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Nr. 134 / August 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Robert Musil: "Drei Frauen" (1924; Moderne) | Erzählungen
Frauen mit Eigenschaften?

"Der Mann ohne Eigenschaften", das gigantische Werk, das den 1880 geborenen Dichter Robert Musil bis zu seinem Tod in der Schweizer Emigration 1942 beschäftigte, gehört, wie man sagt, zu den genialsten Werken der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Ganz bescheiden, und, ich geb's ja zu, aus praktischen Gründen, soll es hier aber nicht um diesen Schunken und einen Mann, sondern um drei meisterliche Erzählungen und ebenso viele Frauen gehen.

Von Sandra Despont.

Um aber nochmals auf den besagten Mann zurückzukommen: Gut 1000 Seiten hat der Roman. Und das ist bloss der erste Teil, wohlgemerkt. Der zweite ist nochmals etwas 2000 Seiten lang- und nicht vollendet. Ich kenne weniger als eine handvoll Leute, die "Der Mann ohne Eigenschaften" gelesen haben. Er soll unglaublich gut sein Bis zum geht-nicht-mehr bekannt (wer Robert Musil hört, denkt "Mann ohne Eigenschaften"), unglaublich dick und daher für die meisten "Normalleser" ungeeignet; unvollendet und für viele deshalb abschreckend, kurz: das Buch bietet sich nicht gerade an, um hier vorgestellt zu werden. Auch, dass ich selbst noch nicht über Seite 23 hinaus bin, würde das Unterfangen nicht aussichtsreicher machen, denn was können innerhalb von 3000 Seiten noch alles für Abbruchsgründe auftauchen (ich kenne mehr als eine Handvoll Leute, die dieses Werk zwar sagenhaft finden, es aber trotzdem nicht durch haben). Ganz abgesehen davon, dass dieses "Ausgelesen" dann wohl frühestens im März 2006 erscheinen könnte. Deshalb geht es hier also nicht um 3000, sondern um nicht mal 100 Seiten, die aber trotzdem einen Eindruck von Musils Erzählkunst vermitteln.

Eine Bäuerin, eine Aristokratin, eine Verkäuferin
Unterschiedlicher könnten sie nicht sein, die drei Frauen, denen Musil je eine Erzählung widmet. Grigia ist Bäuerin in einem abgelegenen italienischen Gebirgstal, einer märchenhaften Welt, in die der Geist der Zivilisation in Form einer Expedition auf der Suche nach Bodenschätzen hereinbricht. Die Begegnung zwischen urtümlicher, fast mythischer Lebensweise und der pseudo-fortschrittlichen Moderne findet exemplarisch zwischen dem Geologen Homo und der Bergbewohnerin Grigia statt.
Die Geschichte der zweiten Frau führt in die Welt des Mittelalters, in die Zeit der Ritter. Die Männer eines Geschlechts namens delle Catene bzw. von Ketten holen sich ihre Frauen traditionellerweise von weit her. So hat sich der aktuelle Herr von Ketten eine strahlend schöne Portugiesin geholt, die er von der sanften Meeresküste in seine wilde, hässliche, aber auch geheimnisvolle Welt mit hoch aufragenden Bergen, tiefen Schluchten und endlosen, dunklen Wäldern bringt. Der Herr von Ketten ist wie jeder seines Geschlechts: scharf und böse, hart und zielstrebig. "Fremd wie der Mond" ist ihm die friedliche, ruhevolle Welt seiner Gattin. Und wieder kommt es zu einer Konfrontation von Mann und Frau, einer Begegnung, die rätselhaft und eindringlich ist und durch symbolhaft wirkende Tiere über sich selbst hinausweist.
Die dritte Geschichte schliesslich beschäftigt sich mit der Verkäuferin Tonka, die ein namenloser er kennen- und lieben lernt. Doch seine Beziehung mit Tonka die so arglos, einfältig, offen und klar erscheint, verwirrt sich zusehends in Zweideutigkeiten. Eine rätselhafte Schwangerschaft lässt für Tonka nur zwei Möglichkeiten offen: sie ist entweder eine Heilige, deren Würde es verbietet, sich zu offenbaren, oder eine Hure und verschlagene Lügnerin.

