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Tom Wolfe: "Ich bin Charlotte Simmons"
(Roman) | Belssing
Saufen, Sex und Sport
In seinem dritten Roman widmet sich
der Autor von "Fegefeuer der Eitelkeiten" ausführlich
dem Leben an einem amerikanischen College. Dort werden Eliten
gezüchtet, dort treffen sich die zukünftigen Führungskräfte
des Landes, dort geht es im Wesentlichen um drei Dinge: Saufen,
Sex und Sport.
Von Sandra Despont.
Harvard, Princeton, Yale, Stanford - dies
sind die Namen, die den Amerikanern und inzwischen auch uns in
den Ohren klingen, wenn es um US-Amerikanische Elite-Unis geht.
Was an diesen Kaderschmieden wirklich abgeht, zeigt Tom Wolfe
nun am Beispiel der Dupont University und demaskiert damit den
grossen Tanz um begabte Studenten, den schönen Schein und
das grosse Geld.
"und so was mach ich nicht!"
Charlotte Simmons kann ihr Glück
kaum fassen: sie hat ein Stipendium für die Elite-Uni Dupont
ergattert, dem "Paradies der Gelehrsamkeit". Fröhlich
zieht sie los, die naive, dafür blitzgescheite Charlotte,
ein Landei erster Güte, um an der renommierten Bildungsanstalt
Gleichgesinnte zu finden. Doch an der Dupont University haben
Studenten wie Hoyt und Vance das Sagen. Sie sind die Dupont-Männer,
echte Kerle, "berauscht von Bier und ihrer eigenen Jugend",
überlegen allein durch ihre unglaubliche Coolness. Ihr einziger
Ehrgeiz ist es, die wildesten Partys zu feiern und die meisten
Mädels flachzulegen. Auch cool und angesagt sind Jojo, Vernon
und Mike. Sie sind als Basketballspieler für den sportlichen
Ruhm der Uni verantwortlich, können lästige geistige
Arbeit ihren Tutoren überlassen und sich stattdessen ihren
allzeit bereitwillig die Beine breit machenden Groupies widmen.
Charlotte merkt schnell, dass für ein Mädchen hier
nur drei Dinge zählen, um vor den Augen der Uni-Gemeinschaft
bestehen zu können: Aussehen, Jungs, Beliebtheit. Der gute
Rat ihrer Mutter, sich zu nichts zwingen zu lassen und sich allem
Anstössigen und Amoralischen mit den Worten "Ich bin
Charlotte Simmons und so was mach ich nicht!" zu verweigern,
ist da so gut gemeint wie unnütz. Grenzenlose Einsamkeit
und den Ruf, ein Loser zu sein ist der Preis, der Charlotte für
ihr Selbstbewusstsein als tugendhaftes und selbstdiszipliniertes
Mädchen aus den Bergen bezahlen muss.
"Grease" heute - und unromantisch
Doch Charlotte ist zu hübsch,
um nicht aufzufallen. Ausgerechnet Hoyt, der in der Saint Ray
Verbindung tonangebende und in der Hackordnung zuoberst stehende
echte und obercoole Dupont-Mann, wirft ein Auge auf sie. Plötzlich
scheint klar, wie ihre Antwort auf die Frage "anders sein
oder dazugehören?" lautet. Doch zu welchem Preis? Auch
Charlotte kann sich, wie schon damals Olivia Newton John alias
Sandy in "Grease", der Anziehungskraft der Coolen und
Verwegenen auf Dauer nicht entziehen, denn wer will schon zu
den Losern, den Trollen, den Verachtens- und Bedauernswerten
zählen? Wie in "Grease" fühlt sich ausgerechnet
das Alpha-Männchen der Truppe von der charmanten, arglosen
und ein wenig widerspenstigen Provinzschönheit angezogen.
"Ich bin Charlotte Simmons" ist aber kein Teeniefilm
mit vorprogrammiertem Happy End und so endet der Roman nach hoffnungsfrohem
Anfang, Demütigungen bis hin zur Vernichtung und Wiederauferstehung
aus der Asche nicht mit einem überschwänglich-herzhaften
"You're The One That I Want". Wolfe präsentiert
uns keine Phantasiewelt, in der die Heldin zwar durch sämtliche
Höllen menschlicher Gefühle geht, am Schluss aber vollständig
geläutert dasteht, sondern zeichnet auf nicht ganz 800 Seiten
ein Sittenbild, das nichts Tröstliches hat.
