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Robert Musil: "Drei Frauen" (1924;
Moderne) | Erzählungen
Frauen mit Eigenschaften?
"Der Mann ohne Eigenschaften",
das gigantische Werk, das den 1880 geborenen Dichter Robert Musil
bis zu seinem Tod in der Schweizer Emigration 1942 beschäftigte,
gehört, wie man sagt, zu den genialsten Werken der deutschsprachigen
Literatur des 20. Jahrhunderts. Ganz bescheiden, und, ich geb's
ja zu, aus praktischen Gründen, soll es hier aber nicht
um diesen Schunken und einen Mann, sondern um drei meisterliche
Erzählungen und ebenso viele Frauen gehen.
Von Sandra Despont.
Um aber nochmals auf den besagten Mann zurückzukommen:
Gut 1000 Seiten hat der Roman. Und das ist bloss der erste Teil,
wohlgemerkt. Der zweite ist nochmals etwas 2000 Seiten lang-
und nicht vollendet. Ich kenne weniger als eine handvoll Leute,
die "Der Mann ohne Eigenschaften" gelesen haben. Er
soll unglaublich gut sein Bis zum geht-nicht-mehr bekannt (wer
Robert Musil hört, denkt "Mann ohne Eigenschaften"),
unglaublich dick und daher für die meisten "Normalleser"
ungeeignet; unvollendet und für viele deshalb abschreckend,
kurz: das Buch bietet sich nicht gerade an, um hier vorgestellt
zu werden. Auch, dass ich selbst noch nicht über Seite 23
hinaus bin, würde das Unterfangen nicht aussichtsreicher
machen, denn was können innerhalb von 3000 Seiten noch alles
für Abbruchsgründe auftauchen (ich kenne mehr als eine
Handvoll Leute, die dieses Werk zwar sagenhaft finden, es aber
trotzdem nicht durch haben). Ganz abgesehen davon, dass dieses
"Ausgelesen" dann wohl frühestens im März
2006 erscheinen könnte. Deshalb geht es hier also nicht
um 3000, sondern um nicht mal 100 Seiten, die aber trotzdem einen
Eindruck von Musils Erzählkunst vermitteln.
Eine Bäuerin, eine Aristokratin, eine
Verkäuferin
Unterschiedlicher könnten sie nicht sein, die drei Frauen,
denen Musil je eine Erzählung widmet. Grigia ist Bäuerin
in einem abgelegenen italienischen Gebirgstal, einer märchenhaften
Welt, in die der Geist der Zivilisation in Form einer Expedition
auf der Suche nach Bodenschätzen hereinbricht. Die Begegnung
zwischen urtümlicher, fast mythischer Lebensweise und der
pseudo-fortschrittlichen Moderne findet exemplarisch zwischen
dem Geologen Homo und der Bergbewohnerin Grigia statt.
Die Geschichte der zweiten Frau führt in die Welt des Mittelalters,
in die Zeit der Ritter. Die Männer eines Geschlechts namens
delle Catene bzw. von Ketten holen sich ihre Frauen traditionellerweise
von weit her. So hat sich der aktuelle Herr von Ketten eine strahlend
schöne Portugiesin geholt, die er von der sanften Meeresküste
in seine wilde, hässliche, aber auch geheimnisvolle Welt
mit hoch aufragenden Bergen, tiefen Schluchten und endlosen,
dunklen Wäldern bringt. Der Herr von Ketten ist wie jeder
seines Geschlechts: scharf und böse, hart und zielstrebig.
"Fremd wie der Mond" ist ihm die friedliche, ruhevolle
Welt seiner Gattin. Und wieder kommt es zu einer Konfrontation
von Mann und Frau, einer Begegnung, die rätselhaft und eindringlich
ist und durch symbolhaft wirkende Tiere über sich selbst
hinausweist.
Die dritte Geschichte schliesslich beschäftigt sich mit
der Verkäuferin Tonka, die ein namenloser er kennen- und
lieben lernt. Doch seine Beziehung mit Tonka die so arglos, einfältig,
offen und klar erscheint, verwirrt sich zusehends in Zweideutigkeiten.
Eine rätselhafte Schwangerschaft lässt für Tonka
nur zwei Möglichkeiten offen: sie ist entweder eine Heilige,
deren Würde es verbietet, sich zu offenbaren, oder eine
Hure und verschlagene Lügnerin.
Drei Männer?
