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Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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V. S. Naipaul: "Das Rätsel der Ankunft" (Roman) | List
Inder aus Trinidad in englischem Tal

1990 wurde er von der Queen geadelt und heisst seither mit vollem Namen Sir Vidiadhar Surajprasad Naipaul. 2001 erhielt er den Nobelpreis für sein Gesamtwerk. V. S. Naipaul ist kein kleiner Fisch im Literaturteich, auch wenn auf das hier vorgestellte Buch "Das Rätsel der Ankunft" Adjektive zutreffen wie: unaufdringlich, schlicht, behutsam. Doch manchmal sind es genau solche Werke, die fesseln und faszinieren wie wenig andere.

Von Sandra Despont.

Der autobiographisch geprägte Roman des Nobelpreisträgers Naipaul ist ein Buch der leisen Töne, das von Ankunft und Leben in einem kleinen Tal in Südengland erzählt. Durch die Reise nach England, in das "Mutterland" der ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien, wird der Erzähler zum Zeugen des Verfalls und Untergangs eines altenglischen Herrschaftssitzes und der mit ihm verbundenen Familie. In fünf Teilen befasst sich Naipaul mit verschiedenen Aspekten des Ankommens an einem geografischen Ort und dem Leben dort, aber auch mit dem Ankommen an einem Ort der Ruhe und der schicksalhaften Bestimmung. Dass er dabei nicht chronologisch vorgeht, sondern von ersten, scheinbar nebensächlichen Beobachtungen und Beschreibungen langsam seine Kreise zu ziehen und geografisch und zeitlich weiter auszugreifen beginnt, verleiht dem Roman seinen besonderen Reiz. Das Tal in England ist so Mittel- Ausgangs- und Ruhepunkt für Naipauls persönlichen und doch zu allgemein gültigen Betrachtungen über die Suche nach der eigenen Identität, einem Platz im Leben und über den allgegenwärtigen und unaufhaltsamen Wandel, der in der Verkleidung von Zerstörung und Zerfall daherkommt.

Ein tapferer und frommer Akt: Die Fahrt ins Pub
Der erste Teil des Romans, "Jacks Garten", enthält die Beschreibung der ersten Erkundungen im Tal nicht fern von Stonehenge sowie das Portrait von einem alteingesessenen Bewohner des Tals, Jack, der angesichts des Todes den "tapfersten und auch frömmsten Akt seines Lebens" vollbringt: er fährt, todkrank wie er ist, über das unwegsame Gelände in das nächste Pub, um dort einen letzten geselligen Abend vor seinem Tod zu verbringen. Es folgt ein zweiter Teil, der sich mit der Reise des Erzählers nach England befasst, dem Bewohner einer ehemaligen Kolonie, der seine Heimat verlässt, weil er glaubt, nur in England Schriftsteller werden zu können, seinen Stoff und seinen Stil zu finden. Weiter geht es um den langsamen Verfall des Herrschaftssitzes, auf dem Naipaul wohnt. Der degenerierte Zustand seines Vermieters spiegelt dabei den Niedergang des britischen Empires als Kolonialmacht.

Menschen, Landschaften, Zeiten
Kaum ein Schriftsteller hat wohl die Gabe, Menschen und die Landschaften, in denen sie leben, so kühl, distanziert und doch in all ihrer Verletzlichkeit darzustellen und zu kommentieren. Freudlos, bitter, zynisch, könnte man Naipauls Analysen von Menschen, Landschaft und Zeit nennen, oder auch, ist man ihm wohlgesinnt, realistisch, weitsichtig, unbestechlich. Immer erweist sich Naipaul aber als akkurater Beobachter, der seine Leser durch flüssige und dabei unglaublich schlichte, fast durchsichtige Prosa in seinen Bann zieht. "Das Rätsel der Ankunft" mag wohl der Roman Naipauls sein, mit dem sich auch seine Kritiker, die ihm Zynismus, Arroganz und mangelnde Solidarisierung mit der 3. Welt vorwerfen, am ehesten anfreunden können. Wortreich, von einer melancholischen Grundstimmung durchzogen, mit einem Schwerpunkt auf der Beschreibung schlichter Dinge statt dem Nachvollzug weltbewegender Ereignisse, setzt "Das Rätsel der Ankunft" in seiner Langsamkeit und Schlichtheit einen wunderbaren Gegenpunkt zu jeder Art von Schnelllebigkeit. Die treffgenaue Sprache, in der vorliegenden Übersetzung vorbildlich wiedergegeben, eröffnet einem immer wieder einen Blick in den Reichtum von Naipauls wohl nicht weniger differenzierten Gedanken.

Naipaul und Sebald: Brüder im Geiste
Müsste man Naipaul mit einem anderen Autor vergleichen, würde man wohl unweigerlich bei dem leider 2001 verstorbenen W. G. Sebald landen. In ihrem jeweils einzigartigen Schreibstil fokussieren beide Autoren scheinbare Nebensächlichkeiten, bewegen sich in der Geschichte und im Leben ihrer Charaktere mit grosser Eigenwilligkeit und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, beschreiben genau, partiell und scheinbar absichtslos. Immer wieder stellen sie sich die Frage nach Identität und porträtieren Heimatlose. Wie Naipaul ist auch Sebald nach England eingewandert, wie Naipaul in "Das Rätsel der Ankunft" beschäftigt sich auch Sebald in seinem ebenfalls autobiografisch angehauchten "Die Ringe des Saturn" mit der englischen Landschaft und dem Verfall einstiger Grösse. Beide Autoren führen ihre Leser ohne grosse Gesten, ohne Brimbamborium durch ihre schlichten und doch hintergründigen Romane, und doch kann man sich ihrer Wortkunst, und im Fall Sebalds seinen überlangen Sätzen im ganz eigenen Rhythmus, kaum entziehen. Beide zwingen ihre Leserinnen zur Langsamkeit, das Lesen wird ein Prozess, der keine Beschleunigung erträgt, jedes Wort, jeder Satz ist ein Genuss und kann wieder und wieder gelesen werden, ohne von seinem Zauber zu verlieren. Hier treffen sich zwei Autoren, deren Herkunft unterschiedlicher nicht sein könnten, in einem Land und in einem Geiste.

"Das Rätsel der Ankunft" ist nicht nur eine wunderschöne Beschreibung des englischen Landes sondern auch eine kluge, unpolemische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und der damit verbundenen Heimatlosigkeit eines zwar kosmopolitischen, aber nirgendwo richtig heimischen Autoren. Wer stille, unprätentiöse Bücher und / oder W. G. Sebald mag, wird von "Das Rätsel der Ankunft" nicht enttäuscht werden.

512 Seiten, CHF 16.50


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