|
Karl-Heinz Göttert: "Eile mit Weile
- Herkunft und Bedeutung der Sprichwörter" (Sachbuch)
| Reclam
Warum haben Wände Ohren?
In den verschiedensten Sprachen mit
ihren jeweiligen Kulturen werden im täglichen Sprachgebrauch
etliche Sprichwörter und Redensarten verwendet, sei es bewusst
oder unbewusst. Auch die deutsche Sprache hat eine reiche Sammlung
davon. In diesem übersichtlichen und spannenden Buch sind
Herkunft und genaue Bedeutung der gängigsten Sprichwörter
der deutschen Sprache erläutert.
Von Sabrina Glanzmann.
Morgenstund hat Gold im Mund, wenn man mit
Weile eilt und Glück im Unglück hat, denn wer zu spät
kommt, den bestraft das Leben, trotz Haaren auf den Zähnen.
Alles klar?
Dieser mit typischen deutschen Sprichwörtern
gespickte Satz deutet an, was wir, die Sprecher dieser Sprache
eigentlich sehr gut wissen: Wir können ganze Texte voller
Sprichwörter und Redensarten schreiben und das Geschriebene
damit würzen, wir können sie in unseren alltäglichen
Gesprächen gebrauchen und das Gesprochene damit nuancieren.
Sprichwörter können je nach Kontext genau das aussagen,
was man mit anderen, eigenen Worten nicht formulieren kann, entweder
weil nichts anderes passt oder weil es schlicht nichts anderes
gibt, das genau das aussagen würde. Trotz diesem an und
für sich selbstverständlichen Gebrauch ist uns oft
nicht bewusst, was wir da eigentlich genau sagen oder schreiben,
geschweige denn, wo es herkommt. Karl-Heinz Göttert hat
sich diesen Fragen angenommen und legt ein faszinierendes Stück
Sprachforschung vor, die auch für den Laien verständlich
und klar daherkommt, und dies vor allem dank der sinnvollen Kapiteleinteilung.
Psychologisch, moralisch, rechtlich, alltäglich
Die untersuchten Sprichwörter sind nämlich in Kategorien
eingeteilt, beispielsweise in "Psychologische Einsichten",
"Die Welt der Moral", "Die Welt des Rechts"
oder "Im Alltag". So lässt sich vorab bereits
klar erkennen, in welche Richtung das Sprichwort geht und in
welchen Lebensbereichen es vor allem verwendet wird. Im Kapitel
"Psychologische Einsichten" zum Beispiel erfährt
man, dass "Ein Herz und eine Seele" in der Apostelgeschichte
4.32 von den ersten Christen ausgesprochen wird, die sich so
sehr verstanden, dass sie alle Güter miteinander teilten
und eben "ein Herz und eine Seele" waren. Oder in "Die
Welt der Moral" wird erklärt, dass die Redwendung "Die
Wände haben Ohren" aus der Zeit der Bartholomäusnacht
stammt, als Katharina von Medici im Louvre Hochkanäle in
die Wände habe legen lassen und damit erfolgreich Anschläge
verhinderte. Wer hätte das schon gewusst?
"Aha"-Erlebnisse für jedermann
Bei vielen Erklärungen wird man ein "Aha"-Erlebnis
haben und sieht die oft unerwarteten Zusammenhänge, was
wirklich spannend sein kann. "Eile mit Weile" ist keineswegs
bloss für Etymologiefreaks oder Historiker geeignet, sondern
für alle, die einmal etwas mehr über eine Begebenheit
unserer Sprache erfahren wollen und somit die Sprichwörter
danach vielleicht auch gezielter oder schlicht anders gebrauchen
können. Am Schluss des Buches wird sogar noch auf die grössten
Sammler von Sprichwörtern hingewiesen und was sie genau
gesammelt und geforscht haben. Von Aristoteles über Martin
Luther bis zu Goethe sind hier viele bekannte Namen anzutreffen.
Ein wirklich kurzweilig zu lesendes, spannendes
und verblüffendes Buch, das allen zu empfehlen ist, die
sprachbegeistert sind.
245 Seiten, CHF 21.90
|