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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Christine Rinderknecht: "Lili" (Roman) | Pendo
Teilnahme an der eigenen Beerdigung

Der Mittelpunkt des neuen Romans "Lilli" von der Schweizer Autorin Christine Rinderknecht steht die Beerdigung von Lilli Bieger. Der Anlass, der die Familie nach langer Zeit zusammenkommen lässt, reisst alte Wunden auf und bringt viele Geheimnisse ans Licht - ein dichtes Familienporträt.

Von Stephan Sigg.

Familienromane scheinen momentan sehr im Trend zu liegen. Wie Arno Geigers "Es geht uns gut", um nur eine der letzten Neuerscheinungen in diesem Gebiet zu nennen, beschäftigt sich auch der neue Roman der Autorin und Dramaturgin Christine Rinderknecht mit einer Familie und deren Verstrickungen. Lilli Bieger ist tot, aber trotzdem sehr präsent. Und das nicht nur an ihrer Beerdigung, die sie als Geist miterleben darf. Die "vornehme Lady" hat ihre Familie geprägt wie keine andere. Die aus einfachen Verhältnissen kommende Schönheit betrat mit der Heirat von Kaufmann Alexander Bieger die Highsociety des letzten Jahrhunderts.

Risse in der Fassade
Doch die schöne Fassade hat viele Risse und Lillis Leben blieb nicht von Tragödien verschont. Zum einen ist da der behinderte Sohn Jürg, zum anderen Alexanders Firma, die den Kampf gegen die aufstrebenden Grossverteiler verloren und damit dem luxuriösen Lebensstil ein Ende bereitet hat. Auch die anderen Kinder und die ehemalige Bieger-Dienstbotin Marion hatten und haben, wie der Leser im Laufe der Beerdigungszeremonie mit anschliessendem Essen erfährt, mit ihren Sorgen und Nöten zu kämpfen. So zerbrechen sich die Anwesenden der Beerdigung nicht nur über das Erbe, sondern auch über ihre Beziehung zur verstorbenen Mutter, Grossmutter und Ex-Chefin Lilli ihre Köpfe. Währenddessen lässt Lilli, deren Anwesenheit niemand, ausser der behinderte Jürg kurz wahrnimmt, ihr Leben rekapitulieren und begegnet dabei ihrem Mann und ihrem Geliebten wieder.

Dicht und kompakt
Rinderknechts "Lilli" erinnert von Thematik und Machart her an Christine Fischers "Solo für vier Stimmen" (Appenzellerverlag, 2003). Auch dort wird eine Familiengeschichte aus den unterschiedlichen Perspektiven aufgerollt. Zudem findet sich auch dort ein behinderter Sohn, der das Familienleben geprägt hat. Rinderknechts Buch ist jedoch dichter und kompakter. Die Autorin schreibt in einem leichten, manchmal trotz der Schwere des Themas ironischen Ton. Dennoch werden sehr viele verschiedene Themen und Probleme aufgegriffen, die fragmentarisch bleiben. So wünscht man sich bei manchen Charakteren etwas mehr Tiefgang und Schärfe. Zwar lernt man viele Mitglieder des Bieger-Clans kennen, die Länge des Romans erlaubt jedoch nur Smalltalk, so dass man als Leser des Gefühl hat, bei manchen Personen nur die Oberfläche kennen gelernt zu haben. Auf jeden Fall fesselt Rinderknecht den Leser: Hat man das Buch einmal begonnen, will man es nicht mehr zur Seite legen.

237 Seiten, CHF 21.10

Zur Autorin

Foto: Hanspeter Schiess
Christine Rinderknecht, geb. 1954 in Nussbaumen, Studium der Germanistik, Romanistik, Literaturkritik in Zürich, Paris und Berlin. Arbeit als Autorin und Dramaturginam Theater. 1994 erschien ihr erster Erzählungsband "Bruchstein und Backstein". Bei Pendo erschien 2002 ihr Roman "Ein Löffel in der Luft".

Quelle: Pendo Verlag


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