leben" retten kann.
Ungewöhnlicher Kriminalroman
Jean Willi zeichnet mit "Matar"
das Psychogramm eines grausamen, rücksichtslosen, bei allem
aber auch klugen und gebildeten Mörders, der nach einer
ganz eigenen Logik funktioniert. Gleichzeitig ist "Matar"
ein spannender Kriminalroman und ein literarisches Experiment,
bei dem die Ereignisse im ersten Teil ganz aus der Sicht des
Protagonisten geschildert werden, während der zweite dann
in einen auktorialen Bericht über die anderen Beteiligten
übergeht und klar werden lässt, dass Christian Baer
selbst das Schicksal und der Gott ist, die er vorher beschwört
hat und dem Zufall tatsächlich nur die Wahl seines Opfers
zubilligt. Gerade der Wechsel in der Perspektive macht "Matar"
zu einem kurzweiligen Kriminalroman, der dank der geschickten
Leserführung und der sorgfältig konstruierten und ineinander
verschachtelten Motive auch literarisch anspruchsvollere Leserinnen
und Leser überzeugt.
250 Seiten, CHF 35.15
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