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Tibet und Kunst
Trotz-Kunst oder Die Suche nach einer neuen Identität
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Wie nehmen wir eigentlich tibetische
Kunst wahr? Nehmen wir sie überhaupt als Kunst wahr? Oder
sind die tausendfachen Reproduktionen von Buddhas, Mandalas und
Kamasutra-Darstellungen nicht eher Ausdruck religiösen Glaubens?
Von Selma Käppeli.
Tibet erscheint uns als stereotypes Land,
als ein Land, das romantische, zuweilen düstere Landschaften
zeigt, oder uns mit bizarren tantrischen Praktiken begegnet.
Diese Wahrnehmung kommt nicht von ungefähr; denn das Land
ist geprägt durch jahrzehntelangen Totalitarismus und
Unterdrückung durch die chinesische Regierung. Tibet befindet
sich auf der Suche nach dem zeitgenössischen Ausdruck seiner
Kultur.
"Destroy the Old to Establish the
New" und "Art Must Serve Politics and the Masses"
Der Futurismus, der sich im Zuge des
ersten Weltkrieges in Europa etablierte, kann als einflussreichste
Kunstströmung im politischen Kontext bezeichnet werden.
Kennzeichnend war der Hass auf alles Vergangene, die Glorifizierung
des technischen Fortschritts und vor allen Dingen die Verehrung
des Krieges. Der Futurismus, von Italien ausgehend und durch
den Maler Umberto Boccioni vorangetrieben, verfocht die "Zerstörung"
alter Traditionen, indem sie vergangene wie gegenwärtige
Ereignisse mystifizierte. Darstellungen von "glücklichen"
Bauern bei der Arbeit waren allgegenwärtig, ebenso wie die
heroisierenden Darstellungen der politischen Führer. Der
Glaube, dass Kunst eine soziale Rolle habe und zur "Erziehung"
des Volkes eingesetzt werde, war im sozialistischen Russland
und im nationalsozialistischen Deutschland tief verankert. In
China griff der Sozialismus in den späten zwanziger Jahren
um sich und wurde wesentlich durch Lu Xun, einen Autoren und
Sozialkritiker, propagiert. Er erkannte das enorme Potential
der Grafikkunst, die es mit dem einfachen und günstigen
Holzschnitt schaffte, die Masse zu erreichen und die politischen
Ideen zu verbreiten. Sowjetische Maler unterrichteten fortan
an den chinesischen Akademien und der sowjetische Stil hielt
Einzug in China. An den Akademien wurde den Künstlern der
neue Stil im Schnellverfahren "indoktriniert", dann
wurden sie auf's Land geschickt, um die Massen mit Propaganda
zu versorgen.
Revolutionärer Realismus: Rot
Nach der Machtübernahme der Kommunisten
1949 und der gewaltsamen Besetzung des Tibets veränderte
sich die heroisierende, muskelstrotzende Darstellungsweise des
Sozialen Realismus in den strikt kanonisierten Revolutionären
Realismus. Die Malweise wurde bunter, angelehnt an die traditionelle
chinesische Malerei, die Männer wurden nicht mehr gar so
muskulös und heldenhaft dargestellt und die Leinwände
waren vor allem eines: leuchtend rot. Die Farbpalette, die Motive
und die Kompositionen wurden von Mao festgelegt. Jetzt war er
es, der heroisch dargestellt wurde, immer im Vordergrund und
immer grösser als die restlichen Personen auf dem Bild.
Wenn Flaggen im Hintergrund dargestellt wurden, so mussten sie
nach links wehend dargestellt werden, weil, wie es in der Verfassung
geschrieben steht: "the East Wind will prevail over the
West Wind".
1949 wurde Tibet von der VR China annektiert und gewaltsam besetzt,
die Bemühungen des Dalai Lama in den fünfziger Jahren
friedliche Lösungen zu finden wurden von den Chinesen sabotiert
und fanden ihren blutigen Höhepunkt am 10. März 1959
im tibetischen Volkaufstand, bei dem, nach offizieller chinesischer
Angabe 87'000 Tibeter starben. Kurz darauf musste der Dalai Lama
fliehen, mit ihm gingen zehntausende Tibeter ins Ausland, wo
sie zum Teil bis heute im Exil leben.
Erste zaghafte Versuche einen "tibetischen"
Stil zu schaffen, wurden in den 80er Jahren unternommen, nach
dem Ende der Kulturrevolution. Wieder war es eine Art Sozialer
Realismus, der traditionelle Motive, wie das der thangka (tibetische
Rollbilder; sie sind ein Hilfsmittel für den Gläubigen
auf seinem Weg zur Befreiung und werden auch "mothong grol
- Befreiung durch die Seelen" genannt). In den modernen
thangkas werden die religiösen Figuren durch Soldaten, grinsende
Nomaden oder Bauern und prominenten Parteiführern ersetzt.
