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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Guiseppe Pontiggia: "Vom Leben gewöhnlicher Männer und Frauen" (Erzählungen) | dtv
Ein Buch der Viten

Die Sammlung von über einem Dutzend kurzgefasster Lebensgeschichten des italienischen Büchernarrs Giuseppe Pontiggia zeugt von grosser Vorstellungskraft und ausgereiftem Gespür fürs Menschliche.

Von Marco Durrer.

Mit seinen fiktiven, protokollartig gehaltenen Lebensläufen italienischer Mitbürger präsentiert Pontiggia dem Leser unterhaltsame Ausschnitte aus dem ansonsten mehrheitlich anonym bleibenden Welttheater. Zusammen ergeben die achtzehn (Lebens-) Geschichten ein vielfältiges, amüsantes und eindrückliches südwesteuropäisches Sittenbild des von zwei Weltkriegen geplagten 20. Jahrhunderts.

Jedem seine Geschichte
Ob nun körperlich oder geistig Angeschlagene, Frühreife, Ehebrecher, Rebellen oder Opportunisten, Nichtstuer, sparwütige Bankangestellte, verhinderte Künstler oder einfach nur komische Käuze; Pontiggia lässt (beinah) jegliche menschliche Eigenheit das Leben des jeweiligen Trägers tiefgehend beeinflussen. Eine jede Mini-Biographie beschreibt einen abgeschlossenen Lebenslauf: Geburt, prägende Ereignisse in der Kindheit und wegweisende Stationen und Personen auf dem Werdegang, Stärken und Schwächen, Freud und Leid, Zwänge, Erfolge und Fehler, Älter- und Altwerden, der plötzlich oder nach langem Leiden eintretende Tod. Aus ziemlich distanziert bleibender Warte und mit lakonisch-unpersönlichem, aber doch detailgetreuen Stil berichtet der Autor, ähnlich einem Reporter, von den in seinem Kopf entstandenen (literarischen) Individuen mit ihren spezifischen Eigenschaften im mehr oder minder harten (Über-)Lebenskampf.

Vom lyrischen Wesen einer jeden Existenz
Unterhaltsam sind die Nachzeichnungen einzelner Möglichkeiten menschlicher Existenzgestaltung allemal, allerdings ist man als Leser bei manchen doch ganz froh, sind sie nur kurz gehalten und bieten bald wieder Platz für eine nächste, andere. Auch wenn die Lektüre dieses Buches sehr kurzweilig ausfällt, kann ein schaler Nachgeschmack zurückbleiben. Unbestritten sind zwar alle Lebensbeschreibungen realistisch, viele erscheinen in ihrer Struktur zwar nicht unbedingt zu simpel, aber doch klischeehaft gestrickt (Seitensprung hier, Betrug da) und wirken trotz der bisweilen gewonnenen Eigendynamik seltsam leblos und konstruiert. Aber ähnlich würde wohl noch manches ,reale' Leben erscheinen, würde man es in der Pontiggia'nen Form festzuhalten versuchen

So lassen denn die Geschichten meist die vom Leser erwartete und vielleicht gesuchte Pointe, die eigentliche Moral dahinter vermissen - dies liegt aber weniger am Unvermögen des Autors als vielmehr an der (schicksalhaften?) Zufälligkeit des Lebens selbst. Einerseits vermag Pontiggias ,Buch der Viten' einem die (für manche wohl ziemlich schmerzliche) Gewissheit vermitteln, dass j e d e s Leben letztendlich doch nur gewöhnlich und eines unter unzähligen ist und zur bloss vermeintlich wichtigen Nichtigkeit reduziert werden kann. Andererseits und je nach Perspektive lässt sich dasselbe Leben aber auch legitim zur nur vermeintlich nichtigen Wichtigkeit hochstilisieren, wie es ein Zitat von George Santayana am Anfang des Buches vorwegnimmt: "Alles in der Natur hat ein lyrisches Wesen, ein tragisches Schicksal, eine komische Existenz".

304 Seiten, CHF 15.20

Zum Autor

Giuseppe Pontiggia, geboren 1934 in Como, war ein Büchernarr. 40.000 Bände hatte er in seiner Mailänder Vierzimmerwohnung gesammelt. Um überhaupt Zeit dafür zu haben, gab er eine Anstellung als Bankkaufmann auf, studierte Literatur, promovierte, wurde Lehrer und schließlich Schriftsteller. Pontiggia starb 2003 in Mailand.

Quelle: dtv


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