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Nr. 136 / Oktober 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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"Die Ruhe" von Attila Bartis (Roman) | Suhrkamp
Un-Ruhe

Wie viele ungarische Schriftsteller kennt der normale Leser? Attila Bartis Roman "Die Ruhe", verfasst 2001, wurde nun in einer tollen Übersetzung vom Suhrkamp Verlag herausgegeben. Ein Einstieg in die Literatur des Ostens? Wohl kaum, aber die beklemmende Intensität der Schreibweise, die Darstellung des Ungarn von Gestern und Heute und Bartis' Erzählfreude sind einen Versuch auf unbekanntem Terrain allemal wert.

Von Petra Gehrmann.

Rebeka Weér war eine gefeierte Schauspielerin in Budapest, bis zu dem Tag, als ihre Tochter Judit, eine begabte Geigerin, sich in den Westen absetzte. An diesem Tag liess Rebeka ihre Tochter aus Sicherheitsgründen für tot erklären, doch auch dies kann den Niedergang der Schauspielerin nicht aufhalten. Von nun an weigert sie sich konsequent ihre Wohnung zu verlassen, die sie mit ihrem Sohn Andor teilt, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird. Was auf den ersten Blick wie eine Geschichte zwischen einer verschrobenen Künstlerpersönlichkeit und einem "Muttersöhnchen" aussieht, erweist sich als wesentlich vielschichtiger als erwartet.

"Verehrte Mutter, wenn Sie mich zu sehen wünschen, dann lassen Sie sich, wenn es soweit ist, die Augen nicht schliessen"
So schreibt die (sich selbst) verstossen(d)e Tochter an ihre Mutter. Und diesem Wunsch folgt auch ihr Bruder, als es dann soweit ist. Bis das Werk allerdings zu diesem schaurigen Höhepunkt gelangt, entfaltet sich in vielen kleinen, aus verschiedenen Zeiträumen stammenden episodenhaften Geschichten das Leben des Bruders und des Sohnes. Er ist Schriftsteller und schreibt kurze Geschichten, wie z.B. jene, in der ein Pfarrer seine Gemeinde mit vergifteten Hostien beglückt. Diese Geschichten schreibt ihm später seine "Liebe", Estzer Féher, auf der Schreibmaschine namens "Thomas Mann und Frau ähnlich" nieder. Auch sonst finden sich einige Anklänge an Thomas Mann; dabei fehlt auch der obligate Hinweis auf den Zauberberg nicht. Solcherart kleine Hinweise auf die Belesenheit des Autors stören dabei den Lesefluss nicht und fügen sich schön in das Ganze. Diese und andere interessante Abschweifungen im Erzählfluss machen den Reiz des Buches aus. Auch die Beschreibungen der Lebensweise der Ungarn und damit des Zusammenbruchs eines politischen Systems bilden einen faszinierenden Rahmen für Bartis Geschichte.

"Wowarstdumeinsohn"
Es sind die Protagonisten des Romans, die ein beklemmendes Gefühl hinterlassen, insbesondere die Unmenschlichkeit der Hauptfigur, deren animalische Seite entfernt an Stanley Kowalski in "A streetcar named desire" erinnert, nur dass Bartis sie erweitert um eine künstlerische Reflektions- und Beobachtungsperspektive. Andor ist verstrickt in eine Atmosphäre der Obsessionen und des Hasses, deren Ursprung eigentlich im Dunkeln bleibt. Denn vieles ist nicht so, wie es scheint. Die Mutter scheint der Anlass des Unglücks, vielleicht auch der Grund für seine Beziehungsunfähigkeit zu sein, doch je länger man sich der Lektüre widmet, desto beklemmender wird das Gefühl, dass der Hauptprotagonist selbst "die Hölle" ist und durch seine animalischen Obsessionen alle in seinem Umfeld mit sich nach unten zieht. So auch seine Freundin Estzer Féher, von der er behauptet, dass er sie liebe, sie dabei aber sukzessive zerstört, unter anderem auch durch die demütigende Affäre mit einer alten Freundin seines Vater. Doch die Zerstörung nimmt ihren Höhepunkt in der Beziehung zu seiner Mutter, die sich aus der Gesellschaft gelöst hat (wenn auch nicht freiwillig) und sich nun dieser verweigert, sich aber in ihrer Verweigerung an ihren Sohn bindet, der sie letztlich als Vertreter der männlichen dominierenden Gesellschaft indirekt tötet. Die Frau, die erst als unmenschlich erscheint, wirkt auf den zweiten Blick platt und ohne eigne Motivation, so wie auch die anderen Protagonistinnen, und ist somit eigentlich nur Projektionsfläche für ihren Sohn. Wie man es dreht und wendet, dem Andor fehlt es schlussendlich an Menschlichkeit und an der Fähigkeit zu lieben. Die Religion wie auch die Liebe scheitern.

"Die Ruhe" ist ein beunruhigendes Buch mit einem tiefen Blick in die un-menschlichen Abgründe. Packend geschrieben, zeichnet es sich durch seine schöne Sprache aus und seine stellenweise herrliche Erzählfreude und -fülle.

Ob es sich bei diesem Werk um ein tiefsinniges-sinniges Werk handelt oder einfach nur die Zurschaustellung unerträglichen Menschenmaterials, ist schlussendlich eine Gratwanderung: Es möge ein jeder selbst entscheiden. Diskussionswürdig ist das Werk auf jeden Fall, und als was es zu lesen und deuten ist, darüber mögen Bücher geschrieben werden.

320 Seiten, CHF 21.00


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