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Phantastisches Tibet
Tibet ist ein Land im Himalaya. Es
ranken sich viele phantastische Geschichten rund um die Menschen.
Dennoch greifen nicht sehr viele Autoren des Phantastikgenres
wirklich darauf als Hintergrund zurück.
Von Matti Johan Martin.
Zumindest erscheint dies so auf den ersten
Blick. Es kommt nämlich darauf an, wie man das Genre Phantastik
genau definiert. Denn phantastische Geschichten rund um das mysteriöse
Tibet findet man zuhauf. Nur werden diese Geschichten unter einem
anderen Fähnchen vermarktet. In der esoterischen Literatur
findet man mehr als genug Publikationen. Doch der Ansatz ist
ein anderer. Während die Phantastik mehr als (Jugend-)Literatur
angesehen wird ohne grossen Sinngehalt, wird die esoterische
Literatur mit Ernst vermarktet. Dabei werden viele Sachen behauptet,
die aber absolut ins Reich der Phantasie gehören. Ein Zyniker
meinte einst, es sei schon fast wie ein Lottosechser, wenn eine
dieser Publikationen bereits nur mit Halbwahrheiten und nicht
mit Unwahrheiten arbeiten würde.
Fremde Kulturen verstehen?!
Denn eines vergisst der geneigte Leser der Esoterik (wenn er
es denn überhaupt weiss) nur allzu schnell. Viele der Autoren
bereisten Tibet wie Karl May den wilden Westen, nämlich
nur im Kopf. Sie gehen von westlichen Konzepten aus, picken sich
einzelne irgendwo aufgeschnappte Erzählungen heraus und
verpacken diese wieder in westlichen Konzepten. Sie müssen
ja aus Vermarktungsgründen an westliche Konzepte gebunden
sein, sonst würden sie nur von wenigen gekauft.
Zudem dürften nur wenige Westler die nicht im lateinischen
Alphabet verfassten Schriften (die vielfach nur für den
Klosterinternen Gebrauch vorgesehen sind) lesen oder die vor
Ort gesprochene Sprache wie ein Einheimischer verstehen.
Und wenn selbst Tibeter zum Teil Mühe haben, ihre eigenen
Geschichten aus der Vergangenheit zu verstehen, dann dürften
die meisten Westler es noch weniger wirklich verstehen. Denn
eines steht mit Sicherheit fest: zu den wirklich bedeutenden
Werken dürften nur sehr, sehr wenige Westler Zugang haben.
Und noch ein Punkt, der gerne übersehen wird: Es ist natürlich
überhaupt nicht so, dass Tibet in einer Zeitkapsel existiert.
Wenn ein Westler überhaupt nach Tibet kommt, mag ihn vieles
verstören. Aber es ist mit Sicherheit falsch, anzunehmen,
die dort lebenden Menschen würden wie vor Jahrhunderten
leben. Sicher, manches ist quasi stehen geblieben. Nur: auch
in Tibet werden heute übliche Technologien angewendet. Das
chinesische Militär ist ja nicht mehr mit Schwertern vor
Ort. Und die Annahme, der Dalai Lama oder seine Untergebenen
wüssten nicht mit den neuen Medien umzugehen, gehört
ebenfalls ins Reich der Wunschvorstellungen.
Das heisst, dass die meiste esoterische Literatur zum Tibet nicht
wirklich ,uralte tibetische' Weisheiten verbreitet, sondern vielmehr
die westlichen Interpretationen (um nicht zu schreiben: Vorstellungen
und Träume) davon.
Spannungsfeld Esoterik und Phantastik
Nun, warum zählt die Esoterik nicht zur Phantastik?
Wie gesagt, die Genres werden anders vermarktet und damit wahrgenommen.
Es gibt ja so einige Menschen, die sich gerne mit Mystik beschäftigen
und dies sehr ernst nehmen. Man denke nur an diejenigen Satanisten
(oder die sich zumindest gern als solche titulieren), die andere
meist hilflose Menschen in irgendeinem ,Auftrag' abschlachten
und in irgendwelchen obskuren Sexorgien vergewaltigen. Die sind
wie viele andere Fanatiker sehr ernst zu nehmen. In Europa wie
in den USA sind genug solche ,geschlossene Gesellschaften' am
Werke, um ihre Vorstellung der Welt politisch durchzusetzen.
Und natürlich finden sich im Phantastikgenre
auch Autoren und Leser, welche die (Rand-) Literatur zur politischen
Agitation nutzen. So wurde zum Beispiel "Der Herr der Ringe"
zuerst von der ,US-amerikanischen Gegengesellschaft' der Hippies
in grossem Masse rezipiert und hochgehoben.
Die Grenzen sind fliessend. So stand nicht
umsonst an manchen unzähligen Stellen der ersten Erweiterungsbox
zum Thema Magie des bedeutendsten Rollenspiels "Das Schwarze
Auge", dass die beschriebenen magischen Formeln reine Erfindungen
sind, die in der Realität absolut keine Dinge bewerkstelligen.
Dies stimmt nicht so ganz, denn das Aussprechen dieser Formeln
hat seine Wirkungen. Derjenige, der die Formeln ausserhalb der
Spielwelt ausspricht, wird im besten Fall als Exzentriker angesehen,
im schlimmsten Fall winkt der Aufenthalt in einer geschlossenen
Anstalt. Und durch die Verwahrungsinitiative könnte der
Aufenthalt etwas länger dauern.
Natürlich finden sich auch im Phantastikgenre
Referenzen an Tibet. So greift etwa James A. Owen in "Die
ewige Bibliothek" gern auf Tibet zurück. Denn eines
ist klar: Shangri-Las "Sense of Wonder" verkauft sich
immer noch gut. Es sind aber literarische Referenzen, die zum
,Zauber' oder zum Geschäft der phantastischen Literatur
gehören und klar als Stilmittel verwendet werden und erkennbar
sind.
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