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Renate Wichers: "Nie mehr Sex" (Portraits)
| Schwarzkopf & Schwarzkopf
Sechs mal täglich oder gar nicht
Sexualität ist scheinbar weitgehend
enttabuisiert und in der heutigen (Medien)Gesellschaft omnipräsent.
In "Nie mehr Sex" kommen nun 22 Männer und Frauen
zu Wort, die während längerer Zeit keinen Sex mehr
hatten. Selten wurde so offen über eine so intime Sache
geredet.
Von Sandra Despont.
Einige könnten, wollen aber nicht mehr;
andere möchten schon, können aber nicht. Allen gemeinsam
ist: sie leben derzeit (und die meisten schon eine ganze Weile)
ohne Sex. Warum das so ist, ob sie nicht doch manchmal gern Sex
hätten, was er für sie bedeutet, welche Fantasien sie
gerne verwirklichen würden - all dies und viel mehr
geben 22 Menschen in "Nie mehr Sex" preis.
Sensible Kuschelfrauen und sexgeile Männer?
Die Gründe, weshalb jemand keinen Sex (mehr) hat, sind so
vielfältig wie die interviewten Personen. Sabine K. hat
Angst vor dem ganzen Drum und Dran, dem Verlassenwerden, der
Enttäuschung; Katja N. hasst ihren Mann aus tiefster Seele,
Fremdgehen ist aber kein Thema; Michael G. ist auf der Suche
nach der perfekten Frau; Jens H. hat zu wenig Geld und Mario,
ja, der hat keinen Sex aus Rücksicht auf seine kranke Verlobte.
Seit drei Jahren. Unvorstellbar, dass ein per definitionem triebgesteuertes
Wesen das aushält und trotz sexloser Beziehung unverbrüchlich
und geradezu rührend zu seiner Verlobten steht? Offenbar
nicht. Und Mario ist nicht der einzige, der überrascht.
Sechs Jahre lang sechs Mal täglich? Was wie die Prahlerei
eines Mannes in bierseliger Runde tönt, ist die schöne
Vergangenheit von Petra D. Dass sie mit Sex so gut wie abgeschlossen
hat, hat den einfachen Grund, dass keiner über genügend
Standfestigkeit und die nötige Schwanzgrösse verfügt.
So viel zum Thema schwanzgesteuerte Männer und ach so sensible
Kuschelfrauen. Das indirekte Hinterfragen von Klischees ist denn
auch ein grosser Verdienst von "Nie mehr Sex". Bei
jedem einzelnen Portrait hat man das Gefühl, dass hier tatsächlich
ein Mensch unverfälscht und authentisch zu Wort kommt. Gerade
durch diese Unverfälschtheit kommt man als Leserin den Interviewten
nah, empfindet Mitgefühl mit den einen, bewundert die anderen,
kann einige wiederum überhaupt nicht verstehen - vor
jedem einzelnen jedoch bleibt der Respekt vor dem Mut, den es
braucht, sich so vorbehaltlos zu öffnen und über den
intimsten Bereich des eigenen Lebens zu berichten.
Ein mutiges Buch
"Nie mehr Sex" ist ein mutiges
Buch. Nicht, weil Sex in unserer Gesellschaft ein Tabuthema wäre.
Das Gegenteil ist der Fall. Auf Werbeplakaten, in Filmen, durch
Kleidung, in der Sprache - überall scheint Sex so präsent
und enttabuisiert wie kaum je zuvor. Doch wie weit geht unsere
Toleranz wirklich? Wie dicht unter der Oberfläche der scheinbaren
Gleichgültigkeit verbirgt sich die Be- und Verurteilung
von aussergewöhnlichen Sexualpraktiken und das Zurückschrecken
vor dem Animalischen, das der zügellos und ungehemmt ausgelebten
Sexualität eigen ist? Die 22 in "Nie mehr Sex"
Interviewten nehmen mit einer Ehrlichkeit Stellung, die oft an
die Grenze dessen stösst, was man "sagen darf",
sprechen offen und schonungslos über ihr Verhältnis
zum anderen Geschlecht und legen ihre intimsten Fantasien detailliert
dar. Dass das Ganze trotzdem lesbar bleibt und keinen Moment
lang ins pornographisch Voyeuristische abrutscht, ist wohl nicht
zuletzt der Gesprächsleiterin und Herausgeberin Renate Wichers
zu verdanken. So vielseitige und intime Portraits können
nur einer hervorragenden und feinfühligen Autorin und Interviewerin
gelingen, die jedem ihrer Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen
den gebührenden Respekt zollt und so Vertrauen herstellt.
Herausgekommen sind 22 beeindruckend offenherzige Portraits,
bei denen es vor allem, aber nicht nur um Sex geht.
246 Seiten, CHF 18.10
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