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Ovid: "Metamorphosen" (Erstes Jahrzehnt
nach Christus) | Erzählungen
Gestalten, in neue Körper verwandelt
Es gehört zu den einflussreichsten
Werken der römischen Antike und enthält eine Reihe
der schönsten Mythen des klassischen Altertums: Ovids "Metamorphosen".
Auch heute hat die Sammlung von Verwandlungsgeschichten nichts
von ihrem Zauber verloren und ist die Antwort aller Mythologiefans
auf die Märchen der Gebrüder Grimm.
Von Lukas Hunziker.
"Von Gestalten zu künden, die in
neue Körper verwandelt werden" treibt Ovid der Geist.
"Vom allerersten Uranfang der Welt bis zu meiner Zeit",
so schreibt er, soll seine Dichtung gehen. Die "Metamorphosen"
erzählen von Verwandlungen, die sich vom Anfang der Zeit
bis zur Regierungszeit des Kaisers Augustus ereignet haben, wobei
der mit Abstand überwiegende Teil der Geschichten Mythen
sind und von den griechisch-römischen Göttern und deren
Eingreifen in das irdische Geschehen erzählen.
Genesis und Sintflut
Nach dem berühmten vierzeiligen Prolog setzt sogleich die
erste Verwandlungsgeschichte ein: die Entstehung der Welt aus
dem Chaos. In diese Welt hinein wird das erste Menschengeschlecht
geschaffen, das goldene Geschlecht, welches in einer heilen Welt
lebt, in der es keinen Krieg gibt und Honig von den Bäumen
tropft. Doch unter Jupiter wird das goldene Geschlecht vom silbernen
abgelöst, danach folgt das eherne und schliesslich das eiserne,
wobei die Menschen immer schlechter werden. Um die Menschen zu
bestrafen und die Schlechtigkeit des letzten Geschlechts auszurotten,
veranstaltet Jupiter eine Sintflut, welche nur ein Mann und eine
Frau überleben, Deucalion und Pyrrha, die das neue Menschengeschlecht
begründen, indem sie Steinen hinter sich werfen, aus denen
neue Menschen entstehen.
Liebhaberinnen werden zu Kühen und
Bären
Nach der Schöpfungsgeschichte folgen über mehrere 'Bücher'
hinweg mythische Verwandlungsgeschichten. Viele davon sind bekannt,
wie jene von Daphne, die sich vor dem liebestollen Apollo fliehend
in einen Baum verwandelt, oder jene von Actäon, der Diana
beim Nacktbaden ertappt, von ihr dafür in einen Hirsch verwandelt
und von seinen eigenen Hunden zerfleischt wird. Auch die zahlreichen
Geschichten von Zeus' Liebesabenteuern mit schönen Frauen
lässt Ovid nicht aus. Io verwandelt er, als er mit ihr von
seiner Gemahlin Juno beinahe erwischt wird, in eine Kuh, diese
verwandelt darauf Callisto, eine andere seiner Geliebten, in
eine Bärin. Europa schliesslich wird von Jupiter in der
Gestalt eines Stieres entführt und Semele stirbt, als sich
der Göttervater vor ihr in seine wahre Gestalt verwandelt.
Doch auch längere Sagen werden von Ovid erzählt, wie
die Abenteuer von Perseus oder Jason. Zu den Geschichten, die
wir vielleicht aus Gustav Schwabs "Die schönsten Sagen
des klassischen Altertums" kennen, gesellen sich zahlreiche
weitere Mythen der Antike, die nicht minder schön sind.
Verbannung trotz Lobreden
Im elften Buch wird die mythische Zeit langsam zur historischen
Zeit, was jedoch nicht bedeuten soll, dass die Geschichten der
Geschichte Platz machen. Aber spätestens mit den Äneaserzählungen
steuern die "Metamorphosen" auf die Gegenwart des Dichters
und den amtierenden Kaiser August zu. Mit einer Lobpreisung Augustus'
endet denn auch das fünfzehnte und letzte Buch; Augustus
wird mit Jupiter verglichen und Ovid wirft einen kurzen Blick
in die Zukunft auf die Apotheose des Gottkaisers. Wer jedoch
glaubt, Augustus hätte Ovid aus Dank für dieses ihn
zum Schluss verherrlichende Werk das Leben leicht gemacht, liegt
falsch. Noch bevor die "Metamorphosen" abgeschlossen
waren, traf Ovid das Verbannungsurteil des Kaisers und er musste
den Rest seines Lebens am schwarzen Meer, am Rande der Zivilisation,
fristen. Die Gründe sind heute noch nicht klar; ausschlaggebend
dürfte gewesen sein, dass Ovid etwas Verbotenes gesehen
hat. Sein Schicksal gleicht somit dem des Actäon in den
"Metamorphosen"; wie dieser von Diana wird Ovid von
Augustus ungerecht hart bestraft.
Nachwirkung bis heute
Die Metamorphosen sollten, anders als Ovid, nie aus Rom verbannt
werden. Der Einfluss auf römische Autoren wie Seneca ist
gross, jener auf die Kultur des Mittelalters ebenfalls. Unter
christlichem Blickwinkel wurden im 14. Jahrhundert die Verwandlungsgeschichten
allegorisch gelesen und gedeutet. Boccaccio und Petrarca verehren
Ovid, Dante stellt ihn zwar hinter Vergil, aber doch zu den Grossen,
Shakespeare nimmt die "Metamorphosen" als Quelle und
Lord Byron und Puschkin sind ebenfalls Kenner. Doch nicht nur
die Literatur, auch die bildenden Kunst verwendet Motive aus
der Mythensammlung Ovids. Wenn man das Werk heute als Laie liest,
mag man vielleicht die Bezüge zu Ovids Zeit nicht zu würdigen
wissen, doch immer noch macht das Lesen der Geschichten Spass.
Denn schlussendlich sind die Themen zeitlos; man liest von Liebe,
Tod und Vermessenheit. Ob man die Romeo-und-Julia-Story von Pyramus
und Thisbe vor zweitausend Jahren oder heute liest, sie rührt
einen damals wie heute zu Tränen.
Die "Metamorphosen" Ovids sind ein
wichtigstes Stück Literaturgeschichte, welches man, obwohl
es aus der Antike stammt, auch heute noch grösstenteils
problemlos zur Unterhaltung lesen kann. Liebhaber von Mythen
und speziell von griechisch-römischer Mythologie kommen
um dieses Werk nicht herum.
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Empfohlene Ausgabe: Reclam
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Fall wert.
Ovid: "Metamorphosen", lateinisch-deutsche
Übersetzung herausgegeben von Michael von Albrecht, 995
Seiten, Reclam, CHF 43.70
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