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Thomas Kunst: "Sonntage ohne Unterschrift"
(Roman) | Tisch 7
Neues von der Liebe
"Sonntage ohne Unterschrift"
in klassischer Manier zu rezensieren, nein, das geht nicht. Nicht
nur, dass es bereits schwierig wäre, eine neutrale Inhaltsangabe
zu geben, nein, es wäre diesem tollen Buch gegenüber
auch nicht fair, es wie jedes andere zu behandeln. Deshalb bleibt
nur eine Form der Besprechung: ein persönlicher Lesebericht.
Von Lukas Hunziker.
Wahrscheinlich komme ich aber trotzdem nicht
darum herum, in einem Satz zu sagen, um was es in "Sonntage
ohne Unterschrift" geht. Also gut, versuchen wir es mal:
In einem Hotel in New York schreibt ein Mann an, über und
für seine Geliebte, eine Frau namens Jeaujeau, erinnert
sich an eine gemeinsame Zeit, spricht von sich, von ihr und von
Liebe. Viel sagt dies gewiss nicht über das Buch aus und
ich bin mir nicht einmal sicher, ob alles an dieser Inhaltsangabe
wahr ist.
Verspielt und Lyrisch
Es ist schwer festzumachen, was den Roman zu dem genialen Buch
macht, das es ist. Was sicher auffällt und auch gefällt,
sind die vielen Wortneuschöpfungen, die Sprachspiele, die
ungewöhnlichen Verknüpfungen von Wörtern, Bildern
und Sätzen. Thomas Kunst ist ein mehrfach ausgezeichneter
Lyriker, und das merkt man dem Roman an. Viele Passagen lesen
sich wie Gedichte, einige sind Gedichte. Es gibt keinen, aber
auch gar keinen Satz, der irgendwie klischiert ist und das, obwohl
es um ein so uraltes Thema wie die Liebe geht. Mir fällt
seit Ingeborg Bachmann keine Schriftstellerin und kein Schriftsteller
ein, die/der so neu und schön von Liebe schreiben kann.
Und das hat Konsequenzen.
Der perfekte Name
Noch während ich das Buch las und noch lange nachdem ich
es gelesen hatte, konnte ich nicht anders, als verliebt sein.
Unglücklich zwar, aber das ist ja oft besser als glücklich.
In wen? Keine Ahnung. In Jeaujeau, in alle Frauen der Welt, in
alle Frauen, die ich für meine Jeaujeaus halte. Den Namen
hätte Thomas Kunst ohnehin nicht besser wählen können.
Jeaujeau. Ebenso poetisch wie der Name ist das ganze Buch. Dieses
kann man problemlos mehrmals lesen, obwohl es voll von Wiederholungen
ist, von denselben Motiven und Bildern. Über manche Sätze
kann man schlicht nicht hinweg lesen, man muss sie nochmals lesen,
sie laut lesen, um sie zu geniessen. Mit 160 Seiten scheint der
Roman auf den ersten Blick eher kurz, aber ihn zu lesen wie jeden
anderen Roman wäre blasphemisch und unverzeihbar. Stopp,
langsam wird das hier pathetisch.
Und gleich nochmals
Aber auch das ist okay, warum nicht mal ins Schwärmen geraten?
Das Buch verdient es. Wäre man nicht von der grossartigen
Sprache eingeschüchtert, möchte man beinahe selbst
zu schreiben beginnen, wieder einmal versuchen, schön von
der Liebe zu sprechen und diese Sehnsucht, die das Buch heraufbeschwört,
festzuhalten. Sollte sie dennoch entfliehen, muss man das Buch
nur wieder in die Hand nehmen. Ich habe ohnehin schon ein schlechtes
Gewissen, da ich glaube, das Buch nicht gut genug gelesen zu
haben. Ich bin es ihm schuldig, mich ihm nochmals zu widmen.
Es ist sowieso schon klar, dass es das Buch in die Liste meiner
zwanzig Lieblingsbücher geschafft hat.
Was bleibt zu sagen? Eigentlich nichts. Dass
man das Buch lesen sollte. Aber das sollte ja inzwischen klar
geworden sein. Vielleicht noch ein letzter Versuch, ein Fazit
für all jene zu ziehen, die nur diesen Abschnitt hier lesen,
da sie eben darin ein Fazit erwarten: Thomas Kunsts "Sonntage
ohne Unterschrift" ist eine wunderschöne Liebesgeschichte,
geschrieben in einer Sprache, der jede noch so lobende Beschreibung
kaum gerecht wird. Ein Anwärter für unser Buch des
Jahres.
Zum Autor
Thomas Kunst wurde 1964 in Stralsund
geboren, machte sein Abitur und zog 1986 nach Leipzig, wo er
Pädagogik studierte. Er brach das Studium jedoch ab und
wurde Bibliotheksassistent in der deutschen Bücherei Leipzig.
Sein erstes Buch veröffentlichte er 1991. Neben der Literatur
beschäftigt er sich auch gern und intensiv mit improvisierter
Musik. Er hat bisher fünf Gedichtbände, zwei Romane,
eine Erzählung sowie zwei Musik-CDs veröffentlicht. |
160 Seiten, CHF 32.70
Im Archiv:
Thomas
Kunst: "Was wäre ich am Fenster ohne Wale"
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