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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prune Berge: "Du bist nicht meine Mutter" (Roman) | dtv
Eine Tochter mit zwei Müttern

Stéphanie ist zwanzig, als sie von einer unbekannten Frau einen Brief erhält: Die Verfasserin ist ihre leibliche Mutter, die Stéphanie gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben hat. Per Brief versucht diese jetzt ihre Geschichte zu erzählen - das Ergebnis ist ein Briefroman, der den Leser berührt.

Von Stephan Sigg.

Klein, aber oho! Prune Berges erster Roman hat es in sich. Am Anfang ist man noch etwas skeptisch, ob der Brief-Stil und die wechselnden Perspektiven wirklich so etwas wie Atmosphäre oder Spannung aufkommen lassen. Doch kaum ist man beim zweiten Brief angelangt, steckt man mittendrin in mehreren Familiengeschichten. Da ist zum einen Anne, Stéphanies leibliche Mutter, die selber ohne ihre Mutter aufgewachsen ist. Zum anderen ist da die Geschichte von Anne und ihrer Tochter Stéphanie, die viel zur früh auf die Welt kam und nicht in Annes Lebenskonzept passte. Adoption schien für sie die einzige richtige Lösung zu sein. Zwanzig Jahre später hat sich einiges in Annes Leben verändert: Sie hat geheiratet und mittlerweile einen erwachsenen Sohn. Niemand weiss von Stéphanie, bis sich Anne einer Mitarbeiterin in ihrer Boutique anvertraut.

Antwort von der Adoptivmutter
Auf das Gespräch mit der Angestellten folgt der erste Brief an ihre leibliche Tochter, von der Anne rein gar nichts weiss - mal abgesehen von deren Geburtsdatum und Adresse. "Meine liebe Tochter, sicher habe ich nicht das Recht, dich so zu nennen. Aber es gibt dich", beginnt Anne ihr Schreiben. Was und ob überhaupt sie mit dem Brief erreicht, weiss sie nicht. Und auch der Leser erfährt nicht, welche Gedanken ihr während der Zeit des Wartens durch den Kopf gehen. Denn das Buch beinhaltet nur Briefe. So stösst man als nächstes auf Brief Nr 2. Dieser trifft erst anderthalb Jahre später bei Anne ein: Er ist nicht von ihrer Tochter, sondern von deren Adoptivmutter Colette, die von ihrer Beziehung zur Adoptivtochter erzählt. Brief für Brief breiten sich nun dem Leser die verschiedenen Biografien der drei Protagonistinnen aus und man lernt diese immer näher kennen und besser verstehen.

Sehr dicht und tiefgehend
Berges erster Roman ist nicht mal hundert Seiten lang, doch trotzdem sehr dicht und tiefgehend. Erstaunlich, wie viel Inhalt die französische Autorin in die Sätze gepackt hat und wie es ihr gelingt, eine Geschichte, deren Plot an seichte Melodramen erinnert, auf total unsentimentale, klischeefreie Weise zu erzählen. Berge stimmt den Leser nachdenklich, aber ohne ihn niedergeschlagen zurückzulassen. Sie macht sichtbar, dass man sich von seinen Wurzeln nicht einfach so abtrennen kann - die Herkunft ist das Fundament für die eigene Lebensgeschichte und mit diesem muss man sich auseinandersetzen, um danach darauf seine Zukunft aufbauen zu können.

Ein tolles, sehr schnell gelesenes Buch, das die Lektüre wert ist und bestimmt jede Altersgruppe anspricht. Am Schluss der Lektüre legt man das Buch berührt zur Seite und ist traurig - traurig, dass das Buch schon zu Ende ist.

94 Seiten, CHF 12.40

Zur Autorin

Prune Berge wurde 1945 in Bordeaux geboren. Sie hat fürs Fernsehen und verschiedene Verlage gearbeitet. Heute leitet sie die Abteilung für audiovisuelle Medien bei Gallimard, Paris. "Du bist nicht meine Mutter" ist ihr erster Roman.

Quelle: dtv


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