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Nr. 137 / November 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Internet-Radioshows
Ein guter Draht zur Musik

Nach "Soul" sucht man in der virtuellen Internet-Welt von Bits & Bytes vergeblich, könnte man meinen. Damit würde man allerdings ziemlich daneben liegen. Die "Soulsearching-Show" etwa beweist, dass auch Musik aus dem Online-Radio das Herz erwärmen kann.

Von Adrian Wettstein.

Begnügen sich nicht mit zugesandten Promos: Dom Servini und Gilles Peterson (r.)
Es gibt Songs, die kann man nicht oder nicht mehr mit Geld erwerben. Man weiss zwar, dass sie existieren, aber kein Plattenladen oder Online-Store ist in der Lage, sie aufzutreiben. Ein solcher Track, den ich nur noch in der Erinnerung wieder hören kann, ist "People That I Love" von John Ellis. Es war der Auftakt zu einer Soulsearching-Show von Michael Rütten, die via Internet über die Boxen ertönte. Häufig sind die Anfänge der wöchentlichen Show so wunderschön und entspannt - die Neubearbeitung von Oliver Nelsons "Stolen Moments" etwa wäre die ideale Begleitmusik gewesen, um Nordlichter zu beobachten. Was dann folgt, sind zwei Stunden Musik, eine Auswahl aus Jazz, Soul, Funk, R&B und Electronic.

Das Internet hat seit den 90er-Jahren unseren Alltag so stark verändert, wie es kaum vorauszusehen war. Auch unsere Hörgewohnheiten wurden durch das Netz geprägt. Der erste Song, der auf MTV gezeigt wurde, hiess "Video Killed The Radio Star" und markierte in den 80ern eine Wende. Im beginnenden 21. Jahrhundert könnte man das wohl fortschreiben als "Internet Killed The Video Star". Waren früher die Standard-Formate durch die CD und die 3 Minuten Radio-Version gesetzt, sind der iPod-Generation viel grössere Spielräume gegeben. Neben dem MP3-Format ist es vor allem das Streaming, das neue Möglichkeiten eröffnet. Zahlreiche Rundfunkanstalten bieten ihr Programm mittlerweile auch als Live-Stream im Internet an. Andere stellen nur ausgewählte Sendungen als On-demand-Stream zur Verfügung; so kann man z.B. die Regional-News von Radio DRS jederzeit auf der ganzen Welt abspielen. Und als Podcast lassen sich die Sendungen sogar auf den iPod laden und können dann im Zug oder sonstwo abgehört werden.

Neben den traditionellen Rundfunkanstalten schiessen neue Anbieter von Internet-Radios wie Popups aus dem Netz. Es gibt solche, die den ganzen Tag wie die staatlichen Radios ähnlich uninspiriert vor sich hindudeln, andere Programme spezialisieren sich auf einen Musikstil, bis hin zu den Musikliebhabern, die als Hobby ein Webradio betreiben.

Journalist und DJ Michael Rütten
Wie das mit neuen Möglichkeiten so ist, garantieren sie noch keineswegs, dass daraus auch etwas Gutes gemacht wird. Im Falle der Webradios gibt es aber einiges Hörenswertes, das gegenüber dem klassischen Rundfunk mehr als nur eine Alternative ist. Da ist etwa die oben erwähnte Soulsearching-Show von Michael Rütten, zu finden auf der Plattform von milkaudio.com. Michael Rütten ist ein alter Hase, der bei Radio X in Frankfurt seine ersten Erfahrungen gesammelt hat, enge Kontakte zum Compost Label pflegt und sich nebenbei noch bei der Musikzeitschrift JazzThing journalistisch betätigt. Zudem ist er von DJs wie Gilles Peterson oder Norman Jay von dem Virus infiziert, ständig nach neuen Platten Ausschau zu halten und sich nicht mit zugesandten Promos zu begnügen - ähnlich etwa wie der Münchner Florian Keller mit seiner beeindruckenden Sammlung von Deep Funk-Vinyls. So kommt es, dass man in dieser Show manchmal auch Songs hört, die es nicht zu kaufen gibt - White Labels, Testpressungen und vergriffene Perlen. Kommt dazu, dass da Sachen gespielt werden, die allein schon wegen ihrer Länge niemals im klassischen Radio gesendet würden - Fela Kuti etwa, Sun Ra, oder Nostalgia 77's "Hope Suite". Daneben gibt es fast jede Woche ein exklusives Mixtape von Musikern wie Jazzanova, Cinematic Orchestra, Kyoto Jazz Massive usw.

Ein ähnliches Profil weist die Show "Speedy's Audio Repair" von Dom Servini auf, die ca. eine Stunde dauert und nur einmal pro Monat erscheint. Dom Servini ist beim Label Wah Wah45 mit von der Partie (Veröffentlichungen von Alison Crockett, Max Cole etc.) und schreibt für das Magazin Straight no Chaser. Mit der "Konnichi Wah Wah"-Show findet man übrigens auch einen Ableger desselben Labels auf der grössten japanischen Electronic-Plattform samurai.fm.

Zum Schluss noch ein Tipp ganz anderer Art: Wer am Sonntagmorgen aus Angst vor moderierenden Kindern und Philipp Maloney jeden Radiokontakt meidet, der soll sein Glück einmal mit Sunny Side Up versuchen, der Sonntagmorgenshow des österreichischen Kult-Senders FM4. John Megill zaubert da selbst den verkaterten Zuhörern ein Lächeln auf die Lippen - zu hören zwischen 10 und13 Uhr via Internet.

www.milkaudio.com
www.soulpatrol.de
www.compost-rec.com
www.wahwah45s.com
www.samurai.fm
www.fm4.at


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