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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tom Wolfe: "Ich bin Charlotte Simmons" (Roman) | Belssing
Saufen, Sex und Sport

In seinem dritten Roman widmet sich der Autor von "Fegefeuer der Eitelkeiten" ausführlich dem Leben an einem amerikanischen College. Dort werden Eliten gezüchtet, dort treffen sich die zukünftigen Führungskräfte des Landes, dort geht es im Wesentlichen um drei Dinge: Saufen, Sex und Sport.

Von Sandra Despont.

Harvard, Princeton, Yale, Stanford - dies sind die Namen, die den Amerikanern und inzwischen auch uns in den Ohren klingen, wenn es um US-Amerikanische Elite-Unis geht. Was an diesen Kaderschmieden wirklich abgeht, zeigt Tom Wolfe nun am Beispiel der Dupont University und demaskiert damit den grossen Tanz um begabte Studenten, den schönen Schein und das grosse Geld.

"und so was mach ich nicht!"
Charlotte Simmons kann ihr Glück kaum fassen: sie hat ein Stipendium für die Elite-Uni Dupont ergattert, dem "Paradies der Gelehrsamkeit". Fröhlich zieht sie los, die naive, dafür blitzgescheite Charlotte, ein Landei erster Güte, um an der renommierten Bildungsanstalt Gleichgesinnte zu finden. Doch an der Dupont University haben Studenten wie Hoyt und Vance das Sagen. Sie sind die Dupont-Männer, echte Kerle, "berauscht von Bier und ihrer eigenen Jugend", überlegen allein durch ihre unglaubliche Coolness. Ihr einziger Ehrgeiz ist es, die wildesten Partys zu feiern und die meisten Mädels flachzulegen. Auch cool und angesagt sind Jojo, Vernon und Mike. Sie sind als Basketballspieler für den sportlichen Ruhm der Uni verantwortlich, können lästige geistige Arbeit ihren Tutoren überlassen und sich stattdessen ihren allzeit bereitwillig die Beine breit machenden Groupies widmen. Charlotte merkt schnell, dass für ein Mädchen hier nur drei Dinge zählen, um vor den Augen der Uni-Gemeinschaft bestehen zu können: Aussehen, Jungs, Beliebtheit. Der gute Rat ihrer Mutter, sich zu nichts zwingen zu lassen und sich allem Anstössigen und Amoralischen mit den Worten "Ich bin Charlotte Simmons und so was mach ich nicht!" zu verweigern, ist da so gut gemeint wie unnütz. Grenzenlose Einsamkeit und den Ruf, ein Loser zu sein ist der Preis, der Charlotte für ihr Selbstbewusstsein als tugendhaftes und selbstdiszipliniertes Mädchen aus den Bergen bezahlen muss.

"Grease" heute - und unromantisch
Doch Charlotte ist zu hübsch, um nicht aufzufallen. Ausgerechnet Hoyt, der in der Saint Ray Verbindung tonangebende und in der Hackordnung zuoberst stehende echte und obercoole Dupont-Mann, wirft ein Auge auf sie. Plötzlich scheint klar, wie ihre Antwort auf die Frage "anders sein oder dazugehören?" lautet. Doch zu welchem Preis? Auch Charlotte kann sich, wie schon damals Olivia Newton John alias Sandy in "Grease", der Anziehungskraft der Coolen und Verwegenen auf Dauer nicht entziehen, denn wer will schon zu den Losern, den Trollen, den Verachtens- und Bedauernswerten zählen? Wie in "Grease" fühlt sich ausgerechnet das Alpha-Männchen der Truppe von der charmanten, arglosen und ein wenig widerspenstigen Provinzschönheit angezogen. "Ich bin Charlotte Simmons" ist aber kein Teeniefilm mit vorprogrammiertem Happy End und so endet der Roman nach hoffnungsfrohem Anfang, Demütigungen bis hin zur Vernichtung und Wiederauferstehung aus der Asche nicht mit einem überschwänglich-herzhaften "You're The One That I Want". Wolfe präsentiert uns keine Phantasiewelt, in der die Heldin zwar durch sämtliche Höllen menschlicher Gefühle geht, am Schluss aber vollständig geläutert dasteht, sondern zeichnet auf nicht ganz 800 Seiten ein Sittenbild, das nichts Tröstliches hat.

