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Feuer und Flamme
Von Lukas Hunziker.
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Lukas Hunziker |
Sie ließ sich immer mehr mitreißen,
ließ sich gehen, ließ sich mit ihm gehen, bis sie
völlig außer Atem geriet. Sie saß keuchend und
glitzernd von Schweiß auf ihm, fühlte sich aber nicht
heiß, nicht kalt, nur durchströmt von einem Gefühl
erlösenden Genießens, wie sie es noch nie erlebt hatte.
Indem sie durch dieses Gefühl den Frust und die Verzweiflung,
das Elend der zahllosen Nächte lächelnd aushauchte,
steigerte es sich und sie glaubte, sich in pures, körperloses
Fühlen auflösen zu müssen. Sie stöhnte nicht,
keuchte nicht; sie rang erwartungsvoll nach Leben. Wie tot fiel
sie über ihm zusammen, als sie ihren Höhepunkt erreichte,
und abgefedert vom großen, weichen Bett wie von einer Wolke
fühlte sie, wie sie wieder atmen konnte, wie das Leben in
sie Einzug hielt. Er bewegte sich nicht und ließ sie dieses
erlösende Glück genießen, vollends fühlen
und mit all ihren Sinnen wahrnehmen.
Als sie die Augen aufschlug, wie zu neuem
Leben erweckt, lag er immer noch gleich da. Wie dann, als es
angefangen hatte, als sie ihr Bein über ihn geschwungen
und sich auf seine Hüfte gesetzt hatte: seine Arme waagerecht
zum Körper ausgestreckt, die Augen geschlossen. Als sie
begonnen hatte, sich auf ihm zu bewegen, hatte sie zuerst geglaubt,
es würde ihm weh tun. Seine Augenbrauen hatten sich kurz
zusammengezogen und seine Zähne hatten sich, wenn auch sanft
und tonlos, in seine Unterlippe verbissen. Doch dann hatte sie
ihn, in dieser aufkommenden inneren Sintflut, vergessen, wie
alles um sie herum. Erst jetzt, als sie ihn anschaute, wurde
ihr bewusst, dass er nicht zum Höhepunkt gekommen war. Er
lächelte zwar, doch es war nicht das Lächeln der anderen,
obwohl es auch nicht im geringsten unzufrieden schien. Sich schuldig
fühlend tastete ihre Hand seinen Bauch hinab. Aber er schob
ihre Hand weg, öffnete die Augen und schüttelte mit
lieben, verwunderten Augen den Kopf. Verwirrt stand sie auf und
setzte sich auf den Bettrand. Sein Blick änderte sich nicht.
Sie hatte das Gefühl, als belächle er sie mit der Gewissheit,
dass sie nicht verstand.
"Willst du dein Geld wiederhaben?"
Sie hätte es ihm gegeben, auf jeden Fall, sie hätte
ihm sogar alles gegeben, was sie an diesem Abend verdient hatte.
Aber er schüttelte den Kopf, stand auf und zog sich an.
Er trug einen schwarzen, etwas abgenutzten Anzug. Als er wieder
angekleidet vor ihr stand, immer in gleicher Weise lieblich,
aber abwesend lächelnd, spürte sie, dass sie sich an
ihn klammern wollte, ihn nie mehr loslassend, wohin er auch ging.
Dummes Mädchen, dachte sie. Sie durfte das nicht einmal
denken. Für einen kurzen Augenblick erfassten seine Augen
die ihren und hielten sie fest. Er machte einen Schritt auf sie
zu, küsste sie auf die Stirn, wobei die Stoppeln seines
Bartes über ihre Augenbrauen strichen, drehte sich um und
verschwand durch die Tür.
Sie eilte zum Fenster und schob den roten, dünnen Vorhang
zur Seite. Nach einigen Augenblicken sah sie ihn unten aus dem
Eingang kommen und langsam und zielstrebig die Strasse entlang
gehen. Stumm sah sie ihm nach, bis er in die Löwenallee
einbog.
Hinter ihr öffnete sich die Tür und Diane streckte
den Kopf hinein. Ihr Gesicht war schmutzig und die Warze auf
der Nase schien schwärzer denn je.
"Zieh dich an, du solltest schon lange wieder unten stehen.
Verdammt viel los heute Abend. Ist das Bett sauber geblieben
oder muss man die Laken wechseln? Komm schon, mach vorwärts
Mädchen, in fünf Minuten stehst du bei den anderen,
klar!"
