|
Irène Némirovsky: "Der
Ball" (Erzählung) | Paul Zsolnay
Die ungeliebte Tochter schlägt zurück
Nichts ist herrlicher als eine vergessene
Autorin wieder ins Land der Erinnerungen zu ziehen. In diesem
Falle die begabte Schriftstellerin Irène Némirovsky,
die der Paul Zsolany Verlag mit dem schmalen herausgegebenen
Bändchen "Der Ball" dem Vergessen entreisst. Zum
Glück für den Leser, denn Némirovsky verwandelt
diese kurze, eigentlich banale, Geschichte, in ein Feuerwerk
.
Von Petra Gehrmann.
Die Geschichte ist die einer Rivalität.
Offenkundig scheint es eine von Mutter und Tochter zu sein, doch
wer ein bisschen tiefer gräbt entdeckt eine zwischen Frau
und Frau. Doch der Reihe nach. Die neureiche Familie Kampf will
einen Ball geben, um sich sozial zu etablieren. Alle wichtigen
Leute aus der Gesellschaft sollen eingeladen werden, nur nicht
die eigene 14 jährige Tochter Antoinette. Diese, sich bereits
lange von Mutter unterdrückt und ungeliebt fühlend,
greift nun insofern in die Geschehnisse ein, als dass sie am
richtigen Ort impulsiv das Ungeheuerliche vollbringt: sie wirft
die 200 Einladungen in die Seine. Die Rache ist vollkommen, als
die Tochter an der Ballnacht aus ihrem Zimmer schleicht und somit
den entgültigen Zusammenbruch der Mutter miterleben kann,
denn ohne Einladungen, erscheinen bekanntlich auch keine Gäste.
"Ich möchte sterben, lieber Gott,
mach, dass ich sterbe..."
Eingeführt in das tragischkomische
Geschehen wird der Leser damit, indem ihm die Welt der lieblosen
Mutter und ihrem demütigenden Umgang mit der Tochter aufgezeigt
wird. Die Tochter leidet, und dies stellt Némirovsky gekonnt
dar, und ergeht sich dabei in ihren Allmachtsphantasien,
die sich von der Wirklichkeit noch stark unterscheiden. Auch
die Psyche der Mutter kommt nicht zu kurz, so begreift der Leser
bald die Gründe für ihr egoistisches Verhalten: "Lass
dir gesagt sein, meine Liebe, ich fange gerade erst zu leben
an, ich, ich, versteht du, und da habe ich nicht vor, mich so
bald mit einer heiratsfähigen Tochter zu schmücken...",
was sie allerdings nicht weniger unsympathisch erscheinen lässt.
Bis es beim grausamen Höhepunkt der Erzählung zu einem
Wechsel der Perspektive kommt: "Das war die Sekunde, der
flüchtige Augenblick, da sich ihrer beider Wege 'auf der
Strasse des Lebens' kreuzten - nun würde die eine aufsteigen,
die andere im Schatten versinken".
Les enfants terribles
Némirovskys realistische und
zu gleich gezierte Beschreibung zeichnet sich durch ihre Lebendigkeit
und den gekonnten dramatischen Aufbau aus. Mit Wonne scheint
sie sich der brutalen Beschreibung der Lächerlichkeit preisgegebenen
Mutter hinzugeben. Das kurze Bändchen zeichnet sich auch
aus durch ein informatives Nachwort der Übersetzerin Claudia
Kalscheuer, in dem der geneigte Leser kurz einiges über
die heute doch unbekannten Némirovsky erfährt. So
auch, dass das Motiv der Rivalität zwischen Mutter und Tochter
ein wiederkehrendes Motiv in Némirovsky Werk sei. Da kann
man nur gespannt sein auf weitere Widererscheinungen ihres Werkes.
98 Seiten, CHF 23.80
|