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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Geraldine McCaughrean: "Nicht das Ende der Welt. Ein Arche-Noah-Roman" (Roman) | Nagel&Kimche
Mit Noah auf dem Horrortrip

Wie war es wirklich auf der Arche Noah? Ein Kinderbuch, das für mich nicht sehr viel versprechend klang, hat sich als ein intelligentes und kritisches Buch entpuppt. Es hinterfragt nicht nur religiöse und traditionelle Normen, sondern wagt es auch, sich mit den menschlichen Abgründen zu beschäftigen. Ein Buch für Kinder? Durchaus. Nur für Kinder? Mitnichten! Eine alte Geschichte ganz neu.

Von Petra Gehrmann.

Eine Bibelgeschichte mal ein wenig anders erzählt. Jeder kennt wohl die "Basisgeschichte" der Ereignisse um Noah und die Sintflut. Diese Erzählung, die einzig die "Fakten" und "Ereignisse" schildert, wie Noah, seine Frau, seine drei Söhne und deren Frauen und paarweise Tiere auf Gottes Geheiss auf die Arche gingen. Diese Arche baute Noah, weil Gott durch eine Sintflut alle sündigen Menschen der Erde verderben wollte und nur Noah und die Seinen waren es wert zu überleben. Nach Gottes Willen geschah es; 150 Tage verweilten sie auf ihrer Arche, während rund herum alles starb. Doch was die Bibel nicht erzählt, ist das Leben auf der Arche und wie die Familie dem Sterben ihrer Nachbarn zusah. Dem versucht McCaughrean nachzugehen und hat damit mehr als nur einen Arche-Noah-Roman geschaffen. Denn in ihrer Geschichte geht sie nicht Daten nach, sondern Menschen.

"Und er zeugte drei Söhne: Sem, Ham und Jafet."
In der Bibel ist den weiblichen Archemitgliedern keinen Namen gegeben worden. McCaughrean ergreift aber nicht nur die Gelegenheit, den Schwiegertöchtern und der Ehefrau Noahs einen Namen und eine Persönlichkeit zu geben, nein, auch eine Tochter gibt sie Noah. Sie liefert dabei auch gleich eine Erklärung, warum diese in der Bibel nicht zu finden ist: Eine Tochter ist es nicht wert, erwähnt zu werden. Diese Tochter, Timna, erhält auch eine eigene Stimme; weitgehend wird die Geschichte in kurzen Kapiteln aus ihrer Sicht erzählt. Aber in diesem Werk kommen nicht nur Menschen zu Wort, auch die Tiere der Arche haben ihre Tage, an denen sie die Situation aus ihrer Sicht schildern.

"Noah war der Einzige, der vor den Augen des HERRN bestehen konnte."
Dass sich die meisten Geschichten der Bibel um Patriarchen drehen, dürfte wohl bekannt sein. Welche Auswirkungen das Leben unter einem solchen Patriarchen hat, der immer Recht haben muss, und an einem Ort, wo Töchter nichts gelten, wird in diesem Werk sehr plastisch aufgezeigt. Timna, erst 14jährig, ist es auch, die sich immer wieder der aufkeimenden Frage angesichts der hilflos Ertrinkenden stellt: Warum sind immer nur die anderen Sünder. Sie verweigert sich dem "Gesetz", indem sie heimlich einen Jungen und dessen Babyschwester aus den Fluten rettet. Zwar ist sie sich nie sicher, ob die Lehren des Vaters nicht doch richtig sein könnten und es sich bei den blinden Passagieren um Dämonen handelt, dennoch setzt sich bei ihr schlussendlich die Menschlichkeit und nicht die Doktrin durch. Was sich sehr moralisch anhört, ist es auch, aber dennoch geht McCaughrean mit diesem Kinderbuch über die Moral hinaus, besonders wenn sie den brutalen Lebensalltag auf dem Schiff beschreibt, denn 150 Tage auf einem Schiff zu verbringen, ist kein Kinderspiel, neben menschlichen Problemen tauchen auch Probleme mit der Nahrung, Hygiene und den Parasiten auf.

"So vernichtete der HERR alles Leben auf der Erde, vom Menschen bis zum kriechenden Getier, vom Vieh bis zu den Vögeln."
Der Gott, den die Bibel in dieser Geschichte zelebriert, ist der harte Gott des alten Testaments. Dementsprechend sind die Doktrinen, mit denen Noah und der älteste Sohn Sem die Familie quälen, hart und unerschütterlich. Doch sind die Figuren deshalb nicht eindimensional gezeichnet, gerade die Frauen. Insbesondere die Ehefrau von Noah ist nicht so, wie sie auf den ersten Blick scheint. So sind es auch die Frauen, welche die Doktrinen, wenn auch nicht laut, in Frage stellen und damit auch die Auserwähltheit des Mannes. Störend wirken sich in dem Roman nur einige Ungereimtheiten aus; wäre es eine an die "Wirklichkeit" der Bibel orientierte Geschichte, so dürfte wohl die Familie nicht als praktizierende Juden dargestellt werden, da dies aufgrund der Chronologie der Bibel nicht möglich ist. So folgt die Familie etwa dem Verbot, sich ein Bildnis zu machen, das noch gar nicht existieren kann.

Für ein Kinderbuch ist "Nicht das Ende der Welt" düster und zum Teil auch sehr brutal. Grundsätzlich bleibt es sehr moralisierend, wenn aber auch religiöse Normen hinterfragend. Sicher handelt es sich hierbei nicht "nur" um ein Kinderbuch, es ist aber trotz des ernsten Themas auch für Kinder sehr zu empfehlen.

198 Seiten, CHF 27.20


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