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Tod und Jenseitsvorstellungen in den Religionen
und Kulturen: Buddhismus
Streben nach Vernichtung

Sie alle sammeln Karma um wiedergeboren zu
werden, nur als was?
Von Lukas Hunziker.
Nachdem wir in den ersten drei Teilen unserer
Reihe einen Blick auf den Tod in den Religionen des Westens und
nahen Ostens geworfen haben, wenden wir uns jetzt dem fernen
Osten zu. Die zwei grossen östlichen Religionen sind der
Hinduismus und der Buddhismus, von welchen die zweite sich auch
im Westen immer grösserer Beliebtheit erfreut. Anlässlich
unseres Tibetspecials und des Besuchs des Dalai Lamas in der
Schweiz scheint es angebracht, in dieser Ausgabe das Sterben
im Buddhismus vorzustellen.
Verschiedene Glaubensrichtungen
Wir alle haben unsere Vorstellungen
vom Buddhismus. Wir wissen, dass Buddha der Begründer ist,
dass es etwas gibt, das Karma genannt wird und dass der Buddhismus
die Idee der Wiedergeburt vertritt. Doch wer Buddha wirklich
war, was Karma genau ist und nach welchen Prinzipien die Wiedergeburt
verläuft, dürfte nur den wenigsten von uns bekannt
sein. Denn obwohl der Buddhismus in seinen Grundzügen einfach
erscheint, ist er eine äusserst komplexe und durchdachte
Religion, die alles andere als einheitlich ist. Es gibt viele
verschiedene Formen des Buddhismus, deren Glaubenspraktiken und
Lehren sich voneinander unterscheiden. Die folgende Darstellung
ist daher mit Vorsicht zu geniessen und kann keineswegs auf alle
Richtungen des buddhistischen Glaubens in gleichem Mass bezogen
werden.
Der "mittlere Weg"
Der Begründer des Buddhismus,
Siddharta Gautama, lebte im 5. oder 6. Jahrhundert vor unserer
Zeit als Prinz in Indien. Auf einer Ausfahrt begegnete er einem
Greis, einem Kranken und einem Leichenzug. Siddharta Gautama
erkannte das Leiden und die Sterblichkeit und war tief davon
gerührt. Die Antworten auf seine Fragen fand er bei einem
Mönch und mit 29 Jahren riss er von zu Hause aus und suchte
als Asket die Erleuchtung. Diese erreichte er aber auch durch
strenges Fasten, das ihn beinahe das Leben gekostet hätte,
nicht. Aus dieser Erkenntnis entstand die Lehre des "mittleren
Weges", eines Lebens zwischen Ausschweifungen und Askese.
Diese Lehre, "dharma" genannt, verband das indische
System des Karmas und der Wiedergeburt mit eigenen philosophischen
Ideen.
Inkarnation und Karma
Karma, was so viel wie "Handlung"
bedeutet, kann entweder gut oder schlecht sein. Im Lauf des Lebens
häuft man immer mehr Karma an und beim Tod entscheidet es
darüber, ob man wiedergeboren wird und wenn ja als was.
Negatives Karma führt logischerweise zu einer niedereren
Inkarnation, positives zu einer höheren. Man kann sogar
auf der Stufe der Tiere inkarnieren und Tiere können durch
das Ansammeln von gutem Karma wieder als Menschen wiedergeboren
werden. Ein Mensch kann sogar als Gott wiedergeboren werden,
allerdings bringt ihn dies dem Nirvana nicht näher. Nur
Menschen können das Nirvana erreichen.
Ausbruch aus dem Rad der Wiedergeburt
Nirwana bedeutet "Verlöschen"
oder "Verwehen". Der Eintritt ins Nirvana ist der Ausbruch
aus dem Rad der Wiedergeburt, dem "Samsara", welches
im Buddhismus, wie auch im Hinduismus, als Fluch betrachtet wird.
Das Nirvana ist schlussendlich die Vernichtung, das Ende, der
endgültige Tod. Vor dem Eintreten ins Nirvana wird der Tote
erleuchtet; er sieht das "klare Licht des Geistes"
und tritt aus Raum und Zeit aus. Jeder, der stirbt, erblickt
dieses Licht, doch jene, die wiedergeboren werden, sehen es nur
für kurze Zeit. Je weiter man auf dem Weg der Lehre vorangeschritten
ist, desto länger darf man es schauen. Danach wird jedoch
die Wiedergeburt angetreten und das Bewusstsein wechselt in eine
neue Existenz.
