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"Die Ruhe" von Attila Bartis (Roman)
| Suhrkamp
Un-Ruhe
Wie viele ungarische Schriftsteller
kennt der normale Leser? Attila Bartis Roman "Die Ruhe",
verfasst 2001, wurde nun in einer tollen Übersetzung vom
Suhrkamp Verlag herausgegeben. Ein Einstieg in die Literatur
des Ostens? Wohl kaum, aber die beklemmende Intensität der
Schreibweise, die Darstellung des Ungarn von Gestern und Heute
und Bartis' Erzählfreude sind einen Versuch auf unbekanntem
Terrain allemal wert.
Von Petra Gehrmann.
Rebeka Weér war eine gefeierte Schauspielerin
in Budapest, bis zu dem Tag, als ihre Tochter Judit, eine begabte
Geigerin, sich in den Westen absetzte. An diesem Tag liess Rebeka
ihre Tochter aus Sicherheitsgründen für tot erklären,
doch auch dies kann den Niedergang der Schauspielerin nicht aufhalten.
Von nun an weigert sie sich konsequent ihre Wohnung zu verlassen,
die sie mit ihrem Sohn Andor teilt, aus dessen Perspektive der
Roman erzählt wird. Was auf den ersten Blick wie eine Geschichte
zwischen einer verschrobenen Künstlerpersönlichkeit
und einem "Muttersöhnchen" aussieht, erweist sich
als wesentlich vielschichtiger als erwartet.
"Verehrte Mutter, wenn Sie mich zu
sehen wünschen, dann lassen Sie sich, wenn es soweit ist,
die Augen nicht schliessen"
So schreibt die (sich selbst) verstossen(d)e Tochter an ihre
Mutter. Und diesem Wunsch folgt auch ihr Bruder, als es dann
soweit ist. Bis das Werk allerdings zu diesem schaurigen Höhepunkt
gelangt, entfaltet sich in vielen kleinen, aus verschiedenen
Zeiträumen stammenden episodenhaften Geschichten das Leben
des Bruders und des Sohnes. Er ist Schriftsteller und schreibt
kurze Geschichten, wie z.B. jene, in der ein Pfarrer seine Gemeinde
mit vergifteten Hostien beglückt. Diese Geschichten schreibt
ihm später seine "Liebe", Estzer Féher,
auf der Schreibmaschine namens "Thomas Mann und Frau ähnlich"
nieder. Auch sonst finden sich einige Anklänge an Thomas
Mann; dabei fehlt auch der obligate Hinweis auf den Zauberberg
nicht. Solcherart kleine Hinweise auf die Belesenheit des Autors
stören dabei den Lesefluss nicht und fügen sich schön
in das Ganze. Diese und andere interessante Abschweifungen im
Erzählfluss machen den Reiz des Buches aus. Auch die Beschreibungen
der Lebensweise der Ungarn und damit des Zusammenbruchs eines
politischen Systems bilden einen faszinierenden Rahmen für
Bartis Geschichte.
"Wowarstdumeinsohn"
Es sind die Protagonisten des Romans,
die ein beklemmendes Gefühl hinterlassen, insbesondere die
Unmenschlichkeit der Hauptfigur, deren animalische Seite entfernt
an Stanley Kowalski in "A streetcar named desire" erinnert,
nur dass Bartis sie erweitert um eine künstlerische Reflektions-
und Beobachtungsperspektive. Andor ist verstrickt in eine Atmosphäre
der Obsessionen und des Hasses, deren Ursprung eigentlich im
Dunkeln bleibt. Denn vieles ist nicht so, wie es scheint. Die
Mutter scheint der Anlass des Unglücks, vielleicht auch
der Grund für seine Beziehungsunfähigkeit zu sein,
doch je länger man sich der Lektüre widmet, desto beklemmender
wird das Gefühl, dass der Hauptprotagonist selbst "die
Hölle" ist und durch seine animalischen Obsessionen
alle in seinem Umfeld mit sich nach unten zieht. So auch seine
Freundin Estzer Féher, von der er behauptet, dass er sie
liebe, sie dabei aber sukzessive zerstört, unter anderem
auch durch die demütigende Affäre mit einer alten Freundin
seines Vater. Doch die Zerstörung nimmt ihren Höhepunkt
in der Beziehung zu seiner Mutter, die sich aus der Gesellschaft
gelöst hat (wenn auch nicht freiwillig) und sich nun dieser
verweigert, sich aber in ihrer Verweigerung an ihren Sohn bindet,
der sie letztlich als Vertreter der männlichen dominierenden
Gesellschaft indirekt tötet. Die Frau, die erst als unmenschlich
erscheint, wirkt auf den zweiten Blick platt und ohne eigne Motivation,
so wie auch die anderen Protagonistinnen, und ist somit eigentlich
nur Projektionsfläche für ihren Sohn. Wie man es dreht
und wendet, dem Andor fehlt es schlussendlich an Menschlichkeit
und an der Fähigkeit zu lieben. Die Religion wie auch die
Liebe scheitern.
"Die Ruhe" ist ein beunruhigendes
Buch mit einem tiefen Blick in die un-menschlichen Abgründe.
Packend geschrieben, zeichnet es sich durch seine schöne
Sprache aus und seine stellenweise herrliche Erzählfreude
und -fülle.
Ob es sich bei diesem Werk um ein tiefsinniges-sinniges
Werk handelt oder einfach nur die Zurschaustellung unerträglichen
Menschenmaterials, ist schlussendlich eine Gratwanderung: Es
möge ein jeder selbst entscheiden. Diskussionswürdig
ist das Werk auf jeden Fall, und als was es zu lesen und deuten
ist, darüber mögen Bücher geschrieben werden.
320 Seiten, CHF 21.00
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