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J. R. R. Tolkien: "Der Hobbit" (Roman)
| Klett-Cotta
"Abenteuer verspäten nur die Mahlzeiten"
"Der Hobbit" ist Tolkiens
erstes veröffentlichtes Buch. Der Verleger Stanley Unwin
nahm es an, nachdem sein 10jähriger Sohn Rayner, der später
Tolkiens Verleger wurde, eine lobende Kritik geschrieben hatte.
Ist "Der Hobbit" auch harmloser und viel lustiger als
"Der Herr der Ringe", so ist er dennoch alles andere
als nur ein Kinderbuch, sondern die spannende Vorgeschichte von
Frodos Abenteuern.
Von Lukas Hunziker.
Bilbo Beutlin ist ein zufriedener Hobbit,
der einen geregelten Tagesablauf hat und eine Tasse Tee und etwas
Pfeifenkraut mehr schätzt als alles andere in der Welt.
Doch als er eines Morgens vor seiner Hobbithöhle Pfeife
raucht, steht plötzlich ein grosser Mann mit spitzem Hut
vor ihm und erzählt ihm, er suche jemanden für ein
Abenteuer. Bilbo weist ihn darauf hin, dass er gerade unter den
Hobbits niemanden dafür finden werde, denn Abenteuer, so
Bilbo, verspäten nur die Mahlzeiten. Zwar ist seine Neugier
geweckt, als sich der Mann mit dem spitzen Hut als der Zauberer
Gandalf zu erkennen gibt, doch mit einer flüchtigen Einladung
zum Tee lässt er Gandalf stehen und geht seinen Beschäftigungen
nach.
Zwergen zum Tee
Als es am nächsten Tag an die
Türe pocht, erinnert sich Bilbo an die Einladung zum Tee
und öffnet die Tür, in der Erwartung, Gandalf davor
stehen zu sehen. Doch stattdessen tritt ein Zwerg in die Wohnung,
hängt seinen Mantel auf und lässt sich vom verdutzten
Bilbo Tee einschenken. Doch gleich nochmals klopft jemand an
die grosse grüne Tür und Bilbo muss einen weiteren
Zwerg hereinbitten. Erst hinter dem dreizehnten Zwerg, und dies
ist der berühmte Thorin Eichenschild, steht Gandalf. Bilbo,
der keine Ahnung hat, was vor sich geht, bewirtet sie höflich
und es vergeht eine Weile, bevor man ihn aufklärt: Gandalf
hat ihn zum Meisterdieb einer Zwergenexpedition gewählt,
die zum Einsamen Berg reisen will, wo ein Drache den Schatz bewacht,
den er einst von Thorins Vorfahren gestohlen hat.
Einstieg in die Meisterdiebbranche
Ein gewöhnlicher Hobbit würde
sich natürlich sträuben, auch nur an ein solches Abenteuer
zu denken, und den Zwergen freundlich die Tür weisen. Doch
erstens gehört Bilbo zur einzigen Hobbitfamilie, in deren
Vergangenheit es Abenteurer gab, und zweitens bekommt er mit,
dass die Zwerge ihn für unfähig halten, für eine
kleinen Knirps, der auf seiner Fussmatte herumhopst. Dies kann
Bilbo auf keinen Fall auf sich ruhen lassen und er erklärt
sich bereit, mit den Zwergen zum Einsamen Berg zu ziehen, als
ihr Meisterdieb, obwohl er keine Ahnung hat, was so einer tun
muss. Fürs erste wird die Gruppe auch von Gandalf begleitet,
der ihnen mehr als nur einmal aus der Patsche helfen sollte.
Riskantes Rätselraten
"Dorthin und wieder zurück"
lautet der zweite Titel des "Hobbits". Wie Frodo in
"Der Herr der Ringe" ist auch Bilbos Abenteuer eine
gefährliche Reise. Unterwegs werden die dreizehn Zwerge
und der Hobbit von Trollen, Orks und Waldelben gefangen genommen,
geraten in die Netze von Spinnen, reiten auf Adlern und verstecken
sich in Fässern. Im Nebelgebirge trennen sich die Wege der
Zwerge und Bilbos kurz und in diesen Schreckensstunden macht
Bilbo die Bekanntschaft mit Gollum. Unversehens findet er dessen
Ring, vorerst ohne zu ahnen, dass er seinen Träger unsichtbar
macht. Dann zwingt ihn Gollum zu einem riskanten Spiel. Die beiden
stellen sich Rätsel, wobei Gollum, wenn er gewinnt, Bilbo
fressen darf, und wenn er verliert, ihm den Ausgang aus den Höhlen
des Nebelgebirges zeigen muss.
Einstiegsdroge
Im Laufe des Abenteuers wird aus dem
kleinen Hobbit ein grosser Abenteurer, der sich schliesslich
sogar in die Höhle des Drachen begibt. Dank seinem Ring,
seinem Mut und seiner Gutherzigkeit wird er für die Zwerge
zum unentbehrlichen Gefährten und Freund. Der Leser liebt
Bilbo schon nach wenigen Seiten und wird von ihm in die Geschichte
hineingezogen. Diese ist wesentlich geradliniger als "Der
Herr der Ringe" und daher angenehmer zu lesen. "Der
Hobbit" ist das ideale Einstiegsbuch in die Tolkienwelt,
wenn nicht geradezu eine Einstiegsdroge. Da man die Hobbits,
die Elben, die Zwerge, die finsteren Kräfte und die wichtigsten
Orte Mittelerdes danach kennt, fällt der Einstieg in "Der
Herr der Ringe" viel leichter. Auch, dass das erste Kapitel
der Ringtrilogie mit Bilbo beginnt, macht es möglich, den
"Hobbit" wegzulegen, einen Tee zu trinken und danach
"Der Herr der Ringe" aufzuschlagen.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Dass zwischen den zwei Büchern
knapp zwanzig Jahre im Leben Tolkiens vergangen sind, merkt man
dennoch. Mittelerde wird komplexer, grösser und auch die
Völker erscheinen in etwas anderem Licht. Während "Der
Hobbit" ein langes Märchen ist, ist "Der Herr
der Ringe" ein Epos, und wer nach Bilbos Abenteuer ein Ähnliches
mit Frodo erwartet, wird auf die Welt kommen. Dennoch haben die
zwei Werke eines gemeinsam; einen liebenswürdigen Hobbit,
der eigentlich nie ein Abenteuer erleben wollte (nicht vergessen:
die verspäten die Mahlzeiten) aber dennoch zu einem der
grossen Abenteurer Mittelerdes wird. Schlussendlich sind nicht
zuletzt die Hobbits Tolkiens vollkommen eigene Erfindung und
sein Vermächtnis an die Literatur.
Von allen Geschichten Tolkiens, die in Mittelerde
spielen, ist "Der Hobbit" am einfachsten zu lesen und
dazu auch das witzigste Buch. Eigentlich kann man der Geschichte
nur einen Vorwurf machen (und dieser ist auch die grosse Hürde
für eine Verfilmung): es kommt keine einzige Frau darin
vor. Aber hin und wieder kann man auf diese zauberhaften Geschöpfe
ja auch verzichten, oder?
310 Seiten, CHF 29.20
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