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Prune Berge: "Du bist nicht meine Mutter"
(Roman) | dtv
Eine Tochter mit zwei Müttern
Stéphanie ist zwanzig, als
sie von einer unbekannten Frau einen Brief erhält: Die Verfasserin
ist ihre leibliche Mutter, die Stéphanie gleich nach der
Geburt zur Adoption freigegeben hat. Per Brief versucht diese
jetzt ihre Geschichte zu erzählen - das Ergebnis ist ein
Briefroman, der den Leser berührt.
Von Stephan Sigg.
Klein, aber oho! Prune Berges erster Roman
hat es in sich. Am Anfang ist man noch etwas skeptisch, ob der
Brief-Stil und die wechselnden Perspektiven wirklich so etwas
wie Atmosphäre oder Spannung aufkommen lassen. Doch kaum
ist man beim zweiten Brief angelangt, steckt man mittendrin in
mehreren Familiengeschichten. Da ist zum einen Anne, Stéphanies
leibliche Mutter, die selber ohne ihre Mutter aufgewachsen ist.
Zum anderen ist da die Geschichte von Anne und ihrer Tochter
Stéphanie, die viel zur früh auf die Welt kam und
nicht in Annes Lebenskonzept passte. Adoption schien für
sie die einzige richtige Lösung zu sein. Zwanzig Jahre später
hat sich einiges in Annes Leben verändert: Sie hat geheiratet
und mittlerweile einen erwachsenen Sohn. Niemand weiss von Stéphanie,
bis sich Anne einer Mitarbeiterin in ihrer Boutique anvertraut.
Antwort von der Adoptivmutter
Auf das Gespräch mit der Angestellten
folgt der erste Brief an ihre leibliche Tochter, von der Anne
rein gar nichts weiss - mal abgesehen von deren Geburtsdatum
und Adresse. "Meine liebe Tochter, sicher habe ich nicht
das Recht, dich so zu nennen. Aber es gibt dich", beginnt
Anne ihr Schreiben. Was und ob überhaupt sie mit dem Brief
erreicht, weiss sie nicht. Und auch der Leser erfährt nicht,
welche Gedanken ihr während der Zeit des Wartens durch den
Kopf gehen. Denn das Buch beinhaltet nur Briefe. So stösst
man als nächstes auf Brief Nr 2. Dieser trifft erst anderthalb
Jahre später bei Anne ein: Er ist nicht von ihrer Tochter,
sondern von deren Adoptivmutter Colette, die von ihrer Beziehung
zur Adoptivtochter erzählt. Brief für Brief breiten
sich nun dem Leser die verschiedenen Biografien der drei Protagonistinnen
aus und man lernt diese immer näher kennen und besser verstehen.
Sehr dicht und tiefgehend
Berges erster Roman ist nicht mal hundert Seiten lang, doch trotzdem
sehr dicht und tiefgehend. Erstaunlich, wie viel Inhalt die französische
Autorin in die Sätze gepackt hat und wie es ihr gelingt,
eine Geschichte, deren Plot an seichte Melodramen erinnert, auf
total unsentimentale, klischeefreie Weise zu erzählen. Berge
stimmt den Leser nachdenklich, aber ohne ihn niedergeschlagen
zurückzulassen. Sie macht sichtbar, dass man sich von seinen
Wurzeln nicht einfach so abtrennen kann - die Herkunft ist das
Fundament für die eigene Lebensgeschichte und mit diesem
muss man sich auseinandersetzen, um danach darauf seine Zukunft
aufbauen zu können.
Ein tolles, sehr schnell gelesenes Buch, das
die Lektüre wert ist und bestimmt jede Altersgruppe anspricht.
Am Schluss der Lektüre legt man das Buch berührt zur
Seite und ist traurig - traurig, dass das Buch schon zu Ende
ist.
94 Seiten, CHF 12.40
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Zur Autorin
Prune Berge wurde 1945 in Bordeaux geboren.
Sie hat fürs Fernsehen und verschiedene Verlage gearbeitet.
Heute leitet sie die Abteilung für audiovisuelle Medien
bei Gallimard, Paris. "Du bist nicht meine Mutter"
ist ihr erster Roman.
Quelle: dtv
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