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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wilhelm Hauff: "Das kalte Herz" (Märchen) | Romantik
"Schatzhauser, im grünen Tannenwald ..."

Das Märchen ist zweifellos die zeitloseste Literaturgattung. Während selbst Goethe sich wohl langsam aber sicher aus der durchschnittsbürgerlichen Bibliothek verabschiedet, so dürften Grimm und Co. ihren Sitz darin noch lange behaupten. Auch Wilhelm Hauffs "Das kalte Herz" gehört zu jenen Märchen, die man ihrer Schönheit wegen hoffentlich noch lange lesen und vorlesen wird.

Von Lukas Hunziker.

"Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in den Schwarzwald hineinzuschauen; nicht der Bäume wegen, obgleich man nicht überall solch unermessliche Tannen findet, sondern wegen der Leute, die sich von den anderen Menschen ringsumher merkwürdig unterscheiden."

Ein Wald, zwei Geister
So beginnt die Geschichte und um diese merkwürdigen Schwarzwaldbewohner dreht sie sich. Auf der einen Seite des Waldes wohnen die Glasbläser und Uhrenmacher, ein feines Handwerk betreibend und ihre Produkte in die ganze Welt verkaufend. Auf der anderen Seite aber wohnen die Holzfäller und Holzflösser, die mit ihrem Tannenholz den Rhein hinab fahren um es in Holland zu verkaufen. Auch zwei Waldgeister bewohnen den Schwarzwald. Der eine ist das kleine Glasmännlein, ein gutes Geistchen, in Wams, Pluderhöschen und roten Strümpfchen. Der andere aber ist der Holländermichel, ein riesengrosser und furchteinflössender Kerl, um den sich viele schaurige Sagen ranken.

Hilfe vom Kleinen ...
Peter Munk, ein armer Kohlenbrenner, der mit seiner verwitweten Mutter zusammenlebt, kennt die Geschichten dieser Waldgeister, kümmert sich jedoch kaum darum, obwohl man sagt, dass sie einem zu grossem Reichtum verhelfen könnten. Erst als seine Mutter ihm verrät, dass das Glasmännlein, auch Herr Schatzhauser genannt, sich nur Leuten zeige, die am Sonntag zwischen elf und zwei Uhr geboren sind und dass dies auf Peter zutreffe, entschliesst er sich, das Glasmännlein aufzusuchen. Doch es gibt noch einen Haken: nur ein Sprüchlein kann Herrn Schatzhauser dazu bringen, sich zu zeigen. Da Peter nur die ersten drei Zeilen weiss, bleibt es still, als er den Tannenbühl, wo das Geistchen wohnen soll, erreicht.

... oder vom Grossen?
Auf dem Weg nach Hause trifft Peter unversehens auf den Holländermichel, der ihn auslacht, weil er beim "Kleinen" Hilfe gesucht habe. Grosszügig bietet er Peter an, ihm ein paar hundert Taler zu geben, doch dieser fürchtet sich vor dem dunklen Riesen und flieht. Wenig Tage später kommen Peter die letzte Zeile des Sprüchleins in den Sinn:

"Schatzhauser, im grünen Tannenwald,
bist schon viel hundert Jahre alt;
Dein ist all Land, wo Tannen stehn,
Lässt dich nur Sonntagskinder sehn".

Dieses Mal zeigt sich das Glasmännlein. Es gewährt ihm drei Wünsche, wobei es den letzten verweigern kann. Peter, der schon immer neidisch auf die reichen Flösser im Wirtshaus war, wünscht sich Geld und eine schöne Glashütte, zwei Wünsche, die das Geistchen zwar nicht gutheisst, aber erfüllt. Den letzten Wunsch spart sich Peter auf Rat des Glasmännleins noch auf.

Ein Herz in Gold aufgewogen
Schnell wird Peter reich und spielt jeden Abend im Wirtshaus. Doch da er vom Glasblasen keine Ahnung hat, treibt ihn die Glashütte in den Ruin und schon bald steht der Amtsmann vor der Tür und pocht auf Bezahlung. Peter verliert seinen Besitz und als er vom Glasmännlein mehr Geld wünscht, verweigert es den Wunsch und verschwindet. Verzweifelt sucht Peter den Holländermichel, der ihn mit offenen Armen empfängt. Er gewährt Peter so viel Geld, wie er nur will, wenn er ihm dafür sein Herz gibt. Ohne zu überlegen willigt Peter ein und lässt sich ein kaltes Steinherz einsetzen. Noch ahnt er nicht, wie kalt dies zu ihm sein wird...

Und die Moral von der Geschicht
Obwohl "Das kalte Herz" sehr moralisch ist und mit dem Satz endet "Es ist doch besser, zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter zu haben und ein kaltes Herz", gehört es zu den schönsten Kunstmärchen der deutschen Literatur. Wilhelm Hauff schrieb drei grosse Märchenalmanache und "Das kalte Herz" ist eine der Geschichten des dritten. Seine bekanntesten Märchen sind "Kalif Storch" und "Zwerg Nase", aber auch die anderen erfreuen sich noch immer grosser Beliebtheit, während Hauffs anderen Werke kaum mehr gelesen werden. Obwohl das Märchen an einem realen Ort spielt und auch zeitlich eingeordnet werden kann, ist es ebenso wie die bekannten Grimm-Märchen zeitlos und heute ebenso spannend und schön wie vor zweihundert Jahren. Doch nur Märchen ist "Das kalte Herz" auch nicht. Obwohl man es heute kaum mehr merkt, schwingt doch eine deutliche Kritik am Geldwirtschafsboom der Zeit mit und das Märchen warnt unmissverständlich vor der Gefahr, dass Geld einen zu etwas machen kann, das man nie sein wollte. Auch diese, wenn auch offensichtliche moralische Botschaft lässt "Das kalte Herz" keinesfalls in verstaubtem Licht stehen.

77 Seiten, CHF 3.00 (Reclam-Ausgabe)

Zum Autor

Wilhelm Hauff wurde 1802 in Stuttgart geboren, als Sohn eines Regierungssekretärs. Nach dem Tod seines Vaters zog er mit seiner Mutter nach Tübingen. Hauff besuchte eine Klosterschule und studierte anschliessend Theologie und Philosophie in Tübingen. 1825 schloss er als Dr. phil. ab, danach arbeitete er als Hauslehrer in Stuttgart. 1826 reiste Hauff durch Frankreich, die Niederlande und Norddeutschland und im Februar 1827 heiratete er seine Frau Luise. Doch noch im selben Jahr erkrankte er am Fieber und starb im Alter von 25 Jahren. Obwohl sein Werk eher unoriginell ist, gilt Hauff als sehr talentiert und als Mitbegründer des deutschen historischen Romans. Hätte er ein höheres Alter erreicht, hätte er möglicherweise zu einem bedeutenden Schriftsteller werden können, doch, wie einige andere der Romantiker, starb er jung und mit ihm sein sich entwickelndes Talent.


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