Die Türe schloss sich. Sie griff nach ihrem Kleid und schlüpfte
hinein. Es fühlte sich enger an denn je. Rasch schlüpfte
sie ins Badezimmer, kämmte ihr Haar, schminkte ihre Lippen
neu. Das Bett müsste sauber sein, dachte sie, sie hätte
gemerkt, wenn er gekommen wäre. Dennoch warf sie einen Blick
auf die rot bezogene Matratze und stutzte. Darauf lagen zwei
große Federn, eine schwarze und eine weiße. Zögernd,
fast ängstlich, setzte sie ihr Knie auf das Bett und nahm
sie behutsam in die Hand. Sie waren fein und unzerknittert, obwohl
sie genau da lagen, wo er zuvor gelegen hatte. Sie steckte die
Federn in ihren Ausschnitt und eilte aus dem Zimmer.
Draußen war es kalt und schneite. Das
Vordach, unter welchem sie mit den anderen stand, schützte
sie zwar vor den nassen Flocken, kaum jedoch vor der Kälte.
Sie fror, wie sie noch nie gefroren hatte. Dabei war sie es gewohnt,
in knappstem Kleid im Winter nachts auf der Strasse zu stehen.
Ihre Beine waren bis knapp unter die Lenden nur durch Strümpfe
geschützt. Immerhin wurde ihr in solch kalten Nächten
erlaubt, ein etwas grosszügigeres Höschen zu tragen.
Ihr Ausschnitt war nicht besonders tief, dafür betonte das
enge Top ihren Busen. Sie trug eine flauschige, weiße Mütze
sowie ein gelbes Jäckchen, das ihren Hals und die Arme warm
hielt. Sie stand da und rauchte, die Beine immer in Bewegung
um sich warm zu halten. Seltsamerweise kam ihr die Kälte
in dieser Nacht aber nicht allzu schlimm vor, so eisig sie auch
war. Vier andere teilten den Platz unter dem Vordach mit ihr,
zwei, die schon länger im Geschäft waren als sie, sowie
zwei Anfängerinnen. Sie selbst war seit sieben Jahren auf
der Strasse, beinahe jede Nacht.
Immer noch versuchte sie, den Vorfall zu vergessen. Vielleicht
wäre es ein guter Anfang gewesen, die Federn wegzuwerfen,
aber dazu konnte sie sich nicht durchringen. Ihre Gedanken klammerten
sich an diese herrlichen, atemberaubenden Augenblicke; wie lange
es wirklich gedauert hatte, konnte sie nicht abschätzen.
Es hatte ihr noch nie Spaß gemacht und einen Orgasmus hatte
sie in den sieben Jahren nicht ein einziges Mal gehabt. Aber
eigentlich war es nicht das, was sie beschäftigte, auch
wenn sie zugeben musste, dass es unbeschreiblich schön gewesen
war. Wäre nur sein Gesicht nicht gewesen. Sie wurde das
Gefühl nicht los, dass es für ihn eine - ja, eine
Qual gewesen war. Natürlich standen manche Typen auf Qualspiele,
aber noch niemand hatte sich so verhalten wie er. Würde
er wiederkommen? Sie zweifelte daran. Eine innere Stimme sagte
ihr, dass sie ihn nicht ein zweites Mal im Bett haben konnte.
Es war ihr auch nicht klar, warum er zu ihr gekommen war. Er
war alles andere als der typische Kunde. Als er die Strasse hinauf
kam, vor ihr stehen blieb, lächelte und sie an der Hand
nahm hatte sie ihn für scheu gehalten. Sie hatte gedacht,
es fiele ihm vielleicht schwer, Kontakt mit Frauen zu knüpfen,
obwohl er mit seinem Aussehen viele hätte haben können.
Sie war froh gewesen, ihn abzubekommen, sie hatte ihm angesehen,
dass sie ihm keine Spezialwünsche erfüllen müsste,
sie hatte sogar geahnt, dass er sie machen lassen würde.
Er hatte kaum ein Wort gesagt. Nur nach ihrem Namen hatte er
sie gefragt. Seinen verriet er nicht, was sie ihm nicht übel
nahm; die wenigsten taten das. Aber auch fragten die wenigsten
nach ihrem Namen.
