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Nr. 134 / August 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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NUR TIBET-SPEZIAL

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Tod und Jenseitsvorstellungen in den Religionen und Kulturen: Buddhismus
Streben nach Vernichtung


Sie alle sammeln Karma um wiedergeboren zu werden, nur als was?

Von Lukas Hunziker.

Nachdem wir in den ersten drei Teilen unserer Reihe einen Blick auf den Tod in den Religionen des Westens und nahen Ostens geworfen haben, wenden wir uns jetzt dem fernen Osten zu. Die zwei grossen östlichen Religionen sind der Hinduismus und der Buddhismus, von welchen die zweite sich auch im Westen immer grösserer Beliebtheit erfreut. Anlässlich unseres Tibetspecials und des Besuchs des Dalai Lamas in der Schweiz scheint es angebracht, in dieser Ausgabe das Sterben im Buddhismus vorzustellen.

Verschiedene Glaubensrichtungen
Wir alle haben unsere Vorstellungen vom Buddhismus. Wir wissen, dass Buddha der Begründer ist, dass es etwas gibt, das Karma genannt wird und dass der Buddhismus die Idee der Wiedergeburt vertritt. Doch wer Buddha wirklich war, was Karma genau ist und nach welchen Prinzipien die Wiedergeburt verläuft, dürfte nur den wenigsten von uns bekannt sein. Denn obwohl der Buddhismus in seinen Grundzügen einfach erscheint, ist er eine äusserst komplexe und durchdachte Religion, die alles andere als einheitlich ist. Es gibt viele verschiedene Formen des Buddhismus, deren Glaubenspraktiken und Lehren sich voneinander unterscheiden. Die folgende Darstellung ist daher mit Vorsicht zu geniessen und kann keineswegs auf alle Richtungen des buddhistischen Glaubens in gleichem Mass bezogen werden.

Der "mittlere Weg"
Der Begründer des Buddhismus, Siddharta Gautama, lebte im 5. oder 6. Jahrhundert vor unserer Zeit als Prinz in Indien. Auf einer Ausfahrt begegnete er einem Greis, einem Kranken und einem Leichenzug. Siddharta Gautama erkannte das Leiden und die Sterblichkeit und war tief davon gerührt. Die Antworten auf seine Fragen fand er bei einem Mönch und mit 29 Jahren riss er von zu Hause aus und suchte als Asket die Erleuchtung. Diese erreichte er aber auch durch strenges Fasten, das ihn beinahe das Leben gekostet hätte, nicht. Aus dieser Erkenntnis entstand die Lehre des "mittleren Weges", eines Lebens zwischen Ausschweifungen und Askese. Diese Lehre, "dharma" genannt, verband das indische System des Karmas und der Wiedergeburt mit eigenen philosophischen Ideen.

Inkarnation und Karma
Karma, was so viel wie "Handlung" bedeutet, kann entweder gut oder schlecht sein. Im Lauf des Lebens häuft man immer mehr Karma an und beim Tod entscheidet es darüber, ob man wiedergeboren wird und wenn ja als was. Negatives Karma führt logischerweise zu einer niedereren Inkarnation, positives zu einer höheren. Man kann sogar auf der Stufe der Tiere inkarnieren und Tiere können durch das Ansammeln von gutem Karma wieder als Menschen wiedergeboren werden. Ein Mensch kann sogar als Gott wiedergeboren werden, allerdings bringt ihn dies dem Nirvana nicht näher. Nur Menschen können das Nirvana erreichen.

Ausbruch aus dem Rad der Wiedergeburt
Nirwana bedeutet "Verlöschen" oder "Verwehen". Der Eintritt ins Nirvana ist der Ausbruch aus dem Rad der Wiedergeburt, dem "Samsara", welches im Buddhismus, wie auch im Hinduismus, als Fluch betrachtet wird. Das Nirvana ist schlussendlich die Vernichtung, das Ende, der endgültige Tod. Vor dem Eintreten ins Nirvana wird der Tote erleuchtet; er sieht das "klare Licht des Geistes" und tritt aus Raum und Zeit aus. Jeder, der stirbt, erblickt dieses Licht, doch jene, die wiedergeboren werden, sehen es nur für kurze Zeit. Je weiter man auf dem Weg der Lehre vorangeschritten ist, desto länger darf man es schauen. Danach wird jedoch die Wiedergeburt angetreten und das Bewusstsein wechselt in eine neue Existenz.

