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Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Thomas Kunst: "Sonntage ohne Unterschrift" (Roman) | Tisch 7
Neues von der Liebe

"Sonntage ohne Unterschrift" in klassischer Manier zu rezensieren, nein, das geht nicht. Nicht nur, dass es bereits schwierig wäre, eine neutrale Inhaltsangabe zu geben, nein, es wäre diesem tollen Buch gegenüber auch nicht fair, es wie jedes andere zu behandeln. Deshalb bleibt nur eine Form der Besprechung: ein persönlicher Lesebericht.

Von Lukas Hunziker.

Wahrscheinlich komme ich aber trotzdem nicht darum herum, in einem Satz zu sagen, um was es in "Sonntage ohne Unterschrift" geht. Also gut, versuchen wir es mal: In einem Hotel in New York schreibt ein Mann an, über und für seine Geliebte, eine Frau namens Jeaujeau, erinnert sich an eine gemeinsame Zeit, spricht von sich, von ihr und von Liebe. Viel sagt dies gewiss nicht über das Buch aus und ich bin mir nicht einmal sicher, ob alles an dieser Inhaltsangabe wahr ist.

Verspielt und Lyrisch
Es ist schwer festzumachen, was den Roman zu dem genialen Buch macht, das es ist. Was sicher auffällt und auch gefällt, sind die vielen Wortneuschöpfungen, die Sprachspiele, die ungewöhnlichen Verknüpfungen von Wörtern, Bildern und Sätzen. Thomas Kunst ist ein mehrfach ausgezeichneter Lyriker, und das merkt man dem Roman an. Viele Passagen lesen sich wie Gedichte, einige sind Gedichte. Es gibt keinen, aber auch gar keinen Satz, der irgendwie klischiert ist und das, obwohl es um ein so uraltes Thema wie die Liebe geht. Mir fällt seit Ingeborg Bachmann keine Schriftstellerin und kein Schriftsteller ein, die/der so neu und schön von Liebe schreiben kann. Und das hat Konsequenzen.

Der perfekte Name
Noch während ich das Buch las und noch lange nachdem ich es gelesen hatte, konnte ich nicht anders, als verliebt sein. Unglücklich zwar, aber das ist ja oft besser als glücklich. In wen? Keine Ahnung. In Jeaujeau, in alle Frauen der Welt, in alle Frauen, die ich für meine Jeaujeaus halte. Den Namen hätte Thomas Kunst ohnehin nicht besser wählen können. Jeaujeau. Ebenso poetisch wie der Name ist das ganze Buch. Dieses kann man problemlos mehrmals lesen, obwohl es voll von Wiederholungen ist, von denselben Motiven und Bildern. Über manche Sätze kann man schlicht nicht hinweg lesen, man muss sie nochmals lesen, sie laut lesen, um sie zu geniessen. Mit 160 Seiten scheint der Roman auf den ersten Blick eher kurz, aber ihn zu lesen wie jeden anderen Roman wäre blasphemisch und unverzeihbar. Stopp, langsam wird das hier pathetisch.

Und gleich nochmals
Aber auch das ist okay, warum nicht mal ins Schwärmen geraten? Das Buch verdient es. Wäre man nicht von der grossartigen Sprache eingeschüchtert, möchte man beinahe selbst zu schreiben beginnen, wieder einmal versuchen, schön von der Liebe zu sprechen und diese Sehnsucht, die das Buch heraufbeschwört, festzuhalten. Sollte sie dennoch entfliehen, muss man das Buch nur wieder in die Hand nehmen. Ich habe ohnehin schon ein schlechtes Gewissen, da ich glaube, das Buch nicht gut genug gelesen zu haben. Ich bin es ihm schuldig, mich ihm nochmals zu widmen. Es ist sowieso schon klar, dass es das Buch in die Liste meiner zwanzig Lieblingsbücher geschafft hat.

Was bleibt zu sagen? Eigentlich nichts. Dass man das Buch lesen sollte. Aber das sollte ja inzwischen klar geworden sein. Vielleicht noch ein letzter Versuch, ein Fazit für all jene zu ziehen, die nur diesen Abschnitt hier lesen, da sie eben darin ein Fazit erwarten: Thomas Kunsts "Sonntage ohne Unterschrift" ist eine wunderschöne Liebesgeschichte, geschrieben in einer Sprache, der jede noch so lobende Beschreibung kaum gerecht wird. Ein Anwärter für unser Buch des Jahres.

Zum Autor
Thomas Kunst wurde 1964 in Stralsund geboren, machte sein Abitur und zog 1986 nach Leipzig, wo er Pädagogik studierte. Er brach das Studium jedoch ab und wurde Bibliotheksassistent in der deutschen Bücherei Leipzig. Sein erstes Buch veröffentlichte er 1991. Neben der Literatur beschäftigt er sich auch gern und intensiv mit improvisierter Musik. Er hat bisher fünf Gedichtbände, zwei Romane, eine Erzählung sowie zwei Musik-CDs veröffentlicht.

160 Seiten, CHF 32.70

Im Archiv:
Thomas Kunst: "Was wäre ich am Fenster ohne Wale"


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