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Nr. 138 / Dezember 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mit Mañana auf der Insel
Morgen schon gross in England?

"Für uns geht ein Bubentraum in Erfüllung"
Bubentraum und Piece de Resistance zugleich: In England Fuss zu fassen ist das Ziel vieler Schweizer Bands. Doch der Weg dorthin ist weit und beschwerlich. Mañana kümmert das nicht - sie wollen England erobern. Das Netzmagazin war bei ihren ersten Konzerten auf der Insel dabei.

David Bauer (Text und Fotos).

Kaum sind die letzten Töne von "Miss Evening" ausgeklungen, stürmt ein fest gebauter Brite auf Sänger Manuel Bürkli zu und schüttelt ihm anerkennend die Hand. Später sagt er zur Band: "Passt gut auf ihn auf - he's a diamond". Mañana, die Rohdiamanten aus der Schweiz, haben im Dublin Castle in London für manch staunendes Gesicht gesorgt. Auch der Mischer im Londoner Club ist verblüfft. Er setze hier jede Woche ein Dutzend Bands in Szene, aber solch eine professionelle Band habe er noch selten gesehen.

"Für uns geht mit dieser Tour ein Bubentraum in Erfüllung", erzählt Bürkli auf der Hinreise. Im gleichen Atemzug fügt er hinzu: "Wir nehmen diese Gigs in England sehr ernst". Will heissen: Mit den Auftritten in England haben Mañana ihr Ziel nicht etwa schon erreicht, vielmehr sollen sie erst das Sprungbrett für höhere Ziele darstellen. Höhere Ziele sind etwa ein Plattendeal in England, regelmässige Touren im Ausland. Und so ist das Konzert im Dublin Castle nicht bloss das erste von fünf Konzerten einer kleinen Englandtour. Hauptsächlich soll es das erste von vielen mehr sein - denn Mañana sind hier, um sich die Türen ins Musikgeschäft in England aufzustossen. Das sagen die jungen Baselbieter ohne falsche Bescheidenheit.

Achtung: Talentspäher im Publikum

Auf den Spuren von Coldplay
Der Rahmen an diesem Abend ist gut. Das Dublin Castle in Camden ist eines der angesagtesten Lokale in London. Die Libertines wurden hier entdeckt, Coldplay und Blur haben hier schon gespielt. Und die "Locals" bestätigen: Dies ist der "place to be" für aufstrebende Bands. Für Mañana gilt dies umso mehr, als Talentspäher von verschiedenen englischen Independent Labels sowie von einem der vier grossen Major-Labels gekommen sind, um sie zu beobachten. Mañana spielen an diesem Abend als Headliner: knapp eine Stunde Zeit, sich zu empfehlen.

Eine Bookingagentur aus London hat Mañana diesen Auftritt, wie auch die anderen in England, verschafft. Dabei war zwei Tage zuvor noch nicht einmal klar, ob Mañana an diesem Abend überhaupt spielen können. Das ursprünglich vorgesehene Engagement in einem anderen Lokal hat sich kurzfristig zerschlagen - scheinbar ein Missverständnis. Es passt zur Erfolgsstory von Mañana, dass nicht nur ein Ersatz gefunden wurde, sondern dieser besser ist als der geplante Auftrittsort.

Ein Plattendeal in England scheint in Griffnähe
Den Plattendeal in Griffnähe
Bisher ist bei Mañana alles sehr schnell gegangen. 2002 gegründet, ein Jahr darauf grosse Schweiztour mit den Lovebugs, erste Platte: die EP "Fast Days". 2004 der Durchbruch: Über sechs Millionen Gamer weltweit hören "Miss Evening" von Mañana auf dem Soundtrack zu "Fifa05". Das Tor zur weiten Welt ist aufgestossen. Dieses Jahr Konzerte an den grossen Festivals Bochum Total und Balelec in Lausanne, Tour durch Deutschland, Schweden, Holland, Österreich. Und nach den Auftritten in England dann Mitte November ein weiterer Höhepunkt: das Konzert an der AVO Session im Vorprogramm von A-Ha. In England sind Mañana nun an einem Punkt angelangt, wo schon andere Schweizer Bands vor ihnen waren: Ein Plattendeal in England scheint in Griffnähe.

Schlafen im Büro
Die Bedingungen sind dort aber ungleich härter als in der Schweiz. Was hierzulande Standard ist, ist in England undenkbar: In der Schweiz wird eine Band bei der Ankunft im Lokal begrüsst, Getränke stehen im Backstage-Bereich kostenlos zur Verfügung, vor dem Konzert gibt es ein Nachtessen und nach dem Gig wird eine Gage ausbezahlt. In England heisst es dazu viermal: No! Bei der Ankunft ist die zuständige Person nicht da, die Getränke holt sich die Band wie jeder andere Besucher an der Bar, Essen gibt es auf eigene Kosten beim Italiener vis-à-vis und nach einer Gage braucht man gar nicht erst zu fragen. Diese Bedingungen gelten zwar für alle aufstrebenden Bands, doch fallen sie freilich für eine Schweizer Band bedeutend mehr ins Gewicht, wenn sie extra aus der Schweiz anreist.

Normalerweise ist die erste Tour im Ausland für eine Band deshalb ein Minusgeschäft. Einnahmen gibt es praktisch keine, dagegen ist die Spesenrechnung lang. Ein Tourbus muss gemietet werden, viel Benzin bezahlt, dazu Verpflegung und Unterkunft. Dass der Konzertveranstalter der Band eine Unterkunft organisiert, ist höchst ungewöhnlich. Mañana übernachten nach dem ersten Konzert in London im Büro ihrer Bookingagentur, mit Campingmatte und Schlafsack auf dem Boden.