Wie die Katzen
Wer Achtung und Ehrfurcht vor den
US Amerikanischen Elite-Universitäten und deren Absolventen
wahren will, der sei vor "Ich bin Charlotte Simmons"
gewarnt. Wolfe lässt nichts aus und entlarvt den schönen
Schein, noch bevor er ihn als solchen etabliert hat. Er nimmt
seine Leser und Leserinnen mit in die Vorlesungssäle, auf
die Parties, in die Mensen, Schlafräume und - zu Charlottes
anfänglichem Entsetzen - gemischten Toiletten. Wir sehen
den Uni-Kosmos gefiltert durch die Blicke Charlottes, des Basketballers
Jojo, des überintellektuellen Millenniumsmutanten Adam und
des angesagten Hoyt. Mit der Geschichte der Anpassung einer Aussenseiterin
an eine vorherrschende Unikultur illustriert Wolfe seine These,
die er schon vor dem Prolog in den Raum stellt: dass die Existenz
von "kulturellen Parastimuli", die bei Katzen beobachtet
werden können, problemlos auf Menschen, in diesem Fall Studierende,
übertragbar ist. Die Erstsemester sind dabei wie die Katzen,
die ohne äussere Einwirkung, bloss durch ihr Umfeld einer
hypermanischen sexuellen Obsession verfallen. Die Ähnlichkeit
zwischen den Katzen im Versuchsraum und den Studierenden auf
dem Campus ist zwar auf den ersten Blick weit hergeholt, doch
nach der Lektüre von "Ich bin Charlotte Simmons"
leuchtet sie unmittelbar ein. Dass menschliche Wesen im Endeffekt
dann hoffentlich doch etwas komplizierter funktionieren, sei
mal dahingestellt.
Essenz in epischer Breite
Tom Wolfes neuer Roman hat also eine
Essenz, erzählt eine Geschichte mit Aschenputtelcharme und
zeigt mit einer gewissen Detailverliebtheit das Leben auf einem
US-Amerikanischen Campus. Ein Sittengemälde, Kritik an einem
verlogenen Bildungssystem, an den degenerierten Sprösslingen
der Upper-Class. Die Kritik schreibt von einer "Great American
Novel", der dritte Roman des 74-jährigen Wolfe wird
als "in jeder Hinsicht grandios" gefeiert. Mit "Ich
bin Charlotte Simmons" zeigt Tom Wolfe, dass er die Hauptzüge
und Mentalitäten einer Gesellschaft erfassen und gleichsam
aus ihrem Innern heraus darstellen kann, ohne als moralische
Instanz in Erscheinung zu treten. Unzweifelhaft ist der Roman
amüsant, unterhaltsam und bissig, doch auf 800 Seiten ausgebreitete
Klischees und Stereotypen laufen sich, so wahrheitsgemäss
und gut beobachtet sie sein mögen, irgendwann tot. Die epische
Breite, in der eine insgesamt doch recht banale Geschichte und
eine kluge Essenz herausgearbeitet werden, erscheint letztendlich
nicht ganz gerechtfertigt, so dass man sich fragen kann, was
Wolfe zu dieser Ausführlichkeit getrieben hat. Trotzdem
bleibt "Charlotte Simmons" ein fulminanter, nie langweiliger
Roman, der allen gefallen wird, die von der Niveaulosigkeit und
Dekadenz des modernen Menschen (und insbesondere des US-Amerikaners)
überzeugt sind.
791 Seiten, CHF 43.70
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Zum Autor
Tom Wolfe, 1931 geboren, lebt in New York.
Er gehörte in den 60er Jahren zu den Gründern des "New
Journalism". Sein erster Roman, "Fegefeuer der Eitelkeiten",
wurde auf Anhieb zum Weltbestseller. "Ich bin Charlotte
Simmons", sein dritter Roman, hat in den USA eine Startauflage
von 1,5 Mio. Exemplaren.
Quelle: Blessing
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