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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jess Jochimsen: "Bellboy" (Roman) | dtv
Ein Glöckner aus der Provinz

Der 31-jährige Lukas fristet ein trostloses Dasein: Studium abgebrochen, Freundin weg und da holt ihn auch noch seine verdrängte Provinz-Vergangenheit ein. Eines Tages steht der demenzkranke Cousin Paul vor seiner Tür und bringt Lukas' Alltag durcheinander - ein bissiger und oft, aber nicht immer, komischer Roman über eine Flucht vom Land in die Stadt.

Von Stephan Sigg.

Ja ja, die liebe Verwandtschaft und das beschauliche Leben in der Provinz! Der 31-jährige Antiheld Lukas in Jess Jochimsens neuem Roman "Bellboy" könnte darauf ein langes Klagelied singen: Nach dem Tod seiner Eltern ist er mit seiner Schwester bei Onkel und Tante mitten in der bayrischen Provinz aufgewachsen. Rechtzeitig bevor die Provinz von seiner Person Besitz ergreifen konnte, ist Lukas mit dem bestandenen Abitur in der Tasche davongelaufen. Jetzt ist er schon einige Jahren in München, hat dort ein "Studium erfolgreich abgebrochen" und verdient sich als Glöckner in einer evangelischen Stadtpfarrei die Brötchen. Als ihn eines Tages plötzlich wieder der Hautausschlag befällt, den er als lästige Kindheitserscheinung überstanden zu haben glaubte, ahnt Lukas nichts Gutes.

Reise zu Gerhards Schröders Reihenhaus
In der Tat steht kurze Zeit später Cousin Paul vor der Tür. Dieser will bei ihm einziehen. Noch viel schlimmer, als dass Lukas von der Vergangenheit eingeholt wird, ist die Tatsache, dass Paul nicht wieder zu erkennen ist. Sein Cousin ist demenzkrank und führt sich auf wie ein kleines Kind. Das hat natürlich zur Folge, dass Lukas mit seiner eigenen Kindheit und Jugend konfrontiert wird und sich auch bald gezwungen sieht, nach vielen Jahren seinen Verwandten in der Provinz einen Besuch abzustatten. Löst Paul bei Lukas zuerst nicht gerade Begeisterungsstürme aus, findet Lukas seinen Cousin dann doch immer sympathischer und unternimmt mit ihm unter anderem sogar eine Reise zum Hannoverschen Wohnhaus von Bundeskanzler Schröder. Dass der "König" nicht zuhause ist, stört Paul nicht weiter. Denn die Reise entzieht sich schon kurze Zeit später seiner Erinnerung, genau wie alle anderen, die Pauls Krankheit zum Opfer fallen.

Witzige Bestandaufnahmen
Jess Jochimsen (geb. 1970 in München) ist nicht nur als Autor, sondern auch als Kabarettist tätig und mit seinen Programmen schon auf vielen Comedy-Bühnen aufgetreten. Dass hinter dem Buch ein Comedy-Künstler steckt, merkt der Leser sofort. Der Roman ist gespickt mit vielen witzigen Bestandaufnahmen zur Lage der Nation, die vor nichts halt machen und kein Blatt vor den Mund nehmen. Egal ob es sich dabei um das Leben in der Provinz, ein kenterndes Touristenschiff auf dem Starnberger See, spezielle evangelische Gottesdienste, Gerhard Schröders Houseguards oder beschränkte Nachhilfeschüler handelt. So wird man vom Autor bestens unterhalten, was über manche platte und kindische Sequenzen hinwegtröstet. Denn Jochimsens Humor hat neben Highlights auch Durchhänger. Für alle Fans von Kabarett und Comedy im Stil von Gaby Köster, Anke Engelke oder Dieter Nuhr bestimmt gut geeignet.

237 Seiten, CHF 21.10

Zum Autor

Jess Jochimsen wurde 1970 in München geboren. Er studierte Germanistik und Politologie. Seit 1995 über 600 Gastspiele als Kabarettist auf allen bekannten Bühnen Deutschlands. Auf seiner Imponierliste stehen der "Deutsche Kabarett(Förder)Preis", das "Passauer Scharfrichterbeil" und der "Prix Pantheon". Zahlreiche Fernsehauftritte u.a. beim "Scheibenwischer", beim "Quatsch Comedy Club" und bei "RTL Samstag Nacht". Jess Jochimsen lebt in Freiburg und schreibt dort eine wöchentliche Zeitungskolumne. Sein erstes echtes Buch ist "Das Dosenmilch-Trauma".

Quelle: dtv


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