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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Irène Némirovsky: "Der Ball" (Erzählung) | Paul Zsolnay
Die ungeliebte Tochter schlägt zurück

Nichts ist herrlicher als eine vergessene Autorin wieder ins Land der Erinnerungen zu ziehen. In diesem Falle die begabte Schriftstellerin Irène Némirovsky, die der Paul Zsolany Verlag mit dem schmalen herausgegebenen Bändchen "Der Ball" dem Vergessen entreisst. Zum Glück für den Leser, denn Némirovsky verwandelt diese kurze, eigentlich banale, Geschichte, in ein Feuerwerk .

Von Petra Gehrmann.

Die Geschichte ist die einer Rivalität. Offenkundig scheint es eine von Mutter und Tochter zu sein, doch wer ein bisschen tiefer gräbt entdeckt eine zwischen Frau und Frau. Doch der Reihe nach. Die neureiche Familie Kampf will einen Ball geben, um sich sozial zu etablieren. Alle wichtigen Leute aus der Gesellschaft sollen eingeladen werden, nur nicht die eigene 14 jährige Tochter Antoinette. Diese, sich bereits lange von Mutter unterdrückt und ungeliebt fühlend, greift nun insofern in die Geschehnisse ein, als dass sie am richtigen Ort impulsiv das Ungeheuerliche vollbringt: sie wirft die 200 Einladungen in die Seine. Die Rache ist vollkommen, als die Tochter an der Ballnacht aus ihrem Zimmer schleicht und somit den entgültigen Zusammenbruch der Mutter miterleben kann, denn ohne Einladungen, erscheinen bekanntlich auch keine Gäste.

"Ich möchte sterben, lieber Gott, mach, dass ich sterbe..."
Eingeführt in das tragischkomische Geschehen wird der Leser damit, indem ihm die Welt der lieblosen Mutter und ihrem demütigenden Umgang mit der Tochter aufgezeigt wird. Die Tochter leidet, und dies stellt Némirovsky gekonnt dar, und ergeht sich dabei in ihren Allmachtsphantasien, die sich von der Wirklichkeit noch stark unterscheiden. Auch die Psyche der Mutter kommt nicht zu kurz, so begreift der Leser bald die Gründe für ihr egoistisches Verhalten: "Lass dir gesagt sein, meine Liebe, ich fange gerade erst zu leben an, ich, ich, versteht du, und da habe ich nicht vor, mich so bald mit einer heiratsfähigen Tochter zu schmücken...", was sie allerdings nicht weniger unsympathisch erscheinen lässt. Bis es beim grausamen Höhepunkt der Erzählung zu einem Wechsel der Perspektive kommt: "Das war die Sekunde, der flüchtige Augenblick, da sich ihrer beider Wege 'auf der Strasse des Lebens' kreuzten - nun würde die eine aufsteigen, die andere im Schatten versinken".

Les enfants terribles
Némirovskys realistische und zu gleich gezierte Beschreibung zeichnet sich durch ihre Lebendigkeit und den gekonnten dramatischen Aufbau aus. Mit Wonne scheint sie sich der brutalen Beschreibung der Lächerlichkeit preisgegebenen Mutter hinzugeben. Das kurze Bändchen zeichnet sich auch aus durch ein informatives Nachwort der Übersetzerin Claudia Kalscheuer, in dem der geneigte Leser kurz einiges über die heute doch unbekannten Némirovsky erfährt. So auch, dass das Motiv der Rivalität zwischen Mutter und Tochter ein wiederkehrendes Motiv in Némirovsky Werk sei. Da kann man nur gespannt sein auf weitere Widererscheinungen ihres Werkes.

98 Seiten, CHF 23.80


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