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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kristin Schulz: "Das Elsterneinmaleins" (Roman) | Tisch 7
One for sorrow / Two for joy

Im "Elsterneinmaleins" gehen wir in sieben Kapiteln auf Reisen. In die USA, nach Frankreich, nach Deutschland zurück - und vielleicht auch nach Nepal. Die Frauen, mit denen wir reisen, erleben Trauer und Freude in allen Schattierungen. Nur Kinder haben sie nie.

Von Sandra Despont.

Im ersten Kapitel braust Wanda über einen US-Amerikanischen Highway, irgendwo in South Dakota. Ihr Begleiter heisst Bill oder Jeff. Seine Auswechselbarkeit ist wie die der gas stations und ministores, die sich kaum voneinander unterscheiden, einem Klischee entsprechen. Nur der dunkle Betonstreifen und der immer gleich bleibende Horizont geben Wanda Halt. Sie ist unterwegs im Indianerland, dem Land ihrer Kindheit.

Zur Freiheit verurteilt
Chicago. Anna, die Weltenbummlerin zwischen Chicago, New York und Berlin, ist in Gedanken verloren. Wie die anderen Frauen der Reisefragmente ist auch sie losgelöst von geografischen Orten, die man Heimat nennen könnte und Lebensplänen, die einen festen, zuverlässigen und praktischen Partner miteinschliessen. Männer kommen durchaus vor, als gutmütige Kumpels, ferne Bekannte, flüchtige Liebhaber, zeitweilige Beziehungspartner. Fester Orientierungspunkt sind sie nie, Vertrautheit ist stets flüchtig. Die Reisenden mit Namen wie Anna, Wanda, Malah oder Lara gehören einer Nachkriegsgeneration von Frauen an, der die Welt offen steht. Sie haben sich selbst zu "lebenslänglicher Freiheit" verurteilt, werden von ihrer "Zugvogelsehnsucht" von einem Ort an den anderen getrieben, ohne sich jedoch gänzlich von ihrer deutschen Heimat und deren Vergangenheit freimachen zu können.

Überlistung des Elsterneinmaleins
Jedes Kapitel ist also ein Kurzaufenthalt an einem Ort, im Leben einer Frau, von dem wir nicht viel mehr als einen impressionistischen Einblick erhalten. Wiederkehrende Motive verbinden die Frauen miteinander. Alte Frauen, Bekannte, die den Mythos von früheren Lebensentwürfen beschwören und sich der heutigen, modernen Umhergetriebenen entgegenstellen, Schmetterlinge, Hunde und Katzen, Türen und Stühle, Schwalben und Elstern gehören zu diesen Motiven. Ihr Zusammenhang bleibt bis zum Schluss, bis zum achten Kapitel, rätselhaft, um sich dann halbwegs überraschend aufzulösen. Da ist eine Frau, Hanna, die sieben Leben lebt, tausend Träume träumt und ganz nebenbei auch noch das Elsterneinmaleins überlistet, das so geht: "One for sorrow / Two for joy / Three a girl / And four a boy". Mit der Erleuchtung im Hinterkopf lässt sich so Kristin Schulz' "Elsterneinmaleins" gleich nochmals lesen um sich erneut dem Gewühl von Motiven und wiederkehrenden Wendungen hinzugeben. Der bewusst eingesetzten Sprache, den originellen, erfinderischen und bewussten Formulierungen hört man an, dass man es hier mit einer Prosa schreibenden Lyrikerin zu tun hat.

Kristin Schulz hat mit "Das Elsterneinmaleins" ein erzählerisches Experiment gewagt, das inhaltlich vielleicht nicht überinnovativ und neu ist, sprachlich aber durchwegs überzeugt.

179 Seiten, CHF 28.60

Zur Autorin

Foto: Gritt Pfefferkorn
Kristin Schulz, geboren 1975 in Jena, Studium der Neueren deutschen Literatur, Theaterwissenschaften und Französisch in Berlin, seit 2002 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin, dort seit 1999 Mitarbeiterin der Heiner-Müller-Werkausgabe. Herausgabe des Thomas-Brasch-Arbeitsbuches "Das blanke Wesen" 2004.

Quelle: Tisch 7


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