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Nr. 135 / September 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tod und Jenseitsvorstellungen in den Religionen und Kulturen: Hinduismus
Die Asche dem Fluss, die Seele einem neuen Körper

Krishna mit Gopis (Hirtenmädchen) und Gopas (Hirtenjungen)

Von Lukas Hunziker und Sandra Despont.

Im fünften Teil unserer Reihe Tod und Jenseitsvorstellungen in den Religionen und Kulturen werfen wir einen Blick auf das Sterben in der fünften grossen Weltreligion, dem Hinduismus. Hinduismus denkt man sich oft als die Religion Indiens, was nicht so falsch ist, da rund 94% aller Hindus in Indien leben. Dennoch lässt sich der Hinduismus im Grunde nicht als eine einzige Religion bezeichnen sondern ist vielmehr ein Sammelbegriff für verschiedene religiöse Strömungen, welche grundsätzliche Gemeinsamkeiten haben. Auch hat der Hinduismus nicht wie der Buddhismus, das Christentum oder der Islam einen Begründer; es gab keinen "Hindu", nach dem die Religion benannt wurde. "Hindu" ist der persische Name des Flusses Indus und ursprünglich wurden die in seinem Einzugsgebiet lebenden Menschen als Hindus bezeichnet.

Die vier Ziele
Was alle Formen des Hinduismus gemeinsam haben steht in den vier Veden, den heiligen Schriften des Glaubens. Obwohl es noch andere Schriften gibt, werden nur die vier Veden allgemein anerkannt. Die Veden gliedern sich in je zwei Teile. Im ersten Teil finden sich die Regeln für religiöse Rituale, im zweiten Teil, dem so genannten Weisheitsteil oder "jnanakanda", sind Dialoge, die "Upanishaden" versammelt, welche den Grundstein des religiösen und philosophischen Denkens des Hinduismus darstellen. Der Hinduismus ist keine lebensfeindliche Religion und lehnt Vergnügen und Besitz nicht ab, sondern zählt Reichtum und Vergnügen zu den vier legitimen Zielen des Menschen. Allerdings sollte man nur danach streben, wenn man auch "dharma" als drittes Ziel vor Augen hat. Wer nach "dharma" strebt, bleibt "der Wohlfahrt des Ganzen gegenüber aufmerksam" (Rambachan), berücksichtigt also bei der Befriedigung seiner individuellen Bedürfnisse immer auch die Auswirkungen auf die Gemeinschaft. Doch auch "dharma" ist vergänglich und nur das vierte Ziel, "moska", ist dauerhaft. "Moska" bedeutet Freiheit und meint Freiheit von Unwissenheit um das menschliche Selbst, Gott und die Welt.

Die Scheiden fallen weg, Atman bleibt
Das wesentliche menschliche Selbst, nach dem altindischen Sanskrit Atman genannt, ist der Teil des Menschen, der den Tod überdauert. Es ist ewig, ungeschaffen und frei von Wandel. Das Selbst (oft übersetzt mit Seele) ist umgeben von fünf Hüllen, die es schützen, wie die Scheide das Schwert umgibt und schützt. Diese sind von außen nach innen der physische Leib, Vitalität, Geist, Intellekt und Seligkeit. Mit jeder Stufe sind diese Scheiden höher entwickelt. Die Äußerste, der physische Leib, ist die sichtbarste und berührbarste Scheide, die Innerste die am höchsten entwickelte. Stirbt ein Mensch, fallen diese Hüllen von ihm ab, wobei die beiden letzten, die den so genannten "feinen Körper" bilden, den Atman nach dem Tod noch eine Weile schützen, bevor auch sie zerfallen. Was das Selbst nach dem Tod und dem Wegfallen der Scheiden nun erwartet, hängt davon ab, was der Mensch während seines Lebens getan und gelassen hat. Wie im Buddhismus glaubt der Hinduismus an das Gesetz des "Karma". Jede Tat zieht eine Wirkung nach sich, gute Taten positive, schlechte Taten negative. Wer in der Schlussrechnung mehr negatives als positives Karma hat, muss wiedergeboren werden und in seiner neuen Existenz besser handeln. Die Wiedergeburt kann als Pflanze, Tier, Gottheit oder Mensch erfolgen, wobei die Existenzform als Mensch als die beste gesehen wird, da in ihr die Möglichkeit zum Austreten aus dem Kreislauf der Wiedergeburt am einfachsten ist. Hat ein Mensch mehr positives Karma gesammelt, tritt er aus dem Kreislauf der Wiedergeburt, dem "Samsara", aus und erreicht die Freiheit, "moksa", was man auch mit Erlösung übersetzen könnte. Er gelangt nun zu dem bzw. denen, die er während seines Lebens verehrte und kann dort verweilen, bis sein gutes Karma verbraucht ist und er wieder in den Kreislauf der Wiedergeburt eintreten muss.

