|
Christine Rinderknecht: "Lili" (Roman)
| Pendo
Teilnahme an der eigenen Beerdigung
Der Mittelpunkt des neuen Romans "Lilli"
von der Schweizer Autorin Christine Rinderknecht steht die Beerdigung
von Lilli Bieger. Der Anlass, der die Familie nach langer Zeit
zusammenkommen lässt, reisst alte Wunden auf und bringt
viele Geheimnisse ans Licht - ein dichtes Familienporträt.
Von Stephan Sigg.
Familienromane scheinen momentan sehr im Trend
zu liegen. Wie Arno Geigers "Es geht uns gut", um nur
eine der letzten Neuerscheinungen in diesem Gebiet zu nennen,
beschäftigt sich auch der neue Roman der Autorin und Dramaturgin
Christine Rinderknecht mit einer Familie und deren Verstrickungen.
Lilli Bieger ist tot, aber trotzdem sehr präsent. Und das
nicht nur an ihrer Beerdigung, die sie als Geist miterleben darf.
Die "vornehme Lady" hat ihre Familie geprägt wie
keine andere. Die aus einfachen Verhältnissen kommende Schönheit
betrat mit der Heirat von Kaufmann Alexander Bieger die Highsociety
des letzten Jahrhunderts.
Risse in der Fassade
Doch die schöne Fassade hat viele
Risse und Lillis Leben blieb nicht von Tragödien verschont.
Zum einen ist da der behinderte Sohn Jürg, zum anderen Alexanders
Firma, die den Kampf gegen die aufstrebenden Grossverteiler verloren
und damit dem luxuriösen Lebensstil ein Ende bereitet hat.
Auch die anderen Kinder und die ehemalige Bieger-Dienstbotin
Marion hatten und haben, wie der Leser im Laufe der Beerdigungszeremonie
mit anschliessendem Essen erfährt, mit ihren Sorgen und
Nöten zu kämpfen. So zerbrechen sich die Anwesenden
der Beerdigung nicht nur über das Erbe, sondern auch über
ihre Beziehung zur verstorbenen Mutter, Grossmutter und Ex-Chefin
Lilli ihre Köpfe. Währenddessen lässt Lilli, deren
Anwesenheit niemand, ausser der behinderte Jürg kurz wahrnimmt,
ihr Leben rekapitulieren und begegnet dabei ihrem Mann und ihrem
Geliebten wieder.
Dicht und kompakt
Rinderknechts "Lilli" erinnert
von Thematik und Machart her an Christine Fischers "Solo
für vier Stimmen" (Appenzellerverlag, 2003). Auch dort
wird eine Familiengeschichte aus den unterschiedlichen Perspektiven
aufgerollt. Zudem findet sich auch dort ein behinderter Sohn,
der das Familienleben geprägt hat. Rinderknechts Buch ist
jedoch dichter und kompakter. Die Autorin schreibt in einem leichten,
manchmal trotz der Schwere des Themas ironischen Ton. Dennoch
werden sehr viele verschiedene Themen und Probleme aufgegriffen,
die fragmentarisch bleiben. So wünscht man sich bei manchen
Charakteren etwas mehr Tiefgang und Schärfe. Zwar lernt
man viele Mitglieder des Bieger-Clans kennen, die Länge
des Romans erlaubt jedoch nur Smalltalk, so dass man als Leser
des Gefühl hat, bei manchen Personen nur die Oberfläche
kennen gelernt zu haben. Auf jeden Fall fesselt Rinderknecht
den Leser: Hat man das Buch einmal begonnen, will man es nicht
mehr zur Seite legen.
237 Seiten, CHF 21.10
|
Zur Autorin
 |
|
|
Foto: Hanspeter Schiess |
Christine Rinderknecht, geb. 1954 in
Nussbaumen, Studium der Germanistik, Romanistik, Literaturkritik
in Zürich, Paris und Berlin. Arbeit als Autorin und Dramaturginam
Theater. 1994 erschien ihr erster Erzählungsband "Bruchstein
und Backstein". Bei Pendo erschien 2002 ihr Roman "Ein
Löffel in der Luft".
Quelle: Pendo Verlag
|
|