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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Martin Amis: "Die Hauptsachen" (Autobiographie) | Hanser
Von hauptsächlichen Nebensachen

Zugegeben, es ist ein bisschen früh, mit Fünfzig seine Memoiren zu schreiben. Gewisse Ereignisse können aber den unbändigen Impuls auslösen, die letzten Jahre, oder eben das bisher verlebte Leben, Revue passieren zu lassen. Und wenn man dann noch selbst ein vielbeachteter Schriftsteller ist, liegt es nahe, darüber auch ein Buch zu verfassen.

Von Marco Durrer.

In seinem Memoirenbuch spielt Amis höchst kunstvoll mit zeitlichen Ebenen, zieht Parallelen zwischen bestimmten Begebenheiten und bietet Variationen zum Thema Liebe und Tod, Väter und Söhne, Unschuld und Erfahrung.

Ein schicksalhaftes Jahr
Es waren einige Ereignisse, die Amis den Impuls zur Rekapitulation gegeben haben dürften. So führen die vielen narrativen Pfade geradewegs zu Amis' 'annus horribilis': denn zwischen 1994 und 1995 erfährt er, dass die 20 Jahre lang verschollene geliebte Cousine Opfer eines Serienmörders geworden ist. Seine Ehe, aus der zwei Söhne hervorgegangen sind, zerbricht. Die Tochter, von der er nichts wusste und die er sich doch immer gewünscht hatte, tritt tatsächlich aus der Vergangenheit und fast erwachsen in sein Leben. Der Nobelpreisträger in Literatur von 1976 und väterlicher Freund, Saul Bellow, ist schwer krank. Die englische Presse widmet sich ausführlich seinen grossen Zahnproblemen. Und sein Vater Kingsley, ein zum Ritter geschlagener und zu den wichtigsten Repräsentanten der englischen Nachkriegsliteratur zählender Schriftsteller, liegt im Sterben.

Vom berühmten Vater, der Schriftstellerei und schlechten Zähnen
Aus vielen einzelnen bunten anekdotischen Stofffetzen webt Amis humor- und liebevoll den Quilt seines ereignisreichen Lebens. Das aus (sehr präsent erscheinender) Erinnerung zusammengesetzte Puzzle gewährt u.a. Einblick in die verworrenen Familienverhältnisse der Amis', die nicht immer ganz einfachen Launen des Vaters, in die beruflichen und freundschaftlichen Beziehungen zu anderen Autoren und zeichnet intim den (auch schriftstellerischen) Werdegang des erfolgreich in die grossen Fussstapfen des Vaters getretenen Autors nach. Amis betont, dass er es nie als unangenehm und schwierig empfunden habe, im Schatten des populären Vaters zu stehen, sondern er habe ihm eher als Schutz gedient. ("Wenn jemand Schriftsteller wird, ist das schon etwas Seltsames, aber wenn man nur etwas tut, was auch der eigene Vater den ganzen Tag tut, erscheint es einem vollkommen normal.") Auch wenn das Werk nicht direkt dem vor zehn Jahren verstorbenen "King" gewidmet ist, es liest sich wie eine nicht ganz unkritische, aber sehr respektvolle und zärtliche Hommage an die prägende und heimlich verehrte Vaterfigur. ("Als er starb, waren wir alle ganz demütig angesichts des Ausmasses der Leere, die er hinterliess.")

Neben seinem Vater lassen sich aber auch andere "Hauptsachen" aus den Memoiren herausschälen, wie die Auseinandersetzung mit dem Älterwerden ("Die Jugend ist endgültig verflogen, und mit ihr jeglicher Glaube an die eigene Unangreifbarkeit"), den Schönheiten und Tücken des Schreibens, der Liebe und der Absolutheit des Todes. Natürlich spielt auch die eigene Familie eine wichtige Rolle und die schrecklich traumatischen Erlebnisse auf den Stühlen von Zahnarztpraxen, wo ihm beinah das gesamte Gebiss renoviert bis ersetzt werden musste. ("Der Mund ist ungewöhnlich anfällig für Zwangsvorstellungen. Wenn da drin etwas vorgeht, dann lebt man nur noch dort: in seinem Mund.")

Wunder und Katastrophen
Gespickt mit unzähligen Zitaten (des Vaters, eigenen oder von mehr oder weniger bekannten Schriftstellerkollegen), scharfsinnigen Kommentaren, poetischen Vergleichen und persönlichen Erkenntnissen, werden die Memoiren des Martin Amis zur kurzweiligen, amüsanten und bisweilen berührenden Lektüre - auch wenn seine subjektiv als "Hauptsachen" empfundenen Lebensinhalte den Leser (in seinem eigenen Schicksal; mit seiner eigenen Geschichte) nicht zwingend interessieren müssen. Man muss ihm zumindest darin Recht geben, dass "die Hauptsachen [] solche alltäglichen Wunder und alltäglichen Katastrophen [sind]".

Im Gedenken an seine brutal ermordete Cousine bemerkt Amis schwermütig: "Dorthin gehen wir wirklich, wenn wir sterben: in die Herzen derer, die sich an uns erinnern". Wenngleich er noch lange zu leben hat, ist eines gewiss: Die Leser dieser seiner Lebensgeschichte werden sich an ihn erinnern.

442 Seiten, CHF 44.50

Auswahl an Sekundärliteratur zu Martin Amis' Schaffen:
www.infography.com/content/881493498516.html

Zum Autor

Martin Amis, 1949 in Swansea (Wales) geboren, schrieb 1973 seinen ersten, von der Kritik gefeierten Roman, für den er prompt den Somerset Maugham Award erhielt. Zuletzt erschienen auf deutsch "Night Train" (1998), "Schweres Wasser und andere Erzählungen" (2000), "Das Rachel-Tagebuch" (2002) und der Roman "Yellow Dog" (2004).


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