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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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John Cleland: "Fanny Hill" (Literarische Biographie) | dtv
"Der Stolz der Natur, ihr grösstes Meisterstück"

Kein Wunder wurde jede Ausgabe von "Fanny Hill" bis 1963 gerichtlich verfolgt. Was Cleland hier abliefert, ist in der Tat starker Tobak. Ein erotischer Roman, der aus dem Leben einer Prostituierten im 18. Jahrhundert erzählt, als die käuflichen Damen noch voller Eleganz und die Herren der Schöpfung noch voller Potenz waren. Frivol - aber mit Geschmack.

Von Sandra Despont.

Wer die Beschreibung von Sex in der Literatur prinzipiell bäh findet, der verschenkt "Fanny Hill" am besten ganz schnell wieder oder kauft es gar nicht erst. Denn um viel mehr geht es in den Erinnerungen einer "Woman of Pleasure" eigentlich nicht. Zumindest an der Oberfläche. Zwar wird die ganze Lebensgeschichte der Frances Hill erzählt, doch bei den (zahlreichen) Begebenheiten, bei denen es um die Vereinigung von Mann und Frau geht, bleibt Fanny in ihrem Bericht, bzw. bleibt der Autor John Cleland ungebührlich lange hängen. Wie es sich für ein Skandalbuch gehört, beschreibt er zudem alles detailliertestens, wenn auch in einer für heutige Begriffe sehr blumigen, oder, in dem Fall, "maschinigen" Sprache. Denn - man hat es vielleicht schon erraten - der Stolz der Natur ist natürlich nichts anderes als das immer bereite männliche Gemächt, die feuerspeiende Maschine, der Speer, die "Säule vom weissestem Elfenbein". Und die ist zweifellos einer der Protagonisten.

Julia Roberts im 18. Jahrhundert
Fanny Hill kommt als Jugendliche nach dem Tod ihrer Eltern nach London. Eigentlich sucht die Unschuld vom Lande eine ehrenhafte Anstellung, landet aber in der Prostitution. Ihren Lebensbericht schreibt sie in zwei (unwahrscheinlich langen und deshalb wohl parodistisch gemeinten) Briefen an eine Dame ihrer Bekanntschaft, nachdem sie glücklich verheiratet ist mit der Liebe ihres Lebens - notabene ein ehemaliger Kunde von ihr. Pretty Woman im 18. Jahrhundert also sozusagen. Nur dass Julia hier Fanny heisst, Richard Charles und dass die Sexszenen nicht von einem mild-verklemmten oder auch einfach diskreten Drehbuchschreiber bloss leise angetönt werden. Frivol ist das ganz bestimmt, für moderne Leser und Leserinnen wohl manchmal auch belustigend; aber, trotz den wie gesagt sehr, sehr offenherzigen Beschreibungen des Akts, nie geschmacklos und roh, sondern im Gegenteil in einer so äusserst eleganten Sprache formuliert, dass man beinahe vergessen könnte, um was es da eigentlich geht. "Fanny Hill" lässt nie vergessen, dass es sich bei diesem wilden Treiben eben doch um Weltliteratur von Rang handelt. Denn ganz nebenbei ist der erotische Roman auch ein farbiges Sittengemälde von England in der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Wenn schon Erotik
In dem ausführlichen Nachwort zeichnet der Herausgeber Peter Wagner die Publikationsgeschichte von "Fanny Hill", einem echten Skandalbuch, nach und ordnet es in die literarischen Produktionen seiner Zeit ein. Er zeigt, dass sich Clelands Roman auf Werke wie Richardsons sentimentalen Briefroman "Pamela" bezieht und legt damit Qualitäten und Bezüge des Werks offen, die dem naiven (und von dem vielen Sex geblendeten) Leser nicht sogleich ins Auge fallen. Eine Zeittafel, Literaturhinweise und Anmerkungen runden die Ausgabe des dtv Verlags ab, die "Fanny Hill" vollständig wiedergibt und hier schon in der 3. Auflage vorliegt. Wenn schon Erotik mit sämtlichen anatomischen Details, die wir eigentlich nie so genau erfahren wollten, mit Beschreibungen, die ab und an nur noch lächerlich sind, dann so!

321 Seiten, CHF 16.00

Zum Autor

John Cleland (1710-1789) war zunächst Konsul in Smyrna, dann im Dienst der Ostindischen Gesellschaft in Bombay. Der Sohn wohlhabender Eltern zog mehrere Jahre ohne Beschäftigung durch Europa und betätigte sich als Dramatiker, Journalist und Schriftsteller. Er fand jedoch mit seinen Romanen zu Lebzeiten wenig Anklang und verarmte nach dem Tod des Vaters.

Quelle: dtv


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