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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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V.S. Naipaul: "Die letzte Kolonie" (Essays) | Claassen
Reisen zu anderen Geistesverfassungen

In Essays aus den Jahren 1969 bis 1983 schreibt der Weltenbürger und trotzdem Heimatlose V.S. Naipaul über seine Suche nach dem Vermächtnis der Kolonien in der Karibik und auf dem afrikanischen Kontinent. Eine Begegnung in schönster Prosa.

Von Sandra Despont.

Der Nobelpreisträger V.S. Naipaul wuchs in Trinidad auf, einer ehemaligen britischen Kolonie. Seine Eltern stammten aus Indien, seit 1950 lebt er in Grossbritannien. Der Schriftsteller, der das koloniale Erbe am eigenen Ursprung und Lebenslauf erfahren hat, beschäftigt sich in seinen Werken also nicht umsonst mit Daseinsweisen und Mentalitäten der ehemals kolonisierten Welt, mit den Identitäten und Identitätsbrüchen, die mit dem Kolonialismus einhergehen und den Schicksalen der Staaten, die unversehens in die Unabhängigkeit entlassen wurden. Ihre Mühen und Erfahrungen sind den seinen wesensverwandt und sollten auch uns nicht fremd sein oder fremd bleiben. Denn mit der Globalisierung drängen die ehemaligen Kolonien erneut und in anderer Form in unser Bewusstsein, wollen wahrgenommen werden und im Weltendorf einen Platz zugewiesen bekommen. Dass dies nicht einfach war, ist und sein wird, lassen die so klugen wie unprätentiösen Essays Naipauls erahnen. Und gerade deshalb brauchen wir Schriftsteller wie V.S. Naipaul, Wanderer zwischen den Kulturen, die uns nicht belehren wollen, sondern uns ganz einfach mitnehmen auf ihre eigene Suche nach einem Verständnis vom Zusammenwirken von kolonialer Vergangenheit, jahrhundertealten Traditionen und verheissungsvoller oder auch hoffnungsloser Zukunft.

Leben auf der Briefmarkeninsel
So schreibt Naipaul von der Insel St. Kitts, auf der sich das Drama des Volksführers abspielt, das hier, weil alles so klein ist, harmlos und "wie ein Stück auf der Bühne" wirkt; anhand von St. Kitts zeigt er den Kampf mit der eigenen kolonialen Vergangenheit, die Ratlosigkeit und das Dilemma zwischen Rückbesinnung auf Tradition und der Forderung nach Entwicklung, mit der ausschliesslich die touristische Erschliessung gemeint ist. Die heutige Grossmacht USA gerät ebenso selbstverständlich ins Blickfeld wie die jungen Menschen auf Mauritius, die "von dem Gedanken besessen sind, die Insel verlassen zu können", während die Touristen meinen, in der Insel "ein verlorenes Paradies" oder ihren "Frieden" gefunden zu haben. So erlaubt uns Naipaul kleine Einblicke der etwas anderen Art in Weltgegenden, die wir normalerweise nur als Touristen, aus Zeitungsnachrichten oder dem (Briefmarken) Namen nach kennen.

Subjektiv und unbestechlich
Naipauls Berichte aus der Karibik und aus Afrika sind immer subjektiv und machen keinen Hehl daraus. Vermeintlich umfassende Analysen versucht er erst gar nicht zu erstellen; nüchtern hält er fest, was er sieht und hört. Seine Begegnung mit den Menschen vor Ort ist immer von Respekt und dem Verlangen nach einem tieferen Verständnis ihrer Kultur geprägt, neo-kolonialistische Attitüden sind ihm fremd. Trotzdem ist der Autor in seinem Urteil unbestechlich, scheut sich nicht, unangenehme Wahrheiten auszusprechen und nimmt keine Rücksicht auf übertriebene political correctness. V.S. Naipaul, der, wie er in "Die Krokodile von Yamoussoukro" schreibt, reist "um andere Geistesverfassungen kennen zu lernen", dessen Reiseziele "in irgendeinem Zusammenhang mit Erfahrungen stehen", die er bereits gemacht hat, scheint prädestiniert dafür, uns zu berichten, uns Einblicke in fremde Welten zu erlauben, uns die Lage der vielen höchstens als exotische Ferienregionen bekannte kleinen karibischen Inselstaaten und ihrer Menschen wenigstens erahnen zu lassen. Sein vom Kolonialismus geprägter Hintergrund macht ihn zum selbst Betroffenen, sein Leben in der ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien öffnet ihm die Perspektive über die eigene Vergangenheit und die Trinidads hinaus, seine Beobachtungsgabe, sein Distanz bei gleichzeitiger Nähe, seine Diskretion machen ihn zum glaubhaften Berichterstatter und seine grandios einfache Prosa macht ihn zu einem herausragenden Autor der heutigen Literatur.

Prosa als Verführungsinstrument
Diese zauberhaft schlichte Prosa ist Hauptverführungsinstrument eines Schriftstellers, der nicht immer bequem ist und keiner Sache ausser seiner eigenen zu dienen scheint. Gleichförmig und formvollendet rollen die Sätze dahin, ohne Effekthascherei, so schön und klar, dass Naipaul zwanzig Seiten über den Spannteppich seines Schlafzimmers schreiben könnte und man trotzdem als Gefangene seiner Sprache enden würde. Umso überraschender ist bei all der Sachlichkeit und Gelassenheit dann ein plötzliches Ausbrechen von Sarkasmus und Witz. So schreibt Naipaul über das Königreich Zaire, dass sein Name offenbar ein schlechter Scherz sei, da es von der portugiesischen Verballhornung eines einheimischen Wortes herrühre und illustriert das Ganze mit einem treffend bösen Vergleich: "Das ist etwa so, als nähme Taiwan, um sich seiner chinesischen Identität zu versichern, wieder den portugiesischen Namen Formosa an."

Mit "Die letzte Kolonie" nimmt uns V.S. Naipaul mit in die nachkoloniale afrikanische Welt und berichtet in wundervoller Prosa über vergessene Ecken der Welt. Sehr lesbare und überaus lesenwerte Essays!

333 Seiten, CHF 38.80

Zum Autor

© Ullstein Buchverlage GmbH
Vidiadhar Surajprasad Naipaul wurde am 17. August 1932 in Trinidad geboren und lebt seit 1950 in Großbritannien. Der Romancier, Reiseschriftsteller und Journalist gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der englischsprachigen Literatur. Seine Romane "Ein Haus für Mr. Biswas" und "An der Biegung des großen Flusses" sowie das Sachbuch "Eine islamische Reise" waren Welterfolge. Im Jahr 2001 wurde V. S. Naipaul der Nobelpreis verliehen. Im Frühjahr 2005 erschien sein aktueller Roman "Magische Saat" bei Claassen.

Quelle: Ullstein


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