Die Bedingungen sind ungleich härter als in der Schweiz: Übernachtung im Büro der Bookingagentur
Wer im Ausland Fuss fassen will, muss also auf einigen gewohnten Luxus verzichten, Durchhaltewillen beweisen und erstmal investieren. Die Spesenrechnung ist der Preis, den Bands für Erfahrungen und gute Kontakte bezahlen. Für Mañana steht am Ende der Tour (inklusive der vorangegangenen Konzerte in Deutschland, Schweden, Holland und Österreich) allerdings eine schwarze Null, wie ihr Manager Marc Allenspach zufrieden feststellt. Dies ist möglich, weil zwei Stiftungen aus der Schweiz und der Jeanshersteller Lee die Tour finanziell unterstützen. Und weil man spart, wo es möglich und sinnvoll ist.

"Kämpfen, kämpfen, kämpfen"
Nach der Rückkehr aus England sind die Band und ihr Manager zufrieden. Man hat über 100 CDs verkauft, die ersten wichtigen Kontakte sind geknüpft, das Interesse der Labels geweckt. Es wird nun vieles davon abhängen, ob das kommende Debütalbum von Mañana das hält, was die Songs live versprechen. Im schnelllebigen Musikbusiness brechen Kontakte schnell ab; die Labels verlieren ihr Interesse an einer aufstrebenden Band, wenn das Songmaterial nicht den hohen Erwartungen entspricht. Ausgerechnet hier läuft für Mañana nicht alles nach Plan. Eigentlich hätte das Album bereits diesen Herbst erscheinen sollen. Doch mit den ersten Aufnahmen war man derart unzufrieden, dass man sich vom Produzenten getrennt hat und nochmals von vorne begann. Demnächst soll nun das Album fertig sein; bis dahin wird perfektionistisch an den Songs gefeilt. Wenn man den Musikern beim Kritisieren der eigenen Rohfassungen zuhört, kann man erahnen, wie wichtig ihnen ihr Debütalbum ist.

Die Getränke holt sich die Band wie jeder andere Besucher an der Bar

Doch selbst wenn das Album wunschgemäss gelingen sollte, ist dies noch kein Passepartout für das grosse Musikbusiness, schon gar nicht für den englischen Markt. Band und Management müssen weiterhin das tun, was Sebastian Hausmann von Baschi and The Fucking Beautiful ihnen mit auf den Weg gibt: "Kämpfen, kämpfen, kämpfen".

www.manana.fm

In dieser Ausgabe:
Konzertbericht Mañana an den AVO Sessions

"Die Engländer wollen nur Englische Bands"

England zieht die britisch orientierten Schweizer Bands geradezu magisch an. Doch der Sprung über den Ärmelkanal ist kein leichter. Bislang war keiner Schweizer Band der Durchbruch im Mutterland des Pop vergönnt. Musiker mit einschlägigen Erfahrungen ziehen Bilanz.

Von David Bauer.

Sebastian Hausmann, ehemaliger Bassist der Lovebugs und heute Kopf von Baschi and The Fucking Beautiful, kann die Faszination vieler Schweizer Bands für England gut nachvollziehen. "In England Konzerte zu spielen ist grossartig und Bands werden von Radios und Presse gut unterstützt". Er kennt aber auch die Schattenseiten. Er hat zwei Jahre in London gelebt und Musik gemacht, ist aber vor einem Jahr nach Basel zurückgekehrt. Was er durch Konzerte verdient hat, hat nicht ausgereicht, um das teure Leben in London zu finanzieren. Heute fliegt Baschi für einzelne Konzerte auf die Insel. Einen Plattenvertrag konnte er während seiner Zeit in England nicht abschliessen. "Natürlich gab es immer wieder Labels, die Interesse zeigten", sagt er, "aber konkret ist es selten geworden". Entmutigen lässt er sich indes nicht, im Gegenteil: Er ist überzeugt, dass es mit seiner nächsten Platte klappen kann.

Anders lag der Fall bei den Lovebugs. Sie hätten die Möglichkeit gehabt, Konzerte in England zu spielen, aber die Band habe die Chance nicht wahrgenommen, erklärt Baschi. Man habe es schlicht "verschlampt". Mittlerweile haben die Lovebugs ihren Fokus auf den asiatischen Markt verschoben.

In England könnten nur die wirklich grossen Bands richtig Geld verdienen, für alle anderen, zumal ausländische, sei es ein hartes Pflaster. Denn, so Baschi lakonisch: "Die Engländer wollen nur Englische Bands". Chris Weber, in den neunziger Jahren Gitarrist der Wondertoys, hat dieselben Erfahrungen gemacht: "Die Engländer haben überhaupt kein Interesse an ausländischen Bands - die Szene ist wahnsinnig versnobt". Das Musikschaffen ausserhalb der Insel würde kaum wahrgenommen, als Schweizer Band habe man mit Vorurteilen zu kämpfen.

Dem widerspricht der Singer/Songwriter Christoph Baumgartner alias Baum vehement: "Wenn das britische Publikum spürt, dass du mit Leidenschaft bei der Sache bist, ist es ihm vollkommen egal, woher du kommst". England sei für Schweizer Musiker "die grösste Herausforderung überhaupt" - aber eine reizvolle. "Wenn du gut bist und nicht zu bequem, hart an dir zu arbeiten, dann ist England zu knacken", ist Baum überzeugt.

Diese Texte erschienen in leicht abgeänderter Form in der Basler Zeitung.


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