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Nr. 134 / August 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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NUR TIBET-SPEZIAL

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Tibet-Spezial: Kunst
Biennale Teil 4
 

Tibet und Kunst
Trotz-Kunst oder Die Suche nach einer neuen Identität

© Diamond Way Buddhism Network
Wie nehmen wir eigentlich tibetische Kunst wahr? Nehmen wir sie überhaupt als Kunst wahr? Oder sind die tausendfachen Reproduktionen von Buddhas, Mandalas und Kamasutra-Darstellungen nicht eher Ausdruck religiösen Glaubens?

Von Selma Käppeli.

Tibet erscheint uns als stereotypes Land, als ein Land, das romantische, zuweilen düstere Landschaften zeigt, oder uns mit bizarren tantrischen Praktiken begegnet. Diese Wahrnehmung kommt nicht von ungefähr; denn das Land ist geprägt durch jahrzehntelangen Totalitarismus und
Unterdrückung durch die chinesische Regierung. Tibet befindet sich auf der Suche nach dem zeitgenössischen Ausdruck seiner Kultur.

"Destroy the Old to Establish the New" und "Art Must Serve Politics and the Masses"
Der Futurismus, der sich im Zuge des ersten Weltkrieges in Europa etablierte, kann als einflussreichste Kunstströmung im politischen Kontext bezeichnet werden. Kennzeichnend war der Hass auf alles Vergangene, die Glorifizierung des technischen Fortschritts und vor allen Dingen die Verehrung des Krieges. Der Futurismus, von Italien ausgehend und durch den Maler Umberto Boccioni vorangetrieben, verfocht die "Zerstörung" alter Traditionen, indem sie vergangene wie gegenwärtige Ereignisse mystifizierte. Darstellungen von "glücklichen" Bauern bei der Arbeit waren allgegenwärtig, ebenso wie die heroisierenden Darstellungen der politischen Führer. Der Glaube, dass Kunst eine soziale Rolle habe und zur "Erziehung" des Volkes eingesetzt werde, war im sozialistischen Russland und im nationalsozialistischen Deutschland tief verankert. In China griff der Sozialismus in den späten zwanziger Jahren um sich und wurde wesentlich durch Lu Xun, einen Autoren und Sozialkritiker, propagiert. Er erkannte das enorme Potential der Grafikkunst, die es mit dem einfachen und günstigen Holzschnitt schaffte, die Masse zu erreichen und die politischen Ideen zu verbreiten. Sowjetische Maler unterrichteten fortan an den chinesischen Akademien und der sowjetische Stil hielt Einzug in China. An den Akademien wurde den Künstlern der neue Stil im Schnellverfahren "indoktriniert", dann wurden sie auf's Land geschickt, um die Massen mit Propaganda zu versorgen.

Revolutionärer Realismus: Rot
Nach der Machtübernahme der Kommunisten 1949 und der gewaltsamen Besetzung des Tibets veränderte sich die heroisierende, muskelstrotzende Darstellungsweise des Sozialen Realismus in den strikt kanonisierten Revolutionären Realismus. Die Malweise wurde bunter, angelehnt an die traditionelle chinesische Malerei, die Männer wurden nicht mehr gar so muskulös und heldenhaft dargestellt und die Leinwände waren vor allem eines: leuchtend rot. Die Farbpalette, die Motive und die Kompositionen wurden von Mao festgelegt. Jetzt war er es, der heroisch dargestellt wurde, immer im Vordergrund und immer grösser als die restlichen Personen auf dem Bild. Wenn Flaggen im Hintergrund dargestellt wurden, so mussten sie nach links wehend dargestellt werden, weil, wie es in der Verfassung geschrieben steht: "the East Wind will prevail over the West Wind".
1949 wurde Tibet von der VR China annektiert und gewaltsam besetzt, die Bemühungen des Dalai Lama in den fünfziger Jahren friedliche Lösungen zu finden wurden von den Chinesen sabotiert und fanden ihren blutigen Höhepunkt am 10. März 1959 im tibetischen Volkaufstand, bei dem, nach offizieller chinesischer Angabe 87'000 Tibeter starben. Kurz darauf musste der Dalai Lama fliehen, mit ihm gingen zehntausende Tibeter ins Ausland, wo sie zum Teil bis heute im Exil leben.

Erste zaghafte Versuche einen "tibetischen" Stil zu schaffen, wurden in den 80er Jahren unternommen, nach dem Ende der Kulturrevolution. Wieder war es eine Art Sozialer Realismus, der traditionelle Motive, wie das der thangka (tibetische Rollbilder; sie sind ein Hilfsmittel für den Gläubigen auf seinem Weg zur Befreiung und werden auch "mothong grol - Befreiung durch die Seelen" genannt). In den modernen thangkas werden die religiösen Figuren durch Soldaten, grinsende Nomaden oder Bauern und prominenten Parteiführern ersetzt. Andere Darstellungen erzählen von den materiellen Verbesserungen, die der Kommunismus mit sich brachte. Die Vergangenheitsbewältigung ist in Tibet, genauso wie auch in der chinesischen Gegenwartskunst, allgegenwärtig. Die Suche nach einer nationalen Identität, die Auseinandersetzung mit dem Westen, der Wunsch nach Angleichung und Fortschritt und gleichzeitiger Furcht, ist in den Werken deutlich zu spüren.