Nix mit unsterblicher Seele
Eines der schwierigsten Konzepte des
Buddhismus ist das des Zwischenwesens, welches man zwischen Tod
und Inkarnation ist. Denn dieses Zwischenwesen entspricht nicht
dem christlichen Konzept der Seele, welches der Buddhismus deutlich
ablehnt. Es gibt kein "Selbst", das wiedergeboren wird,
sondern "die Ergebnisse was ich in meinem Leben meinen Leben
getan habe" (Coward). Wenn ich also neu inkarniere, bin
ich nicht einfach Lukas in einem anderen Körper, sondern
habe ein neues Bewusstsein, welches das Ergebnis meines alten
Bewusstseins, des in meinem vorherigen Leben angehäuften
Karmas, ist.
Am Sterbebett eines Buddhisten
Wie jedoch schon gesagt, ist dieses
Konzept äusserst komplex und deshalb macht es wenig Sinn,
darauf noch genauer einzugehen. Wenden wir uns also noch einem
sehr praktischen Aspekt des Sterbens im Buddhismus zu, der Begleitung
für den Sterbenden, der Trauer und dem Begräbnis. Dem
Sterbenden werden meditative Texte ins Ohr gesprochen und er
wird an die drei Juwelen des Buddhismus, den Buddha, den Dharma
und den Sangha (die Gemeinde) erinnert. Oft wird der Sterbende
in einer bestimmten Position hingelegt, in der "Löwenstellung",
in welcher auch Buddha starb. In manchen Richtungen des Buddhismus
ist es wichtig, durch welche Körperöffnung der "Geist"
den Körper verlässt. Je nachdem begünstigt dies
die Wiedergeburt. Durch Meditation kann dieser Austritt des "Geistes"
schon im Leben geübt werden. Die erste halbe Stunde nach
dem Eintreten des Todes darf man den Toten nicht berühren,
da sein Bewusstsein noch wach ist. Danach muss der Tote innerhalb
von drei Tagen oder nach dem 49. Tag bestattet werden.
Trauer und Bestattung
Zur Trauer gibt es im Buddhismus eigentlich keinen Anlass, da
der Tote, wenn er positives Karma angesammelt hat, in ein besseres
Leben übergehen wird. Am Sterbebett dürfen keine weinenden
oder sichtbar trauernden Angehörigen anwesend sein, da sich
der Sterbende auf seinen Tod konzentrieren muss und sich nicht
am Leben festhalten darf. Sobald die halbe Stunde nach dem Einritt
des Todes vorbei ist, darf getrauert werden. Die Bestattungsriten
für den Toten sind unterschiedlich. Friedhöfe, wie
wir sie kennen, gibt es im Buddhismus nicht. Der Leichnam kann
begraben, verbrannt oder gar heiligen Tieren geopfert werden,
je nach Region und Glaubensrichtung.
Es ist interessant zu beobachten, dass im
Buddhismus und Hinduismus der Tod nicht mit der Sehnsucht nach
einem Weiterleben, sondern mit der nach Vernichtung verbunden
ist. Vielleicht ist im Westen gerade deshalb die Faszination
für diese östliche Religion so gewachsen, da sie eine
so ganz andere Art der Erlösung bietet. Im fünften
Teil unserer Reihe " Tod und Jenseitsvorstellungen in den
Religionen und Kulturen" werfen wir einen Blick auf den
Hinduismus, welcher dem Buddhismus in vielen Dingen ähnlich
ist und sich in vielem von ihm unterscheidet.
Literatur:
Harold Coward, Das Leben nach dem Tod in den Weltreligionen.
Freiburg im Breisgau, Herder Spektrum 1998, S. 100-118.
Schwikart, Georg, Tod und Trauer in den Weltreligionen. Gütersloh,
Gütersloher Verlagshaus 1999.
Dalai Lama, Tod und Unsterblichkeit im Buddhismus. Freiburg im
Breisgau, Herder Spektrum 1998.
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