Sterben? Am liebsten am Ganges
Traditionell ist das Sterben im Hinduismus stark ritualisiert. In der modernen Welt ist es aber nicht mehr überall möglich, dieses nachzuvollziehen. Der Sterbende wird traditionell von seinen Angehörigen vor das Dorf getragen und auf einen Platz gesetzt, den man gereinigt, mit Kuhmist bestrichen oder mit Blumen bestreut hat. Der Kopf des Sterbenden liegt Richtung Süden, wo man Yamas Totenreich vermutet. Die Verwandten setzen sich im Kreis um den Sterbenden und rufen die Götter an. Da die Form der Weiterexistenz auch vom Zustand des Bewusstseins zum Zeitpunkt des Sterbens abhängt, rezitieren die Verwandten heilige Worte und versuchen damit, die Aufmerksamkeit des Hinscheidenden auf Gott zu lenken. Gute Chancen auf eine bessere Wiedergeburt haben diejenigen, die am Ufer des Ganges sterben. Deshalb werden jeden Tag Tausende Sterbende dorthin gebracht. Wer nicht am Ganges sterben kann, dem soll wenigstens Wasser vom Fluss gebracht und von den Verwandten löffelweise verabreicht werden. Auch wenn sich die Hülle des Menschen nach seinem Tod auflöst, wird mit dem Körper des Verstorbenen doch sorgfältig umgegangen. Er wird gewaschen, geschmückt und in ein neues, oft rotgelbes Kleid gehüllt.

Verbrennung statt Friedhöfe
Damit sich Atman und "feiner Körper" lösen können, muss der Leichnam verbrannt werden. Die Verbrennung ist ein festlicher Akt, der nicht kummervoll begangen wird. Der Leichnam wird in Tüchern geschmückt zu dem Verbrennungsplatz im Freien gebracht, wobei er manchmal gedreht wird, um böse Geister zu verwirren. Die Teilnehmer verabschieden sich sodann von ihm, ein Priester besprengt ihn mit Duftwasser und spricht ein Gebet. Dann zündet der älteste Sohn das Feuer an. Seine Aufgabe ist es auch, wenn das Feuer am erlöschen ist, den Schädel des Toten aufzuspalten, damit das Selbst aus dem Körper austreten kann. Nach der Verbrennung wird das Haus des Toten gereinigt. Für die Verwandten folgt eine Fastenzeit von zwei Tagen, acht Tage lang darf im Trauerhaus zudem nicht gekocht werden. Haare und Bart werden nicht geschnitten, die Söhne des Verstorbenen leben einen Monat lang keusch, die Witwe traditionell für den Rest ihres Lebens. Die Asche des Verstorbenen wird nach drei Tagen eingesammelt und wenn möglich in den Ganges, sonst in das Meer oder in einen nahe gelegenen Fluss geworfen. Am zehnten oder elften Tag besuchen die Teilnehmer der Verbrennung die Trauerfamilie, trösten sie und helfen in praktischen Dingen. Sie opfern Reisbällchen und Milch und leisten somit dem Verstorbenen ihren letzten Dienst. Fortan wird an jedem Todestag ein mit Blumengirlanden geschmücktes Bild des Verstorbenen aufgestellt. Sein Lieblingsgericht wird gekocht und davor gestellt und der Tote wird eingeladen, davon zu kosten.

Literatur:
Rambachan, Anatanand: "Der Hinduismus", in: Coward, Harold (Hg.): "Das Leben nach dem Tod in den Weltreligionen", Freiburg im Breisgau: Herder 1998, S. 62-77.
Schwikart, Georg: "Tod und Trauer in den Weltreligionen", Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 1999.


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