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Amélie Nothomb: "Der Professor"
(Lesung) | Audio Verlag
Pünktlicher Quälgeist
Anstand, Sitte undWohlerzogenheit
sind drei Dinge, die dem Ehepaar Hazel in Fleisch und Blut übergegangen
sind. Wie schnell Errungenschaften der Zivilisation brüchig
und schliesslich über Bord geworfen werden und dass der
Krug so lange zum Brunnen geht, bis er bricht - das illustriert
Amélie Nothomb in "Der Professor". Gelesen ist
es wie geschrieben: schlicht und gerade deshalb wirkungsvoll.
Von Sandra Despont.
Endlich. Juliette und Emile Hazel, ein ehemaliger
Lehrer für alte Sprachen, sind nicht nur pensioniert, sondern
haben auf dem Land ein abgelegenes Traumhaus gefunden, in dem
sie zusammen ihren Lebensabend verbringen wollen. Allein zu zweit.
Nur einen Nachbarn gibt es, einen Arzt, was praktisch ist. Doch
dieser Arzt, Palamède Bernardin mit Namen, hat es in sich.
Pünktlich um vier Uhr nachmittags kommt er zum Kaffee, sitzt
in einem Sessel und schweigt. Punkt sechs geht er wieder. Und
das jeden Tag.
Entdeckung der Nachtseite
Das Ehepaar Hazel ist ratlos. Nichts
scheint den Quälgeist von seinem Besuch abhalten zu können
und zu offensichtlicher Unhöflichkeit kann sich Emile nicht
durchringen. Da haben Juliette und Emile eine scheinbar geniale
Idee: sie laden Bernardin zum Essen ein. Zusammen mit seiner
Frau Bernadette, die sich bisher noch nicht hat blicken lassen.
Und sie kommt, die Frau Bernardin, nur dass von einer Frau nicht
wirklich die Rede sein kann So weit so gut und mehr soll nicht
verraten werden. Wie immer liegt der Reiz der Geschichte Nothombs
nicht so sehr in spektakulären Handlungen, sondern in den
abstrusen, grotesken Tatsachen und der Art, wie die Autorin ihre
Leserinnen nach und nach in eine Geschichte voller seelischer
Abgründe hineinführt. Selbst der überaus wohlerzogene
Emile Hazel kommt angesichts der palamèdschen Invasion
an die Grenzen seiner Höflichkeit und entdeckt eine ganz
andere, ein bisschen weniger zivilisierte Seite an sich. Und
erst, als es zu spät ist, alle Dämme gebrochen und
er zum Handeln gezwungen worden ist, erkennt er die wahre Absicht
des lästigen Nachbars.
Action im Innern
Amélie Nothombs "Der Professor" ist wie all
ihre Geschichten: bitter bös, zynisch und reizend amoralisch.
Und wie alle Geschichten kommt sie unprätentiös und
schlicht daher, präsentiert eine Geschichte zu Gut und Böse,
ohne zu moralisieren. Der Schauspieler Walter Kreye trägt
diesem vordergründig heiter-ironischen Erzählstil,
hinter dem sich aber immer mehr Abgründe auftun, durch seinen
schlichten, aber nie unbeteiligt wirkenden Vortrag Rechnung.
Dank seiner gleichmässig tiefen, seriösen Stimme hält
Kreye die Spannung beim Hörer bis zuletzt aufrecht, ohne
der Geschichte künstliche Dramatik einhauchen zu wollen.
Denn wie gesagt: die Action spielt sich im Inneren der Figuren
ab. Leider ist "Der Professor" zwar durchaus lustig-grotesk
mit ernstem Hintergrund, verfügt im Gegensatz zu Amélie
Nothombs jüngeren Werken wie "Kosmetik des Bösen"
oder "Böses Mädchen" aber nicht über
das schnelle Tempo und den trockenen, manchmal zum Brüllen
komischen Humor, der die Kürze der Romane jeweils locker
wettmacht. "Der Professor" ist da langwieriger und
kommt nicht so treffend und schnell auf den Punkt. Aber wir wollen
nicht darüber klagen, sondern uns freuen, dass Amélie
Nothomb seit "Der Professor" noch besser geworden ist.
Und hoffen, dass ihre Romane auch weiterhin so gut vertont werden.
3 Cds, 232 Min., CHF 46.--
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