Sie wurde aus den Gedanken gerissen, als ein
jüngerer Mann mit Baseballmütze aus der Dunkelheit
auf sie zukam. Die anderen warfen sich sofort in Pose, wie Soldaten,
die auf die Befehle ihres Vorgesetzten reagierten, sie streckten
ihre Brüste raus, warfen die Haare nach hinten, legten eine
Hand auf ihre Schenkel. Sie bewegte sich nicht. Der Mann blieb
vor ihnen stehen, betrachtete sie, traf eine Auswahl. Sein Gesicht
war fahl glänzend und sein linker Mundwinkel war rot und
wund geleckt. Desinteressiert schaute sie von ihm weg und gab
sich Mühe, uninteressant auszusehen. Trotzdem kam er auf
sie zu und hob seine Mütze mit der Spitze seines Zeigefingers,
dessen Fingernagel fast vollständig weggekaut war, lässig
an.
"Na meine Süße. Meine - Prinzessin. Was machst'
n' so? Ist dir nicht kalt. Bräuchst' nicht zufällig
jemand, der dir den Arsch ein bisschen wärmt. Wie wär's
n' wenn wir n' bisschen nach oben gehen, damit ich's dir besorgen
kann?"
Das hatte sie gebraucht. Sie wusste, was passieren würde,
aber sie sagte es.
"Wie wär's denn, wenn du nach Hause gehst und es deinem
versabberten Kopfkissen besorgst?"
Die anderen schauten sie verstört und verständnislos
an. Einen Augenblick war er baff, einen Moment war seine Welt
im Wanken begriffen, eine Sekunde huschte die Ahnung von reiner
Angst über sein Schmiergesicht. Dann schlug er ihr die flache
Hand ins Gesicht. Was er sagte, hörte sie kaum. Eine der
anderen nahm ihn bei der Hand, tätschelte seinen Hosenboden,
beruhigte ihn und verschwand mit ihm durch die Tür.
Böse Blicke scharten sich um sie und die Älteste packte
sie an der Wange.
"Scheisse Kleine, was ist mit dir los? Du bist doch sonst
so professionell, verdammt. Willst du uns die Kunden vertreiben?
Pass auf, dass Diane das nicht erfährt, sonst bist du raus.
Du nimmst den Nächsten, wenn du morgen noch hier stehen
willst."
Sie stand da, stumm, den Blick abgewandt.
Es stimmte, es war dumm gewesen. Aber wie konnte sie je wieder
einen dieser Sprücheklopfer bei sich ertragen, nachdem sie
die Federn gefunden hatte? Ihre Finger tasteten zitternd danach
auf ihrer Brust. Was machte sie noch hier? Hier draußen,
in der Kälte, wartend auf fette und gierige Männer.
Wie hatte sie das je tun können. Sicher, sie verdiente nicht
schlecht, konnte sich eine kleine Wohnung leisten. Dafür,
dass sie nichts konnte, außer die Beine auseinanderzufalten,
hatte sie ziemlich viel. Ausser -. Sie betrachtete die schwarze
Feder und hatte das Gefühl, noch nie auch nur eine Minute
gelebt zu haben. Sie konnte niemandem sagen, womit sie ihr Geld
verdiente, man würde mit dem Finger auf sie zeigen, sie
vielleicht sogar bespucken. Ab und zu traf sie einen Mann, auf
der Strasse, im Bus, in einem Café, einen Mann, der sie
anlächelte, ihr zunickte. Selbst wenn sie sicher war, dass
er noch nicht bei ihr gewesen war - aber wie konnte sie sich
an alle erinnern - musste sie wegschauen. Denn früher
oder später müsste er es erfahren. Solche Erniedrigung
würde sie nicht ertragen, sie würde innerlich -
verbrennen. Aber er. Wie er sie angesehen hatte, wie er sich
seufzend ausgezogen und sich wie auf eine Folterbank auf die
Laken gelegt hatte. Vielleicht ... nein, sie hatte es sich nicht
eingebildet. Es war so schön, so schön war es gewesen.
Es ist vorbei, auf Mädchen, du musst den Nächsten nehmen.
Vielleicht wird es gut, vielleicht, wer weiß?
Er trug einen auffallenden roten Mantel. Kein
helles Rot, ein dunkles, geschmeidiges. Auf seinem Kopf erkannte
sie einen kleinen, runden, seltsamen Hut, der ihr bekannt vorkam,
und den sie doch noch niemanden hatte tragen sehen. Langsam und
bedrohlich kam er aus der Dunkelheit auf sie zu, von Anfang an
nur sie fixierend, als hätte er sie schon lange erblickt,
noch bevor sie ihn bemerkt hatte. Die anderen blickten sie auffordernd
an, wiesen sie mit dem Kopf an sich bereit zu machen. Sie hatte
keine Wahl und vielleicht war das auch gut so. Verführerisch
schwang sie das eine Bein über das andere, drückte
ihre Brüste nach vorn und hob die Augenbrauen an. Er blieb
vor ihr stehend, seinen Blick eindringlich auf sie gerichtet.
