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Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kevin Brooks: "Lucas" (Jugendbuch) | dtv
Caitlin, oh Caitlin

Kevin Brooks wagt sich mit "Lucas" an ein schwieriges Thema: Er versucht die Mechanismen aufzudecken, die der Verfolgung eines Fremden, Vergewaltigungsvorwürfen und Hass zugrunde liegen. Obwohl er manchmal über sein Ziel hinausschiesst, ist dieses Buch nicht nur für Jugendliche aufwühlend und bewegend. In einem Atemzug.

Von Petra Gehrmann.

Caitlin lebt mit ihrem Vater auf einer Insel. Als sie ihren Bruder, der sie in seinen Semesterferien besuchen kommt, vom Bahnhof abholen, sehen sie auf ihrer Rückfahrt zum ersten Mal Lucas, von dem keiner weiss, woher er gekommen ist und was er macht. Er ist ein mysteriöser, schöner Junge, zu dem sich die 15jährige Caitlin vom ersten Augenblick an hingezogen fühlt, der aber bei den anderen Inselbewohner nur auf Unverständnis trifft und Angst gegenüber dem Fremden aufkommen lässt. Schon bald gibt es die ersten Gerüchte und es wird ihm die Belästigung eines kleinen Mädchens unterstellt. Vorangetrieben von der Boshaftigkeit von Jamie, einem rücksichtslosen, erfolgreichen Collegestudenten, beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen und bald entwickelt sich eine regelrechte Hetzjagd gegen Lucas, deren Folgen das Leben von Caitlin für immer verändern wird.

"Die Zukunft ist schon da, sie lässt sich nicht ändern"
Das Buch von Brooks ist in der Form eines Erinnerungsberichts von Caitlin angelegt. Dies ist insofern von Vorteil, da die Gefühlsnähe und Authentizität der Handlung versichert wird, der Nachteil liegt darin, dass dadurch bereits zu Beginn klar gemacht wird, dass Caitlin sich diesen Bericht "weint", um ihre Trauer rauszulassen, also von Anfang an die Unabänderlichkeit der Geschichte und ihre Tragik bedeuten. Dadurch geraten gewisse Teile beinahe zu bedeutungsschwanger und alles ist voller düsterer Vorahnungen. Diese Unausweichlichkeit des Dramas steigert zwar die Intensität, kann aber stellenweise schon fast quälend wirken, was allerdings der Qualität des Werkes keinen Abbruch tut, vielmehr wohl ihrem Zweck dient. Zu dieser nahezu mythischen Überhöhung gesellt sich auch die Formulierung des Charakters des geheimnisvollen Lucas, der stellenweise bereits wie ein Krieger aus einer andern Welt erscheint. Es lässt sich fragen, ob eine "menschlichere" Figurenzeichnung nicht bessere Dienste getan hätte. Dennoch sind die Akteure sehr überzeugend gezeichnet und die zwischenmenschlichen Beziehungen, gerade die von Vater und Tochter, erscheinen authentisch. Der Versuch der Glaubwürdigkeitmachung der Figuren und die Gefühlsintensität führen manchmal zur Überzeichnung und gerade die plakative Festmachung von Gut und Schlecht anhand von Kleidung ist zu offensichtlich.

"Ich bin kein Kind"
Caitlin selbst, die Hauptfigur des Romans ist gekonnt geschildert, wenn auch ein wenig selbstgerecht und allwissend, doch wenn ich meine Tagebücher jener Zeit anschaue, trifft es den Ton des Moments. Bezüglich ihrer Gefühle in dieser chaotischen Zeit schreibt Caitlin: 'Und kein einziges lässt sich kontrollieren', was den Ton des Romans ziemlich genau trifft. Die Ereignisse sind unkontrollierbar und im grössten Chaos und Hass verliebt sie sich das erste Mal.

Der Roman "Lucas" richtet sich zwar in erster Linie an ein jugendliches Zielpublikum, es steht allerdings ausser Frage, dass dieses Buch auch Erwachsene berühren und zum Nachdenken anregen wird. Es ist eines jener Bücher, die man bis zur letzten Seite nicht aus der Hand legen kann und während des Lesens bleibt einem nur zu hoffen, dass es eine solche Insel nicht gibt, aber wenn die Handlung ihre erschütternde Klimax erreicht, bleibt keine Hoffnung. Doch das ist nicht das Ende, es ist eine Atemwende.

447 Seiten, CHF 21.10


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