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Guiseppe Pontiggia: "Vom Leben gewöhnlicher
Männer und Frauen" (Erzählungen) | dtv
Ein Buch der Viten
Die Sammlung von über einem Dutzend
kurzgefasster Lebensgeschichten des italienischen Büchernarrs
Giuseppe Pontiggia zeugt von grosser Vorstellungskraft und ausgereiftem
Gespür fürs Menschliche.
Von Marco Durrer.
Mit seinen fiktiven, protokollartig gehaltenen
Lebensläufen italienischer Mitbürger präsentiert
Pontiggia dem Leser unterhaltsame Ausschnitte aus dem ansonsten
mehrheitlich anonym bleibenden Welttheater. Zusammen ergeben
die achtzehn (Lebens-) Geschichten ein vielfältiges, amüsantes
und eindrückliches südwesteuropäisches Sittenbild
des von zwei Weltkriegen geplagten 20. Jahrhunderts.
Jedem seine Geschichte
Ob nun körperlich oder geistig
Angeschlagene, Frühreife, Ehebrecher, Rebellen oder Opportunisten,
Nichtstuer, sparwütige Bankangestellte, verhinderte Künstler
oder einfach nur komische Käuze; Pontiggia lässt (beinah)
jegliche menschliche Eigenheit das Leben des jeweiligen Trägers
tiefgehend beeinflussen. Eine jede Mini-Biographie beschreibt
einen abgeschlossenen Lebenslauf: Geburt, prägende Ereignisse
in der Kindheit und wegweisende Stationen und Personen auf dem
Werdegang, Stärken und Schwächen, Freud und Leid, Zwänge,
Erfolge und Fehler, Älter- und Altwerden, der plötzlich
oder nach langem Leiden eintretende Tod. Aus ziemlich distanziert
bleibender Warte und mit lakonisch-unpersönlichem, aber
doch detailgetreuen Stil berichtet der Autor, ähnlich einem
Reporter, von den in seinem Kopf entstandenen (literarischen)
Individuen mit ihren spezifischen Eigenschaften im mehr oder
minder harten (Über-)Lebenskampf.
Vom lyrischen Wesen einer jeden Existenz
Unterhaltsam sind die Nachzeichnungen einzelner Möglichkeiten
menschlicher Existenzgestaltung allemal, allerdings ist man als
Leser bei manchen doch ganz froh, sind sie nur kurz gehalten
und bieten bald wieder Platz für eine nächste, andere.
Auch wenn die Lektüre dieses Buches sehr kurzweilig ausfällt,
kann ein schaler Nachgeschmack zurückbleiben. Unbestritten
sind zwar alle Lebensbeschreibungen realistisch, viele erscheinen
in ihrer Struktur zwar nicht unbedingt zu simpel, aber doch klischeehaft
gestrickt (Seitensprung hier, Betrug da) und wirken trotz der
bisweilen gewonnenen Eigendynamik seltsam leblos und konstruiert.
Aber ähnlich würde wohl noch manches ,reale' Leben
erscheinen, würde man es in der Pontiggia'nen Form festzuhalten
versuchen
So lassen denn die Geschichten meist die vom
Leser erwartete und vielleicht gesuchte Pointe, die eigentliche
Moral dahinter vermissen - dies liegt aber weniger am Unvermögen
des Autors als vielmehr an der (schicksalhaften?) Zufälligkeit
des Lebens selbst. Einerseits vermag Pontiggias ,Buch der Viten'
einem die (für manche wohl ziemlich schmerzliche) Gewissheit
vermitteln, dass j e d e s Leben letztendlich doch nur gewöhnlich
und eines unter unzähligen ist und zur bloss vermeintlich
wichtigen Nichtigkeit reduziert werden kann. Andererseits und
je nach Perspektive lässt sich dasselbe Leben aber auch
legitim zur nur vermeintlich nichtigen Wichtigkeit hochstilisieren,
wie es ein Zitat von George Santayana am Anfang des Buches vorwegnimmt:
"Alles in der Natur hat ein lyrisches Wesen, ein tragisches
Schicksal, eine komische Existenz".
304 Seiten, CHF 15.20
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Zum Autor
Giuseppe Pontiggia, geboren 1934 in Como,
war ein Büchernarr. 40.000 Bände hatte er in seiner
Mailänder Vierzimmerwohnung gesammelt. Um überhaupt
Zeit dafür zu haben, gab er eine Anstellung als Bankkaufmann
auf, studierte Literatur, promovierte, wurde Lehrer und schließlich
Schriftsteller. Pontiggia starb 2003 in Mailand.
Quelle: dtv
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