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Kristin Schulz: "Das Elsterneinmaleins"
(Roman) | Tisch 7
One for sorrow / Two for joy
Im "Elsterneinmaleins" gehen
wir in sieben Kapiteln auf Reisen. In die USA, nach Frankreich,
nach Deutschland zurück - und vielleicht auch nach Nepal.
Die Frauen, mit denen wir reisen, erleben Trauer und Freude in
allen Schattierungen. Nur Kinder haben sie nie.
Von Sandra Despont.
Im ersten Kapitel braust Wanda über einen
US-Amerikanischen Highway, irgendwo in South Dakota. Ihr Begleiter
heisst Bill oder Jeff. Seine Auswechselbarkeit ist wie die der
gas stations und ministores, die sich kaum voneinander unterscheiden,
einem Klischee entsprechen. Nur der dunkle Betonstreifen und
der immer gleich bleibende Horizont geben Wanda Halt. Sie ist
unterwegs im Indianerland, dem Land ihrer Kindheit.
Zur Freiheit verurteilt
Chicago. Anna, die Weltenbummlerin
zwischen Chicago, New York und Berlin, ist in Gedanken verloren.
Wie die anderen Frauen der Reisefragmente ist auch sie losgelöst
von geografischen Orten, die man Heimat nennen könnte und
Lebensplänen, die einen festen, zuverlässigen und praktischen
Partner miteinschliessen. Männer kommen durchaus vor, als
gutmütige Kumpels, ferne Bekannte, flüchtige Liebhaber,
zeitweilige Beziehungspartner. Fester Orientierungspunkt sind
sie nie, Vertrautheit ist stets flüchtig. Die Reisenden
mit Namen wie Anna, Wanda, Malah oder Lara gehören einer
Nachkriegsgeneration von Frauen an, der die Welt offen steht.
Sie haben sich selbst zu "lebenslänglicher Freiheit"
verurteilt, werden von ihrer "Zugvogelsehnsucht" von
einem Ort an den anderen getrieben, ohne sich jedoch gänzlich
von ihrer deutschen Heimat und deren Vergangenheit freimachen
zu können.
Überlistung des Elsterneinmaleins
Jedes Kapitel ist also ein Kurzaufenthalt
an einem Ort, im Leben einer Frau, von dem wir nicht viel mehr
als einen impressionistischen Einblick erhalten. Wiederkehrende
Motive verbinden die Frauen miteinander. Alte Frauen, Bekannte,
die den Mythos von früheren Lebensentwürfen beschwören
und sich der heutigen, modernen Umhergetriebenen entgegenstellen,
Schmetterlinge, Hunde und Katzen, Türen und Stühle,
Schwalben und Elstern gehören zu diesen Motiven. Ihr Zusammenhang
bleibt bis zum Schluss, bis zum achten Kapitel, rätselhaft,
um sich dann halbwegs überraschend aufzulösen. Da ist
eine Frau, Hanna, die sieben Leben lebt, tausend Träume
träumt und ganz nebenbei auch noch das Elsterneinmaleins
überlistet, das so geht: "One for sorrow / Two for
joy / Three a girl / And four a boy". Mit der Erleuchtung
im Hinterkopf lässt sich so Kristin Schulz' "Elsterneinmaleins"
gleich nochmals lesen um sich erneut dem Gewühl von Motiven
und wiederkehrenden Wendungen hinzugeben. Der bewusst eingesetzten
Sprache, den originellen, erfinderischen und bewussten Formulierungen
hört man an, dass man es hier mit einer Prosa schreibenden
Lyrikerin zu tun hat.
Kristin Schulz hat mit "Das Elsterneinmaleins"
ein erzählerisches Experiment gewagt, das inhaltlich vielleicht
nicht überinnovativ und neu ist, sprachlich aber durchwegs
überzeugt.
179 Seiten, CHF 28.60
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Zur Autorin
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Foto: Gritt Pfefferkorn |
Kristin Schulz, geboren 1975 in Jena,
Studium der Neueren deutschen Literatur, Theaterwissenschaften
und Französisch in Berlin, seit 2002 wissenschaftliche Mitarbeiterin
am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität
zu Berlin, dort seit 1999 Mitarbeiterin der Heiner-Müller-Werkausgabe.
Herausgabe des Thomas-Brasch-Arbeitsbuches "Das blanke Wesen"
2004.
Quelle: Tisch 7
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