Sein Gesicht war wohlgeformt, die Haut trocken und glatt. Ein
schmales Schnäuzchen säumte seine Oberlippe. Die anderen
schienen eingeschüchtert von ihm, als ahnten sie, wer sich
hinter den feurigen Augen verbarg.
"Wenn ich mich nicht irre, bist du diejenige, von der man
sich in -, sagen wir, gewissen Kreisen, angeregt unterhält.
Diejenige, welche sich vor nichts scheut."
"Ach ja, sagt man das? Ich bin empört."
"Man will dich schon bei - allem Möglichen gesehen
haben. Man sagt, du hebst dich" - und hier warf er einen
Blick auf die anderen - "von den Heuchlerinnen und Schwindlerinnen
ab."
Sie setzte ein künstliches Lächeln auf.
"So sagt man tatsächlich? Ich bin verzückt ..."
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich kein bisschen. Er
schien auf ihre Worte nicht einzugehen.
"Ich nehme an, du wirst dich deshalb auch nicht weigern,
mit mir zu kommen. Ich habe etwas ganz besonderes mit dir vor,
etwas besonders - heißes. Etwas, das dich auflodern
lassen wird, dich zum Schreien bringen wird, etwas, bei dem du
glauben wirst zu sterben. Ich werde es dir so heiß machen,
wie noch nie jemand zuvor."
"Ich glaube, da musst du noch etwas drauflegen. Mama mag
es nämlich gar nicht, wenn ich die ganze Nacht wegbleibe."
Er grinste und nahm aus der Tasche seines Mantels eine Hand voll
schwerer Münzen, die er ihr vor die Füße warf.
Die anderen stürzten sich sofort zu Boden und begannen die
Münzen vom eiskalten Boden aufzuheben. Sie jedoch warf keinen
Blick nach unten, sondern machte ein paar Schritte nach vorn,
hakte sich bei ihm ein und folgte seinen bestimmten, klangvollen
Schritten.
Sie hatte keine Ahnung, wohin er sie führte.
Kamen ihr die Gassen, durch welche sie zogen, auch bekannt vor,
so hätte sie doch nicht sagen können, wo sie waren.
Sie gab sich Mühe, Schritt zu halten, denn er war groß,
sehr groß, sie konnte sich kaum an einen ähnlich großen
Mann erinnern. Allerdings sah sie die meisten Männer während
des größten Teils ihres Treffens in der Horizontalen
oder gar nicht. Die Passanten, welche an ihnen vorbeigingen,
warfen verwunderte, fast ängstliche Blicke auf ihn und sie.
Die Kälte wich mehr und mehr von ihr, es war, als ob er
sie durch seinen Arm wärmte. Dabei waren alle, die zu dieser
Zeit noch auf den Strassen waren, eingepackt in Mäntel und
Jacken.
"Ist es noch weit?"
"Frierst du? Keine Angst, es wird dir bald wärmer werden."
"Nein, es geht schon. Dann sind wir also bald da?"
Er lächelte. Sie mochte Geheimnisse. Aber wo ging er mit
ihr hin und was hatte er mit ihr vor? Vielleicht war dieser Abend
ja eine Wende in ihrem Leben, vielleicht würde sie es von
nun an mit jedem Mann, den sie mitnahm, oder der sie mitnahm,
genießen können, vielleicht begann wirklich ein Leben
voller Befriedigung.
"Was willst du denn mit mir anstellen?"
"Du willst es nicht wissen, glaub mir. Noch nicht."
"Hast du Angst, ich würde ablehnen? Dabei klangst du
vorher noch überzeugt, dass ich die einzige bin, die es
wirklich kann. Welche die Kunst versteht. Die, welche du suchst..."
Er lächelte.
"Du bist also jene, die ich suche? Du bestehst darauf, es
zu sein? Dabei könnte es gut sein, dass ich etwas mit dir
mache, das noch niemand mit dir gemacht hat."
Er steckte die rechte Hand in seine Manteltasche und zog ein
kleines Büchschen Bonbons hervor. Es sah teuer aus. Freundlich
streckte er es ihr hin.
