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Friedrich Karl Waechter: "Vollmond"
(Genre) | Diogenes
Alles andere als Normal
Ein ganz normaler Abend eines ganz
gewöhnlichen Berliners, der sich urplötzlich ungewollt
und überraschend auf dem Mond wieder findet. Dies ist mit
den liebevoll gestalteten Illustrationen zu einer märchenhaften
phantastischen Geschichte geworden, die dennoch Realität
nachzeichnet. Ob bei Vollmond oder nicht- dieses Büchlein,
sollte sich ein Fan von schlichten Geschichten über die
man auch nachdenken und philosophieren kann, nicht entgehen lassen.
Von Sarah von Känel.
Alles beginnt mit den Versen eines unbekannten
Berliner Dichters: "Ick sitze hier und esse Klops. Uff eenmal
klopps. Ich kieke, staune, wundre mir, uff eenmal jeht se uff,
de Tür. Nanu, denk ick, ick denk, nanu! Jetzt is se uff,
erst war se zu. Ick jehe raus und kieke, und wer steht draussen?-
Icke!" Diesem witzigen Anfang hat der polnische Grafiker,
Friedrich Karl Waechter nun eine phantastische Reise zum Mond
angedichtet.
Spezieller Vollmond
Ein Kinderbuch ist es nicht. Ein Buch für Erwachsene ebenso
wenig. Weder als spannend, noch langweilig lässt sich der
Inhalt beschreiben. Wirklicher Tiefsinn fehlt, doch wäre
es ungerecht, das Buch als oberflächlich zu betiteln. Eigentlich
lässt sich nur sagen, wie und was das Büchlein nicht
ist. Einordnen ist schwierig bis unmöglich. 'Speziell' ist
wohl das treffende Wort. Am auffälligsten ist der unverkennbare
Berlinerdialekt, der den Leser hin und wieder zum Lächeln
bringt. In salopper Sprache und im Dialekt der deutschen Hauptstadt
führen die kurzen Reime den Leser, unterstützt von
Bildern, durch eine etwas seltsam anmutende Kurzgeschichte. Nur
knapp fünf Minuten braucht der zügige Leser um das
Büchlein zu lesen. Aber dies ist auch nicht ein Buch zum
einmaligen Lesen; vielmehr kann es immer wieder gelesen und neu
interpretiert werden. Der Berlinerdialekt, verpackt in kurze
Prosareime, ist oft sehr lustig und die Bilder wirken auch beim
mehrmaligen Anschauen unterhaltsam. Immer wieder bemerkt man
neue Aspekte, die beim vorhergehenden Betrachten übersehen
wurden. "Vollmond" gibt mehr her als auf den ersten
Blick vermutet wird. Die märchenhafte Geschichte fasziniert
durch ihren simplen, ungekünstelten Charme.
Nachttischdekoration
Ein kleines Büchlein, das sich
mit dem hübschen Einband auf dem Nachttischlein besonders
gut macht. Die zahlreichen Bilder sind, passend zur simplen Sprache,
schlicht, gelungen und unterhaltsam. Sogar die Hobbyphilosophen
dürften an "Vollmond" ihre helle Freude haben,
denn der an sich einfache Inhalt lässt sich leicht vertiefen,
interpretieren und ausweiten. Friedrich Karl Wächter erzählt
von der Einfachheit des zufriedenen Lebens, tönt an, dass
vom Mond die Erde vielleicht manchmal realistischer gesehen werden
kann und zeigt, dass Glück oft lange nicht gesehen wird,
obwohl es klopfend vor der Türe steht. Daneben wird eine
Liebesgeschichte in ihren feinen Anfängen skizziert. Diese
endet in einem glanzlosen aber deshalb nicht weniger schönen
Happyend und den Worten: "Ick Dussel! Nu wird allet scheen."
Zusammenfassend kann man sagen, dass "Vollmond" eine
graphische und sprachliche Ausschmückung des Sprichworts:
"Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Glück
so nahe liegt", ist.
Wer als Gute-Nacht Lektüre weder lange
noch komplizierte Romane, sondern einfache, märchenhafte
und schöne Geschichten mag, wird mit diesem Buch gut in
das Land der Träume befördert.
37 Seiten, CHF 21.90
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Zum Autor
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Foto: Horst Eigen |
Der erste Zeichenauftrag kam von Klassenkamerad
Dieter, der eine nackte Frau wollte. Waechter führte den
Auftrag aus, ohne je eine gesehen zu haben. Was in der Schule
noch Prügel und Gebrüll geerntet hatte, fand in "Pardon"
und "Titanic" ein großes und dankbares Publikum.
Der Cartoonist, Filmer und Kinderbuchautor begann 1975 auch fürs
Theater zu schreiben und inszenierte später eigene Stücke.
Bei all seinen Arbeiten ging es ihm immer um das Zusammenspiel
von Bild und Text, weshalb er die am häufigsten gestellte
Frage »Herr Waechter, als was begreifen Sie sich eigentlich?«
nicht ganz begriff und ihm auch die zweithäufigste Frage
»Ist das für Kinder oder Erwachsene?« seltsam
vorkam. Seine endgültige Antwort: »Ich schreibe und
zeichne für alle, die mal fünf waren, noch Erinnerungen
daran haben und gern neunundneunzig werden wollen.«
Quelle: Diogenes
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