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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Feuer und Flamme

Von Lukas Hunziker.

Lukas Hunziker
Sie ließ sich immer mehr mitreißen, ließ sich gehen, ließ sich mit ihm gehen, bis sie völlig außer Atem geriet. Sie saß keuchend und glitzernd von Schweiß auf ihm, fühlte sich aber nicht heiß, nicht kalt, nur durchströmt von einem Gefühl erlösenden Genießens, wie sie es noch nie erlebt hatte. Indem sie durch dieses Gefühl den Frust und die Verzweiflung, das Elend der zahllosen Nächte lächelnd aushauchte, steigerte es sich und sie glaubte, sich in pures, körperloses Fühlen auflösen zu müssen. Sie stöhnte nicht, keuchte nicht; sie rang erwartungsvoll nach Leben. Wie tot fiel sie über ihm zusammen, als sie ihren Höhepunkt erreichte, und abgefedert vom großen, weichen Bett wie von einer Wolke fühlte sie, wie sie wieder atmen konnte, wie das Leben in sie Einzug hielt. Er bewegte sich nicht und ließ sie dieses erlösende Glück genießen, vollends fühlen und mit all ihren Sinnen wahrnehmen.

Als sie die Augen aufschlug, wie zu neuem Leben erweckt, lag er immer noch gleich da. Wie dann, als es angefangen hatte, als sie ihr Bein über ihn geschwungen und sich auf seine Hüfte gesetzt hatte: seine Arme waagerecht zum Körper ausgestreckt, die Augen geschlossen. Als sie begonnen hatte, sich auf ihm zu bewegen, hatte sie zuerst geglaubt, es würde ihm weh tun. Seine Augenbrauen hatten sich kurz zusammengezogen und seine Zähne hatten sich, wenn auch sanft und tonlos, in seine Unterlippe verbissen. Doch dann hatte sie ihn, in dieser aufkommenden inneren Sintflut, vergessen, wie alles um sie herum. Erst jetzt, als sie ihn anschaute, wurde ihr bewusst, dass er nicht zum Höhepunkt gekommen war. Er lächelte zwar, doch es war nicht das Lächeln der anderen, obwohl es auch nicht im geringsten unzufrieden schien. Sich schuldig fühlend tastete ihre Hand seinen Bauch hinab. Aber er schob ihre Hand weg, öffnete die Augen und schüttelte mit lieben, verwunderten Augen den Kopf. Verwirrt stand sie auf und setzte sich auf den Bettrand. Sein Blick änderte sich nicht. Sie hatte das Gefühl, als belächle er sie mit der Gewissheit, dass sie nicht verstand.
"Willst du dein Geld wiederhaben?"
Sie hätte es ihm gegeben, auf jeden Fall, sie hätte ihm sogar alles gegeben, was sie an diesem Abend verdient hatte. Aber er schüttelte den Kopf, stand auf und zog sich an. Er trug einen schwarzen, etwas abgenutzten Anzug. Als er wieder angekleidet vor ihr stand, immer in gleicher Weise lieblich, aber abwesend lächelnd, spürte sie, dass sie sich an ihn klammern wollte, ihn nie mehr loslassend, wohin er auch ging. Dummes Mädchen, dachte sie. Sie durfte das nicht einmal denken. Für einen kurzen Augenblick erfassten seine Augen die ihren und hielten sie fest. Er machte einen Schritt auf sie zu, küsste sie auf die Stirn, wobei die Stoppeln seines Bartes über ihre Augenbrauen strichen, drehte sich um und verschwand durch die Tür.
Sie eilte zum Fenster und schob den roten, dünnen Vorhang zur Seite. Nach einigen Augenblicken sah sie ihn unten aus dem Eingang kommen und langsam und zielstrebig die Strasse entlang gehen. Stumm sah sie ihm nach, bis er in die Löwenallee einbog.
Hinter ihr öffnete sich die Tür und Diane streckte den Kopf hinein. Ihr Gesicht war schmutzig und die Warze auf der Nase schien schwärzer denn je.
"Zieh dich an, du solltest schon lange wieder unten stehen. Verdammt viel los heute Abend. Ist das Bett sauber geblieben oder muss man die Laken wechseln? Komm schon, mach vorwärts Mädchen, in fünf Minuten stehst du bei den anderen, klar!"
Die Türe schloss sich. Sie griff nach ihrem Kleid und schlüpfte hinein. Es fühlte sich enger an denn je. Rasch schlüpfte sie ins Badezimmer, kämmte ihr Haar, schminkte ihre Lippen neu. Das Bett müsste sauber sein, dachte sie, sie hätte gemerkt, wenn er gekommen wäre. Dennoch warf sie einen Blick auf die rot bezogene Matratze und stutzte. Darauf lagen zwei große Federn, eine schwarze und eine weiße. Zögernd, fast ängstlich, setzte sie ihr Knie auf das Bett und nahm sie behutsam in die Hand. Sie waren fein und unzerknittert, obwohl sie genau da lagen, wo er zuvor gelegen hatte. Sie steckte die Federn in ihren Ausschnitt und eilte aus dem Zimmer.

