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Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Anita Pichler: "Haga Zussa" (Erzählung) | Folio
Von der langsamen Entfernung aus dem Leben

Mit ihrem 1986 erstmals erschienen Roman "Haga Zussa" führt die Südtirolerin Anita Pichler ihre LeserInnen in die Gedanken einer Frau, die sich langsam aus dem Leben entfernt hat und sich nun plötzlich, nach der Begegnung mit einem Menschen aus ihrer Vergangenheit, den Erinnerungen stellen muss.

Von Sandra Despont.

Die Ich-Erzählerin in "Haga Zussa" lebt ein Leben am Rande der Gesellschaft. Sie schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, so zum Beispiel mit dem Verteilen von Fragebögen. Dabei trifft sie in einer Wohnung auf Uta, die sie von früher kennt und die sie "nie wieder sehen wollte". In unzusammenhängenden Rückblicken nähert sie sich der eigenen Vergangenheit und der Utas an.

Als das Lachen noch in der Magengrube steckte
Anita Pichler malt in ihrem Roman das Bild einer Frau, die ihren Platz in der "plappernden, bunten, vollen, überquellenden Welt" verloren hat und nicht mehr wieder finden kann. Von ihrem Dasein an der Peripherie der Normalität aus stellt sie sich nach der Wiederbegegnung mit Uta der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und damit der Frage, wie es zu dieser Fremdheit im Leben kommen konnte und ob dieser Ausgang unvermeidlich war. Das Fazit, das sie Ich-Erzählerin zu ziehen scheint, ist erdrückend: nicht nur sie selbst ist in ihrer Erstarrtheit gefangen, sondern auch Uta, die damals eine Tänzerin voller Beweglichkeit war, heute aber ihre Tage in ihrer Wohnung einsam und eingesperrt verbringt. Was bleibt, ist nur die schwermütige Erinnerung an die Zeit, als das Lachen noch "in der Magengrube" steckte, das Hinausindiewelt noch ganz real und die Sprache, "die man mit zwanzig spricht", noch nicht zersplittert war. Und mit dem Abschliessen dieser Erinnerungsarbeit schliesst sich auch der Kreis. Die Gegenwart mit der Wohnung, zu der der Schlüssel nicht mehr passt und dem 100fach fotografierten Mann im Park rückt wieder in den Mittelpunkt im Leben der Ich-Erzählerin.

Text der Verunsicherung
"Haga Zussa" hat nichts Romantisches an sich. Die Erzählung ist eine verstörende Lektüre - nicht chronologisch, ohne kausale Zusammenhänge deutlich zu machen, in Assoziationen und ohne einheitlichen Erzählstrang. Der rasche Zugriff auf ihren Inhalt ist unmöglich und ein guter Teil der Erzählung bleibt beim ersten Lesen nicht nachvollziehbar. Keine handfeste Geschichte, sondern eine Reihe von Fragmenten und sich wiederholende mythologischen Bezügen und Motiven wird geboten. Anita Pichler bricht dadurch mit konventionellen Schreibweisen und schafft so ein Gegenentwurf zur Mehrheit der Tiroler Literatur, die zur Darstellung kohärenter Geschichten in einer heilen und gesunden Welt tendiert. Gerade weil "Haga Zussa" sich so verschlossen und geheimnisvoll gibt, regt die Erzählung zu Interpretations- und Deutungsversuchen an. Das Gelingen dieser wird aber durch die Uneinheitlichkeit und Unabgeschlossenheit des Textes immer wieder torpediert. Sich ganz der Prosa Anita Pichlers hingeben, scheint da die einzige Möglichkeit, "Haga Zussa" zu begreifen und etwas abzugewinnen. Über weite Strecken kann die Lektüre so tatsächlich zum Genuss werden, da man dem Text die sorgfältigen, manchmal fast musikalischen Formulierungen anmerkt. Nur ab und zu steckt man in beliebig wirkenden Wortaneinanderreihungen fest oder empfindet die Satzabfolgen doch etwas gar zu konstruiert und undurchdringlich. Sicher war es aber richtig, dass der Folio Verlag diese Erzählung nun unter ihrem Originaltitel und mit einem erhellenden Nachwort veröffentlicht, und der 1997 verstorbenen Anita Pichler damit eine letzte Ehre erwiesen hat.

123 Seiten, CHF 31.90


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