"Bonbons?"
"Magst du nicht? Die sind gut. Ich werde gerne eines nehmen,
wenn du dich nicht traust. Komm schon, öffne brav das Büchschen,
Pandora".
Er drückte es ihr in die Hand, sie öffnete es und entnahm
ihm ein farbloses Bonbon. Warum sollte er sie vergiften wollen?
Im schlimmsten Fall war es etwas aphrodisierendes.
"Uh! Das ist bitter!"
"Schmeckt es dir nicht?"
"Nein, ich kann das nicht essen. Tut mir leid."
"Mir tut es leid. Aber mal ehrlich, ich hatte befürchtet,
es werde dir nicht schmecken."
Er wandte das Gesicht zu ihr und lächelte triumphierend.
Ihr war warm. Schon fast zu warm. Wie weit wollte er noch mit
ihr gehen? Sie bogen um eine Ecke und kamen an einer Kirche vorbei.
Sie schaute nach der Kirchturmuhr, es war wenige Minuten vor
Mitternacht.
"Wird es lange dauern?"
"Es wird dir wie eine Ewigkeit vorkommen. Hoffentlich."
"Aber was, sag doch was?"
"Es wird heiß, Kleines, reicht dir das nicht als Antwort?"
Ihr war jetzt schon heiß genug. Dabei fiel noch immer Schnee.
Doch begann er, sobald er auf der Strasse landete, braun und
matschig zu werden, je weiter sie gingen, desto mehr. Dabei war
vor kurzem noch wolkiger Pulverschnee gelegen. Sie waren jetzt
auf Höhe der Grabsteine und Madonnenstatuen des kleinen
Kirchfriedhofs. Er schien immer größer neben ihr zu
werden. Die Uhr schlug Mitternacht. Vor ihnen tauchte ein großer
Marktplatz auf, auf dem Leute zwischen Ständen hin- und
hergingen. Er steuerte darauf zu und ihr war es, als kämen
die ersten Stände mit jedem Glockenschlag ruckweise und
blitzschnell näher. Auch kam es ihr vor, als gehe sie nicht,
sondern fahre vielmehr über den holperigen Boden. Beim letzten
Glockenschlag erreichten sie die erste Bude, einen Maskenstand.
Der Schlag war noch nicht verklungen, als sie in eine weibliche
Plastikfratze starrte. "Die böse Hexe" war auf
dem Etikett zu lesen.
Hexe. Das Wort
dröhnte in ihren Ohren. Hexe. Hexe. Sie blickte
ihn an, sah entsetzt in seine glänzenden, feurigen Augen.
Hexe, Hexe. Sie begann zu zittern und Bäche
von Schweiß liefen ihr die Beine hinunter. Sie fühlte
die Hitze, dachte Hexe, riss sich von ihm los und rannte
zurück. Hexe, Hexe, Hexe! Die Kirche
zog wie eine große, unförmige Hexe! Bestie
erneut an ihr vorbei, rief Hexe, spuckte ihr den Namen
nach. Von allen Häusern schien es zu dröhnen, das Wort,
Hexe, die Leute, an welchen sie mit Tränen in den
Augen vorbei rannte, schienen sie damit zu bewerfen, Hexe,
Hexe, böse Hexe. Die Stadt, die Häuser,
die Winternacht schienen über sie hereinzubrechen und sie
unter sich begraben zu wollen. Sie spürte, wie sie außer
Atem geriet, wie sie keuchte, aber sie konnte nicht anhalten,
nicht zurück, denn Hexe, Hexe, das Wort kam
hinter ihr her. Sie rannte weg, weg von ihm, zurück in die
Kälte, zurück zu den anderen, intuitiv, ohne zu wissen,
welchen Weg sie nehmen musste. Hexe! Hexe! Sie
rannte und rang nach Atem, stieß verzweifelt keuchende
Laute aus, schnappte nach Luft, aber - Hexe -
sie konnte nicht zurück, musste zu ihm, zurück zu ihm.
Als sie die anderen vor sich sah, wurde sie nicht langsamer,
rannte weiter, außer Atem, in die andere Richtung, die
Strasse entlang und bog in die Löwenallee ein. Das Auto
kam von hinten, stieß sie hinein und sie kam auf dem Asphalt
zu liegen. Das Ringen nach Atem stoppte abrupt. In ihrem Ausschnitt
steckten noch immer die zwei Federn, von denen aus eine wohlige
Kälte ihren Körper umschlang.
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