AKTUELL   ARCHIV & SUCHE   NEWSLETTER   INFOS   KONTAKT

Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

THEMA    NEUHEITEN    COMICS    AUSGELESEN    AUSGESCHRIEBEN    KALENDER

 

« ZURÜCK

 

WEITER »

HIGHLIGHTS
VERLOSUNGEN
BELLETRISTIK
SACHBUCH
HÖRBUCH

Überblick

LITERATUR:
Charles Dickens
Robert Gerhard
Wolfgang Hohlbein
Ian McEwan
Rocko Schamoni
J.R.R. Tolkien 1
J.R.R. Tolkien 2

KRIMI & THRILLER:
Joy Fielding
Henning Mankell
Andrea Schacht

SACHBUCH & BIOGRAPHIE:
Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod 2
Sammelsurium Essen & Trinken

FÜR KINDER:
D'Kaminski Kids
Der kleine Nick...
 

Wolfgang Hohlbein: "Hagen von Tronje" gelesen von Christian Berkel (Lesung) | Patmos
Männergeschichten

Die Geschichte der Nibelungen, von Hagen, Siegfried und Gunther mal ein bisschen anders: Wolfgang Hohlbein versucht in "Hagen von Tronje" den Charakter der Protagonisten der Nibelungen aufzuzeigen, oder wenigsten denjenigen von Hagen von Tronje, dem Siegfriedmörder. Interessantes, wenn auch nicht übermässig originelles Seelenporträts eines müden Kriegers, eindringlich in Szene gesetzt für den Hörer von Christian Berkel.

Von Petra Gehrmann.

Die Nibelungensage bietet einen grossartigen Stoff zur Bearbeitung und Ausarbeitungen durch einen Autor. Es ist ein gewaltiges Epos, das einer Geschichte einen dramatischen Rahmen bietet, aber in Sachen Charakterisierung doch einiges offen lässt. Damit bietet die Nibelungensage ein ähnliches Potential zur Bearbeitung wie die alten griechischen Mythen, man denke hier nur an Christa Wolfs "Kassandra". Zu solchen Höhen kann sich Hohlbein natürlich nicht aufschwingen, dennoch garantiert sein Ansatz, die Nibelungen aus Sicht des grössten Schurken Hagen von Tronje zu erzählen, einen spannenden Ausgangspunkt. Hagen ist nicht in erster Linie der hinterhältige, listige Krieger, vielmehr ist er müde und versucht ständig seinem verfluchten Schicksal zu entkommen.

Sie waren zwei Männer, die einander töten wollten
Hagen von Tronje ist für sich alleine gesehen eine mehr oder weniger spannende Abenteuergeschichte. Hagen ist dem Burgunderkönig Gunther treu ergeben, aber insgeheim der wahre Herrscher von Burgund. Als dann der berüchtigte Siegfried mit den Nibelungenkämpfern auftaucht, ist sich Hagen gleich der Gefahr, die von ihm ausgeht, bewusst. Er weiss: Siegfried ist gekommen, um das Reich von Burgund auf die eine oder andere Art zu unterjochen. Hagen versucht alles, um dies zu verhindern, doch dann verliebt sich die Schwester von Gunther, Kriemhild, unsterblich in Siegfried...
Was Hohlbeins Werk wirklich ausmacht, sind aber die Differenzen und Änderungen gegenüber dem Original. Bevor sich also jemand das Werk anhört, ist ihm zu empfehlen, eine Version des Nibelungenlieds, oder auch eine der zahlreichen Nacherzählungen, zu lesen. Interessant ist so zum Beispiel, dass Hohlbein heraushebt, dass es sich in dieser Zeit, in der Hagen lebt, um eine Zeit des Übergangs handelt: die germanischen Götter müssen langsam aber sicher dem Christentum weichen. Hagen wird dabei explizit als Vertreter der alten Ordnung dargestellt. Ein weiterer Aspekt stellt auch der Ausbau der Figur des Zwergenkönigs Alberich und die Benennung von dessen Gefühlen gegenüber Siegfried dar.

Heroische Unterhaltung mit dem letzten Helden
Leider spielt Hohlbein die spannenden Möglichkeiten nicht so richtig befriedigend aus. Denn statt wirklich neue Aspekte in die Nibelungensage zu bringen, dreht er die Grundpositionen einfach um: Siegfried ist der Böse und Hagen war's gar nicht, der ihn hinterrücks ermordet hat. Vielmehr gab es einen echten Kampf, wie es sich für einen edlen Helden gehört, Clint Eastwood lässt grüssen! Hohlbein zieht alle Register um Hagen als den sympathischen, alternden Helden darzustellen, so wirkt dann leider auch die Liebe zu Kriemhild uninspiriert und lediglich als Mittel zum Zweck, Hagens verheerendes Schicksal klar zu machen. Auch bleiben die Frauenfiguren in der Erzählung erwartungsgemäss auf ihre Liebe zu einem Mann, hier Siegfried, reduziert. Ein Männerbuch aus der Sicht eines Mannes über den aussterbenden wahren Helden.

Der Schauspieler Christian Berkel liefert eine solide und überzeugende Lesung des 1986 erschienen Romans. Dazu bietet die CD-Box vom Patmosverlag ein sehr gutes Beilageheft, in dem die verschiedenen Ursprungssagen und Bearbeitungstraditionen des Nibelungenliedes, wie auch eine Vita zu den wichtigsten Protagonisten kurz aufgezeigt werden.

Trotz allen Schwächen ist es eine spannende Geschichte mit interessanten Aspekten. Vier CDs scheinen allerdings fast zu kurz, denn man möchte doch gerne erfahren, wie sich Hohlbein nach diesen Änderungen den zweiten Teil, insbesondere die Rache der Krimhild vorgestellt hätte.

4 CDs, CHF 45.90


« ZURÜCK

NACH OBEN

WEITER »

Erscheint jeden Monat am 3. neu.

© 2000 - 2005 "DAS NETZMAGAZIN." Alle Rechte vorbehalten. Powered by Bürki Hosting, Spiez.