Wie die Katzen
Wer Achtung und Ehrfurcht vor den US Amerikanischen Elite-Universitäten und deren Absolventen wahren will, der sei vor "Ich bin Charlotte Simmons" gewarnt. Wolfe lässt nichts aus und entlarvt den schönen Schein, noch bevor er ihn als solchen etabliert hat. Er nimmt seine Leser und Leserinnen mit in die Vorlesungssäle, auf die Parties, in die Mensen, Schlafräume und - zu Charlottes anfänglichem Entsetzen - gemischten Toiletten. Wir sehen den Uni-Kosmos gefiltert durch die Blicke Charlottes, des Basketballers Jojo, des überintellektuellen Millenniumsmutanten Adam und des angesagten Hoyt. Mit der Geschichte der Anpassung einer Aussenseiterin an eine vorherrschende Unikultur illustriert Wolfe seine These, die er schon vor dem Prolog in den Raum stellt: dass die Existenz von "kulturellen Parastimuli", die bei Katzen beobachtet werden können, problemlos auf Menschen, in diesem Fall Studierende, übertragbar ist. Die Erstsemester sind dabei wie die Katzen, die ohne äussere Einwirkung, bloss durch ihr Umfeld einer hypermanischen sexuellen Obsession verfallen. Die Ähnlichkeit zwischen den Katzen im Versuchsraum und den Studierenden auf dem Campus ist zwar auf den ersten Blick weit hergeholt, doch nach der Lektüre von "Ich bin Charlotte Simmons" leuchtet sie unmittelbar ein. Dass menschliche Wesen im Endeffekt dann hoffentlich doch etwas komplizierter funktionieren, sei mal dahingestellt.

Essenz in epischer Breite
Tom Wolfes neuer Roman hat also eine Essenz, erzählt eine Geschichte mit Aschenputtelcharme und zeigt mit einer gewissen Detailverliebtheit das Leben auf einem US-Amerikanischen Campus. Ein Sittengemälde, Kritik an einem verlogenen Bildungssystem, an den degenerierten Sprösslingen der Upper-Class. Die Kritik schreibt von einer "Great American Novel", der dritte Roman des 74-jährigen Wolfe wird als "in jeder Hinsicht grandios" gefeiert. Mit "Ich bin Charlotte Simmons" zeigt Tom Wolfe, dass er die Hauptzüge und Mentalitäten einer Gesellschaft erfassen und gleichsam aus ihrem Innern heraus darstellen kann, ohne als moralische Instanz in Erscheinung zu treten. Unzweifelhaft ist der Roman amüsant, unterhaltsam und bissig, doch auf 800 Seiten ausgebreitete Klischees und Stereotypen laufen sich, so wahrheitsgemäss und gut beobachtet sie sein mögen, irgendwann tot. Die epische Breite, in der eine insgesamt doch recht banale Geschichte und eine kluge Essenz herausgearbeitet werden, erscheint letztendlich nicht ganz gerechtfertigt, so dass man sich fragen kann, was Wolfe zu dieser Ausführlichkeit getrieben hat. Trotzdem bleibt "Charlotte Simmons" ein fulminanter, nie langweiliger Roman, der allen gefallen wird, die von der Niveaulosigkeit und Dekadenz des modernen Menschen (und insbesondere des US-Amerikaners) überzeugt sind.

791 Seiten, CHF 43.70

Zum Autor

Tom Wolfe, 1931 geboren, lebt in New York. Er gehörte in den 60er Jahren zu den Gründern des "New Journalism". Sein erster Roman, "Fegefeuer der Eitelkeiten", wurde auf Anhieb zum Weltbestseller. "Ich bin Charlotte Simmons", sein dritter Roman, hat in den USA eine Startauflage von 1,5 Mio. Exemplaren.

Quelle: Blessing


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