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Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Cyrano von Bergerac: "Die Reise zum Mond und zur Sonne" (Reiseroman) | Eichborn Berlin
Eines Dichters Reise in einer Rakete

Die meisten von uns kennen ihn aus dem gleichnamigen Theaterstück von Edmond Rostand: Cyrano von Bergerac, ein langnasiger Dichter mit einer blühenden Phantasie und einer Neigung zur Rebellion. Erstmals in unzensiert deutscher Fassung erscheinen seine zwei berühmten Romane bei Eichborn Berlin.

Von Lukas Hunziker.

In einer Zeit, in welcher sich die Naturwissenschaft noch vor der Kirche fürchten musste, schrieb Savinien Cyrano de Bergerac zwei Romane, die ihm, wären sie zu seinen Lebzeiten veröffentlicht worden, ein paar Jahre Kerker eingebracht hätten. Als sie posthum von seinem engsten Freund Henri Lebret veröffentlich wurden, fehlten die kritischen, blasphemischen Teile des Manuskripts; die Ausgabe wurde dem grossen Barockdichter bei weitem nicht gerecht. Erst jetzt liegt eine unzensierte, ungekürzte und kommentiere Fassung vor.

Erst zum Mond ...
"Die Reise zum Mond" und "Die Reise zur Sonne" sind zwei Romane, in welchen der Erzähler, der sich als Cyrano ausgibt, von ebendiesen Reisen berichtet. Im ersten Roman startet er mit einer Rakete von Quebec aus und landet erfolgreich auf dem Mond und zwar auf jenem Teil des Mondes, wo sich das irdische Paradies befindet. Nachdem er die dort befindlichen biblischen Gestalten jedoch mit einer respektlosen Bemerkung erzürnt hat, wird er aus dem Garten verbannt und gerät in die Hände der Mondbewohner, die ihn für ein Tier halten. Sie sind überzeugt, dass er das Weibchen des Lieblingstiers der Königin ist und wird deshalb zu diesem gebracht, in der Hoffnung, die zwei würden sich paaren. Das 'Männchen' stellt sich jedoch als Domingo Gonzales, ein anderer Mondreisender aus einem Roman von Francis Godwin, heraus. Der Erzähler wird geprüft, ob er ein Mensch sei, und kommt schliesslich unter der Bedingung frei, dass er widerrufe, dass er sich auf dem Mond befinde und dass er die Erde als wahren Mond anerkenne. Danach stellt ihm der Dämon des Sokrates die Philosophen des Mondes vor. Zusammen mit einem Freigeist, den man in die Hölle schickt, kehrt Cyrano auf die Erde zurück und landet in Italien.

... dann zur Sonne
Kaum hat der Erzähler in Frankreich seinen Reisebericht veröffentlicht, wird er der Ketzerei angeklagt. Er wird verhaftet und eingesperrt. Nachdem er nach erfolgreicher Flucht wieder eingefangen wird, befreien ihn Freunde. Als er mit einer neuen Flugmaschine nach Colignac fliehen will, funktioniert seine Maschine so gut, dass er schlussendlich zur Sonne gelangt. Erneut trifft er auf wunderliche Völker, gerät ins Land der Vögel, die ihn verhaften und zum Tod verurteilen wollen, und wird Zeuge eines Kampfes zwischen einem Feuer- und einem Eistier.

Utopia als Zeitkritik
Obwohl dies nach einer fantastischen, märchenhaften Geschichte tönt, haben die zwei Geschichten einen beissenden Realitätsbezug. Wie später Jonathan Swift in "Gullivers Reisen" oder früher Thomas Morus in "Utopia" nutzt auch Cyrano de Bergerac die Beschreibung eines fantastischen Ortes, um dadurch Kritik an der eigenen Gesellschaft zu üben. Er wendet sich strikt gegen das von der Kirche diktierte anthropozentrische Weltbild. Wenn der Erzähler in beiden Romanen vor ein Gericht gestellt wird, wo er beweisen muss, dass er Verstand besitzt, ist die Kritik am Menschen als höchstes Wesen im Universum unübersehbar. Der Prozess der Vögel spiegelt ziemlich genau das menschliche Verhalten gegenüber einem Lebewesen, welches sie unter sich stellen. Cyrano bringt mehrmals radikal seine Ablehnung des Krieges und der Todesstrafe zum Ausdruck. Am härtesten wird die Kirche kritisiert. Von Gott ist in beiden Romanen nicht wirklich die Rede; an seine Stelle treten andere Schöpferkräfte. Die Kritik kommt meist in satirischer und daher höchst komischer Form daher, so dass man, vor allem in "Die Reise zum Mond", oft lachen kann. Daneben gibt es eine Reihe wilder naturwissenschaftlicher Theorien und Erklärungen für Phänomene. Cyrano von Bergerac war eben nicht nur Dichter, sondern auch Philosoph. Obwohl einige der Passagen, in denen der Erzähler philosophiert, für den heutigen Leser etwas zäh sind, so ist man doch ob der Scharfsinnigkeit des langnasigen Dichters erstaunt. In "Die Reise zum Mond" erfindet er zum Beispiel den Walkman und das Hörbuch (und das 300 Jahre vor deren Erfindung).

"Die Reise zum Mond" und "Die Reise zur Sonne" sind zwei radikale Romane eines grossen französischen Dichters, voller Zeitkritik, beissender Satire und philosophischen Theorien. Wer sich für Cyrano, den französischen Barock oder Utopia-Geschichten interessiert und sich nicht vor etwas Anspruch scheut, ist mit diesem Buch bestens bedient.

359 Seiten, CHF 42.--

Info
Informationen zu Cyrano von Bergerac in dieser Ausgabe finden sich in unserer Rubrik Ausgelesen (LINK: ... ). Dort stellen wir Ihnen das Stück "Cyrano von Bergerac" von Edmond Rostand vor, welches das Leben des Dichters thematisiert.


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