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Blick zurück auf die Parolenfabrik
Natürlich könnte ich schreiben,
ich sei mit Tocotronic gross geworden. Das würde zwar prima
klingen, wäre aber eine glatte Lüge.
Von Michael Fässler.
Als Jan Müller, Arne Zank und Dirk von
Lowtzow vor einem guten Jahrzehnt innerhalb von 4 Tagen "Digital
ist besser", das vielleicht authentischste Zeitdokument
deutscher Jugendkultur der Neunziger Jahre einspielten, plagten
mich wahrlich andere Sorgen. Als sich die Jungs mit Schlagzeug,
Gitarre und Bass und einigen gerade noch auf die Reihe gekriegten
Dreiminütern auf den Thron der Hamburger Schule hinaufrockten,
drückte ich die Bänke der Realschule. Hamburg schien
für mich damals beinahe so weit entfernt wie Seattle für
Dirk. Meine erste Berührung mit Tocotronic hatte ich denn
auch nicht in einem versifften Jugendraum, sondern eher per Zufall,
im Plattenladen. Erste Annäherungsversuche mit dem selbstbetitelten,
weissen Album folgten. Ein Koloss von einem Album, auch wenn
diese surrealistischen Wortbilder auch nach einem Dutzend Mal
durchhören verworren blieben. Das Dickicht als ein Dickicht.
Danach das übliche Spiel, hat man einmal eine Band mit
einem ergiebigen Backkatalog ins Herz geschlossen. Als zweiten
Versuch der Griff ganz weit zurück in die Diskografie. Die
ersten Alben entpuppten sich als weit zugänglicher, diese
juvenil lethargische Alltäglichkeit schrie mir aus der Seele.
Dazu die dilettantische Lo-Fi-Untermalung, die so unendlich weit
weg vom hier und jetzt erscheint.
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Im Blick zurück entstehen die Dinge.
Und so rekapitulierte ich Schritt für Schritt das Erwachsenwerden
der Gruppe, beobachtete die allmählichen Reformen auf allen
Stufen. Und mit jedem Album eine handvoll Parolen, die sich für
immer ins kollektive Indiebewusstsein eingebrannt haben. Die
Befreiung aus den Fesseln der Hamburger Schule. Die Neuausrichtung
mit K.O.O.K. Die zunehmende Verschachtelung nicht nur der musikalischen,
sondern vielmehr der narrativen Ebene. Der definitive Einzug
der Elektronik. Ein Fuss in der Dämmerung, den andern knietief
im Pop. Damit der Sprung vom versifften Jugendkeller ins Feuilleton
und der unvermeidliche Bruch mit den Fans der ersten Stunde.
Jedes Album von Tocotronic hat denn auch seinen ganz eigenen
Charme, scheint im Rückblick genau richtig zu seiner Zeit.
Dasselbe gilt auch für die visuelle Aufmachung: Mit dem
Verschwinden der klanglichen Holprigkeit musste dann auch einmal
die anfängliche Super8-Ästhetik der Musikvideos zunehmend
einer unterkühlten, gestochen scharfen Bildsprache Platz
machen. Alles zu seiner Zeit.
Mit "Pure Vernunft wird niemals siegen"
folgte dieses Jahr der erste bewusst miterlebte Release. Damit
verbunden das erste Mal Tocotronic auf der Bühne. Unter
dem Publikum einerseits die etwas älteren Semester, die
wohl tatsächlich mit der Band gross geworden sind, andererseits
aber auch viele junge Schnösel wie ich. Ein ganzer Haufen,
der bei älteren Songs wie "Ich möchte Teil einer
Jugendbewegung sein" einfach so tat, als seien diese Phrasen
auch für uns identifikationsstiftend gewesen. Damals im
Jugendclub anno 95'. Der Weg war weit. Wohin der Weg von Tocotronic
auch immer führen wird - künftig werde ich diesen
aktiv mitverfolgen.
www.tocotronic.de
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Tocotronic: "Best Of" (Indie Rock)
| L'Age D'Or / Rough Trade
Muss denn Alles im Überfluss vorhanden sein?
Von Michael Fässler.
Nach "Hamburg Years" 1998 und
"10th Anniversary" vor zwei Jahren erscheint dieser
Tage bereits die dritte Compilation aus dem Hause Tocotronic.
Da wundert sich mancher: Muss das denn wirklich sein? Will man
das Geschäft mit "Best Of"-Releases pünktlich
zur Weihnachtssaison nicht lieber Leuten wie Phil Collins überlassen?
Oder werden die Tocos momentan vielleicht gar von unsäglichen
Geldnöten geplagt?
Die reguläre Version enthält chronologisch
21 Hits aus allen Stationen der Karriere; einmal von "Digital
ist besser" zu "Pure Vernunft darf niemals siegen"
innerhalb einer Stunde. Positiv anzumerken ist dabei, dass vor
allem das Frühwerk gut vertreten ist. "Meine Freundin
und Ihr Freund" fehlt ebenso wenig wie "So jung kommen
wir nie mehr zusammen". Diese Sammlung dokumentiert die
Entwicklung vom ungelenken Bandraum-Geschrammel zum präzis
durchgedachten Indierock eindrücklich, kann aber trotzdem
nur so fest befriedigen, wie dies jede andere Hitsammlung auch
kann. Freilich gibt sie einen flüchtigen Einblick in die
verschiedenen Schaffensphasen, kommt in ihrer Dichte aber niemals
an ein reguläres Album heran. Zudem darf man sich ruhig
fragen, wer denn schliesslich eine solche Werkschau von Tocotronic
kaufen soll. Gerade bei einer deutschsprachigen Indiegruppe mit
enormem Identifikationspotenzial muss man davon ausgehen, dass
die meisten ihrer Hörer sowieso bereits einen Grossteil
der sieben regulären Alben besitzen. Zum Glück hat
Lado da noch eine limitierte zweite Version ausgeheckt, die neben
der regulären Hitsammlung einen zweiten Silberling beinhaltet.
Dieser ist randvoll gepackt mit unveröffentlichten Raritäten,
Demoaufnahmen und Livetracks inklusive einem extravollen Booklet
und bietet somit die perfekte Ergänzung zu der bereits zum
10-jährigen Bandjubiläum erschienen B-Seiten-Kollektion.
Somit ist unter dem Strich allen gedient. Ob es ein gutes Zeichen
ist, wenn Tocotronic bereits zu diesem Zeitpunkt eine umfängliche
Retrospektive abliefern, soll jeder für sich beurteilen.
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