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V. S. Naipaul: "Das Rätsel der Ankunft"
(Roman) | List
Inder aus Trinidad in englischem Tal
1990 wurde er von der Queen geadelt
und heisst seither mit vollem Namen Sir Vidiadhar Surajprasad
Naipaul. 2001 erhielt er den Nobelpreis für sein Gesamtwerk.
V. S. Naipaul ist kein kleiner Fisch im Literaturteich, auch
wenn auf das hier vorgestellte Buch "Das Rätsel der
Ankunft" Adjektive zutreffen wie: unaufdringlich, schlicht,
behutsam. Doch manchmal sind es genau solche Werke, die fesseln
und faszinieren wie wenig andere.
Von Sandra Despont.
Der autobiographisch geprägte Roman des
Nobelpreisträgers Naipaul ist ein Buch der leisen Töne,
das von Ankunft und Leben in einem kleinen Tal in Südengland
erzählt. Durch die Reise nach England, in das "Mutterland"
der ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien, wird der Erzähler
zum Zeugen des Verfalls und Untergangs eines altenglischen Herrschaftssitzes
und der mit ihm verbundenen Familie. In fünf Teilen befasst
sich Naipaul mit verschiedenen Aspekten des Ankommens an einem
geografischen Ort und dem Leben dort, aber auch mit dem Ankommen
an einem Ort der Ruhe und der schicksalhaften Bestimmung. Dass
er dabei nicht chronologisch vorgeht, sondern von ersten, scheinbar
nebensächlichen Beobachtungen und Beschreibungen langsam
seine Kreise zu ziehen und geografisch und zeitlich weiter auszugreifen
beginnt, verleiht dem Roman seinen besonderen Reiz. Das Tal in
England ist so Mittel- Ausgangs- und Ruhepunkt für Naipauls
persönlichen und doch zu allgemein gültigen Betrachtungen
über die Suche nach der eigenen Identität, einem Platz
im Leben und über den allgegenwärtigen und unaufhaltsamen
Wandel, der in der Verkleidung von Zerstörung und Zerfall
daherkommt.
Ein tapferer und frommer Akt: Die Fahrt
ins Pub
Der erste Teil des Romans, "Jacks
Garten", enthält die Beschreibung der ersten Erkundungen
im Tal nicht fern von Stonehenge sowie das Portrait von einem
alteingesessenen Bewohner des Tals, Jack, der angesichts des
Todes den "tapfersten und auch frömmsten Akt seines
Lebens" vollbringt: er fährt, todkrank wie er ist,
über das unwegsame Gelände in das nächste Pub,
um dort einen letzten geselligen Abend vor seinem Tod zu verbringen.
Es folgt ein zweiter Teil, der sich mit der Reise des Erzählers
nach England befasst, dem Bewohner einer ehemaligen Kolonie,
der seine Heimat verlässt, weil er glaubt, nur in England
Schriftsteller werden zu können, seinen Stoff und seinen
Stil zu finden. Weiter geht es um den langsamen Verfall des Herrschaftssitzes,
auf dem Naipaul wohnt. Der degenerierte Zustand seines Vermieters
spiegelt dabei den Niedergang des britischen Empires als Kolonialmacht.
Menschen, Landschaften, Zeiten
Kaum ein Schriftsteller hat wohl die
Gabe, Menschen und die Landschaften, in denen sie leben, so kühl,
distanziert und doch in all ihrer Verletzlichkeit darzustellen
und zu kommentieren. Freudlos, bitter, zynisch, könnte man
Naipauls Analysen von Menschen, Landschaft und Zeit nennen, oder
auch, ist man ihm wohlgesinnt, realistisch, weitsichtig, unbestechlich.
Immer erweist sich Naipaul aber als akkurater Beobachter, der
seine Leser durch flüssige und dabei unglaublich schlichte,
fast durchsichtige Prosa in seinen Bann zieht. "Das Rätsel
der Ankunft" mag wohl der Roman Naipauls sein, mit dem sich
auch seine Kritiker, die ihm Zynismus, Arroganz und mangelnde
Solidarisierung mit der 3. Welt vorwerfen, am ehesten anfreunden
können. Wortreich, von einer melancholischen Grundstimmung
durchzogen, mit einem Schwerpunkt auf der Beschreibung schlichter
Dinge statt dem Nachvollzug weltbewegender Ereignisse, setzt
"Das Rätsel der Ankunft" in seiner Langsamkeit
und Schlichtheit einen wunderbaren Gegenpunkt zu jeder Art von
Schnelllebigkeit. Die treffgenaue Sprache, in der vorliegenden
Übersetzung vorbildlich wiedergegeben, eröffnet einem
immer wieder einen Blick in den Reichtum von Naipauls wohl nicht
weniger differenzierten Gedanken.
Naipaul und Sebald: Brüder im Geiste
Müsste man Naipaul mit einem
anderen Autor vergleichen, würde man wohl unweigerlich bei
dem leider 2001 verstorbenen W. G. Sebald landen. In ihrem jeweils
einzigartigen Schreibstil fokussieren beide Autoren scheinbare
Nebensächlichkeiten, bewegen sich in der Geschichte und
im Leben ihrer Charaktere mit grosser Eigenwilligkeit und ohne
Anspruch auf Vollständigkeit, beschreiben genau, partiell
und scheinbar absichtslos. Immer wieder stellen sie sich die
Frage nach Identität und porträtieren Heimatlose. Wie
Naipaul ist auch Sebald nach England eingewandert, wie Naipaul
in "Das Rätsel der Ankunft" beschäftigt sich
auch Sebald in seinem ebenfalls autobiografisch angehauchten
"Die Ringe des Saturn" mit der englischen Landschaft
und dem Verfall einstiger Grösse. Beide Autoren führen
ihre Leser ohne grosse Gesten, ohne Brimbamborium durch ihre
schlichten und doch hintergründigen Romane, und doch kann
man sich ihrer Wortkunst, und im Fall Sebalds seinen überlangen
Sätzen im ganz eigenen Rhythmus, kaum entziehen. Beide zwingen
ihre Leserinnen zur Langsamkeit, das Lesen wird ein Prozess,
der keine Beschleunigung erträgt, jedes Wort, jeder Satz
ist ein Genuss und kann wieder und wieder gelesen werden, ohne
von seinem Zauber zu verlieren. Hier treffen sich zwei Autoren,
deren Herkunft unterschiedlicher nicht sein könnten, in
einem Land und in einem Geiste.
"Das Rätsel der Ankunft" ist
nicht nur eine wunderschöne Beschreibung des englischen
Landes sondern auch eine kluge, unpolemische Auseinandersetzung
mit dem Kolonialismus und der damit verbundenen Heimatlosigkeit
eines zwar kosmopolitischen, aber nirgendwo richtig heimischen
Autoren. Wer stille, unprätentiöse Bücher und
/ oder W. G. Sebald mag, wird von "Das Rätsel der Ankunft"
nicht enttäuscht werden.
512 Seiten, CHF 16.50
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