Nix mit unsterblicher Seele
Eines der schwierigsten Konzepte des Buddhismus ist das des Zwischenwesens, welches man zwischen Tod und Inkarnation ist. Denn dieses Zwischenwesen entspricht nicht dem christlichen Konzept der Seele, welches der Buddhismus deutlich ablehnt. Es gibt kein "Selbst", das wiedergeboren wird, sondern "die Ergebnisse was ich in meinem Leben meinen Leben getan habe" (Coward). Wenn ich also neu inkarniere, bin ich nicht einfach Lukas in einem anderen Körper, sondern habe ein neues Bewusstsein, welches das Ergebnis meines alten Bewusstseins, des in meinem vorherigen Leben angehäuften Karmas, ist.

Am Sterbebett eines Buddhisten
Wie jedoch schon gesagt, ist dieses Konzept äusserst komplex und deshalb macht es wenig Sinn, darauf noch genauer einzugehen. Wenden wir uns also noch einem sehr praktischen Aspekt des Sterbens im Buddhismus zu, der Begleitung für den Sterbenden, der Trauer und dem Begräbnis. Dem Sterbenden werden meditative Texte ins Ohr gesprochen und er wird an die drei Juwelen des Buddhismus, den Buddha, den Dharma und den Sangha (die Gemeinde) erinnert. Oft wird der Sterbende in einer bestimmten Position hingelegt, in der "Löwenstellung", in welcher auch Buddha starb. In manchen Richtungen des Buddhismus ist es wichtig, durch welche Körperöffnung der "Geist" den Körper verlässt. Je nachdem begünstigt dies die Wiedergeburt. Durch Meditation kann dieser Austritt des "Geistes" schon im Leben geübt werden. Die erste halbe Stunde nach dem Eintreten des Todes darf man den Toten nicht berühren, da sein Bewusstsein noch wach ist. Danach muss der Tote innerhalb von drei Tagen oder nach dem 49. Tag bestattet werden.

Trauer und Bestattung
Zur Trauer gibt es im Buddhismus eigentlich keinen Anlass, da der Tote, wenn er positives Karma angesammelt hat, in ein besseres Leben übergehen wird. Am Sterbebett dürfen keine weinenden oder sichtbar trauernden Angehörigen anwesend sein, da sich der Sterbende auf seinen Tod konzentrieren muss und sich nicht am Leben festhalten darf. Sobald die halbe Stunde nach dem Einritt des Todes vorbei ist, darf getrauert werden. Die Bestattungsriten für den Toten sind unterschiedlich. Friedhöfe, wie wir sie kennen, gibt es im Buddhismus nicht. Der Leichnam kann begraben, verbrannt oder gar heiligen Tieren geopfert werden, je nach Region und Glaubensrichtung.

Es ist interessant zu beobachten, dass im Buddhismus und Hinduismus der Tod nicht mit der Sehnsucht nach einem Weiterleben, sondern mit der nach Vernichtung verbunden ist. Vielleicht ist im Westen gerade deshalb die Faszination für diese östliche Religion so gewachsen, da sie eine so ganz andere Art der Erlösung bietet. Im fünften Teil unserer Reihe " Tod und Jenseitsvorstellungen in den Religionen und Kulturen" werfen wir einen Blick auf den Hinduismus, welcher dem Buddhismus in vielen Dingen ähnlich ist und sich in vielem von ihm unterscheidet.

Literatur:
Harold Coward, Das Leben nach dem Tod in den Weltreligionen. Freiburg im Breisgau, Herder Spektrum 1998, S. 100-118.
Schwikart, Georg, Tod und Trauer in den Weltreligionen. Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus 1999.
Dalai Lama, Tod und Unsterblichkeit im Buddhismus. Freiburg im Breisgau, Herder Spektrum 1998.


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