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Kevin Brooks: "Lucas" (Jugendbuch)
| dtv
Caitlin, oh Caitlin
Kevin Brooks wagt sich mit "Lucas"
an ein schwieriges Thema: Er versucht die Mechanismen aufzudecken,
die der Verfolgung eines Fremden, Vergewaltigungsvorwürfen
und Hass zugrunde liegen. Obwohl er manchmal über sein Ziel
hinausschiesst, ist dieses Buch nicht nur für Jugendliche
aufwühlend und bewegend. In einem Atemzug.
Von Petra Gehrmann.
Caitlin lebt mit ihrem Vater auf einer Insel.
Als sie ihren Bruder, der sie in seinen Semesterferien besuchen
kommt, vom Bahnhof abholen, sehen sie auf ihrer Rückfahrt
zum ersten Mal Lucas, von dem keiner weiss, woher er gekommen
ist und was er macht. Er ist ein mysteriöser, schöner
Junge, zu dem sich die 15jährige Caitlin vom ersten Augenblick
an hingezogen fühlt, der aber bei den anderen Inselbewohner
nur auf Unverständnis trifft und Angst gegenüber dem
Fremden aufkommen lässt. Schon bald gibt es die ersten Gerüchte
und es wird ihm die Belästigung eines kleinen Mädchens
unterstellt. Vorangetrieben von der Boshaftigkeit von Jamie,
einem rücksichtslosen, erfolgreichen Collegestudenten, beginnen
sich die Ereignisse zu überschlagen und bald entwickelt
sich eine regelrechte Hetzjagd gegen Lucas, deren Folgen das
Leben von Caitlin für immer verändern wird.
"Die Zukunft ist schon da, sie lässt
sich nicht ändern"
Das Buch von Brooks ist in der Form eines Erinnerungsberichts
von Caitlin angelegt. Dies ist insofern von Vorteil, da die Gefühlsnähe
und Authentizität der Handlung versichert wird, der Nachteil
liegt darin, dass dadurch bereits zu Beginn klar gemacht wird,
dass Caitlin sich diesen Bericht "weint", um ihre Trauer
rauszulassen, also von Anfang an die Unabänderlichkeit der
Geschichte und ihre Tragik bedeuten. Dadurch geraten gewisse
Teile beinahe zu bedeutungsschwanger und alles ist voller düsterer
Vorahnungen. Diese Unausweichlichkeit des Dramas steigert zwar
die Intensität, kann aber stellenweise schon fast quälend
wirken, was allerdings der Qualität des Werkes keinen Abbruch
tut, vielmehr wohl ihrem Zweck dient. Zu dieser nahezu mythischen
Überhöhung gesellt sich auch die Formulierung des Charakters
des geheimnisvollen Lucas, der stellenweise bereits wie ein Krieger
aus einer andern Welt erscheint. Es lässt sich fragen, ob
eine "menschlichere" Figurenzeichnung nicht bessere
Dienste getan hätte. Dennoch sind die Akteure sehr überzeugend
gezeichnet und die zwischenmenschlichen Beziehungen, gerade die
von Vater und Tochter, erscheinen authentisch. Der Versuch der
Glaubwürdigkeitmachung der Figuren und die Gefühlsintensität
führen manchmal zur Überzeichnung und gerade die plakative
Festmachung von Gut und Schlecht anhand von Kleidung ist zu offensichtlich.
"Ich bin kein Kind"
Caitlin selbst, die Hauptfigur des Romans ist gekonnt geschildert,
wenn auch ein wenig selbstgerecht und allwissend, doch wenn ich
meine Tagebücher jener Zeit anschaue, trifft es den Ton
des Moments. Bezüglich ihrer Gefühle in dieser chaotischen
Zeit schreibt Caitlin: 'Und kein einziges lässt sich kontrollieren',
was den Ton des Romans ziemlich genau trifft. Die Ereignisse
sind unkontrollierbar und im grössten Chaos und Hass verliebt
sie sich das erste Mal.
Der Roman "Lucas" richtet sich zwar
in erster Linie an ein jugendliches Zielpublikum, es steht allerdings
ausser Frage, dass dieses Buch auch Erwachsene berühren
und zum Nachdenken anregen wird. Es ist eines jener Bücher,
die man bis zur letzten Seite nicht aus der Hand legen kann und
während des Lesens bleibt einem nur zu hoffen, dass es eine
solche Insel nicht gibt, aber wenn die Handlung ihre erschütternde
Klimax erreicht, bleibt keine Hoffnung. Doch das ist nicht das
Ende, es ist eine Atemwende.
447 Seiten, CHF 21.10
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