Draußen war es kalt und schneite. Das Vordach, unter welchem sie mit den anderen stand, schützte sie zwar vor den nassen Flocken, kaum jedoch vor der Kälte. Sie fror, wie sie noch nie gefroren hatte. Dabei war sie es gewohnt, in knappstem Kleid im Winter nachts auf der Strasse zu stehen. Ihre Beine waren bis knapp unter die Lenden nur durch Strümpfe geschützt. Immerhin wurde ihr in solch kalten Nächten erlaubt, ein etwas grosszügigeres Höschen zu tragen. Ihr Ausschnitt war nicht besonders tief, dafür betonte das enge Top ihren Busen. Sie trug eine flauschige, weiße Mütze sowie ein gelbes Jäckchen, das ihren Hals und die Arme warm hielt. Sie stand da und rauchte, die Beine immer in Bewegung um sich warm zu halten. Seltsamerweise kam ihr die Kälte in dieser Nacht aber nicht allzu schlimm vor, so eisig sie auch war. Vier andere teilten den Platz unter dem Vordach mit ihr, zwei, die schon länger im Geschäft waren als sie, sowie zwei Anfängerinnen. Sie selbst war seit sieben Jahren auf der Strasse, beinahe jede Nacht.
Immer noch versuchte sie, den Vorfall zu vergessen. Vielleicht wäre es ein guter Anfang gewesen, die Federn wegzuwerfen, aber dazu konnte sie sich nicht durchringen. Ihre Gedanken klammerten sich an diese herrlichen, atemberaubenden Augenblicke; wie lange es wirklich gedauert hatte, konnte sie nicht abschätzen. Es hatte ihr noch nie Spaß gemacht und einen Orgasmus hatte sie in den sieben Jahren nicht ein einziges Mal gehabt. Aber eigentlich war es nicht das, was sie beschäftigte, auch wenn sie zugeben musste, dass es unbeschreiblich schön gewesen war. Wäre nur sein Gesicht nicht gewesen. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass es für ihn eine - ja, eine Qual gewesen war. Natürlich standen manche Typen auf Qualspiele, aber noch niemand hatte sich so verhalten wie er. Würde er wiederkommen? Sie zweifelte daran. Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie ihn nicht ein zweites Mal im Bett haben konnte. Es war ihr auch nicht klar, warum er zu ihr gekommen war. Er war alles andere als der typische Kunde. Als er die Strasse hinauf kam, vor ihr stehen blieb, lächelte und sie an der Hand nahm hatte sie ihn für scheu gehalten. Sie hatte gedacht, es fiele ihm vielleicht schwer, Kontakt mit Frauen zu knüpfen, obwohl er mit seinem Aussehen viele hätte haben können. Sie war froh gewesen, ihn abzubekommen, sie hatte ihm angesehen, dass sie ihm keine Spezialwünsche erfüllen müsste, sie hatte sogar geahnt, dass er sie machen lassen würde. Er hatte kaum ein Wort gesagt. Nur nach ihrem Namen hatte er sie gefragt. Seinen verriet er nicht, was sie ihm nicht übel nahm; die wenigsten taten das. Aber auch fragten die wenigsten nach ihrem Namen.

