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«Der Redaktionsschluss ist heilig»
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Rinaldo Kalbermatter: "Publizistische
Freiheit ist mir sehr wichtig."
Foto: © 2005 Béatrice Devènes
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Das "Netzmagazin" von Rinaldo
Kalbermatter gibt es nur online. Rund 120 junge Leute arbeiten
daran - heute erscheint die neuste Ausgabe.
Dieses Interview ist am 3. November 2005 im
Tages-Anzeiger erschienen. Mit Rinaldo Kalbermatter mailte und
sprach Tertia Hager.
Tages-Anzeiger: Rinaldo Kalbermatter, wie
kommt einer dazu, seine Freizeit seit fünf Jahren vor dem
Computer zu verbringen und ein Online-Magazin zu produzieren?
Rinaldo Kalbermatter: Als ich im Dezember
2000 mein erstes Online-Magazin als E-Mail an meine Freunde und
Bekannten verschickte, gab es fast ausschliesslich grosse News-Portale.
Es hat mich gestört, dass die Online-Ausgaben der Tageszeitungen
und Zeitschriften einfach Kopien der Printausgaben waren. Reine
Online-Projekte, die eigenständig waren, Inhalte generierten
und Charakter hatten, fehlten. Deshalb setzte ich mich an den
Computer und produzierte fortan das damalige "Plebs-Magazin".
Wie ging es dann weiter?
Nach vier Jahren "Plebs" begann
ich vor einem Jahr zu überlegen, was passte und was nicht.
Nach sechsmonatiger, harter Arbeit entstand das neue "Netzmagazin"
mit einem klaren Layout und einem monatlichen Erscheinungsrhythmus.
Es ist spannend, ein Projekt immer weiterzutreiben.
Als Chefredaktor und Herausgeber des "Netzmagazins"
betreuen Sie rund 120 freie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.
Die Kommunikation findet über das Netz statt. Sie kennen
Ihre Schreiber also gar nicht persönlich?
Leider nicht alle. Doch genau das ist es ja,
was mich - und wohl auch alle anderen, die für kurz oder
lang zum "Netzmagazin" stossen - so sehr fasziniert:
Dass die Umsetzung und Arbeit an einem Projekt auf rein virtuellem
Weg tatsächlich funktioniert. Ob mans glaubt oder nicht:
Meine Erfahrung hat mir auch gezeigt, dass man Menschen manchmal
über E-Mail ehrlicher kennen lernt, als wenn man ihnen physisch
begegnet.
Im Internet spielen Raum und Zeit keine
Rolle. Sie leben und arbeiten in Bern. Woher kommen die Schreibenden?
Sind das alles Publizistikstudenten der Uni Zürich?
Nein. Tatsächlich sind aber viele Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen aus Zürich. In Zürich findet man
zu jedem möglichen kulturellen Themengebiet eine Veranstaltung.
Das zieht natürlich auch die Berichterstattung an. Interessant
ist auch, dass beim "Netzmagazin" Studenten aus so
ziemlich allen Studienrichtungen vertreten sind. Wir sind ja
gewissermassen eine Nachwuchsabteilung für den Schweizer
Journalismus. Beim "Netzmagazin" geniesst man viele
publizistische Freiheiten. Einzig der Redaktionsschluss ist heilig.
Wichtig sind mir auch ein eigenständiges Denken und der
Wille, sich zu verbessern und aus Fehlern zu lernen.
Das Design des "Netzmagazins"
fällt durch die klare und leserfreundliche Gestaltung auf.
Alles ist sehr übersichtlich, das Auge wird nicht durch
blinkende Werbefenster abgelenkt. Woher kommt also das Geld?
Von mir. Mir ist die publizistische Freiheit
sehr wichtig. Ich habe immer wieder Versuchsballone in Sachen
Werbung starten lassen. Zurzeit etwa mit einem kleinen Google-Programm.
Das bringt aber höchstens ein Trinkgeld. Mit anderen Worten:
In den ersten acht Stunden des Tages arbeite ich angestellt in
einem Büro, dann kommt das Geld rein. In den zweiten acht
Stunden kümmere ich mich um das "Netzmagazin",
dann geht das Geld wieder raus. Und in den verbleibenden acht
Stunden werden die vielen anderen menschlichen Bedürfnisse
gestillt - ein bisschen Schlaf zum Beispiel.
Text: © 2005 Tages-Anzeiger
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