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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Labelserie: Doublemoon
Musikalischer Brückenschlag

Die Türkei sorgt gegenwärtig wegen der grassierenden Vogelgrippe, vor allem aber auch durch den angestrebten EU-Beitritt für Schlagzeilen. Hört man sich die Musik des Istanbuler Labels Doublemoon an, hegt man keine Zweifel daran, dass sich Okzident und Orient symbiotisch vereinen lassen.

Von Ralph Hofbauer.

Türkische Musik nimmt man hierzulande kaum wahr, selbst in den Döner-Buden dominieren westliche Klänge und MTV. Seit der Dokumentation "Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul" von Faith Akin ("Gegen die Wand") hat sich dies ein klein wenig geändert. Die vielfältigen Klänge Istanbuls verzauberten so manchen Kinogänger ebenso, wie den Neubauten-Bassist Alexander Hacke, der etwas selbstverliebt durch den Film und die Musikszene der Stadt führt. Zwischen Glück und Trauer balancierend trägt türkische Musik eine Sehnsucht in sich, die ans Herz geht, auch wenn man kein Wort Türkisch spricht.

"Crossing the Bridge" rollt einerseits die Geschichte der "Arabesque"-Musik und der daraus hervorgehenden türkischen Popmusik auf, indem die Legenden Sezen Aksu, Orhan Gencebay und Erkin Koray portraitiert werden. Andererseits zeigt der Film die vielen Facetten der gegenwärtigen Musikergeneration Istanbuls auf, von Rock über Elektronik bis hin zu HipHop. Mit Baba Zula, Mercan Dede und Orient Expressions sind ein Grossteil der jungen Musiker, die in der Dokumentation vorgestellt werden, beim jungen Istanbuler Label Doublemoon unter Vertrag.

Baba Zula vor einem Gig im Istanbuler Kult-Club Babylon
"Jazz is the ethnic music of this planet"
Als ich diesen Sommer in einem Istanbuler Musikgeschäft den Verkäufer auf das einheimische Label ansprach, weil mir ein Album aus dessen Katalog gefiel, antwortete er begeistert "It's the best!" und reichte mir einen Stapel Doublemoon-CDs zum Anhören. Tatsächlich scheinen bei Doublemoon die Fäden der innovativsten Musiker der Türkei zusammenzulaufen.

Das vor sechs Jahren gegründete Label hat inzwischen 30 Alben veröffentlicht, denen eine Freigeistigkeit gemeinsam ist, die mit grosser Selbstverständlichkeit Einflüsse aus West und Ost vereint. Doublemoon veröffentlicht Musik, die ihre Experimentierfreude vom Jazz borgt und an World Music grenzt, aber vor allem mit Weltoffenheit nach vorne schaut, um etwas Neues entstehen zu lassen. Diese neuen Klänge sind zum Glück (mit wenigen Ausnahmen) weit entfernt vom Räucherstäbchenkitsch von Compilations wie Buddha Bar.

"Jazz is the ethnic music of this planet" lautet das Motto des Labels, das in der Schweiz von recrec vertrieben wird. Doublemoon sieht Jazz als den gemeinsamen Nenner aller Welt-Musiken und dementsprechend vordergründig und vielfältig sind auf Doublemoon-Alben die Instrumente, die zum Einsatz kommen. Doch dies soll keineswegs heissen, dass der geneigte Pophörer bei Doublemoon nicht fündig wird. Auf den meisten Veröffentlichungen finden sich neben spannenden Instrumentalparts auch bezaubernde Stimmen und allein schon die langen Gästelisten sorgen für Abwechslung, denn selten sind an einem Album weniger als 10 Musiker beteiligt.

www.doublemoon.com.tr

3 musikalische Argumente für einen EU-Beitritt der Türkei

Baba Zula: "Belly Double" | recrec
Reggae am Bosporus
Baba Zula vermengen türkische Einflüsse mit Reggae-Rythmen und lassen so eine psychedelische Musik entstehen, die durch jazzig-orientalisches Instrumentarium, tribalistische Perkussion und arabesquen Gesang hypnotisiert. Wie bereits ihr erfolgreiches letztes Album, wurde auch "Belly Double" vom Dub-Experten Mad Professor produziert und entsprechend vernebelt kommen auch die Klangräume daher, die er für Baba Zula baut. Insbesondere in den vier Dubversionen, die das Album abrunden, kommen seine Hallspielereien zum Ausdruck. Die Gästeliste von "Belly Double" ist ausgesprochen international, neben den Reggae-Legenden Sly & Robbie, Alexander Hacke von den Neubauten und dem Klarinettist von Laço Tafya kommen verschiedene Gastsänger zum Einsatz.

Burhan Öcal: "Yeni Rüya" | recrec
Wahl-Zürcher
Der zwischen Zürich und Istanbul pendelnde Perkussionist und Multiinstrumentalist Burhan Öcal bringt mit seinem neuen Album die Grenzen zwischen klassischer Musik und perkussionsgetriebenen Klängen zum einstürzen. Meere von Streichern stehen neben pulsierenden Beats, uralten Melodien werden Funk-Infusionen gespritzt. Alt und neu verschmelzen harmonisch zu einem Werk, das homogen klingt, obwohl es mäandert. "Yeni Rüva" (dt. neuer Traum) träumt von ottomanischem Luxus und steht trotzdem mit beiden Beinen in der Gegenwart. Die innovativen Einsprengsel und die warme und volle Produktion sorgen dafür, dass dieser sinnliche Hybrid die Grenze zum Kitsch nie überschreitet.

Ilhan Ersahin: "Wonderland / Harikalar Dyari" | recrec
Ilhan im Wunderland
Tatsächlich ein Wunderland, dieses Album. Staunend lauscht man diesem warm produzierten Fluss von phänomenalem Pop, experimentellem Jazz und dezenter Elektronik. Weit entfernt von den klebrigen, ethnisch-elektronischen Klängen von Orient Expressions - einem der wenigen fragwürdigen Signings von Doublemoon - zaubert Ilhan Ersahin aus westlichem Eklektizismus und erdigen türkischen Ingredienzien ein betörendes Album. Auf zuckersüsse Hits und Türken-Soul folgen Breakbeat-Eskapaden und wundersame Improvisationen. Wohl einer der vielschichtigsten Tonträger, die je aus dem Orient den Weg zu uns gefunden haben. Elegant und so was von smooth.


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