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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Hong Ying: "Die chinesische Geliebte" (Roman) | Aufbau Taschenbuch
Liebesalphabet

Wie traditionelle Werte, traditionelle Kunst und traditionelles Wissen mit Fortschrittsgedanken und -streben zusammengebracht werden kann - und das im China der 1930er Jahre, das zeigt das Buch "Die chinesische Geliebte" auf eine ganz spezielle Art auf. Anmutig, faszinierend, erotisch, selbstbewusst; ein ergreifender Roman um Liebe, Erotik und Sinnlichkeit, um Leben und Tod.

Von Andrea Schmuki.

1937 in Madrid: der erste Jahrestag des Bürgerkrieges, und die Hauptstadt ist noch immer belegt. Die Brunete-Offensive ist gestartet und Julian Bells, der Neffe Virginia Woolfs, fährt einen Rettungswagen. Die Evakuierung der Verwundeten wird jedoch zunehmend schwieriger und Julians Laster wird von einer Bombe getroffen. Er stirbt noch am selben Tag, unglaublich friedlich und zufrieden; er hatte zwei Wünsche in seinem Leben: eine schöne Geliebte und in den Kampf zu ziehen. Beide wurden ihm erfüllt. Das Buch "Die chinesische Geliebte" erläutert weiterhin vorwiegend die Erfüllung seines ersten Wunsches.

China 1935
Wuhan, in Südchina: der englische Gelehrte Julian Bells hat eine lange Reise hinter sich, um an der Universität von Wuhan eine Stelle als Englischdozent anzutreten. Kaum angekommen wird er in Empfang genommen, zum Essen ausgeführt von seinen künftigen Kollegen - darunter auch der Dekan Cheng und dessen Frau Lin. Aus der Bekanntschaft mit Lin - welche eine nicht unbekannte Schriftstellerin ist - wird Freundschaft, dann beginnen sie eine heisse Affäre und schliesslich wird daraus sogar Liebe, zu welcher Julian jedoch nicht stehen möchte, obwohl Lin dabei viel mehr riskiert als er.

Die moderne und westlich-orientierte Chinesin kennt Geheimnisse der alten taoistischen Liebeskunst und ist darin von ihrer Mutter praktisch ausgebildet worden. Der intellektuelle Cheng, Lins Mann, wollte nie etwas davon wissen und so kann Lin nun mit Julian zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Sexualität richtig ausleben: in Peking in heissen Quellen und einer Opiumhöhle erfährt dann auch Julian, der in England immerzu der Verführer war, was es heisst, verführt zu werden. Wie es nach diesen Semesterferien in Peking mit der Affäre zwischen Lin und Julian weitergeht und wie es kommt, dass er schliesslich wenig später in Spanien fällt, liest man am besten selber.

Erotisch und feinfühlig
Der hocherotische, jedoch auch äusserst feinfühlige Roman "Die chinesische Geliebte" erschien im Original unter dem Titel "K", dem elften Buchstaben in Julians Liebesalphabet. Die Geschichte erzählt von Freundschaft und Liebe, von Leidenschaft und Erotik, von Leben und Tod, aber auch von europäischer Arroganz und asiatischen Mysterien. Dabei kommt jedoch kein Kategoriendenken darüber auf, wie "westliche Männer" und "asiatische Frauen" sind, oder sein sollten. Es ist keine banale Liebesgeschichte, sondern eine Geschichte über eine leidenschaftliche Beziehung, welche auch emotionalen Tiefgang besitzt. Zusätzlich dazu, dass der Roman inhaltlich überzeugt, ist er auch noch gut und einfühlend geschrieben. Mit seiner flüssigen Sprache und vielfältiger Wortwahl liest sich "Die chinesische Geliebte" in einem Zug durch.

Nach dreijährigen Prozessen wurde das Buch in China für immer verboten, da es obszön und unmoralisch und schlichtweg Ahnenverleumdung sei. In Europa hingegen ist dieses Buch über weibliche Sexualität ein Renner.

"Die chinesische Geliebte" ist ein feinsinniger und leidenschaftlicher Roman über die Beziehung zwischen einem Engländer und einer Chinesin. Inhaltlich überzeugt er durch emotionalen Tiefgang, formal durch seine flüssige Sprache und die sorgfältige Wortwahl.

269 Seiten, CHF 14.80

Im Archiv:
Besprechung von Hong Yings Roman "Der Pfau weint"

Zur Autorin

Hong Ying, 1962 in Sichuan geboren, wuchs in den Slums von Chongqing am Rande des Jangtse in China auf. Nach einer Kindheit und Jugend in größter Armut verließ sie mit 18 ihren Heimatort, um in Peking ein neues Leben als Autorin zu beginnen. Angesichts von Repressionen und Zensur wanderte sie 1989 nach England aus, wo sie heute lebt. International wurde sie durch ihren Roman "Der chinesische Sommer" und ihre Autobiographie "Daughter of the River" bekannt. "Die chinesische Geliebte" stand wochenlang ganz oben auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Quelle: Aufbau Verlag


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