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Nr. 135 / September 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ovid: "Metamorphosen" (Erstes Jahrzehnt nach Christus) | Erzählungen
Gestalten, in neue Körper verwandelt

Es gehört zu den einflussreichsten Werken der römischen Antike und enthält eine Reihe der schönsten Mythen des klassischen Altertums: Ovids "Metamorphosen". Auch heute hat die Sammlung von Verwandlungsgeschichten nichts von ihrem Zauber verloren und ist die Antwort aller Mythologiefans auf die Märchen der Gebrüder Grimm.

Von Lukas Hunziker.

"Von Gestalten zu künden, die in neue Körper verwandelt werden" treibt Ovid der Geist. "Vom allerersten Uranfang der Welt bis zu meiner Zeit", so schreibt er, soll seine Dichtung gehen. Die "Metamorphosen" erzählen von Verwandlungen, die sich vom Anfang der Zeit bis zur Regierungszeit des Kaisers Augustus ereignet haben, wobei der mit Abstand überwiegende Teil der Geschichten Mythen sind und von den griechisch-römischen Göttern und deren Eingreifen in das irdische Geschehen erzählen.

Genesis und Sintflut
Nach dem berühmten vierzeiligen Prolog setzt sogleich die erste Verwandlungsgeschichte ein: die Entstehung der Welt aus dem Chaos. In diese Welt hinein wird das erste Menschengeschlecht geschaffen, das goldene Geschlecht, welches in einer heilen Welt lebt, in der es keinen Krieg gibt und Honig von den Bäumen tropft. Doch unter Jupiter wird das goldene Geschlecht vom silbernen abgelöst, danach folgt das eherne und schliesslich das eiserne, wobei die Menschen immer schlechter werden. Um die Menschen zu bestrafen und die Schlechtigkeit des letzten Geschlechts auszurotten, veranstaltet Jupiter eine Sintflut, welche nur ein Mann und eine Frau überleben, Deucalion und Pyrrha, die das neue Menschengeschlecht begründen, indem sie Steinen hinter sich werfen, aus denen neue Menschen entstehen.

Liebhaberinnen werden zu Kühen und Bären
Nach der Schöpfungsgeschichte folgen über mehrere 'Bücher' hinweg mythische Verwandlungsgeschichten. Viele davon sind bekannt, wie jene von Daphne, die sich vor dem liebestollen Apollo fliehend in einen Baum verwandelt, oder jene von Actäon, der Diana beim Nacktbaden ertappt, von ihr dafür in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden zerfleischt wird. Auch die zahlreichen Geschichten von Zeus' Liebesabenteuern mit schönen Frauen lässt Ovid nicht aus. Io verwandelt er, als er mit ihr von seiner Gemahlin Juno beinahe erwischt wird, in eine Kuh, diese verwandelt darauf Callisto, eine andere seiner Geliebten, in eine Bärin. Europa schliesslich wird von Jupiter in der Gestalt eines Stieres entführt und Semele stirbt, als sich der Göttervater vor ihr in seine wahre Gestalt verwandelt. Doch auch längere Sagen werden von Ovid erzählt, wie die Abenteuer von Perseus oder Jason. Zu den Geschichten, die wir vielleicht aus Gustav Schwabs "Die schönsten Sagen des klassischen Altertums" kennen, gesellen sich zahlreiche weitere Mythen der Antike, die nicht minder schön sind.

Verbannung trotz Lobreden
Im elften Buch wird die mythische Zeit langsam zur historischen Zeit, was jedoch nicht bedeuten soll, dass die Geschichten der Geschichte Platz machen. Aber spätestens mit den Äneaserzählungen steuern die "Metamorphosen" auf die Gegenwart des Dichters und den amtierenden Kaiser August zu. Mit einer Lobpreisung Augustus' endet denn auch das fünfzehnte und letzte Buch; Augustus wird mit Jupiter verglichen und Ovid wirft einen kurzen Blick in die Zukunft auf die Apotheose des Gottkaisers. Wer jedoch glaubt, Augustus hätte Ovid aus Dank für dieses ihn zum Schluss verherrlichende Werk das Leben leicht gemacht, liegt falsch. Noch bevor die "Metamorphosen" abgeschlossen waren, traf Ovid das Verbannungsurteil des Kaisers und er musste den Rest seines Lebens am schwarzen Meer, am Rande der Zivilisation, fristen. Die Gründe sind heute noch nicht klar; ausschlaggebend dürfte gewesen sein, dass Ovid etwas Verbotenes gesehen hat. Sein Schicksal gleicht somit dem des Actäon in den "Metamorphosen"; wie dieser von Diana wird Ovid von Augustus ungerecht hart bestraft.

Nachwirkung bis heute
Die Metamorphosen sollten, anders als Ovid, nie aus Rom verbannt werden. Der Einfluss auf römische Autoren wie Seneca ist gross, jener auf die Kultur des Mittelalters ebenfalls. Unter christlichem Blickwinkel wurden im 14. Jahrhundert die Verwandlungsgeschichten allegorisch gelesen und gedeutet. Boccaccio und Petrarca verehren Ovid, Dante stellt ihn zwar hinter Vergil, aber doch zu den Grossen, Shakespeare nimmt die "Metamorphosen" als Quelle und Lord Byron und Puschkin sind ebenfalls Kenner. Doch nicht nur die Literatur, auch die bildenden Kunst verwendet Motive aus der Mythensammlung Ovids. Wenn man das Werk heute als Laie liest, mag man vielleicht die Bezüge zu Ovids Zeit nicht zu würdigen wissen, doch immer noch macht das Lesen der Geschichten Spass. Denn schlussendlich sind die Themen zeitlos; man liest von Liebe, Tod und Vermessenheit. Ob man die Romeo-und-Julia-Story von Pyramus und Thisbe vor zweitausend Jahren oder heute liest, sie rührt einen damals wie heute zu Tränen.

Die "Metamorphosen" Ovids sind ein wichtigstes Stück Literaturgeschichte, welches man, obwohl es aus der Antike stammt, auch heute noch grösstenteils problemlos zur Unterhaltung lesen kann. Liebhaber von Mythen und speziell von griechisch-römischer Mythologie kommen um dieses Werk nicht herum.

Empfohlene Ausgabe: Reclam

Eine der besten erhältlichen Ausgabe ist bei Reclam erschienen. Obwohl sie nicht ganz günstig ist, lohnt sich der Kauf auf jeden Fall. Ein grosses Plus der Reclamausgabe ist, dass sie den Text zweisprachig wiedergibt, die deutsche Übersetzung jedoch in Prosa und nicht in Versen übertragen wurde. Dies steigert den Lesekomfort erheblich und sorgt für einen angenehmen Erzählfluss. Die Übersetzung ist getreu dem Original und trotzdem in einem Deutsch geschrieben, das in keiner Weise antiquiert oder verschachtelt klingt. Zudem hat die Ausgabe einen Anhang von fast 150 Seiten, unter anderem mit einem 40seitigen Nachwort des Übersetzers und Herausgebers Michael von Albrecht, einem hervorragenden Ovidexperten. Die leserfreundliche Prosaübersetzung und der ausführliche, sehr informative Anhang sind den Preis der Ausgabe auf jeden Fall wert.

Ovid: "Metamorphosen", lateinisch-deutsche Übersetzung herausgegeben von Michael von Albrecht, 995 Seiten, Reclam, CHF 43.70


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