"Drei Frauen" heisst der
Band, in dem die drei Erzählungen zusammengefasst sind,
drei Frauen geben den Erzählungen ihren Titel ("Grigia",
"Die Portugiesin", "Tonka"), die drei Frauen
nehmen eine zentrale Rolle in den Geschichten ein, und doch:
geht es nicht eigentlich um drei Männer und ihre Konfrontation
mit dem Weiblichen, das in Gestalt von drei Frauen vorgeführt
wird? Vor allem in "Tonka" ist die Frau nicht mehr
ein fassbares, eigenständiges Wesen, sondern lebt nur noch
als Projektion. Ihr Wesen kann nicht erfasst werden, sie oszilliert
zwischen Heiliger und Hure, am Ende ist sie nur noch "ein
kleiner warmer Schatten", der den Mann und seine Wertigkeit
bestätigt. Die Rätselhaftigkeit der Frau, die einfach
und einfältig erscheint, aber eigentlich unergründlich
ist und an der bisweilen etwas Dämonisches haftet, ist ein
Motiv, das in allen drei Erzählungen auftaucht. Grosse Fremdheit
herrscht zwischen den Geschlechtern. In dem Versuch der Annäherung,
in der Begegnung mit dem Anderen, erleiden die Männer ihre
Tragik, die auch, und eigentlich, die Tragik der Frauen ist.
Doch diese Frauen verschwinden nahezu angesichts der Macht des
Mannes, der den Bereich der Zivilisation, der Kultur, der Lebenstüchtigkeit
vertritt und im Extremfall "Tonka" die Macht besitzt,
die Frau zu erfinden.
"Leicht" zugänglich
Dass Robert Musil Philosophie und Psychologie studiert hat, merkt
man auch "Drei Frauen" an. Wem "Die Verwirrungen
des Zöglings Törless" aber noch zu offensichtlich
philosophisch geladen waren und wer sich mit Müh und Not
durch die Kant-Passagen gekämpft hat, der wird bei der Lektüre
von "Drei Frauen" feststellen, dass Musil hier der
philosophische Hintergrund zwar keineswegs verloren gegangen
ist, dass die Geschichten aber dank der mythischen, symbolhaften,
dichten und dabei doch sehr anschaulichen und poetischen Schreibweise
schön zu lesen sind. Natürlich gehört Musil nie
auf ein easy reading Programm, denn seine Art, Metaphern und
Vergleiche zu verwenden, Bewusstes und Unbewusstes kurz zu schliessen,
Handlungsteile zu widerrufen oder als nicht gesichert hinzustellen,
macht sein Werk nur langsam und unter grossen Schwierigkeiten
einigermassen fassbar. "Drei Frauen" gänzlich
verstehen zu wollen, wäre somit fehl am Platz und wohl von
vornherein ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen. Die drei
Novellen gehören aber trotz der Widrigkeiten des musilschen
Stils zu der Sorte Erzählungen, die man immer wieder lesen
und dabei immer wieder Neues entdecken kann. Zweifellos sind
sie das Werk Musils, das am leichtesten zugänglich ist.
"Der Mann ohne Eigenschaften" steht, wie gesagt, schon
wegen seiner unglaublichen Länge ausser Konkurrenz, "Die
Verwirrungen des Zöglings Törless" liest sich
zwar über weite Strecken gut, ist aber nicht gerade erbaulich
und wer sich schon mal an den "Vereinigungen" versucht
hat, weiss, was Verzweiflung und völlige Ratlosigkeit angesichts
eines auf deutsch geschriebenen Texts sein können (empfohlen
sei hier die Lektüre von Sekundärliteratur. Nicht,
weil die alles (er)klären würde, sondern weil man sich
so köstlich amüsieren kann, wenn man liest, auf was
für Ideen die Literaturwissenschaftler so kommen, wenn sie
einen Text vor sich haben, mit dem man vernünftigerweise
einfach nichts anfangen kann).
Wer sich an die Lektüre von "Der
Mann ohne Eigenschaften" machen will und etwas braucht,
um in Stimmung zu kommen, dem seien hiermit die "Drei Frauen"
herzlichst empfohlen. Und denjenigen unter uns, die nicht im
Traum daran denken, sich auf das Gigantenwerk Musils zu stürzen,
aber trotzdem von sich sagen wollen, mal Musil gelesen zu haben,
sowieso.
Rowohlt, 123 S., CHF 12.10
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