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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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J. R. R. Tolkien: "Der Hobbit" (Roman) | Klett-Cotta
"Abenteuer verspäten nur die Mahlzeiten"

"Der Hobbit" ist Tolkiens erstes veröffentlichtes Buch. Der Verleger Stanley Unwin nahm es an, nachdem sein 10jähriger Sohn Rayner, der später Tolkiens Verleger wurde, eine lobende Kritik geschrieben hatte. Ist "Der Hobbit" auch harmloser und viel lustiger als "Der Herr der Ringe", so ist er dennoch alles andere als nur ein Kinderbuch, sondern die spannende Vorgeschichte von Frodos Abenteuern.

Von Lukas Hunziker.

Bilbo Beutlin ist ein zufriedener Hobbit, der einen geregelten Tagesablauf hat und eine Tasse Tee und etwas Pfeifenkraut mehr schätzt als alles andere in der Welt. Doch als er eines Morgens vor seiner Hobbithöhle Pfeife raucht, steht plötzlich ein grosser Mann mit spitzem Hut vor ihm und erzählt ihm, er suche jemanden für ein Abenteuer. Bilbo weist ihn darauf hin, dass er gerade unter den Hobbits niemanden dafür finden werde, denn Abenteuer, so Bilbo, verspäten nur die Mahlzeiten. Zwar ist seine Neugier geweckt, als sich der Mann mit dem spitzen Hut als der Zauberer Gandalf zu erkennen gibt, doch mit einer flüchtigen Einladung zum Tee lässt er Gandalf stehen und geht seinen Beschäftigungen nach.

Zwergen zum Tee
Als es am nächsten Tag an die Türe pocht, erinnert sich Bilbo an die Einladung zum Tee und öffnet die Tür, in der Erwartung, Gandalf davor stehen zu sehen. Doch stattdessen tritt ein Zwerg in die Wohnung, hängt seinen Mantel auf und lässt sich vom verdutzten Bilbo Tee einschenken. Doch gleich nochmals klopft jemand an die grosse grüne Tür und Bilbo muss einen weiteren Zwerg hereinbitten. Erst hinter dem dreizehnten Zwerg, und dies ist der berühmte Thorin Eichenschild, steht Gandalf. Bilbo, der keine Ahnung hat, was vor sich geht, bewirtet sie höflich und es vergeht eine Weile, bevor man ihn aufklärt: Gandalf hat ihn zum Meisterdieb einer Zwergenexpedition gewählt, die zum Einsamen Berg reisen will, wo ein Drache den Schatz bewacht, den er einst von Thorins Vorfahren gestohlen hat.

Einstieg in die Meisterdiebbranche
Ein gewöhnlicher Hobbit würde sich natürlich sträuben, auch nur an ein solches Abenteuer zu denken, und den Zwergen freundlich die Tür weisen. Doch erstens gehört Bilbo zur einzigen Hobbitfamilie, in deren Vergangenheit es Abenteurer gab, und zweitens bekommt er mit, dass die Zwerge ihn für unfähig halten, für eine kleinen Knirps, der auf seiner Fussmatte herumhopst. Dies kann Bilbo auf keinen Fall auf sich ruhen lassen und er erklärt sich bereit, mit den Zwergen zum Einsamen Berg zu ziehen, als ihr Meisterdieb, obwohl er keine Ahnung hat, was so einer tun muss. Fürs erste wird die Gruppe auch von Gandalf begleitet, der ihnen mehr als nur einmal aus der Patsche helfen sollte.

Riskantes Rätselraten
"Dorthin und wieder zurück" lautet der zweite Titel des "Hobbits". Wie Frodo in "Der Herr der Ringe" ist auch Bilbos Abenteuer eine gefährliche Reise. Unterwegs werden die dreizehn Zwerge und der Hobbit von Trollen, Orks und Waldelben gefangen genommen, geraten in die Netze von Spinnen, reiten auf Adlern und verstecken sich in Fässern. Im Nebelgebirge trennen sich die Wege der Zwerge und Bilbos kurz und in diesen Schreckensstunden macht Bilbo die Bekanntschaft mit Gollum. Unversehens findet er dessen Ring, vorerst ohne zu ahnen, dass er seinen Träger unsichtbar macht. Dann zwingt ihn Gollum zu einem riskanten Spiel. Die beiden stellen sich Rätsel, wobei Gollum, wenn er gewinnt, Bilbo fressen darf, und wenn er verliert, ihm den Ausgang aus den Höhlen des Nebelgebirges zeigen muss.

Einstiegsdroge
Im Laufe des Abenteuers wird aus dem kleinen Hobbit ein grosser Abenteurer, der sich schliesslich sogar in die Höhle des Drachen begibt. Dank seinem Ring, seinem Mut und seiner Gutherzigkeit wird er für die Zwerge zum unentbehrlichen Gefährten und Freund. Der Leser liebt Bilbo schon nach wenigen Seiten und wird von ihm in die Geschichte hineingezogen. Diese ist wesentlich geradliniger als "Der Herr der Ringe" und daher angenehmer zu lesen. "Der Hobbit" ist das ideale Einstiegsbuch in die Tolkienwelt, wenn nicht geradezu eine Einstiegsdroge. Da man die Hobbits, die Elben, die Zwerge, die finsteren Kräfte und die wichtigsten Orte Mittelerdes danach kennt, fällt der Einstieg in "Der Herr der Ringe" viel leichter. Auch, dass das erste Kapitel der Ringtrilogie mit Bilbo beginnt, macht es möglich, den "Hobbit" wegzulegen, einen Tee zu trinken und danach "Der Herr der Ringe" aufzuschlagen.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Dass zwischen den zwei Büchern knapp zwanzig Jahre im Leben Tolkiens vergangen sind, merkt man dennoch. Mittelerde wird komplexer, grösser und auch die Völker erscheinen in etwas anderem Licht. Während "Der Hobbit" ein langes Märchen ist, ist "Der Herr der Ringe" ein Epos, und wer nach Bilbos Abenteuer ein Ähnliches mit Frodo erwartet, wird auf die Welt kommen. Dennoch haben die zwei Werke eines gemeinsam; einen liebenswürdigen Hobbit, der eigentlich nie ein Abenteuer erleben wollte (nicht vergessen: die verspäten die Mahlzeiten) aber dennoch zu einem der grossen Abenteurer Mittelerdes wird. Schlussendlich sind nicht zuletzt die Hobbits Tolkiens vollkommen eigene Erfindung und sein Vermächtnis an die Literatur.

Von allen Geschichten Tolkiens, die in Mittelerde spielen, ist "Der Hobbit" am einfachsten zu lesen und dazu auch das witzigste Buch. Eigentlich kann man der Geschichte nur einen Vorwurf machen (und dieser ist auch die grosse Hürde für eine Verfilmung): es kommt keine einzige Frau darin vor. Aber hin und wieder kann man auf diese zauberhaften Geschöpfe ja auch verzichten, oder?

310 Seiten, CHF 29.20


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