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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Detlef Opitz: "Der Büchermörder" (Roman) | Eichborn
Sprachmanie

1813 wird der Pfarrer Johann Georg Tinius verhaftet. Er soll zwei Menschen umgebracht haben um seine gewaltige Bibliothek zu finanzieren. Fast 200 Jahre später startet Detlef Opitz den Versuch, Tinius' Unschuld zu beweisen. Trotz aller Sprachgewandtheit und Wortgewalt gelingt dies nicht ganz.

Von Sandra Despont.

Die Kuhnhardtin liegt, von einem harten Gegenstand getroffen, am Boden, ist kaum bei Sinnen, kurze Zeit später verstirbt sie. Ein Mann in einem dunkelblauen Matin wurde kurze Zeit vorher aus dem Haus gehen gesehen. Ein Magister Kluger offenbar, der beim Schankwirt Höpffner logiert, doch dann erweist sich plötzlich: der Mörder muss Pfarrer Johann Georg Tinius sein. Dieser verwickelt sich immer mehr in Widersprüche, Lügen und lässt einige mehr als verdächtige Briefchen aus seiner Zelle schmuggeln, so dass bald keiner mehr an seiner Schuld zweifelt. Ausser Detlef Opitz fast 200 Jahre später.

Schwierige Recherche
Opitz macht sich also auf, den Fall Tinius neu aufzurollen. Er taucht in eine vergangene Zeit und Landschaft ein, zeichnet auf, ordnet ein, mutmasst, kommentiert. Der Leser wird Teil eines Erkundungsprozesses, der auch schon mal auf Nebengleise und in Sackgassen führt. Opitz scheut sich nicht, seine verschlungenen Recherchewege im kleinsten Detail darzulegen und den Leserinnen seine Resultate ungeachtet ihrer Wichtigkeit darzulegen. Im majestätischen "wir" schreibt er über seine Irrungen und Wirrungen bei der Spurensuche, entschuldigt sich schon mal für seine Ab- und Ausschweifungen und ist dann ganz "sorry" und "untröstlich", dass ihm wieder mal die Zügel durchgegangen sind. Das wollen wir, die ebenfalls majestätischen Leser und Leserinnen, aber durchaus nicht glauben, vielmehr vermuten wir, dass Detlef Opitz uns zeigen will, unter wie vielen Mühen er sein Werk hervorgebracht hat und sich so unserer Bewunderung versichern. Erstaunen wird er vielleicht diejenigen, die tatsächlich noch nie Recherche betrieben haben, alle anderen werden nicht mit der Nase darauf gestossen werden müssen, dass Fehlschläge und zeitweilige Verzweiflung beim Recherchieren gang und gäbe sind. Dass die Recherchen für "Der Büchermörder" langwierig und schwierig waren, glauben wir gerne. Doch so genau wollen wir das, ehrlich gesagt, gar nicht wissen.

"Da begab es sich zu Rammenau"
Weder die beeindruckende Recherchetätigkeit von Detlef Opitz noch seine daraus resultierenden Erkenntnisse machen den Roman zum Muss. Die Exkulpation Tinius' gelingt nämlich, um das gleich vorwegzunehmen, nicht ganz. Opitz streut zwar Zweifel, doch der grosse zeitliche Abstand und die ungünstige Quellenlage erlauben eine Totalrevision des damaligen Urteils dann doch nicht. So ist "Der Büchermörder" Protokoll einer Recherche, Mutmassung über die Ereignisse von damals, vor allem aber die Wiedererweckung einer altertümelnden, erhaben-eleganten Sprache, deren Opitz sich bedient. Die poetische Sprachgewalt ist zuerst unvermutet und überraschend, dann ein erfreulicher Genuss. Doch irgendwann, wenn der Inhalt immer breiter wird und die Handlung einfach nicht auf ihrem Punkt kommt, keimt langsam der Verdacht auf, dass auch diese nur ein Mittel ist, um die Leser und Leserinnen staunen zu machen. Ob "Der Büchermörder" ein genialer Wurf oder sprachmanische Schaumschlägerei ist, muss aber letztlich jede/r für sich entscheiden.

353 Seiten, CHF 43.90

Zum Autor

Detlef Opitz, geboren 1956, ist gefürchteter Bibliomane und Vielleser. In der DDR lebte er vom Handel mit Büchern, seine eigene Bibliothek verlor er allerdings beim Pokern. Der mit dem F.C. Weiskopf Preis der Berliner Akademie der Künste und dem Preis der Deutschen Schillerstiftung ausgezeichnete Autor lebt im Berliner Prenzlauer Berg. Seit 1994 recherchierte und arbeitete er an "Der Büchermörder" - und vergrub sich völlig in der kompletten Neu-Erforschung des Büchermords - wobei er z.B. in den USA die verschollene, größte Sammlung von Material zu Tinius wiederaufspürte. Zur Abgabe seines Romanmanuskripts konnte der finanziell stets klamme Autor nur im Tausch gegen die seltene, von Tinius im Gefängnis verfaßte Schrift "Der jüngste Tag" (Zeitz 1836) gebracht werden.

Quelle: Eichborn


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