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V.S. Naipaul: "Die letzte Kolonie"
(Essays) | Claassen
Reisen zu anderen Geistesverfassungen
In Essays aus den Jahren 1969 bis
1983 schreibt der Weltenbürger und trotzdem Heimatlose V.S.
Naipaul über seine Suche nach dem Vermächtnis der Kolonien
in der Karibik und auf dem afrikanischen Kontinent. Eine Begegnung
in schönster Prosa.
Von Sandra Despont.
Der Nobelpreisträger V.S. Naipaul wuchs
in Trinidad auf, einer ehemaligen britischen Kolonie. Seine Eltern
stammten aus Indien, seit 1950 lebt er in Grossbritannien. Der
Schriftsteller, der das koloniale Erbe am eigenen Ursprung und
Lebenslauf erfahren hat, beschäftigt sich in seinen Werken
also nicht umsonst mit Daseinsweisen und Mentalitäten der
ehemals kolonisierten Welt, mit den Identitäten und Identitätsbrüchen,
die mit dem Kolonialismus einhergehen und den Schicksalen der
Staaten, die unversehens in die Unabhängigkeit entlassen
wurden. Ihre Mühen und Erfahrungen sind den seinen wesensverwandt
und sollten auch uns nicht fremd sein oder fremd bleiben. Denn
mit der Globalisierung drängen die ehemaligen Kolonien erneut
und in anderer Form in unser Bewusstsein, wollen wahrgenommen
werden und im Weltendorf einen Platz zugewiesen bekommen. Dass
dies nicht einfach war, ist und sein wird, lassen die so klugen
wie unprätentiösen Essays Naipauls erahnen. Und gerade
deshalb brauchen wir Schriftsteller wie V.S. Naipaul, Wanderer
zwischen den Kulturen, die uns nicht belehren wollen, sondern
uns ganz einfach mitnehmen auf ihre eigene Suche nach einem Verständnis
vom Zusammenwirken von kolonialer Vergangenheit, jahrhundertealten
Traditionen und verheissungsvoller oder auch hoffnungsloser Zukunft.
Leben auf der Briefmarkeninsel
So schreibt Naipaul von der Insel
St. Kitts, auf der sich das Drama des Volksführers abspielt,
das hier, weil alles so klein ist, harmlos und "wie ein
Stück auf der Bühne" wirkt; anhand von St. Kitts
zeigt er den Kampf mit der eigenen kolonialen Vergangenheit,
die Ratlosigkeit und das Dilemma zwischen Rückbesinnung
auf Tradition und der Forderung nach Entwicklung, mit der ausschliesslich
die touristische Erschliessung gemeint ist. Die heutige Grossmacht
USA gerät ebenso selbstverständlich ins Blickfeld wie
die jungen Menschen auf Mauritius, die "von dem Gedanken
besessen sind, die Insel verlassen zu können", während
die Touristen meinen, in der Insel "ein verlorenes Paradies"
oder ihren "Frieden" gefunden zu haben. So erlaubt
uns Naipaul kleine Einblicke der etwas anderen Art in Weltgegenden,
die wir normalerweise nur als Touristen, aus Zeitungsnachrichten
oder dem (Briefmarken) Namen nach kennen.
Subjektiv und unbestechlich
Naipauls Berichte aus der Karibik
und aus Afrika sind immer subjektiv und machen keinen Hehl daraus.
Vermeintlich umfassende Analysen versucht er erst gar nicht zu
erstellen; nüchtern hält er fest, was er sieht und
hört. Seine Begegnung mit den Menschen vor Ort ist immer
von Respekt und dem Verlangen nach einem tieferen Verständnis
ihrer Kultur geprägt, neo-kolonialistische Attitüden
sind ihm fremd. Trotzdem ist der Autor in seinem Urteil unbestechlich,
scheut sich nicht, unangenehme Wahrheiten auszusprechen und nimmt
keine Rücksicht auf übertriebene political correctness.
V.S. Naipaul, der, wie er in "Die Krokodile von Yamoussoukro"
schreibt, reist "um andere Geistesverfassungen kennen zu
lernen", dessen Reiseziele "in irgendeinem Zusammenhang
mit Erfahrungen stehen", die er bereits gemacht hat, scheint
prädestiniert dafür, uns zu berichten, uns Einblicke
in fremde Welten zu erlauben, uns die Lage der vielen höchstens
als exotische Ferienregionen bekannte kleinen karibischen Inselstaaten
und ihrer Menschen wenigstens erahnen zu lassen. Sein vom Kolonialismus
geprägter Hintergrund macht ihn zum selbst Betroffenen,
sein Leben in der ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien öffnet
ihm die Perspektive über die eigene Vergangenheit und die
Trinidads hinaus, seine Beobachtungsgabe, sein Distanz bei gleichzeitiger
Nähe, seine Diskretion machen ihn zum glaubhaften Berichterstatter
und seine grandios einfache Prosa macht ihn zu einem herausragenden
Autor der heutigen Literatur.
Prosa als Verführungsinstrument
Diese zauberhaft schlichte Prosa ist
Hauptverführungsinstrument eines Schriftstellers, der nicht
immer bequem ist und keiner Sache ausser seiner eigenen zu dienen
scheint. Gleichförmig und formvollendet rollen die Sätze
dahin, ohne Effekthascherei, so schön und klar, dass Naipaul
zwanzig Seiten über den Spannteppich seines Schlafzimmers
schreiben könnte und man trotzdem als Gefangene seiner Sprache
enden würde. Umso überraschender ist bei all der Sachlichkeit
und Gelassenheit dann ein plötzliches Ausbrechen von Sarkasmus
und Witz. So schreibt Naipaul über das Königreich Zaire,
dass sein Name offenbar ein schlechter Scherz sei, da es von
der portugiesischen Verballhornung eines einheimischen Wortes
herrühre und illustriert das Ganze mit einem treffend bösen
Vergleich: "Das ist etwa so, als nähme Taiwan, um sich
seiner chinesischen Identität zu versichern, wieder den
portugiesischen Namen Formosa an."
Mit "Die letzte Kolonie" nimmt uns
V.S. Naipaul mit in die nachkoloniale afrikanische Welt und berichtet
in wundervoller Prosa über vergessene Ecken der Welt. Sehr
lesbare und überaus lesenwerte Essays!
333 Seiten, CHF 38.80
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Zum Autor
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© Ullstein Buchverlage GmbH |
Vidiadhar Surajprasad Naipaul wurde am
17. August 1932 in Trinidad geboren und lebt seit 1950 in Großbritannien.
Der Romancier, Reiseschriftsteller und Journalist gilt als einer
der bedeutendsten Vertreter der englischsprachigen Literatur.
Seine Romane "Ein Haus für Mr. Biswas" und "An
der Biegung des großen Flusses" sowie das Sachbuch
"Eine islamische Reise" waren Welterfolge. Im Jahr
2001 wurde V. S. Naipaul der Nobelpreis verliehen. Im Frühjahr
2005 erschien sein aktueller Roman "Magische Saat"
bei Claassen.
Quelle: Ullstein
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