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Geraldine McCaughrean: "Nicht das Ende
der Welt. Ein Arche-Noah-Roman" (Roman) | Nagel&Kimche
Mit Noah auf dem Horrortrip
Wie war es wirklich auf der Arche
Noah? Ein Kinderbuch, das für mich nicht sehr viel versprechend
klang, hat sich als ein intelligentes und kritisches Buch entpuppt.
Es hinterfragt nicht nur religiöse und traditionelle Normen,
sondern wagt es auch, sich mit den menschlichen Abgründen
zu beschäftigen. Ein Buch für Kinder? Durchaus. Nur
für Kinder? Mitnichten! Eine alte Geschichte ganz neu.
Von Petra Gehrmann.
Eine Bibelgeschichte mal ein wenig anders
erzählt. Jeder kennt wohl die "Basisgeschichte"
der Ereignisse um Noah und die Sintflut. Diese Erzählung,
die einzig die "Fakten" und "Ereignisse"
schildert, wie Noah, seine Frau, seine drei Söhne und deren
Frauen und paarweise Tiere auf Gottes Geheiss auf die Arche gingen.
Diese Arche baute Noah, weil Gott durch eine Sintflut alle sündigen
Menschen der Erde verderben wollte und nur Noah und die Seinen
waren es wert zu überleben. Nach Gottes Willen geschah es;
150 Tage verweilten sie auf ihrer Arche, während rund herum
alles starb. Doch was die Bibel nicht erzählt, ist das Leben
auf der Arche und wie die Familie dem Sterben ihrer Nachbarn
zusah. Dem versucht McCaughrean nachzugehen und hat damit mehr
als nur einen Arche-Noah-Roman geschaffen. Denn in ihrer Geschichte
geht sie nicht Daten nach, sondern Menschen.
"Und er zeugte drei Söhne: Sem,
Ham und Jafet."
In der Bibel ist den weiblichen Archemitgliedern
keinen Namen gegeben worden. McCaughrean ergreift aber nicht
nur die Gelegenheit, den Schwiegertöchtern und der Ehefrau
Noahs einen Namen und eine Persönlichkeit zu geben, nein,
auch eine Tochter gibt sie Noah. Sie liefert dabei auch gleich
eine Erklärung, warum diese in der Bibel nicht zu finden
ist: Eine Tochter ist es nicht wert, erwähnt zu werden.
Diese Tochter, Timna, erhält auch eine eigene Stimme; weitgehend
wird die Geschichte in kurzen Kapiteln aus ihrer Sicht erzählt.
Aber in diesem Werk kommen nicht nur Menschen zu Wort, auch die
Tiere der Arche haben ihre Tage, an denen sie die Situation aus
ihrer Sicht schildern.
"Noah war der Einzige, der vor den
Augen des HERRN bestehen konnte."
Dass sich die meisten Geschichten
der Bibel um Patriarchen drehen, dürfte wohl bekannt sein.
Welche Auswirkungen das Leben unter einem solchen Patriarchen
hat, der immer Recht haben muss, und an einem Ort, wo Töchter
nichts gelten, wird in diesem Werk sehr plastisch aufgezeigt.
Timna, erst 14jährig, ist es auch, die sich immer wieder
der aufkeimenden Frage angesichts der hilflos Ertrinkenden stellt:
Warum sind immer nur die anderen Sünder. Sie verweigert
sich dem "Gesetz", indem sie heimlich einen Jungen
und dessen Babyschwester aus den Fluten rettet. Zwar ist sie
sich nie sicher, ob die Lehren des Vaters nicht doch richtig
sein könnten und es sich bei den blinden Passagieren um
Dämonen handelt, dennoch setzt sich bei ihr schlussendlich
die Menschlichkeit und nicht die Doktrin durch. Was sich sehr
moralisch anhört, ist es auch, aber dennoch geht McCaughrean
mit diesem Kinderbuch über die Moral hinaus, besonders wenn
sie den brutalen Lebensalltag auf dem Schiff beschreibt, denn
150 Tage auf einem Schiff zu verbringen, ist kein Kinderspiel,
neben menschlichen Problemen tauchen auch Probleme mit der Nahrung,
Hygiene und den Parasiten auf.
"So vernichtete der HERR alles Leben
auf der Erde, vom Menschen bis zum kriechenden Getier, vom Vieh
bis zu den Vögeln."
Der Gott, den die Bibel in dieser
Geschichte zelebriert, ist der harte Gott des alten Testaments.
Dementsprechend sind die Doktrinen, mit denen Noah und der älteste
Sohn Sem die Familie quälen, hart und unerschütterlich.
Doch sind die Figuren deshalb nicht eindimensional gezeichnet,
gerade die Frauen. Insbesondere die Ehefrau von Noah ist nicht
so, wie sie auf den ersten Blick scheint. So sind es auch die
Frauen, welche die Doktrinen, wenn auch nicht laut, in Frage
stellen und damit auch die Auserwähltheit des Mannes. Störend
wirken sich in dem Roman nur einige Ungereimtheiten aus; wäre
es eine an die "Wirklichkeit" der Bibel orientierte
Geschichte, so dürfte wohl die Familie nicht als praktizierende
Juden dargestellt werden, da dies aufgrund der Chronologie der
Bibel nicht möglich ist. So folgt die Familie etwa dem Verbot,
sich ein Bildnis zu machen, das noch gar nicht existieren kann.
Für ein Kinderbuch ist "Nicht das
Ende der Welt" düster und zum Teil auch sehr brutal.
Grundsätzlich bleibt es sehr moralisierend, wenn aber auch
religiöse Normen hinterfragend. Sicher handelt es sich hierbei
nicht "nur" um ein Kinderbuch, es ist aber trotz des
ernsten Themas auch für Kinder sehr zu empfehlen.
198 Seiten, CHF 27.20
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