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Labelserie: Doublemoon
Musikalischer Brückenschlag
Die Türkei sorgt gegenwärtig
wegen der grassierenden Vogelgrippe, vor allem aber auch durch
den angestrebten EU-Beitritt für Schlagzeilen. Hört
man sich die Musik des Istanbuler Labels Doublemoon an, hegt
man keine Zweifel daran, dass sich Okzident und Orient symbiotisch
vereinen lassen.
Von Ralph Hofbauer.
Türkische Musik nimmt man hierzulande
kaum wahr, selbst in den Döner-Buden dominieren westliche
Klänge und MTV. Seit der Dokumentation "Crossing the
Bridge - The Sound of Istanbul" von Faith Akin ("Gegen
die Wand") hat sich dies ein klein wenig geändert.
Die vielfältigen Klänge Istanbuls verzauberten so manchen
Kinogänger ebenso, wie den Neubauten-Bassist Alexander Hacke,
der etwas selbstverliebt durch den Film und die Musikszene der
Stadt führt. Zwischen Glück und Trauer balancierend
trägt türkische Musik eine Sehnsucht in sich, die ans
Herz geht, auch wenn man kein Wort Türkisch spricht.
"Crossing the Bridge" rollt einerseits
die Geschichte der "Arabesque"-Musik und der daraus
hervorgehenden türkischen Popmusik auf, indem die Legenden
Sezen Aksu, Orhan Gencebay und Erkin Koray portraitiert werden.
Andererseits zeigt der Film die vielen Facetten der gegenwärtigen
Musikergeneration Istanbuls auf, von Rock über Elektronik
bis hin zu HipHop. Mit Baba Zula, Mercan Dede und Orient Expressions
sind ein Grossteil der jungen Musiker, die in der Dokumentation
vorgestellt werden, beim jungen Istanbuler Label Doublemoon unter
Vertrag.
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Baba Zula vor einem Gig im Istanbuler
Kult-Club Babylon |
"Jazz is the ethnic music of
this planet"
Als ich diesen Sommer in einem Istanbuler Musikgeschäft
den Verkäufer auf das einheimische Label ansprach, weil
mir ein Album aus dessen Katalog gefiel, antwortete er begeistert
"It's the best!" und reichte mir einen Stapel Doublemoon-CDs
zum Anhören. Tatsächlich scheinen bei Doublemoon die
Fäden der innovativsten Musiker der Türkei zusammenzulaufen.
Das vor sechs Jahren gegründete Label
hat inzwischen 30 Alben veröffentlicht, denen eine Freigeistigkeit
gemeinsam ist, die mit grosser Selbstverständlichkeit Einflüsse
aus West und Ost vereint. Doublemoon veröffentlicht Musik,
die ihre Experimentierfreude vom Jazz borgt und an World Music
grenzt, aber vor allem mit Weltoffenheit nach vorne schaut, um
etwas Neues entstehen zu lassen. Diese neuen Klänge sind
zum Glück (mit wenigen Ausnahmen) weit entfernt vom Räucherstäbchenkitsch
von Compilations wie Buddha Bar.
"Jazz is the ethnic music of this planet"
lautet das Motto des Labels, das in der Schweiz von recrec vertrieben
wird. Doublemoon sieht Jazz als den gemeinsamen Nenner aller
Welt-Musiken und dementsprechend vordergründig und vielfältig
sind auf Doublemoon-Alben die Instrumente, die zum Einsatz kommen.
Doch dies soll keineswegs heissen, dass der geneigte Pophörer
bei Doublemoon nicht fündig wird. Auf den meisten Veröffentlichungen
finden sich neben spannenden Instrumentalparts auch bezaubernde
Stimmen und allein schon die langen Gästelisten sorgen für
Abwechslung, denn selten sind an einem Album weniger als 10 Musiker
beteiligt.
www.doublemoon.com.tr
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3 musikalische Argumente für einen EU-Beitritt der
Türkei
Baba Zula: "Belly Double" |
recrec
Reggae am Bosporus
Baba Zula vermengen türkische Einflüsse mit Reggae-Rythmen
und lassen so eine psychedelische Musik entstehen, die durch
jazzig-orientalisches Instrumentarium, tribalistische Perkussion
und arabesquen Gesang hypnotisiert. Wie bereits ihr erfolgreiches
letztes Album, wurde auch "Belly Double" vom Dub-Experten
Mad Professor produziert und entsprechend vernebelt kommen auch
die Klangräume daher, die er für Baba Zula baut. Insbesondere
in den vier Dubversionen, die das Album abrunden, kommen seine
Hallspielereien zum Ausdruck. Die Gästeliste von "Belly
Double" ist ausgesprochen international, neben den Reggae-Legenden
Sly & Robbie, Alexander Hacke von den Neubauten und dem Klarinettist
von Laço Tafya kommen verschiedene Gastsänger zum
Einsatz.
Burhan Öcal: "Yeni Rüya"
| recrec
Wahl-Zürcher
Der zwischen Zürich und Istanbul pendelnde Perkussionist
und Multiinstrumentalist Burhan Öcal bringt mit seinem neuen
Album die Grenzen zwischen klassischer Musik und perkussionsgetriebenen
Klängen zum einstürzen. Meere von Streichern stehen
neben pulsierenden Beats, uralten Melodien werden Funk-Infusionen
gespritzt. Alt und neu verschmelzen harmonisch zu einem Werk,
das homogen klingt, obwohl es mäandert. "Yeni Rüva"
(dt. neuer Traum) träumt von ottomanischem Luxus und steht
trotzdem mit beiden Beinen in der Gegenwart. Die innovativen
Einsprengsel und die warme und volle Produktion sorgen dafür,
dass dieser sinnliche Hybrid die Grenze zum Kitsch nie überschreitet.
Ilhan Ersahin: "Wonderland / Harikalar
Dyari" | recrec
Ilhan im Wunderland
Tatsächlich ein Wunderland, dieses Album. Staunend lauscht
man diesem warm produzierten Fluss von phänomenalem Pop,
experimentellem Jazz und dezenter Elektronik. Weit entfernt von
den klebrigen, ethnisch-elektronischen Klängen von Orient
Expressions - einem der wenigen fragwürdigen Signings von
Doublemoon - zaubert Ilhan Ersahin aus westlichem Eklektizismus
und erdigen türkischen Ingredienzien ein betörendes
Album. Auf zuckersüsse Hits und Türken-Soul folgen
Breakbeat-Eskapaden und wundersame Improvisationen. Wohl einer
der vielschichtigsten Tonträger, die je aus dem Orient den
Weg zu uns gefunden haben. Elegant und so was von smooth.
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