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Michel Friedman: "Kaddisch vor Morgengrauen"
(Roman) | Aufbau Verlag
Wut und Hilflosigkeit
Krakau in den Jahren des Zweiten Weltkrieges.
Das Schicksal vieler Juden ist es, in Auschwitz zu enden oder
von der SS erschossen zu werden. Die Demütigungen wollen
nicht enden, Fremde in dieser Stadt entscheiden wer leben darf
und wer stirbt, die Schicksale können sich von einer Minute
auf die andere wenden, genauso wie sich die Gunst und die Launen
der Besatzungsmitglieder ändert. Die Juden werden gehasst,
nur weil sie leben. Erzählt wird in "Kaddisch vor Morgengrauen"
aber nicht hauptsächlich vom Schicksal jener, die umkamen,
als vielmehr vom Schicksal jener, welche die Shoah überlebten
und mit all ihren Erinnerungen, mit all den Geistern nicht umgehen
konnten.
Von Andrea Schmuki.
Die Geschichte von Ariel und Sarah, zweier
Juden aus Krakau, welche nach Paris, und als der Krieg schliesslich
vorüber war, nach Deutschland zogen, wird von Julien, dem
Sohn der beiden, erzählt. Julien wacht eine ganze Nacht
hindurch am Bett seines Kindes und erzählt ihm, während
es schläft, die Geschichte seiner Eltern, welche als einzige
ihrer Familien den Krieg überlebt haben. Sie fanden nie
wieder richtig ins Leben zurück, lebten immerzu in der Vergangenheit,
als ihre Eltern, ihre Brüder und Schwestern, ihre Onkel
und Tanten noch lebten. Die Toten, die Geister lassen sie nicht
los, sie leiden unter Ruhelosigkeit und leben allezeit in grosser
Angst. Immer wieder stellen sie sich die Frage: "Warum habe
ich überlebt und nicht jemand anderes?" und sie wissen
nicht recht, ob sie das Leben als Geschenk annehmen sollen -
annehmen können - oder ob es nicht besser wäre, wenn
sie selber auch tot wären.
Geschichte ist immer auch Familiengeschichte
Julien, der einzige Sohn von Ariel und Sarah wächst mit
all den Geschichten über die Toten, über die Onkel
und Tanten, über die Eltern und über Geschwister seiner
Eltern auf. Auch ihn plagt die Vergangenheit, auch er kommt nicht
zur Ruhe, stellt sich viele Fragen. Die Geschichte seiner Familie,
welche er nie kennen gelernt hat, all die gesichtslosen Gestalten
der Erzählungen seiner Eltern und nicht zuletzt die Geschichte
seiner Eltern an sich wird ihn ein Leben lang begleiten. Geschichte
ist immer auch Familiengeschichte, es ist nicht möglich,
sich davon zu lösen. Juliens Bericht, über all seine
Erinnerungen, über alles was ihm von seiner Familie erzählt
wurde, wird zum Kaddisch, dem jüdischen Totengebet, welches
er seiner Familie widmet. Nur selten kommt eine Anklage auf:
"Die Deutschen". Die Deutschen gibt es nicht,
die Deutschen haben den Judenhass, den Antisemitismus, den Rassismus
nicht erfunden. Diese Tatsache zeigt das Buch gut auf, indem
es auch immer wieder Andeutungen macht, darauf aufmerksam macht,
dass es zu jeder Zeit Orte gab, wo es Hass und Feindschaft gab,
Orte, an denen gewissen Menschen jegliche Rechte abgesprochen
wurden.
Verarbeitung - Umsetzung
Inhaltlich rührselig, melancholisch, philosophisch und durchgehend
mit weisen Anekdoten angereichert, wird der Roman in schwerer,
liebevoller, wütender, zärtlicher und aufbrausender
Art erzählt. Leider ein Zuviel der Worte und der Emotionen,
so dass es, wenngleich nur 150 Seiten lang, auf den Leser erdrückend
wirkt. Friedman wirft - in seinem ersten und bislang einzigen
Roman - nur so um sich mit Plattitüden wie etwa: "Es
ist der Blick der Liebe, der den Menschen lebendig werden lässt."
Dies und allzu viel Sentimentalität lässt jegliche
Atmosphäre, die bei diesem Thema hätte aufkommen können,
auf den Nullpunkt sinken. Das Ganze in Monologform, als ob Julien
150 Seiten seinem schlafenden Kinde vorlesen würde, ist
stilistisch so grottenschlecht, dass es kaum mehr Spass macht,
die Geschichte zu lesen. Inhaltlich ist noch zu sagen: Trotz
der immerwährenden, beinahe unbeschreibbaren Angst Juliens
vor dem Tod, drängt sich der Eindruck auf, die Erzählung
wolle dennoch einem Loblied auf das Leben sein. Na dann: Lechajim!
154 Seiten, CHF 32.50
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