Drei Männer?
"Drei Frauen" heisst der Band, in dem die drei Erzählungen zusammengefasst sind, drei Frauen geben den Erzählungen ihren Titel ("Grigia", "Die Portugiesin", "Tonka"), die drei Frauen nehmen eine zentrale Rolle in den Geschichten ein, und doch: geht es nicht eigentlich um drei Männer und ihre Konfrontation mit dem Weiblichen, das in Gestalt von drei Frauen vorgeführt wird? Vor allem in "Tonka" ist die Frau nicht mehr ein fassbares, eigenständiges Wesen, sondern lebt nur noch als Projektion. Ihr Wesen kann nicht erfasst werden, sie oszilliert zwischen Heiliger und Hure, am Ende ist sie nur noch "ein kleiner warmer Schatten", der den Mann und seine Wertigkeit bestätigt. Die Rätselhaftigkeit der Frau, die einfach und einfältig erscheint, aber eigentlich unergründlich ist und an der bisweilen etwas Dämonisches haftet, ist ein Motiv, das in allen drei Erzählungen auftaucht. Grosse Fremdheit herrscht zwischen den Geschlechtern. In dem Versuch der Annäherung, in der Begegnung mit dem Anderen, erleiden die Männer ihre Tragik, die auch, und eigentlich, die Tragik der Frauen ist. Doch diese Frauen verschwinden nahezu angesichts der Macht des Mannes, der den Bereich der Zivilisation, der Kultur, der Lebenstüchtigkeit vertritt und im Extremfall "Tonka" die Macht besitzt, die Frau zu erfinden.

"Leicht" zugänglich
Dass Robert Musil Philosophie und Psychologie studiert hat, merkt man auch "Drei Frauen" an. Wem "Die Verwirrungen des Zöglings Törless" aber noch zu offensichtlich philosophisch geladen waren und wer sich mit Müh und Not durch die Kant-Passagen gekämpft hat, der wird bei der Lektüre von "Drei Frauen" feststellen, dass Musil hier der philosophische Hintergrund zwar keineswegs verloren gegangen ist, dass die Geschichten aber dank der mythischen, symbolhaften, dichten und dabei doch sehr anschaulichen und poetischen Schreibweise schön zu lesen sind. Natürlich gehört Musil nie auf ein easy reading Programm, denn seine Art, Metaphern und Vergleiche zu verwenden, Bewusstes und Unbewusstes kurz zu schliessen, Handlungsteile zu widerrufen oder als nicht gesichert hinzustellen, macht sein Werk nur langsam und unter grossen Schwierigkeiten einigermassen fassbar. "Drei Frauen" gänzlich verstehen zu wollen, wäre somit fehl am Platz und wohl von vornherein ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen. Die drei Novellen gehören aber trotz der Widrigkeiten des musilschen Stils zu der Sorte Erzählungen, die man immer wieder lesen und dabei immer wieder Neues entdecken kann. Zweifellos sind sie das Werk Musils, das am leichtesten zugänglich ist. "Der Mann ohne Eigenschaften" steht, wie gesagt, schon wegen seiner unglaublichen Länge ausser Konkurrenz, "Die Verwirrungen des Zöglings Törless" liest sich zwar über weite Strecken gut, ist aber nicht gerade erbaulich und wer sich schon mal an den "Vereinigungen" versucht hat, weiss, was Verzweiflung und völlige Ratlosigkeit angesichts eines auf deutsch geschriebenen Texts sein können (empfohlen sei hier die Lektüre von Sekundärliteratur. Nicht, weil die alles (er)klären würde, sondern weil man sich so köstlich amüsieren kann, wenn man liest, auf was für Ideen die Literaturwissenschaftler so kommen, wenn sie einen Text vor sich haben, mit dem man vernünftigerweise einfach nichts anfangen kann).

Wer sich an die Lektüre von "Der Mann ohne Eigenschaften" machen will und etwas braucht, um in Stimmung zu kommen, dem seien hiermit die "Drei Frauen" herzlichst empfohlen. Und denjenigen unter uns, die nicht im Traum daran denken, sich auf das Gigantenwerk Musils zu stürzen, aber trotzdem von sich sagen wollen, mal Musil gelesen zu haben, sowieso.

Rowohlt, 123 S., CHF 12.10


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