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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Friedrich Karl Waechter: "Vollmond" (Genre) | Diogenes
Alles andere als Normal

Ein ganz normaler Abend eines ganz gewöhnlichen Berliners, der sich urplötzlich ungewollt und überraschend auf dem Mond wieder findet. Dies ist mit den liebevoll gestalteten Illustrationen zu einer märchenhaften phantastischen Geschichte geworden, die dennoch Realität nachzeichnet. Ob bei Vollmond oder nicht- dieses Büchlein, sollte sich ein Fan von schlichten Geschichten über die man auch nachdenken und philosophieren kann, nicht entgehen lassen.

Von Sarah von Känel.

Alles beginnt mit den Versen eines unbekannten Berliner Dichters: "Ick sitze hier und esse Klops. Uff eenmal klopps. Ich kieke, staune, wundre mir, uff eenmal jeht se uff, de Tür. Nanu, denk ick, ick denk, nanu! Jetzt is se uff, erst war se zu. Ick jehe raus und kieke, und wer steht draussen?- Icke!" Diesem witzigen Anfang hat der polnische Grafiker, Friedrich Karl Waechter nun eine phantastische Reise zum Mond angedichtet.

Spezieller Vollmond
Ein Kinderbuch ist es nicht. Ein Buch für Erwachsene ebenso wenig. Weder als spannend, noch langweilig lässt sich der Inhalt beschreiben. Wirklicher Tiefsinn fehlt, doch wäre es ungerecht, das Buch als oberflächlich zu betiteln. Eigentlich lässt sich nur sagen, wie und was das Büchlein nicht ist. Einordnen ist schwierig bis unmöglich. 'Speziell' ist wohl das treffende Wort. Am auffälligsten ist der unverkennbare Berlinerdialekt, der den Leser hin und wieder zum Lächeln bringt. In salopper Sprache und im Dialekt der deutschen Hauptstadt führen die kurzen Reime den Leser, unterstützt von Bildern, durch eine etwas seltsam anmutende Kurzgeschichte. Nur knapp fünf Minuten braucht der zügige Leser um das Büchlein zu lesen. Aber dies ist auch nicht ein Buch zum einmaligen Lesen; vielmehr kann es immer wieder gelesen und neu interpretiert werden. Der Berlinerdialekt, verpackt in kurze Prosareime, ist oft sehr lustig und die Bilder wirken auch beim mehrmaligen Anschauen unterhaltsam. Immer wieder bemerkt man neue Aspekte, die beim vorhergehenden Betrachten übersehen wurden. "Vollmond" gibt mehr her als auf den ersten Blick vermutet wird. Die märchenhafte Geschichte fasziniert durch ihren simplen, ungekünstelten Charme.

Nachttischdekoration
Ein kleines Büchlein, das sich mit dem hübschen Einband auf dem Nachttischlein besonders gut macht. Die zahlreichen Bilder sind, passend zur simplen Sprache, schlicht, gelungen und unterhaltsam. Sogar die Hobbyphilosophen dürften an "Vollmond" ihre helle Freude haben, denn der an sich einfache Inhalt lässt sich leicht vertiefen, interpretieren und ausweiten. Friedrich Karl Wächter erzählt von der Einfachheit des zufriedenen Lebens, tönt an, dass vom Mond die Erde vielleicht manchmal realistischer gesehen werden kann und zeigt, dass Glück oft lange nicht gesehen wird, obwohl es klopfend vor der Türe steht. Daneben wird eine Liebesgeschichte in ihren feinen Anfängen skizziert. Diese endet in einem glanzlosen aber deshalb nicht weniger schönen Happyend und den Worten: "Ick Dussel! Nu wird allet scheen." Zusammenfassend kann man sagen, dass "Vollmond" eine graphische und sprachliche Ausschmückung des Sprichworts: "Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Glück so nahe liegt", ist.

Wer als Gute-Nacht Lektüre weder lange noch komplizierte Romane, sondern einfache, märchenhafte und schöne Geschichten mag, wird mit diesem Buch gut in das Land der Träume befördert.

37 Seiten, CHF 21.90

Zum Autor

Foto: Horst Eigen
Der erste Zeichenauftrag kam von Klassenkamerad Dieter, der eine nackte Frau wollte. Waechter führte den Auftrag aus, ohne je eine gesehen zu haben. Was in der Schule noch Prügel und Gebrüll geerntet hatte, fand in "Pardon" und "Titanic" ein großes und dankbares Publikum. Der Cartoonist, Filmer und Kinderbuchautor begann 1975 auch fürs Theater zu schreiben und inszenierte später eigene Stücke. Bei all seinen Arbeiten ging es ihm immer um das Zusammenspiel von Bild und Text, weshalb er die am häufigsten gestellte Frage »Herr Waechter, als was begreifen Sie sich eigentlich?« nicht ganz begriff und ihm auch die zweithäufigste Frage »Ist das für Kinder oder Erwachsene?« seltsam vorkam. Seine endgültige Antwort: »Ich schreibe und zeichne für alle, die mal fünf waren, noch Erinnerungen daran haben und gern neunundneunzig werden wollen.«

Quelle: Diogenes


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