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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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MILESTONE:
Tocotronic

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Blick zurück auf die Parolenfabrik

Natürlich könnte ich schreiben, ich sei mit Tocotronic gross geworden. Das würde zwar prima klingen, wäre aber eine glatte Lüge.

Von Michael Fässler.

Als Jan Müller, Arne Zank und Dirk von Lowtzow vor einem guten Jahrzehnt innerhalb von 4 Tagen "Digital ist besser", das vielleicht authentischste Zeitdokument deutscher Jugendkultur der Neunziger Jahre einspielten, plagten mich wahrlich andere Sorgen. Als sich die Jungs mit Schlagzeug, Gitarre und Bass und einigen gerade noch auf die Reihe gekriegten Dreiminütern auf den Thron der Hamburger Schule hinaufrockten, drückte ich die Bänke der Realschule. Hamburg schien für mich damals beinahe so weit entfernt wie Seattle für Dirk. Meine erste Berührung mit Tocotronic hatte ich denn auch nicht in einem versifften Jugendraum, sondern eher per Zufall, im Plattenladen. Erste Annäherungsversuche mit dem selbstbetitelten, weissen Album folgten. Ein Koloss von einem Album, auch wenn diese surrealistischen Wortbilder auch nach einem Dutzend Mal durchhören verworren blieben. Das Dickicht als ein Dickicht. Danach das übliche Spiel, hat man einmal eine Band mit einem ergiebigen Backkatalog ins Herz geschlossen. Als zweiten Versuch der Griff ganz weit zurück in die Diskografie. Die ersten Alben entpuppten sich als weit zugänglicher, diese juvenil lethargische Alltäglichkeit schrie mir aus der Seele. Dazu die dilettantische Lo-Fi-Untermalung, die so unendlich weit weg vom hier und jetzt erscheint.

Im Blick zurück entstehen die Dinge. Und so rekapitulierte ich Schritt für Schritt das Erwachsenwerden der Gruppe, beobachtete die allmählichen Reformen auf allen Stufen. Und mit jedem Album eine handvoll Parolen, die sich für immer ins kollektive Indiebewusstsein eingebrannt haben. Die Befreiung aus den Fesseln der Hamburger Schule. Die Neuausrichtung mit K.O.O.K. Die zunehmende Verschachtelung nicht nur der musikalischen, sondern vielmehr der narrativen Ebene. Der definitive Einzug der Elektronik. Ein Fuss in der Dämmerung, den andern knietief im Pop. Damit der Sprung vom versifften Jugendkeller ins Feuilleton und der unvermeidliche Bruch mit den Fans der ersten Stunde. Jedes Album von Tocotronic hat denn auch seinen ganz eigenen Charme, scheint im Rückblick genau richtig zu seiner Zeit. Dasselbe gilt auch für die visuelle Aufmachung: Mit dem Verschwinden der klanglichen Holprigkeit musste dann auch einmal die anfängliche Super8-Ästhetik der Musikvideos zunehmend einer unterkühlten, gestochen scharfen Bildsprache Platz machen. Alles zu seiner Zeit.

Mit "Pure Vernunft wird niemals siegen" folgte dieses Jahr der erste bewusst miterlebte Release. Damit verbunden das erste Mal Tocotronic auf der Bühne. Unter dem Publikum einerseits die etwas älteren Semester, die wohl tatsächlich mit der Band gross geworden sind, andererseits aber auch viele junge Schnösel wie ich. Ein ganzer Haufen, der bei älteren Songs wie "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" einfach so tat, als seien diese Phrasen auch für uns identifikationsstiftend gewesen. Damals im Jugendclub anno 95'. Der Weg war weit. Wohin der Weg von Tocotronic auch immer führen wird - künftig werde ich diesen aktiv mitverfolgen.

www.tocotronic.de

Tocotronic: "Best Of" (Indie Rock) | L'Age D'Or / Rough Trade
Muss denn Alles im Überfluss vorhanden sein?

Von Michael Fässler.

Nach "Hamburg Years" 1998 und "10th Anniversary" vor zwei Jahren erscheint dieser Tage bereits die dritte Compilation aus dem Hause Tocotronic. Da wundert sich mancher: Muss das denn wirklich sein? Will man das Geschäft mit "Best Of"-Releases pünktlich zur Weihnachtssaison nicht lieber Leuten wie Phil Collins überlassen? Oder werden die Tocos momentan vielleicht gar von unsäglichen Geldnöten geplagt?

Die reguläre Version enthält chronologisch 21 Hits aus allen Stationen der Karriere; einmal von "Digital ist besser" zu "Pure Vernunft darf niemals siegen" innerhalb einer Stunde. Positiv anzumerken ist dabei, dass vor allem das Frühwerk gut vertreten ist. "Meine Freundin und Ihr Freund" fehlt ebenso wenig wie "So jung kommen wir nie mehr zusammen". Diese Sammlung dokumentiert die Entwicklung vom ungelenken Bandraum-Geschrammel zum präzis durchgedachten Indierock eindrücklich, kann aber trotzdem nur so fest befriedigen, wie dies jede andere Hitsammlung auch kann. Freilich gibt sie einen flüchtigen Einblick in die verschiedenen Schaffensphasen, kommt in ihrer Dichte aber niemals an ein reguläres Album heran. Zudem darf man sich ruhig fragen, wer denn schliesslich eine solche Werkschau von Tocotronic kaufen soll. Gerade bei einer deutschsprachigen Indiegruppe mit enormem Identifikationspotenzial muss man davon ausgehen, dass die meisten ihrer Hörer sowieso bereits einen Grossteil der sieben regulären Alben besitzen. Zum Glück hat Lado da noch eine limitierte zweite Version ausgeheckt, die neben der regulären Hitsammlung einen zweiten Silberling beinhaltet. Dieser ist randvoll gepackt mit unveröffentlichten Raritäten, Demoaufnahmen und Livetracks inklusive einem extravollen Booklet und bietet somit die perfekte Ergänzung zu der bereits zum 10-jährigen Bandjubiläum erschienen B-Seiten-Kollektion. Somit ist unter dem Strich allen gedient. Ob es ein gutes Zeichen ist, wenn Tocotronic bereits zu diesem Zeitpunkt eine umfängliche Retrospektive abliefern, soll jeder für sich beurteilen.


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