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Anita Pichler: "Haga Zussa" (Erzählung)
| Folio
Von der langsamen Entfernung aus dem Leben
Mit ihrem 1986 erstmals erschienen
Roman "Haga Zussa" führt die Südtirolerin
Anita Pichler ihre LeserInnen in die Gedanken einer Frau, die
sich langsam aus dem Leben entfernt hat und sich nun plötzlich,
nach der Begegnung mit einem Menschen aus ihrer Vergangenheit,
den Erinnerungen stellen muss.
Von Sandra Despont.
Die Ich-Erzählerin in "Haga Zussa"
lebt ein Leben am Rande der Gesellschaft. Sie schlägt sich
mit Gelegenheitsarbeiten durch, so zum Beispiel mit dem Verteilen
von Fragebögen. Dabei trifft sie in einer Wohnung auf Uta,
die sie von früher kennt und die sie "nie wieder sehen
wollte". In unzusammenhängenden Rückblicken nähert
sie sich der eigenen Vergangenheit und der Utas an.
Als das Lachen noch in der Magengrube steckte
Anita Pichler malt in ihrem Roman
das Bild einer Frau, die ihren Platz in der "plappernden,
bunten, vollen, überquellenden Welt" verloren hat und
nicht mehr wieder finden kann. Von ihrem Dasein an der Peripherie
der Normalität aus stellt sie sich nach der Wiederbegegnung
mit Uta der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und damit
der Frage, wie es zu dieser Fremdheit im Leben kommen konnte
und ob dieser Ausgang unvermeidlich war. Das Fazit, das sie Ich-Erzählerin
zu ziehen scheint, ist erdrückend: nicht nur sie selbst
ist in ihrer Erstarrtheit gefangen, sondern auch Uta, die damals
eine Tänzerin voller Beweglichkeit war, heute aber ihre
Tage in ihrer Wohnung einsam und eingesperrt verbringt. Was bleibt,
ist nur die schwermütige Erinnerung an die Zeit, als das
Lachen noch "in der Magengrube" steckte, das Hinausindiewelt
noch ganz real und die Sprache, "die man mit zwanzig spricht",
noch nicht zersplittert war. Und mit dem Abschliessen dieser
Erinnerungsarbeit schliesst sich auch der Kreis. Die Gegenwart
mit der Wohnung, zu der der Schlüssel nicht mehr passt und
dem 100fach fotografierten Mann im Park rückt wieder in
den Mittelpunkt im Leben der Ich-Erzählerin.
Text der Verunsicherung
"Haga Zussa" hat nichts
Romantisches an sich. Die Erzählung ist eine verstörende
Lektüre - nicht chronologisch, ohne kausale Zusammenhänge
deutlich zu machen, in Assoziationen und ohne einheitlichen Erzählstrang.
Der rasche Zugriff auf ihren Inhalt ist unmöglich und ein
guter Teil der Erzählung bleibt beim ersten Lesen nicht
nachvollziehbar. Keine handfeste Geschichte, sondern eine Reihe
von Fragmenten und sich wiederholende mythologischen Bezügen
und Motiven wird geboten. Anita Pichler bricht dadurch mit konventionellen
Schreibweisen und schafft so ein Gegenentwurf zur Mehrheit der
Tiroler Literatur, die zur Darstellung kohärenter Geschichten
in einer heilen und gesunden Welt tendiert. Gerade weil "Haga
Zussa" sich so verschlossen und geheimnisvoll gibt, regt
die Erzählung zu Interpretations- und Deutungsversuchen
an. Das Gelingen dieser wird aber durch die Uneinheitlichkeit
und Unabgeschlossenheit des Textes immer wieder torpediert. Sich
ganz der Prosa Anita Pichlers hingeben, scheint da die einzige
Möglichkeit, "Haga Zussa" zu begreifen und etwas
abzugewinnen. Über weite Strecken kann die Lektüre
so tatsächlich zum Genuss werden, da man dem Text die sorgfältigen,
manchmal fast musikalischen Formulierungen anmerkt. Nur ab und
zu steckt man in beliebig wirkenden Wortaneinanderreihungen fest
oder empfindet die Satzabfolgen doch etwas gar zu konstruiert
und undurchdringlich. Sicher war es aber richtig, dass der Folio
Verlag diese Erzählung nun unter ihrem Originaltitel und
mit einem erhellenden Nachwort veröffentlicht, und der 1997
verstorbenen Anita Pichler damit eine letzte Ehre erwiesen hat.
123 Seiten, CHF 31.90
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