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Nr. 134 / August 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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NUR TIBET-SPEZIAL

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Einleitung
Literatur aus Tibet
Interview mit Alice Grünenfelder

BUCHEMPFEHLUNGEN TIBETISCHE LITERATUR:
Roter Mohn
An den Lederriemen geknotete Seele
Himalaya - Menschen und Mythen

NEUERSCHEINUNGEN ZUM THEMA TIBET:
Dialog mit dem Dalai Lama
Monlam in Labrang

COMICS:
Tibetanische Superhelden

PHANTASTIK:
Phantastisches Tibet

 

Phantastisches Tibet

Tibet ist ein Land im Himalaya. Es ranken sich viele phantastische Geschichten rund um die Menschen. Dennoch greifen nicht sehr viele Autoren des Phantastikgenres wirklich darauf als Hintergrund zurück.

Von Matti Johan Martin.

Zumindest erscheint dies so auf den ersten Blick. Es kommt nämlich darauf an, wie man das Genre Phantastik genau definiert. Denn phantastische Geschichten rund um das mysteriöse Tibet findet man zuhauf. Nur werden diese Geschichten unter einem anderen Fähnchen vermarktet. In der esoterischen Literatur findet man mehr als genug Publikationen. Doch der Ansatz ist ein anderer. Während die Phantastik mehr als (Jugend-)Literatur angesehen wird ohne grossen Sinngehalt, wird die esoterische Literatur mit Ernst vermarktet. Dabei werden viele Sachen behauptet, die aber absolut ins Reich der Phantasie gehören. Ein Zyniker meinte einst, es sei schon fast wie ein Lottosechser, wenn eine dieser Publikationen bereits nur mit Halbwahrheiten und nicht mit Unwahrheiten arbeiten würde.

Fremde Kulturen verstehen?!
Denn eines vergisst der geneigte Leser der Esoterik (wenn er es denn überhaupt weiss) nur allzu schnell. Viele der Autoren bereisten Tibet wie Karl May den wilden Westen, nämlich nur im Kopf. Sie gehen von westlichen Konzepten aus, picken sich einzelne irgendwo aufgeschnappte Erzählungen heraus und verpacken diese wieder in westlichen Konzepten. Sie müssen ja aus Vermarktungsgründen an westliche Konzepte gebunden sein, sonst würden sie nur von wenigen gekauft.
Zudem dürften nur wenige Westler die nicht im lateinischen Alphabet verfassten Schriften (die vielfach nur für den Klosterinternen Gebrauch vorgesehen sind) lesen oder die vor Ort gesprochene Sprache wie ein Einheimischer verstehen.
Und wenn selbst Tibeter zum Teil Mühe haben, ihre eigenen Geschichten aus der Vergangenheit zu verstehen, dann dürften die meisten Westler es noch weniger wirklich verstehen. Denn eines steht mit Sicherheit fest: zu den wirklich bedeutenden Werken dürften nur sehr, sehr wenige Westler Zugang haben.
Und noch ein Punkt, der gerne übersehen wird: Es ist natürlich überhaupt nicht so, dass Tibet in einer Zeitkapsel existiert. Wenn ein Westler überhaupt nach Tibet kommt, mag ihn vieles verstören. Aber es ist mit Sicherheit falsch, anzunehmen, die dort lebenden Menschen würden wie vor Jahrhunderten leben. Sicher, manches ist quasi stehen geblieben. Nur: auch in Tibet werden heute übliche Technologien angewendet. Das chinesische Militär ist ja nicht mehr mit Schwertern vor Ort. Und die Annahme, der Dalai Lama oder seine Untergebenen wüssten nicht mit den neuen Medien umzugehen, gehört ebenfalls ins Reich der Wunschvorstellungen.
Das heisst, dass die meiste esoterische Literatur zum Tibet nicht wirklich ,uralte tibetische' Weisheiten verbreitet, sondern vielmehr die westlichen Interpretationen (um nicht zu schreiben: Vorstellungen und Träume) davon.

Spannungsfeld Esoterik und Phantastik
Nun, warum zählt die Esoterik nicht zur Phantastik?
Wie gesagt, die Genres werden anders vermarktet und damit wahrgenommen. Es gibt ja so einige Menschen, die sich gerne mit Mystik beschäftigen und dies sehr ernst nehmen. Man denke nur an diejenigen Satanisten (oder die sich zumindest gern als solche titulieren), die andere meist hilflose Menschen in irgendeinem ,Auftrag' abschlachten und in irgendwelchen obskuren Sexorgien vergewaltigen. Die sind wie viele andere Fanatiker sehr ernst zu nehmen. In Europa wie in den USA sind genug solche ,geschlossene Gesellschaften' am Werke, um ihre Vorstellung der Welt politisch durchzusetzen.

Und natürlich finden sich im Phantastikgenre auch Autoren und Leser, welche die (Rand-) Literatur zur politischen Agitation nutzen. So wurde zum Beispiel "Der Herr der Ringe" zuerst von der ,US-amerikanischen Gegengesellschaft' der Hippies in grossem Masse rezipiert und hochgehoben.

Die Grenzen sind fliessend. So stand nicht umsonst an manchen unzähligen Stellen der ersten Erweiterungsbox zum Thema Magie des bedeutendsten Rollenspiels "Das Schwarze Auge", dass die beschriebenen magischen Formeln reine Erfindungen sind, die in der Realität absolut keine Dinge bewerkstelligen. Dies stimmt nicht so ganz, denn das Aussprechen dieser Formeln hat seine Wirkungen. Derjenige, der die Formeln ausserhalb der Spielwelt ausspricht, wird im besten Fall als Exzentriker angesehen, im schlimmsten Fall winkt der Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt. Und durch die Verwahrungsinitiative könnte der Aufenthalt etwas länger dauern.

Natürlich finden sich auch im Phantastikgenre Referenzen an Tibet. So greift etwa James A. Owen in "Die ewige Bibliothek" gern auf Tibet zurück. Denn eines ist klar: Shangri-Las "Sense of Wonder" verkauft sich immer noch gut. Es sind aber literarische Referenzen, die zum ,Zauber' oder zum Geschäft der phantastischen Literatur gehören und klar als Stilmittel verwendet werden und erkennbar sind.


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