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Hong Ying: "Die chinesische Geliebte"
(Roman) | Aufbau Taschenbuch
Liebesalphabet
Wie traditionelle Werte, traditionelle
Kunst und traditionelles Wissen mit Fortschrittsgedanken und
-streben zusammengebracht werden kann - und das im China
der 1930er Jahre, das zeigt das Buch "Die chinesische Geliebte"
auf eine ganz spezielle Art auf. Anmutig, faszinierend, erotisch,
selbstbewusst; ein ergreifender Roman um Liebe, Erotik und Sinnlichkeit,
um Leben und Tod.
Von Andrea Schmuki.
1937 in Madrid: der erste Jahrestag des Bürgerkrieges,
und die Hauptstadt ist noch immer belegt. Die Brunete-Offensive
ist gestartet und Julian Bells, der Neffe Virginia Woolfs, fährt
einen Rettungswagen. Die Evakuierung der Verwundeten wird jedoch
zunehmend schwieriger und Julians Laster wird von einer Bombe
getroffen. Er stirbt noch am selben Tag, unglaublich friedlich
und zufrieden; er hatte zwei Wünsche in seinem Leben: eine
schöne Geliebte und in den Kampf zu ziehen. Beide wurden
ihm erfüllt. Das Buch "Die chinesische Geliebte"
erläutert weiterhin vorwiegend die Erfüllung seines
ersten Wunsches.
China 1935
Wuhan, in Südchina: der englische Gelehrte Julian Bells
hat eine lange Reise hinter sich, um an der Universität
von Wuhan eine Stelle als Englischdozent anzutreten. Kaum angekommen
wird er in Empfang genommen, zum Essen ausgeführt von seinen
künftigen Kollegen - darunter auch der Dekan Cheng und
dessen Frau Lin. Aus der Bekanntschaft mit Lin - welche eine
nicht unbekannte Schriftstellerin ist - wird Freundschaft,
dann beginnen sie eine heisse Affäre und schliesslich wird
daraus sogar Liebe, zu welcher Julian jedoch nicht stehen möchte,
obwohl Lin dabei viel mehr riskiert als er.
Die moderne und westlich-orientierte Chinesin
kennt Geheimnisse der alten taoistischen Liebeskunst und ist
darin von ihrer Mutter praktisch ausgebildet worden. Der intellektuelle
Cheng, Lins Mann, wollte nie etwas davon wissen und so kann Lin
nun mit Julian zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Sexualität
richtig ausleben: in Peking in heissen Quellen und einer Opiumhöhle
erfährt dann auch Julian, der in England immerzu der Verführer
war, was es heisst, verführt zu werden. Wie es nach diesen
Semesterferien in Peking mit der Affäre zwischen Lin und
Julian weitergeht und wie es kommt, dass er schliesslich wenig
später in Spanien fällt, liest man am besten selber.
Erotisch und feinfühlig
Der hocherotische, jedoch auch äusserst feinfühlige
Roman "Die chinesische Geliebte" erschien im Original
unter dem Titel "K", dem elften Buchstaben in Julians
Liebesalphabet. Die Geschichte erzählt von Freundschaft
und Liebe, von Leidenschaft und Erotik, von Leben und Tod, aber
auch von europäischer Arroganz und asiatischen Mysterien.
Dabei kommt jedoch kein Kategoriendenken darüber auf, wie
"westliche Männer" und "asiatische Frauen"
sind, oder sein sollten. Es ist keine banale Liebesgeschichte,
sondern eine Geschichte über eine leidenschaftliche Beziehung,
welche auch emotionalen Tiefgang besitzt. Zusätzlich dazu,
dass der Roman inhaltlich überzeugt, ist er auch noch gut
und einfühlend geschrieben. Mit seiner flüssigen Sprache
und vielfältiger Wortwahl liest sich "Die chinesische
Geliebte" in einem Zug durch.
Nach dreijährigen Prozessen wurde das
Buch in China für immer verboten, da es obszön und
unmoralisch und schlichtweg Ahnenverleumdung sei. In Europa hingegen
ist dieses Buch über weibliche Sexualität ein Renner.
"Die chinesische Geliebte" ist ein
feinsinniger und leidenschaftlicher Roman über die Beziehung
zwischen einem Engländer und einer Chinesin. Inhaltlich
überzeugt er durch emotionalen Tiefgang, formal durch seine
flüssige Sprache und die sorgfältige Wortwahl.
269 Seiten, CHF 14.80
Im Archiv:
Besprechung
von Hong Yings Roman "Der Pfau weint"
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Zur Autorin
Hong Ying, 1962 in Sichuan geboren, wuchs
in den Slums von Chongqing am Rande des Jangtse in China auf.
Nach einer Kindheit und Jugend in größter Armut verließ
sie mit 18 ihren Heimatort, um in Peking ein neues Leben als
Autorin zu beginnen. Angesichts von Repressionen und Zensur wanderte
sie 1989 nach England aus, wo sie heute lebt. International wurde
sie durch ihren Roman "Der chinesische Sommer" und
ihre Autobiographie "Daughter of the River" bekannt.
"Die chinesische Geliebte" stand wochenlang ganz oben
auf der Spiegel-Bestsellerliste.
Quelle: Aufbau Verlag
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