Sie wurde aus den Gedanken gerissen, als ein jüngerer Mann mit Baseballmütze aus der Dunkelheit auf sie zukam. Die anderen warfen sich sofort in Pose, wie Soldaten, die auf die Befehle ihres Vorgesetzten reagierten, sie streckten ihre Brüste raus, warfen die Haare nach hinten, legten eine Hand auf ihre Schenkel. Sie bewegte sich nicht. Der Mann blieb vor ihnen stehen, betrachtete sie, traf eine Auswahl. Sein Gesicht war fahl glänzend und sein linker Mundwinkel war rot und wund geleckt. Desinteressiert schaute sie von ihm weg und gab sich Mühe, uninteressant auszusehen. Trotzdem kam er auf sie zu und hob seine Mütze mit der Spitze seines Zeigefingers, dessen Fingernagel fast vollständig weggekaut war, lässig an.
"Na meine Süße. Meine - Prinzessin. Was machst' n' so? Ist dir nicht kalt. Bräuchst' nicht zufällig jemand, der dir den Arsch ein bisschen wärmt. Wie wär's n' wenn wir n' bisschen nach oben gehen, damit ich's dir besorgen kann?"
Das hatte sie gebraucht. Sie wusste, was passieren würde, aber sie sagte es.
"Wie wär's denn, wenn du nach Hause gehst und es deinem versabberten Kopfkissen besorgst?"
Die anderen schauten sie verstört und verständnislos an. Einen Augenblick war er baff, einen Moment war seine Welt im Wanken begriffen, eine Sekunde huschte die Ahnung von reiner Angst über sein Schmiergesicht. Dann schlug er ihr die flache Hand ins Gesicht. Was er sagte, hörte sie kaum. Eine der anderen nahm ihn bei der Hand, tätschelte seinen Hosenboden, beruhigte ihn und verschwand mit ihm durch die Tür.
Böse Blicke scharten sich um sie und die Älteste packte sie an der Wange.
"Scheisse Kleine, was ist mit dir los? Du bist doch sonst so professionell, verdammt. Willst du uns die Kunden vertreiben? Pass auf, dass Diane das nicht erfährt, sonst bist du raus. Du nimmst den Nächsten, wenn du morgen noch hier stehen willst."

Sie stand da, stumm, den Blick abgewandt. Es stimmte, es war dumm gewesen. Aber wie konnte sie je wieder einen dieser Sprücheklopfer bei sich ertragen, nachdem sie die Federn gefunden hatte? Ihre Finger tasteten zitternd danach auf ihrer Brust. Was machte sie noch hier? Hier draußen, in der Kälte, wartend auf fette und gierige Männer. Wie hatte sie das je tun können. Sicher, sie verdiente nicht schlecht, konnte sich eine kleine Wohnung leisten. Dafür, dass sie nichts konnte, außer die Beine auseinanderzufalten, hatte sie ziemlich viel. Ausser -. Sie betrachtete die schwarze Feder und hatte das Gefühl, noch nie auch nur eine Minute gelebt zu haben. Sie konnte niemandem sagen, womit sie ihr Geld verdiente, man würde mit dem Finger auf sie zeigen, sie vielleicht sogar bespucken. Ab und zu traf sie einen Mann, auf der Strasse, im Bus, in einem Café, einen Mann, der sie anlächelte, ihr zunickte. Selbst wenn sie sicher war, dass er noch nicht bei ihr gewesen war - aber wie konnte sie sich an alle erinnern - musste sie wegschauen. Denn früher oder später müsste er es erfahren. Solche Erniedrigung würde sie nicht ertragen, sie würde innerlich - verbrennen. Aber er. Wie er sie angesehen hatte, wie er sich seufzend ausgezogen und sich wie auf eine Folterbank auf die Laken gelegt hatte. Vielleicht ... nein, sie hatte es sich nicht eingebildet. Es war so schön, so schön war es gewesen. Es ist vorbei, auf Mädchen, du musst den Nächsten nehmen. Vielleicht wird es gut, vielleicht, wer weiß?

