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Nr. 134 / August 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Amélie Nothomb
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Die Kunst des stilvollen Verarmens
 

Amélie Nothomb: "Der Professor" (Lesung) | Audio Verlag
Pünktlicher Quälgeist

Anstand, Sitte undWohlerzogenheit sind drei Dinge, die dem Ehepaar Hazel in Fleisch und Blut übergegangen sind. Wie schnell Errungenschaften der Zivilisation brüchig und schliesslich über Bord geworfen werden und dass der Krug so lange zum Brunnen geht, bis er bricht - das illustriert Amélie Nothomb in "Der Professor". Gelesen ist es wie geschrieben: schlicht und gerade deshalb wirkungsvoll.

Von Sandra Despont.

Endlich. Juliette und Emile Hazel, ein ehemaliger Lehrer für alte Sprachen, sind nicht nur pensioniert, sondern haben auf dem Land ein abgelegenes Traumhaus gefunden, in dem sie zusammen ihren Lebensabend verbringen wollen. Allein zu zweit. Nur einen Nachbarn gibt es, einen Arzt, was praktisch ist. Doch dieser Arzt, Palamède Bernardin mit Namen, hat es in sich. Pünktlich um vier Uhr nachmittags kommt er zum Kaffee, sitzt in einem Sessel und schweigt. Punkt sechs geht er wieder. Und das jeden Tag.

Entdeckung der Nachtseite
Das Ehepaar Hazel ist ratlos. Nichts scheint den Quälgeist von seinem Besuch abhalten zu können und zu offensichtlicher Unhöflichkeit kann sich Emile nicht durchringen. Da haben Juliette und Emile eine scheinbar geniale Idee: sie laden Bernardin zum Essen ein. Zusammen mit seiner Frau Bernadette, die sich bisher noch nicht hat blicken lassen. Und sie kommt, die Frau Bernardin, nur dass von einer Frau nicht wirklich die Rede sein kann So weit so gut und mehr soll nicht verraten werden. Wie immer liegt der Reiz der Geschichte Nothombs nicht so sehr in spektakulären Handlungen, sondern in den abstrusen, grotesken Tatsachen und der Art, wie die Autorin ihre Leserinnen nach und nach in eine Geschichte voller seelischer Abgründe hineinführt. Selbst der überaus wohlerzogene Emile Hazel kommt angesichts der palamèdschen Invasion an die Grenzen seiner Höflichkeit und entdeckt eine ganz andere, ein bisschen weniger zivilisierte Seite an sich. Und erst, als es zu spät ist, alle Dämme gebrochen und er zum Handeln gezwungen worden ist, erkennt er die wahre Absicht des lästigen Nachbars.

Action im Innern
Amélie Nothombs "Der Professor" ist wie all ihre Geschichten: bitter bös, zynisch und reizend amoralisch. Und wie alle Geschichten kommt sie unprätentiös und schlicht daher, präsentiert eine Geschichte zu Gut und Böse, ohne zu moralisieren. Der Schauspieler Walter Kreye trägt diesem vordergründig heiter-ironischen Erzählstil, hinter dem sich aber immer mehr Abgründe auftun, durch seinen schlichten, aber nie unbeteiligt wirkenden Vortrag Rechnung. Dank seiner gleichmässig tiefen, seriösen Stimme hält Kreye die Spannung beim Hörer bis zuletzt aufrecht, ohne der Geschichte künstliche Dramatik einhauchen zu wollen. Denn wie gesagt: die Action spielt sich im Inneren der Figuren ab. Leider ist "Der Professor" zwar durchaus lustig-grotesk mit ernstem Hintergrund, verfügt im Gegensatz zu Amélie Nothombs jüngeren Werken wie "Kosmetik des Bösen" oder "Böses Mädchen" aber nicht über das schnelle Tempo und den trockenen, manchmal zum Brüllen komischen Humor, der die Kürze der Romane jeweils locker wettmacht. "Der Professor" ist da langwieriger und kommt nicht so treffend und schnell auf den Punkt. Aber wir wollen nicht darüber klagen, sondern uns freuen, dass Amélie Nothomb seit "Der Professor" noch besser geworden ist. Und hoffen, dass ihre Romane auch weiterhin so gut vertont werden.

3 Cds, 232 Min., CHF 46.--


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