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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gioconda Belli: "Ich bin Sehnsucht verkleidet als Frau" (Gedichte) | dtv
Faszination Gioconda Belli

Mit sprühendem Temperament schreibt eine sehr reife Gioconda Belli im neuen Gedichteband über ihr weibliches Gegenwartsempfinden der Welt. Sehnsucht nach der Heimat, Verlorenheit in der Cyberwelt, erotische Liebe, Familienleben, Rebellion, Genuss und Gier nach dem Leben thematisiert die nicaraguanische Dichterin. In grosszügigen Lettern malt sie das Leben mit ihren treffenden Worten und einer Begabung für ergreifende Metaphern an den Versehimmel. Damit beweist sie einmal mehr ihre ungeheure poetische Kraft.

Von Sarah von Känel.

Gioconda Belli ist eine starke Frau. Eine exemplarische Frauenfigur Lateinamerikas, die sich am Widerstand der Sandinistischen Befreiungsfront gegen die Somoza-Diktatur Nicaraguas beteiligte. Sie hat Mann und Kinder. Neben all dem erlangte sie mit ihren Gedichten auch noch Weltruhm. Dementsprechend tief greifend und erfahren schreibt sie über das Leben in all seinen verschiedenen, bisweilen beängstigenden Facetten.

Leben strömt aus der Feder von Gioconda Belli
Viele Kontraste werden im neuen, wunderschön betitelten Buch des spanischsprachigen Talents aufgezeigt. Über Grausamkeit schreibt sie auf der einen Seite, über Verlorenheit, Sehnsucht, Kälte und Bedrohungen; so berührend und bildlich, dass der sensible Leser selbst die Wehmut, die Ängste und den Schmerz fühlen muss. Doch niemals lässt sie die Schönheit ihrer feinen Sprache verblühen. Mit der unsterblichen Hoffnung einer inspirierten Dichterin trotzt sie in "Gegen jede Hoffnung" der Verzweiflung: "Dichtend in meiner Einsamkeit. Zeugin dieser widerwärtigen Welt, schleppe ich mich mit schweren Flügeln zum Gipfel, von dort stosse ich mich ab wie Ikarus, ein ums andere Mal, weil vielleicht, weil womöglich, weil ich nicht aufgebe."

Andererseits enthält der Band vor Erotik und Sinnlichkeit knisternde Gedichte, die fesseln und faszinieren. Gioconda Belli gewährt in sehr persönlichen Gedichten tiefen Einblick in das Familienleben. Andere Gedichte wie etwa " Wiegenlied für ein in Tränen aufgelöstes Land" schreien den ganzen Schmerz über ein zerrissenes Land und gleichzeitig auch die tiefe Sehnsucht nach diesem Lande heraus. "Wo verstecke ich nur dieses geliebte Land, damit niemand mehr darauf einprügeln kann?", fragt die verzweifelte Wortakrobatin.

Zeit zum Lesen und Verstehen
Gerade wegen der thematischen Vielfältigkeit sollte man sich für das Buch auf jeden Fall Zeit nehmen. Die Gedichte in Serie zu lesen verlangt zu viele Umstellungen und viele versteckte Details, lassen sich erst beim zweiten oder dritten Mal durchlesen aufspüren. Es ist passende, stimmige Herbstlektüre, denn im Sommer würden einem die Gedichte vielleicht zu schwer und zu gewichtig erscheinen. Zum Herbst und seinen wirbelnden braunen Blättern, die nackte Bäume stehen lassen, passt es wunderbar. Melancholisch, sehr offen und mit einem unglaublich feinen Gespür für tiefsinnige Metaphern fesselt die grosse nicaraguanische Dichterin einmal mehr den Leser, der sich auf ihre Gedichte einlässt.

Die präzise, originaltreue und dennoch kein bisschen holprige deutsche Übersetzung, macht den Zauber, der in der spanischen Originalfassung verborgen liegt, auch den Gemütern des deutschsprachigen Leservolks zugänglich. Dies sollte unbedingt ausgenützt werden, die Gedichte berühren und streicheln die Seele.

183 Seiten, CHF 16.00

Zur Autorin

Gioconda Belli wurde in Managua geboren. Sie studierte in Spanien und den USA. Ab 1970 beteiligte sie sich am Widerstand der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN gegen die Somoza-Diktatur ihres Landes. Sie lebt heute in Managua und Los Angeles/USA.


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