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Anthony O'Neill: "Der Hüter der
Finsternis" (Kriminalroman) | Lübbe
Mörderische Träume
Eine Reihe grausamer, rätselhafter
Morde, ein Ermittler, zwei Hobbydetektive, ein geheimnisvolles
Mädchen mit unheimlich realen Träumen und die Gestalt
des "Leerie", des Laternenanzünders geistern durch
"Der Hüter der Finsternis". Was reichlich spannend
anfängt, driftet nur allzu bald in langwierige Spekulationen
über das Bewusstsein und eine absurd lächerliche Aufklärung
der Fälle ab.
Von Sandra Despont.
Edinburgh gegen Ende des 19. Jahrhunderts,
zu der Zeit also, als am Abend noch Dutzende von Laternenanzündern
ausschwärmten, um der Nacht etwas von ihrer Finsternis zu
nehmen. Eine Reihe von Morden versetzt die Stadt in Angst und
Schrecken. Der letzte ist am helllichten Tag auf offener Strasse
geschehen und niemand hat mehr gesehen als eine Gestalt in einem
dunkeln Umhang, die aber schnell und spurlos verschwand. Die
Polizei, namentlich der übermotivierte stellvertretende
Chefinspektor Edinburghs, Carus Groves, ist ratlos. So ratlos,
dass er schliesslich einer Frau Gehör schenkt, die behauptet,
sie hätte jeden Mord geträumt. Und zwar genau in dem
Augenblick, als er geschah. Ist Evelyn Todd bloss eine Verrückte,
die sich wichtig machen will, oder hat sie selbst etwas mit den
unheimlichen Todesfällen zu tun?
Horror im Shoppyland?
Man solle bei der Lektüre dieses
Romans unbedingt die Tür abschliessen, rät die Times
und weil es die Times ist und weil ich ein furchtbar ängstlicher
Mensch bin, den mediale Morde und Unheimlichkeiten ganz schrecklich
aus dem Konzept bringen können (nach "The Ring"
hatte ich monatelang ein eher gestörtes Verhältnis
zu unserem Fernseher), beherzige ich den Rat natürlich nur
allzu gerne. Das Shoppyland, ein ländliches Einkaufsparadies,
immer wohl angefüllt mit allerlei völlig harmloser
Menschen, schreiender Kinder, verzweifelter Mütter und der
Atmosphäre locker leichter Shoppingfreuden schaffen die
ideale Atmosphäre für das Krimi-Abenteuer. Mittag für
Mittag setze ich mich also an die Sonne auf den Kinderspielplatz
und warte darauf, dass es mir trotz dieser Kulisse mulmig wird.
Stattdessen ertappe ich mich dabei, wie ich mehr den Kletterversuchen
der Kleinen zusehe und den Versuchen ihrer Mütter, das Schlimmste
zu verhindern, statt mich gebannt auf mein Buch zu konzentrieren.
Vor allem die langen Debatten der erwähnten Hobbydetektive,
Professor McKnight und Joseph Canavan, über das Bewusstsein
fesseln mich nicht wirklich. Dabei sind die nicht unwichtig,
schliesslich finden die beiden unter anderem heraus, dass es
sie, McKnight und Canavan, wohl gar nicht gibt Dafür ist
etwas anderes umso realer und das sind die Morde an Mitgliedern
der so genannten "Spiegelgesellschaft" und die schwarze
Gestalt, die sich als der Teufel entpuppt.
"Seine Frau ist zum Verzweifelnsie
mag keinen Sex"
Na ja, sag ich da nur. Selbst, wenn
man sich von der Spannung mitreissen lässt und auch bei
den metaphysischen Gesprächen nicht ausklinkt, selbst, wenn
man das Buch allein in der Wohnung, bei offener Tür, oder
gar mitten im nächtlichen Wald lesen sollte, selbst dann
ist die Erklärung der Morde so weit hergeholt und fern von
jeder nachvollziehbaren Realität, dass man wohl kaum zusammenschreckt,
wenn Fensterläden klappern oder das Laub verdächtig
raschelt und Zweige lauter als sonst knacken. Die Lösung
des Ganzen wird von Anthony O'Neill zwar gekonnt herausgezögert,
indem die Geschichte in der entscheidenden Phase immer wieder
von Figur zu Figur und von Vergangenheit in die Gegenwart springt,
doch irgendwann will man es nur noch kurz und schmerzlos, so
dass man endlich weiss, was da los war und dass nichts zu befürchten
ist und sich wieder den Kindern auf dem Spielplatz zuwenden kann.
Ein bisschen spannend, aber leider überhaupt
nicht gruselig, das ist "Der Hüter der Finsternis".
Einzige Highlights sind das Lokalkolorit Edinburghs und die komische
Figur des überambitionierten Möchtegern-Superdetektivs
Groves, der voller Ernst seine Abenteuer im Polizeialltag zu
einer sagenhaften Biographie verarbeitet und sich dabei gründlichst
lächerlich macht. Etwa so lächerlich, wie die Auflösung
des Falls "Leerie".
443 Seiten, CHF 34.90
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