|
Detlef Opitz: "Der Büchermörder"
(Roman) | Eichborn
Sprachmanie
1813 wird der Pfarrer Johann Georg
Tinius verhaftet. Er soll zwei Menschen umgebracht haben um seine
gewaltige Bibliothek zu finanzieren. Fast 200 Jahre später
startet Detlef Opitz den Versuch, Tinius' Unschuld zu beweisen.
Trotz aller Sprachgewandtheit und Wortgewalt gelingt dies nicht
ganz.
Von Sandra Despont.
Die Kuhnhardtin liegt, von einem harten Gegenstand
getroffen, am Boden, ist kaum bei Sinnen, kurze Zeit später
verstirbt sie. Ein Mann in einem dunkelblauen Matin wurde kurze
Zeit vorher aus dem Haus gehen gesehen. Ein Magister Kluger offenbar,
der beim Schankwirt Höpffner logiert, doch dann erweist
sich plötzlich: der Mörder muss Pfarrer Johann Georg
Tinius sein. Dieser verwickelt sich immer mehr in Widersprüche,
Lügen und lässt einige mehr als verdächtige Briefchen
aus seiner Zelle schmuggeln, so dass bald keiner mehr an seiner
Schuld zweifelt. Ausser Detlef Opitz fast 200 Jahre später.
Schwierige Recherche
Opitz macht sich also auf, den Fall
Tinius neu aufzurollen. Er taucht in eine vergangene Zeit und
Landschaft ein, zeichnet auf, ordnet ein, mutmasst, kommentiert.
Der Leser wird Teil eines Erkundungsprozesses, der auch schon
mal auf Nebengleise und in Sackgassen führt. Opitz scheut
sich nicht, seine verschlungenen Recherchewege im kleinsten Detail
darzulegen und den Leserinnen seine Resultate ungeachtet ihrer
Wichtigkeit darzulegen. Im majestätischen "wir"
schreibt er über seine Irrungen und Wirrungen bei der Spurensuche,
entschuldigt sich schon mal für seine Ab- und Ausschweifungen
und ist dann ganz "sorry" und "untröstlich",
dass ihm wieder mal die Zügel durchgegangen sind. Das wollen
wir, die ebenfalls majestätischen Leser und Leserinnen,
aber durchaus nicht glauben, vielmehr vermuten wir, dass Detlef
Opitz uns zeigen will, unter wie vielen Mühen er sein Werk
hervorgebracht hat und sich so unserer Bewunderung versichern.
Erstaunen wird er vielleicht diejenigen, die tatsächlich
noch nie Recherche betrieben haben, alle anderen werden nicht
mit der Nase darauf gestossen werden müssen, dass Fehlschläge
und zeitweilige Verzweiflung beim Recherchieren gang und gäbe
sind. Dass die Recherchen für "Der Büchermörder"
langwierig und schwierig waren, glauben wir gerne. Doch so genau
wollen wir das, ehrlich gesagt, gar nicht wissen.
"Da begab es sich zu Rammenau"
Weder die beeindruckende Recherchetätigkeit
von Detlef Opitz noch seine daraus resultierenden Erkenntnisse
machen den Roman zum Muss. Die Exkulpation Tinius' gelingt nämlich,
um das gleich vorwegzunehmen, nicht ganz. Opitz streut zwar Zweifel,
doch der grosse zeitliche Abstand und die ungünstige Quellenlage
erlauben eine Totalrevision des damaligen Urteils dann doch nicht.
So ist "Der Büchermörder" Protokoll einer
Recherche, Mutmassung über die Ereignisse von damals, vor
allem aber die Wiedererweckung einer altertümelnden, erhaben-eleganten
Sprache, deren Opitz sich bedient. Die poetische Sprachgewalt
ist zuerst unvermutet und überraschend, dann ein erfreulicher
Genuss. Doch irgendwann, wenn der Inhalt immer breiter wird und
die Handlung einfach nicht auf ihrem Punkt kommt, keimt langsam
der Verdacht auf, dass auch diese nur ein Mittel ist, um die
Leser und Leserinnen staunen zu machen. Ob "Der Büchermörder"
ein genialer Wurf oder sprachmanische Schaumschlägerei ist,
muss aber letztlich jede/r für sich entscheiden.
353 Seiten, CHF 43.90
|
Zum Autor
Detlef Opitz, geboren 1956, ist gefürchteter
Bibliomane und Vielleser. In der DDR lebte er vom Handel mit
Büchern, seine eigene Bibliothek verlor er allerdings beim
Pokern. Der mit dem F.C. Weiskopf Preis der Berliner Akademie
der Künste und dem Preis der Deutschen Schillerstiftung
ausgezeichnete Autor lebt im Berliner Prenzlauer Berg. Seit 1994
recherchierte und arbeitete er an "Der Büchermörder"
- und vergrub sich völlig in der kompletten Neu-Erforschung
des Büchermords - wobei er z.B. in den USA die verschollene,
größte Sammlung von Material zu Tinius wiederaufspürte.
Zur Abgabe seines Romanmanuskripts konnte der finanziell stets
klamme Autor nur im Tausch gegen die seltene, von Tinius im Gefängnis
verfaßte Schrift "Der jüngste Tag" (Zeitz
1836) gebracht werden.
Quelle: Eichborn
|
|