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Jürg Amann: "Pornographische Novelle"
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Viel Porno und ein bisschen Poesie
Es ist ja oft so, dass Bücher
ihre Leser mit möglichst verführerischen Titeln locken,
um schliesslich die erweckten Erwartungen doch nicht zu erfüllen.
Amanns Novelle hingegen löst ein, was die Überschrift
verspricht - konsequent und unverblümt.
Von Marco Durrer.
Der Umschlagtext verrät, dass Amann als
Ausgangspunkt für diese Novelle ein Zeitungsausschnitt diente.
Streng nach klassischer Vorgabe der literarischen Gattung strickt
er daraus die Darstellung eines Geschehens, das schnell den Schein
des Normalen abwirft und einem Wendepunkt zustrebt. Aus der Schilderung
von Zärtlichkeiten wird unversehens Pornographie.
Sex bis zum Selbstverlust
Um zwei Ecken und doch irgendwie aus
der Ich-Perspektive wird von einer spontanen leidenschaftlichen
Begegnung in einem Hotelzimmer berichtet. Was als Austausch von
Zärtlichkeiten und der Suche nach unbestimmter Nähe
beginnt, entwickelt sich schnell zu bedingungs-, rast- und haltlosem
Sex und der triebhaften Sehnsucht nach absoluter Selbstauflösung.
("Wir schlossen uns kurz, Kopf bei Geschlecht, Geschlecht
bei Kopf. Wir lagen ineinander verschränkt und verschlungen.
[] Wir drängten uns aneinander und ineinander, bis wir nicht
mehr wussten, wer wer war. Wir verschlangen uns. Wir frassen
uns auf, wir tranken uns aus. Bis wir leer waren, bis wir voll
waren, beides.") Hierbei lässt sich der ,Akteur' selbst
von der langen Narbe, wo ihre Brüste sein sollten, und den
unter ihren Armen spriessenden Haarbüscheln nicht irritieren.
Eine Nacht lang besorgen sie es sich unzählige Male selbst
oder gegenseitig mit Hand, Mund und - Banane. Sie bieten
sich sämtliche Löcher dar und begiessen sich gegenseitig
mit Natursekt. ("Ich holte den Saft aus ihrer Spalte, ich
schleimte, seifte, rieb sie damit ein. Mit dem Mittelfinger []
drang sie in meinen After, ich schob ihr Daumen und Zeigefinger
in After und Möse. Wir trieben uns an. Wir trieben uns an
die Grenze. Wir trieben uns weit über die Grenzen hinaus.")
Nach einer höhepunktsreichen Nacht der unstillbaren Begierde,
körperlichen Verschmelzung und geistigen Entgrenzung, findet
die Begegnung mit dem Aufgang der Sonne und seinem heimlichen
Abschied ein notwendig unspektakuläres Ende. Was bleibt
ist die Erinnerung an eine äusserst intensiv ausgelebte
Nacht und an ein deftiges, aber nicht unpoetisches Stück
zeitgenössischer Literatur. ("Als es in mir zuckte,
wusste ich nicht mehr, ob ich es war oder sie, ob ich in ihr
war oder sie in mir, wer in wen hinein auslief, zu wem dieses
prallvolle, sich entleerende Stück gehörte, das unsere
Leiber verband, und wem welcher Saft.")
Und noch ein wenig Robert Walser
In einem der Novelle zur Seite gestellten (nur zum Teil) fiktiven
Briefwechsel, beweist sich Amann zudem als ernsthafter Parodist,
indem er die überfreundlich fordernde Eigenart des grossen,
aber spät entdeckten Autors mit Hang zum Wahnsinn, Robert
Walser, einfängt. In unablässiger Repetition schmeichelnder
Superlativen beteuert er der Frau Mermet, einer mütterlichen
Freundin, seine Zuneigung und seinen Dank für die von ihm
per Post geforderten und von ihr geduldig erwiesenen Dienste.
Ein gewagter, nicht ungelungener Versuch,
grotesk-pornographische Szenen literarisch darzustellen. Man
kann nur hoffen, dass es den (männlichen) Lesern nach der
Lektüre nicht ähnlich ergeht wie dem Protagonisten
der pornographischen Novelle, denn "plötzlich hatte
er an nichts anderes mehr denken können als an alle diese
von ihren Besitzerinnen vor sich her getragenen Spalten".
98 Seiten, CHF 21.90
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