|
Wilhelm Hauff: "Das kalte Herz"
(Märchen) | Romantik
"Schatzhauser, im grünen Tannenwald ..."
Das Märchen ist zweifellos die
zeitloseste Literaturgattung. Während selbst Goethe sich
wohl langsam aber sicher aus der durchschnittsbürgerlichen
Bibliothek verabschiedet, so dürften Grimm und Co. ihren
Sitz darin noch lange behaupten. Auch Wilhelm Hauffs "Das
kalte Herz" gehört zu jenen Märchen, die man ihrer
Schönheit wegen hoffentlich noch lange lesen und vorlesen
wird.
Von Lukas Hunziker.
"Wer durch Schwaben reist, der sollte
nie vergessen, auch ein wenig in den Schwarzwald hineinzuschauen;
nicht der Bäume wegen, obgleich man nicht überall solch
unermessliche Tannen findet, sondern wegen der Leute, die sich
von den anderen Menschen ringsumher merkwürdig unterscheiden."
Ein Wald, zwei Geister
So beginnt die Geschichte und um diese
merkwürdigen Schwarzwaldbewohner dreht sie sich. Auf der
einen Seite des Waldes wohnen die Glasbläser und Uhrenmacher,
ein feines Handwerk betreibend und ihre Produkte in die ganze
Welt verkaufend. Auf der anderen Seite aber wohnen die Holzfäller
und Holzflösser, die mit ihrem Tannenholz den Rhein hinab
fahren um es in Holland zu verkaufen. Auch zwei Waldgeister bewohnen
den Schwarzwald. Der eine ist das kleine Glasmännlein, ein
gutes Geistchen, in Wams, Pluderhöschen und roten Strümpfchen.
Der andere aber ist der Holländermichel, ein riesengrosser
und furchteinflössender Kerl, um den sich viele schaurige
Sagen ranken.
Hilfe vom Kleinen ...
Peter Munk, ein armer Kohlenbrenner,
der mit seiner verwitweten Mutter zusammenlebt, kennt die Geschichten
dieser Waldgeister, kümmert sich jedoch kaum darum, obwohl
man sagt, dass sie einem zu grossem Reichtum verhelfen könnten.
Erst als seine Mutter ihm verrät, dass das Glasmännlein,
auch Herr Schatzhauser genannt, sich nur Leuten zeige, die am
Sonntag zwischen elf und zwei Uhr geboren sind und dass dies
auf Peter zutreffe, entschliesst er sich, das Glasmännlein
aufzusuchen. Doch es gibt noch einen Haken: nur ein Sprüchlein
kann Herrn Schatzhauser dazu bringen, sich zu zeigen. Da Peter
nur die ersten drei Zeilen weiss, bleibt es still, als er den
Tannenbühl, wo das Geistchen wohnen soll, erreicht.
... oder vom Grossen?
Auf dem Weg nach Hause trifft Peter
unversehens auf den Holländermichel, der ihn auslacht, weil
er beim "Kleinen" Hilfe gesucht habe. Grosszügig
bietet er Peter an, ihm ein paar hundert Taler zu geben, doch
dieser fürchtet sich vor dem dunklen Riesen und flieht.
Wenig Tage später kommen Peter die letzte Zeile des Sprüchleins
in den Sinn:
"Schatzhauser, im grünen
Tannenwald,
bist schon viel hundert Jahre alt;
Dein ist all Land, wo Tannen stehn,
Lässt dich nur Sonntagskinder sehn".
Dieses Mal zeigt sich das Glasmännlein.
Es gewährt ihm drei Wünsche, wobei es den letzten verweigern
kann. Peter, der schon immer neidisch auf die reichen Flösser
im Wirtshaus war, wünscht sich Geld und eine schöne
Glashütte, zwei Wünsche, die das Geistchen zwar nicht
gutheisst, aber erfüllt. Den letzten Wunsch spart sich Peter
auf Rat des Glasmännleins noch auf.
Ein Herz in Gold aufgewogen
Schnell wird Peter reich und spielt
jeden Abend im Wirtshaus. Doch da er vom Glasblasen keine Ahnung
hat, treibt ihn die Glashütte in den Ruin und schon bald
steht der Amtsmann vor der Tür und pocht auf Bezahlung.
Peter verliert seinen Besitz und als er vom Glasmännlein
mehr Geld wünscht, verweigert es den Wunsch und verschwindet.
Verzweifelt sucht Peter den Holländermichel, der ihn mit
offenen Armen empfängt. Er gewährt Peter so viel Geld,
wie er nur will, wenn er ihm dafür sein Herz gibt. Ohne
zu überlegen willigt Peter ein und lässt sich ein kaltes
Steinherz einsetzen. Noch ahnt er nicht, wie kalt dies zu ihm
sein wird...
Und die Moral von der Geschicht
Obwohl "Das kalte Herz"
sehr moralisch ist und mit dem Satz endet "Es ist doch besser,
zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter zu haben
und ein kaltes Herz", gehört es zu den schönsten
Kunstmärchen der deutschen Literatur. Wilhelm Hauff schrieb
drei grosse Märchenalmanache und "Das kalte Herz"
ist eine der Geschichten des dritten. Seine bekanntesten Märchen
sind "Kalif Storch" und "Zwerg Nase", aber
auch die anderen erfreuen sich noch immer grosser Beliebtheit,
während Hauffs anderen Werke kaum mehr gelesen werden. Obwohl
das Märchen an einem realen Ort spielt und auch zeitlich
eingeordnet werden kann, ist es ebenso wie die bekannten Grimm-Märchen
zeitlos und heute ebenso spannend und schön wie vor zweihundert
Jahren. Doch nur Märchen ist "Das kalte Herz"
auch nicht. Obwohl man es heute kaum mehr merkt, schwingt doch
eine deutliche Kritik am Geldwirtschafsboom der Zeit mit und
das Märchen warnt unmissverständlich vor der Gefahr,
dass Geld einen zu etwas machen kann, das man nie sein wollte.
Auch diese, wenn auch offensichtliche moralische Botschaft lässt
"Das kalte Herz" keinesfalls in verstaubtem Licht stehen.
77 Seiten, CHF 3.00 (Reclam-Ausgabe)
|
Zum Autor
Wilhelm Hauff wurde 1802 in Stuttgart
geboren, als Sohn eines Regierungssekretärs. Nach dem Tod
seines Vaters zog er mit seiner Mutter nach Tübingen. Hauff
besuchte eine Klosterschule und studierte anschliessend Theologie
und Philosophie in Tübingen. 1825 schloss er als Dr. phil.
ab, danach arbeitete er als Hauslehrer in Stuttgart. 1826 reiste
Hauff durch Frankreich, die Niederlande und Norddeutschland und
im Februar 1827 heiratete er seine Frau Luise. Doch noch im selben
Jahr erkrankte er am Fieber und starb im Alter von 25 Jahren.
Obwohl sein Werk eher unoriginell ist, gilt Hauff als sehr talentiert
und als Mitbegründer des deutschen historischen Romans.
Hätte er ein höheres Alter erreicht, hätte er
möglicherweise zu einem bedeutenden Schriftsteller werden
können, doch, wie einige andere der Romantiker, starb er
jung und mit ihm sein sich entwickelndes Talent.
|
|