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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Das grosse Ringelnatzbuch
 

"Das grosse Ringelnatz-Buch. Die schönsten Gedichte und Geschichten" mit Bildern von Tatjana Hauptmann (Gedichte) | Diogenes
"Den Unterschied bei Mann und Frau sieht man durchs Schlüsselloch genau."

Joachim Ringelnatz, ein genialer Dichter und Geschichtenerzähler, sollte jeder kennen. Seine herrlichen sinnlos-sinnigen Gedichte sind einfach nur Kult. Wer ihn noch nicht kennt, der erhält mit dem wunderschönen "grossen Ringelnatz-Buch" vom Diogenes Verlag eine prima Gelegenheit ihn kennen zulernen. Aber Achtung: macht süchtig!

Von Petra Gehrmann.

Überall ist leben

"Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken."

Joachim Ringelnatz's Gedichte wirken oftmals sehr verspielt und auf den ersten Blick vielleicht sogar banal. Davon sollte sich aber der Leser nicht täuschen lassen, denn Ringelnatz versteckt hinter den leichten und tändelnden Gedichten einen scharfen Blick auf die Wirklichkeit, menschliche Abgründe sind ihm nicht unbekannt. Er macht dem Leser klar, dass manchmal etwas, das furchtbar nichtig erscheint, grossartig ist und umgekehrt.

Die Gedanken sind frei!
Joachim Ringelnatz hatte seinen entscheidenden Erfolg unter anderem auch durch seine Lieder vom Seemann Kuttel Daddeldu, der auch im Diogenes Band nicht fehlt, erlangt, allerdings ist ihm nur wenig Platz eingeräumt worden. Denn wie so oft und gerne werden Ringelnatz' Gedichte und Geschichten in Themenreihen herausgegeben, und so hat sich auch der Diogenesverlag einer Themenreihe verschrieben: Alle Gedichte drehen sich mehr oder weniger um das Motiv Kinder oder erscheinen wenigstens kindergerecht; was allerdings nicht heissen soll, dass es sich hierbei um ein Kinderbuch handelt, wenigstens nicht nur.

Zu diesem Thema passen auch die Bilder von Tatjana Hauptmann, die sich sehr gut auch in ein Kinderbuch eingefügt hätten. Schlicht und unprätentiös versucht sie jeweils den Hauptkern des Gedichtes oder der Erzählung in ihre Zeichnungen, mal schwarzweiss, mal farbig, zu erfassen, was ihr auch mehr oder weniger gelingt.

Für Gross und Klein und alle Anfänger und Liebhaber von Ringelnatz ist dieses sehr schöne Buch zu empfehlen. Wer sich in Ringelnatz verliebt hat, so wie ich, dem ist aber sicherlich zu empfehlen, sich eine vernünftige Gesamtausgabe zu kaufen.

Besonders genial sind auch die kurzen Geschichten wie "Kuttel Daddeldu erzählt seinen Kindern das Märchen vom Rotkäppchen" und "Vom andern aus lerne die Welt begreifen", aus dem hier als letztes die letzten Worte dienen sollen:

"Es sind die harten Freunde, die uns schleifen.
Sogar dem Unrecht lege Fragen vor.
Wer nimmer fragt, merkt nicht, was er verlor.
Vom andern aus lerne die Welt begreifen."

132 Seiten, CHF 42.90

Zum Autor

Foto: Diogenes-Archiv
Ringelnatz Joachim, geboren am 7.8.1883 in Wurzen (Leipzig), gestorben am 17.11.1934 in Berlin, dort begraben auf dem Friedhof Heerstraße in Berlin-Charlottenburg. In der Schule wurde er »verpetzt oder erwischt und immer wieder bestraft« und schließlich vom Gymnasium gewiesen. Hans Bötticher, wie Ringelnatz bürgerlich hieß, kam als Seemann durch etwa 22 Länder, von denen er einige näher kennenlernte, indem er mehrmals desertierte, denn Kapitäne hatten sich als noch brutalere Lehrer erwiesen. Er nahm, um nicht zu verhungern, alle möglichen Jobs an, der ungewöhnlichste war der eines Schlangenbändigers. In München entdeckte er das Künstlerlokal Simplicissimus und der "Simpl" entdeckte ihn: Er wurde zum "Hausdichter" und begann Gedichte und Geschichten zu veröffentlichen. Nach dem Weltkrieg begann er, seine Verse mit Ringelnatz, dem seemännischen Namen für das glückbringende Seepferdchen, zu signieren und heiratete 1920 »ohne Geld, ohne Wohnung und ohne Verstand« Leonharda Pieper. Das Kabarett zog ihn aus der Misere, Ringelnatz tourte durch ganz Deutschland. 1933 erhielt er Auftrittsverbot; er verarmte und starb im Jahr darauf an einer Lungenkrankheit.

Quelle: Diogenes


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