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Martin Amis: "Die Hauptsachen" (Autobiographie)
| Hanser
Von hauptsächlichen Nebensachen
Zugegeben, es ist ein bisschen früh,
mit Fünfzig seine Memoiren zu schreiben. Gewisse Ereignisse
können aber den unbändigen Impuls auslösen, die
letzten Jahre, oder eben das bisher verlebte Leben, Revue passieren
zu lassen. Und wenn man dann noch selbst ein vielbeachteter Schriftsteller
ist, liegt es nahe, darüber auch ein Buch zu verfassen.
Von Marco Durrer.
In seinem Memoirenbuch spielt Amis höchst
kunstvoll mit zeitlichen Ebenen, zieht Parallelen zwischen bestimmten
Begebenheiten und bietet Variationen zum Thema Liebe und Tod,
Väter und Söhne, Unschuld und Erfahrung.
Ein schicksalhaftes Jahr
Es waren einige Ereignisse, die Amis den Impuls zur Rekapitulation
gegeben haben dürften. So führen die vielen narrativen
Pfade geradewegs zu Amis' 'annus horribilis': denn zwischen 1994
und 1995 erfährt er, dass die 20 Jahre lang verschollene
geliebte Cousine Opfer eines Serienmörders geworden ist.
Seine Ehe, aus der zwei Söhne hervorgegangen sind, zerbricht.
Die Tochter, von der er nichts wusste und die er sich doch immer
gewünscht hatte, tritt tatsächlich aus der Vergangenheit
und fast erwachsen in sein Leben. Der Nobelpreisträger in
Literatur von 1976 und väterlicher Freund, Saul Bellow,
ist schwer krank. Die englische Presse widmet sich ausführlich
seinen grossen Zahnproblemen. Und sein Vater Kingsley, ein zum
Ritter geschlagener und zu den wichtigsten Repräsentanten
der englischen Nachkriegsliteratur zählender Schriftsteller,
liegt im Sterben.
Vom berühmten Vater, der Schriftstellerei
und schlechten Zähnen
Aus vielen einzelnen bunten anekdotischen Stofffetzen webt Amis
humor- und liebevoll den Quilt seines ereignisreichen Lebens.
Das aus (sehr präsent erscheinender) Erinnerung zusammengesetzte
Puzzle gewährt u.a. Einblick in die verworrenen Familienverhältnisse
der Amis', die nicht immer ganz einfachen Launen des Vaters,
in die beruflichen und freundschaftlichen Beziehungen zu anderen
Autoren und zeichnet intim den (auch schriftstellerischen) Werdegang
des erfolgreich in die grossen Fussstapfen des Vaters getretenen
Autors nach. Amis betont, dass er es nie als unangenehm und schwierig
empfunden habe, im Schatten des populären Vaters zu stehen,
sondern er habe ihm eher als Schutz gedient. ("Wenn jemand
Schriftsteller wird, ist das schon etwas Seltsames, aber wenn
man nur etwas tut, was auch der eigene Vater den ganzen Tag tut,
erscheint es einem vollkommen normal.") Auch wenn das Werk
nicht direkt dem vor zehn Jahren verstorbenen "King"
gewidmet ist, es liest sich wie eine nicht ganz unkritische,
aber sehr respektvolle und zärtliche Hommage an die prägende
und heimlich verehrte Vaterfigur. ("Als er starb, waren
wir alle ganz demütig angesichts des Ausmasses der Leere,
die er hinterliess.")
Neben seinem Vater lassen sich aber auch andere
"Hauptsachen" aus den Memoiren herausschälen,
wie die Auseinandersetzung mit dem Älterwerden ("Die
Jugend ist endgültig verflogen, und mit ihr jeglicher Glaube
an die eigene Unangreifbarkeit"), den Schönheiten und
Tücken des Schreibens, der Liebe und der Absolutheit des
Todes. Natürlich spielt auch die eigene Familie eine wichtige
Rolle und die schrecklich traumatischen Erlebnisse auf den Stühlen
von Zahnarztpraxen, wo ihm beinah das gesamte Gebiss renoviert
bis ersetzt werden musste. ("Der Mund ist ungewöhnlich
anfällig für Zwangsvorstellungen. Wenn da drin etwas
vorgeht, dann lebt man nur noch dort: in seinem Mund.")
Wunder und Katastrophen
Gespickt mit unzähligen Zitaten (des Vaters, eigenen oder
von mehr oder weniger bekannten Schriftstellerkollegen), scharfsinnigen
Kommentaren, poetischen Vergleichen und persönlichen Erkenntnissen,
werden die Memoiren des Martin Amis zur kurzweiligen, amüsanten
und bisweilen berührenden Lektüre - auch wenn seine
subjektiv als "Hauptsachen" empfundenen Lebensinhalte
den Leser (in seinem eigenen Schicksal; mit seiner eigenen Geschichte)
nicht zwingend interessieren müssen. Man muss ihm zumindest
darin Recht geben, dass "die Hauptsachen [] solche alltäglichen
Wunder und alltäglichen Katastrophen [sind]".
Im Gedenken an seine brutal ermordete Cousine
bemerkt Amis schwermütig: "Dorthin gehen wir wirklich,
wenn wir sterben: in die Herzen derer, die sich an uns erinnern".
Wenngleich er noch lange zu leben hat, ist eines gewiss: Die
Leser dieser seiner Lebensgeschichte werden sich an ihn erinnern.
442 Seiten, CHF 44.50
Auswahl an Sekundärliteratur zu Martin
Amis' Schaffen:
www.infography.com/content/881493498516.html
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Zum Autor
Martin Amis, 1949 in Swansea (Wales) geboren,
schrieb 1973 seinen ersten, von der Kritik gefeierten Roman,
für den er prompt den Somerset Maugham Award erhielt. Zuletzt
erschienen auf deutsch "Night Train" (1998), "Schweres
Wasser und andere Erzählungen" (2000), "Das Rachel-Tagebuch"
(2002) und der Roman "Yellow Dog" (2004).
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