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Tod und Jenseitsvorstellungen in den Religionen
und Kulturen: Hinduismus
Die Asche dem Fluss, die Seele einem neuen Körper
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Krishna mit Gopis (Hirtenmädchen)
und Gopas (Hirtenjungen) |
Von Lukas Hunziker und Sandra Despont.
Im fünften Teil unserer Reihe Tod und
Jenseitsvorstellungen in den Religionen und Kulturen werfen wir
einen Blick auf das Sterben in der fünften grossen Weltreligion,
dem Hinduismus. Hinduismus denkt man sich oft als die Religion
Indiens, was nicht so falsch ist, da rund 94% aller Hindus in
Indien leben. Dennoch lässt sich der Hinduismus im Grunde
nicht als eine einzige Religion bezeichnen sondern ist vielmehr
ein Sammelbegriff für verschiedene religiöse Strömungen,
welche grundsätzliche Gemeinsamkeiten haben. Auch hat der
Hinduismus nicht wie der Buddhismus, das Christentum oder der
Islam einen Begründer; es gab keinen "Hindu",
nach dem die Religion benannt wurde. "Hindu" ist der
persische Name des Flusses Indus und ursprünglich wurden
die in seinem Einzugsgebiet lebenden Menschen als Hindus bezeichnet.
Die vier Ziele
Was alle Formen des Hinduismus gemeinsam
haben steht in den vier Veden, den heiligen Schriften des Glaubens.
Obwohl es noch andere Schriften gibt, werden nur die vier Veden
allgemein anerkannt. Die Veden gliedern sich in je zwei Teile.
Im ersten Teil finden sich die Regeln für religiöse
Rituale, im zweiten Teil, dem so genannten Weisheitsteil oder
"jnanakanda", sind Dialoge, die "Upanishaden"
versammelt, welche den Grundstein des religiösen und philosophischen
Denkens des Hinduismus darstellen. Der Hinduismus ist keine lebensfeindliche
Religion und lehnt Vergnügen und Besitz nicht ab, sondern
zählt Reichtum und Vergnügen zu den vier legitimen
Zielen des Menschen. Allerdings sollte man nur danach streben,
wenn man auch "dharma" als drittes Ziel vor Augen hat.
Wer nach "dharma" strebt, bleibt "der Wohlfahrt
des Ganzen gegenüber aufmerksam" (Rambachan), berücksichtigt
also bei der Befriedigung seiner individuellen Bedürfnisse
immer auch die Auswirkungen auf die Gemeinschaft. Doch auch "dharma"
ist vergänglich und nur das vierte Ziel, "moska",
ist dauerhaft. "Moska" bedeutet Freiheit und meint
Freiheit von Unwissenheit um das menschliche Selbst, Gott und
die Welt.
Die Scheiden fallen weg, Atman bleibt
Das wesentliche menschliche Selbst, nach dem altindischen Sanskrit
Atman genannt, ist der Teil des Menschen, der den Tod überdauert.
Es ist ewig, ungeschaffen und frei von Wandel. Das Selbst (oft
übersetzt mit Seele) ist umgeben von fünf Hüllen,
die es schützen, wie die Scheide das Schwert umgibt und
schützt. Diese sind von außen nach innen der physische
Leib, Vitalität, Geist, Intellekt und Seligkeit. Mit jeder
Stufe sind diese Scheiden höher entwickelt. Die Äußerste,
der physische Leib, ist die sichtbarste und berührbarste
Scheide, die Innerste die am höchsten entwickelte. Stirbt
ein Mensch, fallen diese Hüllen von ihm ab, wobei die beiden
letzten, die den so genannten "feinen Körper"
bilden, den Atman nach dem Tod noch eine Weile schützen,
bevor auch sie zerfallen. Was das Selbst nach dem Tod und dem
Wegfallen der Scheiden nun erwartet, hängt davon ab, was
der Mensch während seines Lebens getan und gelassen hat.
Wie im Buddhismus glaubt der Hinduismus an das Gesetz des "Karma".
