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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jürg Amann: "Pornographische Novelle" | Tisch7
Viel Porno und ein bisschen Poesie

Es ist ja oft so, dass Bücher ihre Leser mit möglichst verführerischen Titeln locken, um schliesslich die erweckten Erwartungen doch nicht zu erfüllen. Amanns Novelle hingegen löst ein, was die Überschrift verspricht - konsequent und unverblümt.

Von Marco Durrer.

Der Umschlagtext verrät, dass Amann als Ausgangspunkt für diese Novelle ein Zeitungsausschnitt diente. Streng nach klassischer Vorgabe der literarischen Gattung strickt er daraus die Darstellung eines Geschehens, das schnell den Schein des Normalen abwirft und einem Wendepunkt zustrebt. Aus der Schilderung von Zärtlichkeiten wird unversehens Pornographie.

Sex bis zum Selbstverlust
Um zwei Ecken und doch irgendwie aus der Ich-Perspektive wird von einer spontanen leidenschaftlichen Begegnung in einem Hotelzimmer berichtet. Was als Austausch von Zärtlichkeiten und der Suche nach unbestimmter Nähe beginnt, entwickelt sich schnell zu bedingungs-, rast- und haltlosem Sex und der triebhaften Sehnsucht nach absoluter Selbstauflösung. ("Wir schlossen uns kurz, Kopf bei Geschlecht, Geschlecht bei Kopf. Wir lagen ineinander verschränkt und verschlungen. [] Wir drängten uns aneinander und ineinander, bis wir nicht mehr wussten, wer wer war. Wir verschlangen uns. Wir frassen uns auf, wir tranken uns aus. Bis wir leer waren, bis wir voll waren, beides.") Hierbei lässt sich der ,Akteur' selbst von der langen Narbe, wo ihre Brüste sein sollten, und den unter ihren Armen spriessenden Haarbüscheln nicht irritieren. Eine Nacht lang besorgen sie es sich unzählige Male selbst oder gegenseitig mit Hand, Mund und - Banane. Sie bieten sich sämtliche Löcher dar und begiessen sich gegenseitig mit Natursekt. ("Ich holte den Saft aus ihrer Spalte, ich schleimte, seifte, rieb sie damit ein. Mit dem Mittelfinger [] drang sie in meinen After, ich schob ihr Daumen und Zeigefinger in After und Möse. Wir trieben uns an. Wir trieben uns an die Grenze. Wir trieben uns weit über die Grenzen hinaus.") Nach einer höhepunktsreichen Nacht der unstillbaren Begierde, körperlichen Verschmelzung und geistigen Entgrenzung, findet die Begegnung mit dem Aufgang der Sonne und seinem heimlichen Abschied ein notwendig unspektakuläres Ende. Was bleibt ist die Erinnerung an eine äusserst intensiv ausgelebte Nacht und an ein deftiges, aber nicht unpoetisches Stück zeitgenössischer Literatur. ("Als es in mir zuckte, wusste ich nicht mehr, ob ich es war oder sie, ob ich in ihr war oder sie in mir, wer in wen hinein auslief, zu wem dieses prallvolle, sich entleerende Stück gehörte, das unsere Leiber verband, und wem welcher Saft.")

Und noch ein wenig Robert Walser
In einem der Novelle zur Seite gestellten (nur zum Teil) fiktiven Briefwechsel, beweist sich Amann zudem als ernsthafter Parodist, indem er die überfreundlich fordernde Eigenart des grossen, aber spät entdeckten Autors mit Hang zum Wahnsinn, Robert Walser, einfängt. In unablässiger Repetition schmeichelnder Superlativen beteuert er der Frau Mermet, einer mütterlichen Freundin, seine Zuneigung und seinen Dank für die von ihm per Post geforderten und von ihr geduldig erwiesenen Dienste.

Ein gewagter, nicht ungelungener Versuch, grotesk-pornographische Szenen literarisch darzustellen. Man kann nur hoffen, dass es den (männlichen) Lesern nach der Lektüre nicht ähnlich ergeht wie dem Protagonisten der pornographischen Novelle, denn "plötzlich hatte er an nichts anderes mehr denken können als an alle diese von ihren Besitzerinnen vor sich her getragenen Spalten".

98 Seiten, CHF 21.90


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