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Jess Jochimsen: "Bellboy" (Roman)
| dtv
Ein Glöckner aus der Provinz
Der 31-jährige Lukas fristet
ein trostloses Dasein: Studium abgebrochen, Freundin weg und
da holt ihn auch noch seine verdrängte Provinz-Vergangenheit
ein. Eines Tages steht der demenzkranke Cousin Paul vor seiner
Tür und bringt Lukas' Alltag durcheinander - ein bissiger
und oft, aber nicht immer, komischer Roman über eine Flucht
vom Land in die Stadt.
Von Stephan Sigg.
Ja ja, die liebe Verwandtschaft und das beschauliche
Leben in der Provinz! Der 31-jährige Antiheld Lukas in Jess
Jochimsens neuem Roman "Bellboy" könnte darauf
ein langes Klagelied singen: Nach dem Tod seiner Eltern ist er
mit seiner Schwester bei Onkel und Tante mitten in der bayrischen
Provinz aufgewachsen. Rechtzeitig bevor die Provinz von seiner
Person Besitz ergreifen konnte, ist Lukas mit dem bestandenen
Abitur in der Tasche davongelaufen. Jetzt ist er schon einige
Jahren in München, hat dort ein "Studium erfolgreich
abgebrochen" und verdient sich als Glöckner in einer
evangelischen Stadtpfarrei die Brötchen. Als ihn eines Tages
plötzlich wieder der Hautausschlag befällt, den er
als lästige Kindheitserscheinung überstanden zu haben
glaubte, ahnt Lukas nichts Gutes.
Reise zu Gerhards Schröders Reihenhaus
In der Tat steht kurze Zeit später
Cousin Paul vor der Tür. Dieser will bei ihm einziehen.
Noch viel schlimmer, als dass Lukas von der Vergangenheit eingeholt
wird, ist die Tatsache, dass Paul nicht wieder zu erkennen ist.
Sein Cousin ist demenzkrank und führt sich auf wie ein kleines
Kind. Das hat natürlich zur Folge, dass Lukas mit seiner
eigenen Kindheit und Jugend konfrontiert wird und sich auch bald
gezwungen sieht, nach vielen Jahren seinen Verwandten in der
Provinz einen Besuch abzustatten. Löst Paul bei Lukas zuerst
nicht gerade Begeisterungsstürme aus, findet Lukas seinen
Cousin dann doch immer sympathischer und unternimmt mit ihm unter
anderem sogar eine Reise zum Hannoverschen Wohnhaus von Bundeskanzler
Schröder. Dass der "König" nicht zuhause
ist, stört Paul nicht weiter. Denn die Reise entzieht sich
schon kurze Zeit später seiner Erinnerung, genau wie alle
anderen, die Pauls Krankheit zum Opfer fallen.
Witzige Bestandaufnahmen
Jess Jochimsen (geb. 1970 in München)
ist nicht nur als Autor, sondern auch als Kabarettist tätig
und mit seinen Programmen schon auf vielen Comedy-Bühnen
aufgetreten. Dass hinter dem Buch ein Comedy-Künstler steckt,
merkt der Leser sofort. Der Roman ist gespickt mit vielen witzigen
Bestandaufnahmen zur Lage der Nation, die vor nichts halt machen
und kein Blatt vor den Mund nehmen. Egal ob es sich dabei um
das Leben in der Provinz, ein kenterndes Touristenschiff auf
dem Starnberger See, spezielle evangelische Gottesdienste, Gerhard
Schröders Houseguards oder beschränkte Nachhilfeschüler
handelt. So wird man vom Autor bestens unterhalten, was über
manche platte und kindische Sequenzen hinwegtröstet. Denn
Jochimsens Humor hat neben Highlights auch Durchhänger.
Für alle Fans von Kabarett und Comedy im Stil von Gaby Köster,
Anke Engelke oder Dieter Nuhr bestimmt gut geeignet.
237 Seiten, CHF 21.10
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Zum Autor
Jess Jochimsen wurde 1970 in München
geboren. Er studierte Germanistik und Politologie. Seit 1995
über 600 Gastspiele als Kabarettist auf allen bekannten
Bühnen Deutschlands. Auf seiner Imponierliste stehen der
"Deutsche Kabarett(Förder)Preis", das "Passauer
Scharfrichterbeil" und der "Prix Pantheon". Zahlreiche
Fernsehauftritte u.a. beim "Scheibenwischer", beim
"Quatsch Comedy Club" und bei "RTL Samstag Nacht".
Jess Jochimsen lebt in Freiburg und schreibt dort eine wöchentliche
Zeitungskolumne. Sein erstes echtes Buch ist "Das Dosenmilch-Trauma".
Quelle: dtv
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