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Gert Hofmann: "Zur Phänomenologie
des Snobs" (Erzählungen) | Hanser
Jeder sein eigener Snob
Gesellschaftsmensch oder Snob? Das
ist in den Erzählungen von Gert Hofmann die Frage. Nach
seiner Analyse des Snobsimus wird klar: meist sind es von Hofmann
herrlich in Szene gesetzte Snobs.
Von Sandra Despont.
Die mehr oder weniger versnobten Protagonisten
von Hofmanns Erzählungen sind fast alle unter den (Pseudo)Intellektuellen
und (Möchtegern)Künstlern zu finden. Alle glauben sie,
ein bisschen anders, ein bisschen besser, ein bisschen gescheiter
und respektabler zu sein als alle anderen.
Mrs. Old Family und Mrs. New Rich
In kleinen erzählerischen Miniaturen
berichtet Gert Hofmann von den snobistischen Anwandlungen von
Komponisten, Bierstudenten und sich selbst. Herzstück des
Erzählbandes ist aber eine Analyse des Snobismus hier und
anderswo, gestern und heute. Dem "homme du monde" wird
der Gesellschaftssnob gegenübergestellt, der ganz aus Imitation
und in der Hoffnung auf gesellschaftlichen Aufstieg lebt. Urteilslos,
ignorant und dabei ständig bemüht, sich von der grossen
Masse zu unterschieden und sich Geltung in der gesellschaftlichen
Welt zu verschaffen. Mit amüsanten Beispielen und feinem
Witz führt Hofmann in die Welt des Snobismus ein, indem
er die Wortbedeutung früher und heute, auch und immer wieder
anhand von literarischen Texten illustriert. Wie sich die Ausprägungen
des Snobismus je nach Land und gesellschaftlichen Voraussetzungen
unterscheiden, zeigt er am Knigge der Emily Post. Die gute Gesellschaft
wird dort von Mrs. Old Family repräsentiert, während
Mrs. New Rich ein Parvenu und potentieller Snob ist. Obwohl der
klassische Snob zusammen mit der guten Gesellschaft verschwunden
ist, gibt es natürlich auch heute noch Snobismus. Nur hat
er sich sozusagen demokratisiert, oder, wie Hofmann sagt: "Jeder
hat das Recht, sein eigener Snob zu sein.
Überzeugender Essayist
Letztlich findet sich in fast allen
der hier versammelten kurzen Erzählungen Hofmanns das Motiv
des Snobismus. Dies ist allerdings vor der Lektüre des essayartigen
Dialogs "Leben aus zweiter Hand" etwa in der Mitte
des Bandes nicht wirklich deutlich, so dass man als Hofmann-unerfahrener
Leser zuerst etwas hilflos vor den banalen, wenn auch mit feinem
Witz ausgestatteten und genau beobachteten Erzählungen steht.
Auch nach der Lektüre des gesamten Bandes bleiben die eindrücklichsten
Leseerlebnisse die Texte über Snobismus, über Henry
James und Jorge Castillo, in denen der Schriftsteller sich sprachlich
brillant dem Thema widmet und die Künstler auf knappem Raum
überzeugend würdigt und sich dabei nicht scheut, klar
Stellung zu beziehen. Auch wer mit dem Erzähler Hofmann
nicht warm wird: der Essayist überzeugt auf ganzer Linie!
146 Seiten, CHF 27.20
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