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John Cleland: "Fanny Hill" (Literarische
Biographie) | dtv
"Der Stolz der Natur, ihr grösstes Meisterstück"
Kein Wunder wurde jede Ausgabe von
"Fanny Hill" bis 1963 gerichtlich verfolgt. Was Cleland
hier abliefert, ist in der Tat starker Tobak. Ein erotischer
Roman, der aus dem Leben einer Prostituierten im 18. Jahrhundert
erzählt, als die käuflichen Damen noch voller Eleganz
und die Herren der Schöpfung noch voller Potenz waren. Frivol
- aber mit Geschmack.
Von Sandra Despont.
Wer die Beschreibung von Sex in der Literatur
prinzipiell bäh findet, der verschenkt "Fanny Hill"
am besten ganz schnell wieder oder kauft es gar nicht erst. Denn
um viel mehr geht es in den Erinnerungen einer "Woman of
Pleasure" eigentlich nicht. Zumindest an der Oberfläche.
Zwar wird die ganze Lebensgeschichte der Frances Hill erzählt,
doch bei den (zahlreichen) Begebenheiten, bei denen es um die
Vereinigung von Mann und Frau geht, bleibt Fanny in ihrem Bericht,
bzw. bleibt der Autor John Cleland ungebührlich lange hängen.
Wie es sich für ein Skandalbuch gehört, beschreibt
er zudem alles detailliertestens, wenn auch in einer für
heutige Begriffe sehr blumigen, oder, in dem Fall, "maschinigen"
Sprache. Denn - man hat es vielleicht schon erraten -
der Stolz der Natur ist natürlich nichts anderes als das
immer bereite männliche Gemächt, die feuerspeiende
Maschine, der Speer, die "Säule vom weissestem Elfenbein".
Und die ist zweifellos einer der Protagonisten.
Julia Roberts im 18. Jahrhundert
Fanny Hill kommt als Jugendliche nach dem Tod ihrer Eltern nach
London. Eigentlich sucht die Unschuld vom Lande eine ehrenhafte
Anstellung, landet aber in der Prostitution. Ihren Lebensbericht
schreibt sie in zwei (unwahrscheinlich langen und deshalb wohl
parodistisch gemeinten) Briefen an eine Dame ihrer Bekanntschaft,
nachdem sie glücklich verheiratet ist mit der Liebe ihres
Lebens - notabene ein ehemaliger Kunde von ihr. Pretty Woman
im 18. Jahrhundert also sozusagen. Nur dass Julia hier Fanny
heisst, Richard Charles und dass die Sexszenen nicht von einem
mild-verklemmten oder auch einfach diskreten Drehbuchschreiber
bloss leise angetönt werden. Frivol ist das ganz bestimmt,
für moderne Leser und Leserinnen wohl manchmal auch belustigend;
aber, trotz den wie gesagt sehr, sehr offenherzigen Beschreibungen
des Akts, nie geschmacklos und roh, sondern im Gegenteil in einer
so äusserst eleganten Sprache formuliert, dass man beinahe
vergessen könnte, um was es da eigentlich geht. "Fanny
Hill" lässt nie vergessen, dass es sich bei diesem
wilden Treiben eben doch um Weltliteratur von Rang handelt. Denn
ganz nebenbei ist der erotische Roman auch ein farbiges Sittengemälde
von England in der Mitte des 18. Jahrhunderts.
Wenn schon Erotik
In dem ausführlichen Nachwort
zeichnet der Herausgeber Peter Wagner die Publikationsgeschichte
von "Fanny Hill", einem echten Skandalbuch, nach und
ordnet es in die literarischen Produktionen seiner Zeit ein.
Er zeigt, dass sich Clelands Roman auf Werke wie Richardsons
sentimentalen Briefroman "Pamela" bezieht und legt
damit Qualitäten und Bezüge des Werks offen, die dem
naiven (und von dem vielen Sex geblendeten) Leser nicht sogleich
ins Auge fallen. Eine Zeittafel, Literaturhinweise und Anmerkungen
runden die Ausgabe des dtv Verlags ab, die "Fanny Hill"
vollständig wiedergibt und hier schon in der 3. Auflage
vorliegt. Wenn schon Erotik mit sämtlichen anatomischen
Details, die wir eigentlich nie so genau erfahren wollten, mit
Beschreibungen, die ab und an nur noch lächerlich sind,
dann so!
321 Seiten, CHF 16.00
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Zum Autor
John Cleland (1710-1789) war zunächst
Konsul in Smyrna, dann im Dienst der Ostindischen Gesellschaft
in Bombay. Der Sohn wohlhabender Eltern zog mehrere Jahre ohne
Beschäftigung durch Europa und betätigte sich als Dramatiker,
Journalist und Schriftsteller. Er fand jedoch mit seinen Romanen
zu Lebzeiten wenig Anklang und verarmte nach dem Tod des Vaters.
Quelle: dtv
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