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Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Michel Friedman: "Kaddisch vor Morgengrauen" (Roman) | Aufbau Verlag
Wut und Hilflosigkeit

Krakau in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Das Schicksal vieler Juden ist es, in Auschwitz zu enden oder von der SS erschossen zu werden. Die Demütigungen wollen nicht enden, Fremde in dieser Stadt entscheiden wer leben darf und wer stirbt, die Schicksale können sich von einer Minute auf die andere wenden, genauso wie sich die Gunst und die Launen der Besatzungsmitglieder ändert. Die Juden werden gehasst, nur weil sie leben. Erzählt wird in "Kaddisch vor Morgengrauen" aber nicht hauptsächlich vom Schicksal jener, die umkamen, als vielmehr vom Schicksal jener, welche die Shoah überlebten und mit all ihren Erinnerungen, mit all den Geistern nicht umgehen konnten.

Von Andrea Schmuki.

Die Geschichte von Ariel und Sarah, zweier Juden aus Krakau, welche nach Paris, und als der Krieg schliesslich vorüber war, nach Deutschland zogen, wird von Julien, dem Sohn der beiden, erzählt. Julien wacht eine ganze Nacht hindurch am Bett seines Kindes und erzählt ihm, während es schläft, die Geschichte seiner Eltern, welche als einzige ihrer Familien den Krieg überlebt haben. Sie fanden nie wieder richtig ins Leben zurück, lebten immerzu in der Vergangenheit, als ihre Eltern, ihre Brüder und Schwestern, ihre Onkel und Tanten noch lebten. Die Toten, die Geister lassen sie nicht los, sie leiden unter Ruhelosigkeit und leben allezeit in grosser Angst. Immer wieder stellen sie sich die Frage: "Warum habe ich überlebt und nicht jemand anderes?" und sie wissen nicht recht, ob sie das Leben als Geschenk annehmen sollen - annehmen können - oder ob es nicht besser wäre, wenn sie selber auch tot wären.

Geschichte ist immer auch Familiengeschichte
Julien, der einzige Sohn von Ariel und Sarah wächst mit all den Geschichten über die Toten, über die Onkel und Tanten, über die Eltern und über Geschwister seiner Eltern auf. Auch ihn plagt die Vergangenheit, auch er kommt nicht zur Ruhe, stellt sich viele Fragen. Die Geschichte seiner Familie, welche er nie kennen gelernt hat, all die gesichtslosen Gestalten der Erzählungen seiner Eltern und nicht zuletzt die Geschichte seiner Eltern an sich wird ihn ein Leben lang begleiten. Geschichte ist immer auch Familiengeschichte, es ist nicht möglich, sich davon zu lösen. Juliens Bericht, über all seine Erinnerungen, über alles was ihm von seiner Familie erzählt wurde, wird zum Kaddisch, dem jüdischen Totengebet, welches er seiner Familie widmet. Nur selten kommt eine Anklage auf: "Die Deutschen". Die Deutschen gibt es nicht, die Deutschen haben den Judenhass, den Antisemitismus, den Rassismus nicht erfunden. Diese Tatsache zeigt das Buch gut auf, indem es auch immer wieder Andeutungen macht, darauf aufmerksam macht, dass es zu jeder Zeit Orte gab, wo es Hass und Feindschaft gab, Orte, an denen gewissen Menschen jegliche Rechte abgesprochen wurden.

Verarbeitung - Umsetzung
Inhaltlich rührselig, melancholisch, philosophisch und durchgehend mit weisen Anekdoten angereichert, wird der Roman in schwerer, liebevoller, wütender, zärtlicher und aufbrausender Art erzählt. Leider ein Zuviel der Worte und der Emotionen, so dass es, wenngleich nur 150 Seiten lang, auf den Leser erdrückend wirkt. Friedman wirft - in seinem ersten und bislang einzigen Roman - nur so um sich mit Plattitüden wie etwa: "Es ist der Blick der Liebe, der den Menschen lebendig werden lässt." Dies und allzu viel Sentimentalität lässt jegliche Atmosphäre, die bei diesem Thema hätte aufkommen können, auf den Nullpunkt sinken. Das Ganze in Monologform, als ob Julien 150 Seiten seinem schlafenden Kinde vorlesen würde, ist stilistisch so grottenschlecht, dass es kaum mehr Spass macht, die Geschichte zu lesen. Inhaltlich ist noch zu sagen: Trotz der immerwährenden, beinahe unbeschreibbaren Angst Juliens vor dem Tod, drängt sich der Eindruck auf, die Erzählung wolle dennoch einem Loblied auf das Leben sein. Na dann: Lechajim!

154 Seiten, CHF 32.50


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