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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Renate Wichers: "Nie mehr Sex" (Portraits) | Schwarzkopf & Schwarzkopf
Sechs mal täglich oder gar nicht

Sexualität ist scheinbar weitgehend enttabuisiert und in der heutigen (Medien)Gesellschaft omnipräsent. In "Nie mehr Sex" kommen nun 22 Männer und Frauen zu Wort, die während längerer Zeit keinen Sex mehr hatten. Selten wurde so offen über eine so intime Sache geredet.

Von Sandra Despont.

Einige könnten, wollen aber nicht mehr; andere möchten schon, können aber nicht. Allen gemeinsam ist: sie leben derzeit (und die meisten schon eine ganze Weile) ohne Sex. Warum das so ist, ob sie nicht doch manchmal gern Sex hätten, was er für sie bedeutet, welche Fantasien sie gerne verwirklichen würden - all dies und viel mehr geben 22 Menschen in "Nie mehr Sex" preis.

Sensible Kuschelfrauen und sexgeile Männer?
Die Gründe, weshalb jemand keinen Sex (mehr) hat, sind so vielfältig wie die interviewten Personen. Sabine K. hat Angst vor dem ganzen Drum und Dran, dem Verlassenwerden, der Enttäuschung; Katja N. hasst ihren Mann aus tiefster Seele, Fremdgehen ist aber kein Thema; Michael G. ist auf der Suche nach der perfekten Frau; Jens H. hat zu wenig Geld und Mario, ja, der hat keinen Sex aus Rücksicht auf seine kranke Verlobte. Seit drei Jahren. Unvorstellbar, dass ein per definitionem triebgesteuertes Wesen das aushält und trotz sexloser Beziehung unverbrüchlich und geradezu rührend zu seiner Verlobten steht? Offenbar nicht. Und Mario ist nicht der einzige, der überrascht. Sechs Jahre lang sechs Mal täglich? Was wie die Prahlerei eines Mannes in bierseliger Runde tönt, ist die schöne Vergangenheit von Petra D. Dass sie mit Sex so gut wie abgeschlossen hat, hat den einfachen Grund, dass keiner über genügend Standfestigkeit und die nötige Schwanzgrösse verfügt. So viel zum Thema schwanzgesteuerte Männer und ach so sensible Kuschelfrauen. Das indirekte Hinterfragen von Klischees ist denn auch ein grosser Verdienst von "Nie mehr Sex". Bei jedem einzelnen Portrait hat man das Gefühl, dass hier tatsächlich ein Mensch unverfälscht und authentisch zu Wort kommt. Gerade durch diese Unverfälschtheit kommt man als Leserin den Interviewten nah, empfindet Mitgefühl mit den einen, bewundert die anderen, kann einige wiederum überhaupt nicht verstehen - vor jedem einzelnen jedoch bleibt der Respekt vor dem Mut, den es braucht, sich so vorbehaltlos zu öffnen und über den intimsten Bereich des eigenen Lebens zu berichten.

Ein mutiges Buch
"Nie mehr Sex" ist ein mutiges Buch. Nicht, weil Sex in unserer Gesellschaft ein Tabuthema wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Auf Werbeplakaten, in Filmen, durch Kleidung, in der Sprache - überall scheint Sex so präsent und enttabuisiert wie kaum je zuvor. Doch wie weit geht unsere Toleranz wirklich? Wie dicht unter der Oberfläche der scheinbaren Gleichgültigkeit verbirgt sich die Be- und Verurteilung von aussergewöhnlichen Sexualpraktiken und das Zurückschrecken vor dem Animalischen, das der zügellos und ungehemmt ausgelebten Sexualität eigen ist? Die 22 in "Nie mehr Sex" Interviewten nehmen mit einer Ehrlichkeit Stellung, die oft an die Grenze dessen stösst, was man "sagen darf", sprechen offen und schonungslos über ihr Verhältnis zum anderen Geschlecht und legen ihre intimsten Fantasien detailliert dar. Dass das Ganze trotzdem lesbar bleibt und keinen Moment lang ins pornographisch Voyeuristische abrutscht, ist wohl nicht zuletzt der Gesprächsleiterin und Herausgeberin Renate Wichers zu verdanken. So vielseitige und intime Portraits können nur einer hervorragenden und feinfühligen Autorin und Interviewerin gelingen, die jedem ihrer Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen den gebührenden Respekt zollt und so Vertrauen herstellt. Herausgekommen sind 22 beeindruckend offenherzige Portraits, bei denen es vor allem, aber nicht nur um Sex geht.

246 Seiten, CHF 18.10


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