Er trug einen auffallenden roten Mantel. Kein helles Rot, ein dunkles, geschmeidiges. Auf seinem Kopf erkannte sie einen kleinen, runden, seltsamen Hut, der ihr bekannt vorkam, und den sie doch noch niemanden hatte tragen sehen. Langsam und bedrohlich kam er aus der Dunkelheit auf sie zu, von Anfang an nur sie fixierend, als hätte er sie schon lange erblickt, noch bevor sie ihn bemerkt hatte. Die anderen blickten sie auffordernd an, wiesen sie mit dem Kopf an sich bereit zu machen. Sie hatte keine Wahl und vielleicht war das auch gut so. Verführerisch schwang sie das eine Bein über das andere, drückte ihre Brüste nach vorn und hob die Augenbrauen an. Er blieb vor ihr stehend, seinen Blick eindringlich auf sie gerichtet. Sein Gesicht war wohlgeformt, die Haut trocken und glatt. Ein schmales Schnäuzchen säumte seine Oberlippe. Die anderen schienen eingeschüchtert von ihm, als ahnten sie, wer sich hinter den feurigen Augen verbarg.
"Wenn ich mich nicht irre, bist du diejenige, von der man sich in -, sagen wir, gewissen Kreisen, angeregt unterhält. Diejenige, welche sich vor nichts scheut."
"Ach ja, sagt man das? Ich bin empört."
"Man will dich schon bei - allem Möglichen gesehen haben. Man sagt, du hebst dich" - und hier warf er einen Blick auf die anderen - "von den Heuchlerinnen und Schwindlerinnen ab."
Sie setzte ein künstliches Lächeln auf.
"So sagt man tatsächlich? Ich bin verzückt ..."
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich kein bisschen. Er schien auf ihre Worte nicht einzugehen.
"Ich nehme an, du wirst dich deshalb auch nicht weigern, mit mir zu kommen. Ich habe etwas ganz besonderes mit dir vor, etwas besonders - heißes. Etwas, das dich auflodern lassen wird, dich zum Schreien bringen wird, etwas, bei dem du glauben wirst zu sterben. Ich werde es dir so heiß machen, wie noch nie jemand zuvor."
"Ich glaube, da musst du noch etwas drauflegen. Mama mag es nämlich gar nicht, wenn ich die ganze Nacht wegbleibe."
Er grinste und nahm aus der Tasche seines Mantels eine Hand voll schwerer Münzen, die er ihr vor die Füße warf. Die anderen stürzten sich sofort zu Boden und begannen die Münzen vom eiskalten Boden aufzuheben. Sie jedoch warf keinen Blick nach unten, sondern machte ein paar Schritte nach vorn, hakte sich bei ihm ein und folgte seinen bestimmten, klangvollen Schritten.