Andere Darstellungen erzählen von den materiellen Verbesserungen,
die der Kommunismus mit sich brachte. Die Vergangenheitsbewältigung
ist in Tibet, genauso wie auch in der chinesischen Gegenwartskunst,
allgegenwärtig. Die Suche nach einer nationalen Identität,
die Auseinandersetzung mit dem Westen, der Wunsch nach Angleichung
und Fortschritt und gleichzeitiger Furcht, ist in den Werken
deutlich zu spüren.
"Sweet Tea House Group"
Gonkar Gyatso ist einer der Künstler,
der das tibetische Kunstschaffen vorantreibt und sich für
dessen Verbreitung einsetzt. In Lhasa, der Hauptstadt Tibets,
in der die Ausstellungsmöglichkeiten für Künstler
gleich null waren, hat Gyatso mit vier weiteren Künstlern
die "Sweet Tea House Group" gegründet (1985-87).
Die Ausstellungen in diesem Teehaus waren tibetischen Künstlern
vorbehalten. Doch bereits nach zwei Jahren löste Gyatso
die Gruppe auf, und zwar deswegen, weil die Tätigkeit der
"Sweet Tea House Group" in Radio und Fernsehen verbreitet
wurde. Daraufhin wurde Gyatso gezwungen, die von der politischen
Führung anerkannten chinesischen Künstler mit auszustellen,
was Gyasto ablehnte. Er reiste nach Dharamshala, der indischen
Hochburg der Exil-Tibeter, aus. Das AMI (Amnye Machen Institute)
in Dharamshala etablierte sich in den 90er Jahren und war die
erste Forschungsinstitution, die sich systematisch um die Aufarbeitung
tibetanischer Gegenwartskunst kümmerte: Seit 1993 organisiert
das AMI regelmässige Ausstellungen mit tibetanischen Künstlern,
meist in Verbindung mit Lesungen und Diavorträgen. Da die
wirtschaftliche Situation in Tibet schlecht ist, sind die Künstler
entweder gezwungen auszuwandern, sich durch das AMI unterstützen
zu lassen und Brotjobs anzunehmen oder ihre Ressourcen zu bündeln.
Einige eröffeten in Lhasa eine Kunstgallerie, um die neue
tibetanische Kunst den Touristen zu verkaufen. Doch dieses Vorhaben
scheiterte: Die westlichen Touristen sind scheinbar nur an den
stereotypen, mystifizierenden, "exotischen" Darstellungen
der buddhistischen Kultur interessiert.
"Die Fünf Tibeter"
Wie sich Tibeter mit ihrer repressiven
Vergangenheit beschäftigen, dass der Kommunismus noch immer
gleich einem Schleier das Bewusstsein verdüstert, doch gleichzeitig
ein gewachsenes Bewusstsein für die eigene Kultur zu spüren
ist, konnte bis zum 16. Juli in der Galerie Artraktion in Bern
entdeckt werden. Unter dem Titel "Die fünf Tibeter"
fand die erste Ausstellung gegenwärtigen tibetischen Kunstschaffens
statt; und sie geht vom westlichen Klischeedenken aus : Die "fünf
Tibeter" ist ein importiertes "Wohlfühl- , Energie-
und Entspannungsprogramm". Auffallend ist, dass die fünf
Exil-Tibeter nicht mit offener Wut, politischem Protest oder
Anklagen auf die Repression reagieren; nein. Mao wird schlicht
negiert. Chinesische Einflüsse auf Kleidung, Verhalten oder
die Umgebung werden abgelehnt; es scheint, als wollten die tibetanischen
Künstler an die Zeit vor der chinesischen Besatzung anschliessen.
Die Künstler suchen ihre zeitgenössische Kunstsprache
in der kulturellen Tradition ihres Landes und formulieren die
Unabhängigkeit des Tibets auf ganz individuelle Weise. So
nähert sich Losang Gyatso in seinen Malereien der Kultur,
indem er alles Tibetische vereint: Buddhistische Symbolik, Jahrhunderte
alte Mythen und Geschichten, Gebrauchsgegenstände des Alltags,
aber auch Inspirationen aus der afrikanischen und japanischen
Kunst sind zu entdecken.
West und Ost
Der Zeitpunkt wie auch der Ort der
kleinen Ausstellung ist nicht dem Zufall überlassen: Geht
man die Strasse Richtung Osten, gelangt man zum Kunstmuseum.
Hier wird noch bis zum 16. Oktober die gigantische Sammlung chinesischer
Gegenwartskunst gezeigt. Über alle drei Etagen erstreckt
sich China, von Gemälden des Sozialen Realismus über
propagandistische Plakate bis zu Installationen, Malerei und
Fotografie von heute. Und weil das Kunstmuseum für diese
Mammutausstellung zu klein ist, ist der Besucher zu einer Reise
nach Holderbank (Aarau) eingeladen, wo in den Lagerhallen der
Holcim AG weitere Werke ausgestellt sind.
Jamyang Norbu, The Tractor in the Lotus, The
Origins and Evolution of Contemporary Tibetan Art, 2005.
www.loten.ch
www.tibetfocus.com
www.kunstmuseumbern.ch
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