"Sweet Tea House Group"
Gonkar Gyatso ist einer der Künstler, der das tibetische Kunstschaffen vorantreibt und sich für dessen Verbreitung einsetzt. In Lhasa, der Hauptstadt Tibets, in der die Ausstellungsmöglichkeiten für Künstler gleich null waren, hat Gyatso mit vier weiteren Künstlern die "Sweet Tea House Group" gegründet (1985-87). Die Ausstellungen in diesem Teehaus waren tibetischen Künstlern vorbehalten. Doch bereits nach zwei Jahren löste Gyatso die Gruppe auf, und zwar deswegen, weil die Tätigkeit der "Sweet Tea House Group" in Radio und Fernsehen verbreitet wurde. Daraufhin wurde Gyatso gezwungen, die von der politischen Führung anerkannten chinesischen Künstler mit auszustellen, was Gyasto ablehnte. Er reiste nach Dharamshala, der indischen Hochburg der Exil-Tibeter, aus. Das AMI (Amnye Machen Institute) in Dharamshala etablierte sich in den 90er Jahren und war die erste Forschungsinstitution, die sich systematisch um die Aufarbeitung tibetanischer Gegenwartskunst kümmerte: Seit 1993 organisiert das AMI regelmässige Ausstellungen mit tibetanischen Künstlern, meist in Verbindung mit Lesungen und Diavorträgen. Da die wirtschaftliche Situation in Tibet schlecht ist, sind die Künstler entweder gezwungen auszuwandern, sich durch das AMI unterstützen zu lassen und Brotjobs anzunehmen oder ihre Ressourcen zu bündeln. Einige eröffeten in Lhasa eine Kunstgallerie, um die neue tibetanische Kunst den Touristen zu verkaufen. Doch dieses Vorhaben scheiterte: Die westlichen Touristen sind scheinbar nur an den stereotypen, mystifizierenden, "exotischen" Darstellungen der buddhistischen Kultur interessiert.

"Die Fünf Tibeter"
Wie sich Tibeter mit ihrer repressiven Vergangenheit beschäftigen, dass der Kommunismus noch immer gleich einem Schleier das Bewusstsein verdüstert, doch gleichzeitig ein gewachsenes Bewusstsein für die eigene Kultur zu spüren ist, konnte bis zum 16. Juli in der Galerie Artraktion in Bern entdeckt werden. Unter dem Titel "Die fünf Tibeter" fand die erste Ausstellung gegenwärtigen tibetischen Kunstschaffens statt; und sie geht vom westlichen Klischeedenken aus : Die "fünf Tibeter" ist ein importiertes "Wohlfühl- , Energie- und Entspannungsprogramm". Auffallend ist, dass die fünf Exil-Tibeter nicht mit offener Wut, politischem Protest oder Anklagen auf die Repression reagieren; nein. Mao wird schlicht negiert. Chinesische Einflüsse auf Kleidung, Verhalten oder die Umgebung werden abgelehnt; es scheint, als wollten die tibetanischen Künstler an die Zeit vor der chinesischen Besatzung anschliessen. Die Künstler suchen ihre zeitgenössische Kunstsprache in der kulturellen Tradition ihres Landes und formulieren die Unabhängigkeit des Tibets auf ganz individuelle Weise. So nähert sich Losang Gyatso in seinen Malereien der Kultur, indem er alles Tibetische vereint: Buddhistische Symbolik, Jahrhunderte alte Mythen und Geschichten, Gebrauchsgegenstände des Alltags, aber auch Inspirationen aus der afrikanischen und japanischen Kunst sind zu entdecken.

West und Ost
Der Zeitpunkt wie auch der Ort der kleinen Ausstellung ist nicht dem Zufall überlassen: Geht man die Strasse Richtung Osten, gelangt man zum Kunstmuseum. Hier wird noch bis zum 16. Oktober die gigantische Sammlung chinesischer Gegenwartskunst gezeigt. Über alle drei Etagen erstreckt sich China, von Gemälden des Sozialen Realismus über propagandistische Plakate bis zu Installationen, Malerei und Fotografie von heute. Und weil das Kunstmuseum für diese Mammutausstellung zu klein ist, ist der Besucher zu einer Reise nach Holderbank (Aarau) eingeladen, wo in den Lagerhallen der Holcim AG weitere Werke ausgestellt sind.

Jamyang Norbu, The Tractor in the Lotus, The Origins and Evolution of Contemporary Tibetan Art, 2005.

www.loten.ch
www.tibetfocus.com
www.kunstmuseumbern.ch


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