Sie hatte keine Ahnung, wohin er sie führte. Kamen ihr die Gassen, durch welche sie zogen, auch bekannt vor, so hätte sie doch nicht sagen können, wo sie waren. Sie gab sich Mühe, Schritt zu halten, denn er war groß, sehr groß, sie konnte sich kaum an einen ähnlich großen Mann erinnern. Allerdings sah sie die meisten Männer während des größten Teils ihres Treffens in der Horizontalen oder gar nicht. Die Passanten, welche an ihnen vorbeigingen, warfen verwunderte, fast ängstliche Blicke auf ihn und sie. Die Kälte wich mehr und mehr von ihr, es war, als ob er sie durch seinen Arm wärmte. Dabei waren alle, die zu dieser Zeit noch auf den Strassen waren, eingepackt in Mäntel und Jacken.
"Ist es noch weit?"
"Frierst du? Keine Angst, es wird dir bald wärmer werden."
"Nein, es geht schon. Dann sind wir also bald da?"
Er lächelte. Sie mochte Geheimnisse. Aber wo ging er mit ihr hin und was hatte er mit ihr vor? Vielleicht war dieser Abend ja eine Wende in ihrem Leben, vielleicht würde sie es von nun an mit jedem Mann, den sie mitnahm, oder der sie mitnahm, genießen können, vielleicht begann wirklich ein Leben voller Befriedigung.
"Was willst du denn mit mir anstellen?"
"Du willst es nicht wissen, glaub mir. Noch nicht."
"Hast du Angst, ich würde ablehnen? Dabei klangst du vorher noch überzeugt, dass ich die einzige bin, die es wirklich kann. Welche die Kunst versteht. Die, welche du suchst..."
Er lächelte.
"Du bist also jene, die ich suche? Du bestehst darauf, es zu sein? Dabei könnte es gut sein, dass ich etwas mit dir mache, das noch niemand mit dir gemacht hat."
Er steckte die rechte Hand in seine Manteltasche und zog ein kleines Büchschen Bonbons hervor. Es sah teuer aus. Freundlich streckte er es ihr hin.
"Bonbons?"
"Magst du nicht? Die sind gut. Ich werde gerne eines nehmen, wenn du dich nicht traust. Komm schon, öffne brav das Büchschen, Pandora".
Er drückte es ihr in die Hand, sie öffnete es und entnahm ihm ein farbloses Bonbon. Warum sollte er sie vergiften wollen? Im schlimmsten Fall war es etwas aphrodisierendes.
"Uh! Das ist bitter!"
"Schmeckt es dir nicht?"
"Nein, ich kann das nicht essen. Tut mir leid."
"Mir tut es leid. Aber mal ehrlich, ich hatte befürchtet, es werde dir nicht schmecken."
Er wandte das Gesicht zu ihr und lächelte triumphierend. Ihr war warm. Schon fast zu warm. Wie weit wollte er noch mit ihr gehen? Sie bogen um eine Ecke und kamen an einer Kirche vorbei. Sie schaute nach der Kirchturmuhr, es war wenige Minuten vor Mitternacht.
"Wird es lange dauern?"
"Es wird dir wie eine Ewigkeit vorkommen. Hoffentlich."
"Aber was, sag doch was?"
"Es wird heiß, Kleines, reicht dir das nicht als Antwort?"
Ihr war jetzt schon heiß genug. Dabei fiel noch immer Schnee. Doch begann er, sobald er auf der Strasse landete, braun und matschig zu werden, je weiter sie gingen, desto mehr. Dabei war vor kurzem noch wolkiger Pulverschnee gelegen. Sie waren jetzt auf Höhe der Grabsteine und Madonnenstatuen des kleinen Kirchfriedhofs. Er schien immer größer neben ihr zu werden. Die Uhr schlug Mitternacht. Vor ihnen tauchte ein großer Marktplatz auf, auf dem Leute zwischen Ständen hin- und hergingen. Er steuerte darauf zu und ihr war es, als kämen die ersten Stände mit jedem Glockenschlag ruckweise und blitzschnell näher. Auch kam es ihr vor, als gehe sie nicht, sondern fahre vielmehr über den holperigen Boden. Beim letzten Glockenschlag erreichten sie die erste Bude, einen Maskenstand. Der Schlag war noch nicht verklungen, als sie in eine weibliche Plastikfratze starrte. "Die böse Hexe" war auf dem Etikett zu lesen.

Hexe. Das Wort dröhnte in ihren Ohren. Hexe. Hexe. Sie blickte ihn an, sah entsetzt in seine glänzenden, feurigen Augen. Hexe, Hexe. Sie begann zu zittern und Bäche von Schweiß liefen ihr die Beine hinunter. Sie fühlte die Hitze, dachte Hexe, riss sich von ihm los und rannte zurück. Hexe, Hexe, Hexe! Die Kirche zog wie eine große, unförmige Hexe! Bestie erneut an ihr vorbei, rief Hexe, spuckte ihr den Namen nach. Von allen Häusern schien es zu dröhnen, das Wort, Hexe, die Leute, an welchen sie mit Tränen in den Augen vorbei rannte, schienen sie damit zu bewerfen, Hexe, Hexe, böse Hexe. Die Stadt, die Häuser, die Winternacht schienen über sie hereinzubrechen und sie unter sich begraben zu wollen. Sie spürte, wie sie außer Atem geriet, wie sie keuchte, aber sie konnte nicht anhalten, nicht zurück, denn Hexe, Hexe, das Wort kam hinter ihr her. Sie rannte weg, weg von ihm, zurück in die Kälte, zurück zu den anderen, intuitiv, ohne zu wissen, welchen Weg sie nehmen musste. Hexe! Hexe! Sie rannte und rang nach Atem, stieß verzweifelt keuchende Laute aus, schnappte nach Luft, aber - Hexe - sie konnte nicht zurück, musste zu ihm, zurück zu ihm. Als sie die anderen vor sich sah, wurde sie nicht langsamer, rannte weiter, außer Atem, in die andere Richtung, die Strasse entlang und bog in die Löwenallee ein. Das Auto kam von hinten, stieß sie hinein und sie kam auf dem Asphalt zu liegen. Das Ringen nach Atem stoppte abrupt. In ihrem Ausschnitt steckten noch immer die zwei Federn, von denen aus eine wohlige Kälte ihren Körper umschlang.

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Erscheint jeden Monat am 3. neu.

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