Jede Tat zieht eine Wirkung nach sich, gute Taten positive, schlechte
Taten negative. Wer in der Schlussrechnung mehr negatives als
positives Karma hat, muss wiedergeboren werden und in seiner
neuen Existenz besser handeln. Die Wiedergeburt kann als Pflanze,
Tier, Gottheit oder Mensch erfolgen, wobei die Existenzform als
Mensch als die beste gesehen wird, da in ihr die Möglichkeit
zum Austreten aus dem Kreislauf der Wiedergeburt am einfachsten
ist. Hat ein Mensch mehr positives Karma gesammelt, tritt er
aus dem Kreislauf der Wiedergeburt, dem "Samsara",
aus und erreicht die Freiheit, "moksa", was man auch
mit Erlösung übersetzen könnte. Er gelangt nun
zu dem bzw. denen, die er während seines Lebens verehrte
und kann dort verweilen, bis sein gutes Karma verbraucht ist
und er wieder in den Kreislauf der Wiedergeburt eintreten muss.
Sterben? Am liebsten am Ganges
Traditionell ist das Sterben im Hinduismus stark ritualisiert.
In der modernen Welt ist es aber nicht mehr überall möglich,
dieses nachzuvollziehen. Der Sterbende wird traditionell von
seinen Angehörigen vor das Dorf getragen und auf einen Platz
gesetzt, den man gereinigt, mit Kuhmist bestrichen oder mit Blumen
bestreut hat. Der Kopf des Sterbenden liegt Richtung Süden,
wo man Yamas Totenreich vermutet. Die Verwandten setzen sich
im Kreis um den Sterbenden und rufen die Götter an. Da die
Form der Weiterexistenz auch vom Zustand des Bewusstseins zum
Zeitpunkt des Sterbens abhängt, rezitieren die Verwandten
heilige Worte und versuchen damit, die Aufmerksamkeit des Hinscheidenden
auf Gott zu lenken. Gute Chancen auf eine bessere Wiedergeburt
haben diejenigen, die am Ufer des Ganges sterben. Deshalb werden
jeden Tag Tausende Sterbende dorthin gebracht. Wer nicht am Ganges
sterben kann, dem soll wenigstens Wasser vom Fluss gebracht und
von den Verwandten löffelweise verabreicht werden. Auch
wenn sich die Hülle des Menschen nach seinem Tod auflöst,
wird mit dem Körper des Verstorbenen doch sorgfältig
umgegangen. Er wird gewaschen, geschmückt und in ein neues,
oft rotgelbes Kleid gehüllt.
Verbrennung statt Friedhöfe
Damit sich Atman und "feiner
Körper" lösen können, muss der Leichnam verbrannt
werden. Die Verbrennung ist ein festlicher Akt, der nicht kummervoll
begangen wird. Der Leichnam wird in Tüchern geschmückt
zu dem Verbrennungsplatz im Freien gebracht, wobei er manchmal
gedreht wird, um böse Geister zu verwirren. Die Teilnehmer
verabschieden sich sodann von ihm, ein Priester besprengt ihn
mit Duftwasser und spricht ein Gebet. Dann zündet der älteste
Sohn das Feuer an. Seine Aufgabe ist es auch, wenn das Feuer
am erlöschen ist, den Schädel des Toten aufzuspalten,
damit das Selbst aus dem Körper austreten kann. Nach der
Verbrennung wird das Haus des Toten gereinigt. Für die Verwandten
folgt eine Fastenzeit von zwei Tagen, acht Tage lang darf im
Trauerhaus zudem nicht gekocht werden. Haare und Bart werden
nicht geschnitten, die Söhne des Verstorbenen leben einen
Monat lang keusch, die Witwe traditionell für den Rest ihres
Lebens. Die Asche des Verstorbenen wird nach drei Tagen eingesammelt
und wenn möglich in den Ganges, sonst in das Meer oder in
einen nahe gelegenen Fluss geworfen. Am zehnten oder elften Tag
besuchen die Teilnehmer der Verbrennung die Trauerfamilie, trösten
sie und helfen in praktischen Dingen. Sie opfern Reisbällchen
und Milch und leisten somit dem Verstorbenen ihren letzten Dienst.
Fortan wird an jedem Todestag ein mit Blumengirlanden geschmücktes
Bild des Verstorbenen aufgestellt. Sein Lieblingsgericht wird
gekocht und davor gestellt und der Tote wird eingeladen, davon
zu kosten.
Literatur:
Rambachan, Anatanand: "Der Hinduismus", in: Coward,
Harold (Hg.): "Das Leben nach dem Tod in den Weltreligionen",
Freiburg im Breisgau: Herder 1998, S. 62-77.
Schwikart, Georg: "Tod und Trauer in den Weltreligionen",
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 1999.
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