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Wolfgang Hohlbein: "Hagen von Tronje"
gelesen von Christian Berkel (Lesung) | Patmos
Männergeschichten
Die Geschichte der Nibelungen, von
Hagen, Siegfried und Gunther mal ein bisschen anders: Wolfgang
Hohlbein versucht in "Hagen von Tronje" den Charakter
der Protagonisten der Nibelungen aufzuzeigen, oder wenigsten
denjenigen von Hagen von Tronje, dem Siegfriedmörder. Interessantes,
wenn auch nicht übermässig originelles Seelenporträts
eines müden Kriegers, eindringlich in Szene gesetzt für
den Hörer von Christian Berkel.
Von Petra Gehrmann.
Die Nibelungensage bietet einen grossartigen
Stoff zur Bearbeitung und Ausarbeitungen durch einen Autor. Es
ist ein gewaltiges Epos, das einer Geschichte einen dramatischen
Rahmen bietet, aber in Sachen Charakterisierung doch einiges
offen lässt. Damit bietet die Nibelungensage ein ähnliches
Potential zur Bearbeitung wie die alten griechischen Mythen,
man denke hier nur an Christa Wolfs "Kassandra". Zu
solchen Höhen kann sich Hohlbein natürlich nicht aufschwingen,
dennoch garantiert sein Ansatz, die Nibelungen aus Sicht des
grössten Schurken Hagen von Tronje zu erzählen, einen
spannenden Ausgangspunkt. Hagen ist nicht in erster Linie der
hinterhältige, listige Krieger, vielmehr ist er müde
und versucht ständig seinem verfluchten Schicksal zu entkommen.
Sie waren zwei Männer, die einander
töten wollten
Hagen von Tronje ist für sich
alleine gesehen eine mehr oder weniger spannende Abenteuergeschichte.
Hagen ist dem Burgunderkönig Gunther treu ergeben, aber
insgeheim der wahre Herrscher von Burgund. Als dann der berüchtigte
Siegfried mit den Nibelungenkämpfern auftaucht, ist sich
Hagen gleich der Gefahr, die von ihm ausgeht, bewusst. Er weiss:
Siegfried ist gekommen, um das Reich von Burgund auf die eine
oder andere Art zu unterjochen. Hagen versucht alles, um dies
zu verhindern, doch dann verliebt sich die Schwester von Gunther,
Kriemhild, unsterblich in Siegfried...
Was Hohlbeins Werk wirklich ausmacht, sind aber die Differenzen
und Änderungen gegenüber dem Original. Bevor sich also
jemand das Werk anhört, ist ihm zu empfehlen, eine Version
des Nibelungenlieds, oder auch eine der zahlreichen Nacherzählungen,
zu lesen. Interessant ist so zum Beispiel, dass Hohlbein heraushebt,
dass es sich in dieser Zeit, in der Hagen lebt, um eine Zeit
des Übergangs handelt: die germanischen Götter müssen
langsam aber sicher dem Christentum weichen. Hagen wird dabei
explizit als Vertreter der alten Ordnung dargestellt. Ein weiterer
Aspekt stellt auch der Ausbau der Figur des Zwergenkönigs
Alberich und die Benennung von dessen Gefühlen gegenüber
Siegfried dar.
Heroische Unterhaltung mit dem letzten
Helden
Leider spielt Hohlbein die spannenden
Möglichkeiten nicht so richtig befriedigend aus. Denn statt
wirklich neue Aspekte in die Nibelungensage zu bringen, dreht
er die Grundpositionen einfach um: Siegfried ist der Böse
und Hagen war's gar nicht, der ihn hinterrücks ermordet
hat. Vielmehr gab es einen echten Kampf, wie es sich für
einen edlen Helden gehört, Clint Eastwood lässt grüssen!
Hohlbein zieht alle Register um Hagen als den sympathischen,
alternden Helden darzustellen, so wirkt dann leider auch die
Liebe zu Kriemhild uninspiriert und lediglich als Mittel zum
Zweck, Hagens verheerendes Schicksal klar zu machen. Auch bleiben
die Frauenfiguren in der Erzählung erwartungsgemäss
auf ihre Liebe zu einem Mann, hier Siegfried, reduziert. Ein
Männerbuch aus der Sicht eines Mannes über den aussterbenden
wahren Helden.
Der Schauspieler Christian Berkel liefert
eine solide und überzeugende Lesung des 1986 erschienen
Romans. Dazu bietet die CD-Box vom Patmosverlag ein sehr gutes
Beilageheft, in dem die verschiedenen Ursprungssagen und Bearbeitungstraditionen
des Nibelungenliedes, wie auch eine Vita zu den wichtigsten Protagonisten
kurz aufgezeigt werden.
Trotz allen Schwächen ist es eine spannende
Geschichte mit interessanten Aspekten. Vier CDs scheinen allerdings
fast zu kurz, denn man möchte doch gerne erfahren, wie sich
Hohlbein nach diesen Änderungen den zweiten Teil, insbesondere
die Rache der Krimhild vorgestellt hätte.
4 CDs, CHF 45.90
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