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Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Anthony O'Neill: "Der Hüter der Finsternis" (Kriminalroman) | Lübbe
Mörderische Träume

Eine Reihe grausamer, rätselhafter Morde, ein Ermittler, zwei Hobbydetektive, ein geheimnisvolles Mädchen mit unheimlich realen Träumen und die Gestalt des "Leerie", des Laternenanzünders geistern durch "Der Hüter der Finsternis". Was reichlich spannend anfängt, driftet nur allzu bald in langwierige Spekulationen über das Bewusstsein und eine absurd lächerliche Aufklärung der Fälle ab.

Von Sandra Despont.

Edinburgh gegen Ende des 19. Jahrhunderts, zu der Zeit also, als am Abend noch Dutzende von Laternenanzündern ausschwärmten, um der Nacht etwas von ihrer Finsternis zu nehmen. Eine Reihe von Morden versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Der letzte ist am helllichten Tag auf offener Strasse geschehen und niemand hat mehr gesehen als eine Gestalt in einem dunkeln Umhang, die aber schnell und spurlos verschwand. Die Polizei, namentlich der übermotivierte stellvertretende Chefinspektor Edinburghs, Carus Groves, ist ratlos. So ratlos, dass er schliesslich einer Frau Gehör schenkt, die behauptet, sie hätte jeden Mord geträumt. Und zwar genau in dem Augenblick, als er geschah. Ist Evelyn Todd bloss eine Verrückte, die sich wichtig machen will, oder hat sie selbst etwas mit den unheimlichen Todesfällen zu tun?

Horror im Shoppyland?
Man solle bei der Lektüre dieses Romans unbedingt die Tür abschliessen, rät die Times und weil es die Times ist und weil ich ein furchtbar ängstlicher Mensch bin, den mediale Morde und Unheimlichkeiten ganz schrecklich aus dem Konzept bringen können (nach "The Ring" hatte ich monatelang ein eher gestörtes Verhältnis zu unserem Fernseher), beherzige ich den Rat natürlich nur allzu gerne. Das Shoppyland, ein ländliches Einkaufsparadies, immer wohl angefüllt mit allerlei völlig harmloser Menschen, schreiender Kinder, verzweifelter Mütter und der Atmosphäre locker leichter Shoppingfreuden schaffen die ideale Atmosphäre für das Krimi-Abenteuer. Mittag für Mittag setze ich mich also an die Sonne auf den Kinderspielplatz und warte darauf, dass es mir trotz dieser Kulisse mulmig wird. Stattdessen ertappe ich mich dabei, wie ich mehr den Kletterversuchen der Kleinen zusehe und den Versuchen ihrer Mütter, das Schlimmste zu verhindern, statt mich gebannt auf mein Buch zu konzentrieren. Vor allem die langen Debatten der erwähnten Hobbydetektive, Professor McKnight und Joseph Canavan, über das Bewusstsein fesseln mich nicht wirklich. Dabei sind die nicht unwichtig, schliesslich finden die beiden unter anderem heraus, dass es sie, McKnight und Canavan, wohl gar nicht gibt Dafür ist etwas anderes umso realer und das sind die Morde an Mitgliedern der so genannten "Spiegelgesellschaft" und die schwarze Gestalt, die sich als der Teufel entpuppt.

"Seine Frau ist zum Verzweifelnsie mag keinen Sex"
Na ja, sag ich da nur. Selbst, wenn man sich von der Spannung mitreissen lässt und auch bei den metaphysischen Gesprächen nicht ausklinkt, selbst, wenn man das Buch allein in der Wohnung, bei offener Tür, oder gar mitten im nächtlichen Wald lesen sollte, selbst dann ist die Erklärung der Morde so weit hergeholt und fern von jeder nachvollziehbaren Realität, dass man wohl kaum zusammenschreckt, wenn Fensterläden klappern oder das Laub verdächtig raschelt und Zweige lauter als sonst knacken. Die Lösung des Ganzen wird von Anthony O'Neill zwar gekonnt herausgezögert, indem die Geschichte in der entscheidenden Phase immer wieder von Figur zu Figur und von Vergangenheit in die Gegenwart springt, doch irgendwann will man es nur noch kurz und schmerzlos, so dass man endlich weiss, was da los war und dass nichts zu befürchten ist und sich wieder den Kindern auf dem Spielplatz zuwenden kann.

Ein bisschen spannend, aber leider überhaupt nicht gruselig, das ist "Der Hüter der Finsternis". Einzige Highlights sind das Lokalkolorit Edinburghs und die komische Figur des überambitionierten Möchtegern-Superdetektivs Groves, der voller Ernst seine Abenteuer im Polizeialltag zu einer sagenhaften Biographie verarbeitet und sich dabei gründlichst lächerlich macht. Etwa so lächerlich, wie die Auflösung des Falls "Leerie".

443 Seiten, CHF 34.90


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