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Cyrano von Bergerac: "Die Reise zum Mond
und zur Sonne" (Reiseroman) | Eichborn Berlin
Eines Dichters Reise in einer Rakete
Die meisten von uns kennen ihn aus
dem gleichnamigen Theaterstück von Edmond Rostand: Cyrano
von Bergerac, ein langnasiger Dichter mit einer blühenden
Phantasie und einer Neigung zur Rebellion. Erstmals in unzensiert
deutscher Fassung erscheinen seine zwei berühmten Romane
bei Eichborn Berlin.
Von Lukas Hunziker.
In einer Zeit, in welcher sich die Naturwissenschaft
noch vor der Kirche fürchten musste, schrieb Savinien Cyrano
de Bergerac zwei Romane, die ihm, wären sie zu seinen Lebzeiten
veröffentlicht worden, ein paar Jahre Kerker eingebracht
hätten. Als sie posthum von seinem engsten Freund Henri
Lebret veröffentlich wurden, fehlten die kritischen, blasphemischen
Teile des Manuskripts; die Ausgabe wurde dem grossen Barockdichter
bei weitem nicht gerecht. Erst jetzt liegt eine unzensierte,
ungekürzte und kommentiere Fassung vor.
Erst zum Mond ...
"Die Reise zum Mond" und "Die Reise zur Sonne"
sind zwei Romane, in welchen der Erzähler, der sich als
Cyrano ausgibt, von ebendiesen Reisen berichtet. Im ersten Roman
startet er mit einer Rakete von Quebec aus und landet erfolgreich
auf dem Mond und zwar auf jenem Teil des Mondes, wo sich das
irdische Paradies befindet. Nachdem er die dort befindlichen
biblischen Gestalten jedoch mit einer respektlosen Bemerkung
erzürnt hat, wird er aus dem Garten verbannt und gerät
in die Hände der Mondbewohner, die ihn für ein Tier
halten. Sie sind überzeugt, dass er das Weibchen des Lieblingstiers
der Königin ist und wird deshalb zu diesem gebracht, in
der Hoffnung, die zwei würden sich paaren. Das 'Männchen'
stellt sich jedoch als Domingo Gonzales, ein anderer Mondreisender
aus einem Roman von Francis Godwin, heraus. Der Erzähler
wird geprüft, ob er ein Mensch sei, und kommt schliesslich
unter der Bedingung frei, dass er widerrufe, dass er sich auf
dem Mond befinde und dass er die Erde als wahren Mond anerkenne.
Danach stellt ihm der Dämon des Sokrates die Philosophen
des Mondes vor. Zusammen mit einem Freigeist, den man in die
Hölle schickt, kehrt Cyrano auf die Erde zurück und
landet in Italien.
... dann zur Sonne
Kaum hat der Erzähler in Frankreich seinen Reisebericht
veröffentlicht, wird er der Ketzerei angeklagt. Er wird
verhaftet und eingesperrt. Nachdem er nach erfolgreicher Flucht
wieder eingefangen wird, befreien ihn Freunde. Als er mit einer
neuen Flugmaschine nach Colignac fliehen will, funktioniert seine
Maschine so gut, dass er schlussendlich zur Sonne gelangt. Erneut
trifft er auf wunderliche Völker, gerät ins Land der
Vögel, die ihn verhaften und zum Tod verurteilen wollen,
und wird Zeuge eines Kampfes zwischen einem Feuer- und einem
Eistier.
Utopia als Zeitkritik
Obwohl dies nach einer fantastischen, märchenhaften Geschichte
tönt, haben die zwei Geschichten einen beissenden Realitätsbezug.
Wie später Jonathan Swift in "Gullivers Reisen"
oder früher Thomas Morus in "Utopia" nutzt auch
Cyrano de Bergerac die Beschreibung eines fantastischen Ortes,
um dadurch Kritik an der eigenen Gesellschaft zu üben. Er
wendet sich strikt gegen das von der Kirche diktierte anthropozentrische
Weltbild. Wenn der Erzähler in beiden Romanen vor ein Gericht
gestellt wird, wo er beweisen muss, dass er Verstand besitzt,
ist die Kritik am Menschen als höchstes Wesen im Universum
unübersehbar. Der Prozess der Vögel spiegelt ziemlich
genau das menschliche Verhalten gegenüber einem Lebewesen,
welches sie unter sich stellen. Cyrano bringt mehrmals radikal
seine Ablehnung des Krieges und der Todesstrafe zum Ausdruck.
Am härtesten wird die Kirche kritisiert. Von Gott ist in
beiden Romanen nicht wirklich die Rede; an seine Stelle treten
andere Schöpferkräfte. Die Kritik kommt meist in satirischer
und daher höchst komischer Form daher, so dass man, vor
allem in "Die Reise zum Mond", oft lachen kann. Daneben
gibt es eine Reihe wilder naturwissenschaftlicher Theorien und
Erklärungen für Phänomene. Cyrano von Bergerac
war eben nicht nur Dichter, sondern auch Philosoph. Obwohl einige
der Passagen, in denen der Erzähler philosophiert, für
den heutigen Leser etwas zäh sind, so ist man doch ob der
Scharfsinnigkeit des langnasigen Dichters erstaunt. In "Die
Reise zum Mond" erfindet er zum Beispiel den Walkman und
das Hörbuch (und das 300 Jahre vor deren Erfindung).
"Die Reise zum Mond" und "Die
Reise zur Sonne" sind zwei radikale Romane eines grossen
französischen Dichters, voller Zeitkritik, beissender Satire
und philosophischen Theorien. Wer sich für Cyrano, den französischen
Barock oder Utopia-Geschichten interessiert und sich nicht vor
etwas Anspruch scheut, ist mit diesem Buch bestens bedient.
359 Seiten, CHF 42.--
Info
Informationen zu Cyrano von Bergerac in dieser Ausgabe finden
sich in unserer Rubrik Ausgelesen (LINK: ... ). Dort stellen
wir Ihnen das Stück "Cyrano von Bergerac" von
Edmond Rostand vor, welches das Leben des Dichters thematisiert. |
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