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Kai Meyer: "Loreley" (Historischer
Roman) | Bastei Lübbe
Titania steh uns bei!
In eine Geschichte um Liebe, Zauberei,
Musik, Tod und Weltbedrohung angesiedelt in der Welt des Mittelalters
verführt Kai Meyer den Leser in seinem historischen Roman
"Loreley" mithilfe eines beeindruckenden Figurenpersonals,
das nicht immer menschlich ist. Es mag sich hier vielleicht um
Trivialliteratur handeln, aber himmeldonnerwetternochmal dieses
Buch schlägt voll ein.
Von Petra Gehrmann.
Ich weiss nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn
Heines Gedicht über die Loreley ist wohl
der bekannteste Vertreter des allgemein bekannten Loreley Mythos.
Doch wer hätte geahnt, dass es sich dabei nicht um eine
alte Sage handelt, sondern eine neuerer Zeit, und wie könnte
es denn auch anders sein, von einem Romantiker erster Güte:
Clemens Brentano. Dies und mehr erfährt der geneigte Leser
im erhellenden Nachwort von Kai Meyers Roman. Und es ist auch
gut so, denn von der schönen Jungfrau, die siegend auf dem
Felsen am Rhein eine solche Wirkung auf den Schiffer hat:
Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh'.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley gethan.
ist in diesem Roman trotz des Titels nicht
die Rede.
Zwar spielt der erste Teil der Handlung am heutigen Loreleyfelsen,
doch finden sich kaum mehr Gemeinsamkeiten (Ausnahme ist das
kleine blonde Mädchen), allerdings ist Meyers Geschichte
nicht weniger dramatisch.
"Der Faden im Labyrinth"
Anno dazumal: Ailis, ein junges Mädchen,
hat ein aussergewöhnliches Gehör. Deshalb nimmt ihr
Vater sie mit auf die Jagd, doch nicht auf eine der Tiere. Ein
kleines blondes Mädchen wird gejagt und Ailis muss hilflos
mit ansehen, wie sie dieses Geschöpf in einen vergitterten
Felsenschacht sperren und muss schwören nie ein Wort über
das Geschehene verlauten zu lassen. Die Jahre vergehen und plötzlich
hört Ailis lockende Töne, ein Gesang, der sie den Lurinfelsen
erklimmen und den Schacht wieder finden lässt. Das Mädchen
ist immer noch da, schmutzig doch lebendig. Und es will den Schlüssel
zu dem Gitter, es lockt Ailis, lullt sie mit Tönen ein,
und Ailis ist sich auf einmal nicht mehr sicher was für
ein Wesen in diesem Schacht sitzt. Die Ereignisse überschlagen
sich als Ailis gezwungen den Schlüssel bringt und ihre Herzensfreundin
Fee das Gitter aufschliesst. Der Körper von Fee wird zum
Wirt des nun freien Wesens. Das nun freie Echo, den um ein solches
handelt es sich, hat die Macht mit seinen magischen Gesängen
die ganze Welt in Bann zu schlagen und Fee zerstören. Es
gibt nur noch einen Weg dies zu verhindern, Ailis muss sich auf
den Weg der Spielmänner begeben...
"Immer dem Faden nach"
Das Werk ist in zwei Teile gegliedert, dessen zweiter Teil beherrscht
wird von den Spielleuten. Auch bei diesen handelt es sich um
einen beliebten Sagenstoff, man denke an den Rattenfänger
von Hameln, und ihrer Musik. Mayer gewährt einen faszinierenden
Einblick in das Leben der Spielmänner im Mittelalter und
ihrer Gepflogenheiten. Mit dem Blickpunkt auf die Spielleute
bekommt die Musik und die von ihr ausgehenden Macht eine tragende
Rolle. Das Geheimnis der Musik ist die Musik hinter der Musik,
eine leise Melodie, die nur besondere Menschen hören können
und die den Zugang zu den Spielmannswegen ermöglicht. Das
Ende ist somit das Geheimnis der Musik.
Neue Fiktion und alte Fiktion
Dass im Lurinfelsen das Echo sitzt,
ist ein Teil, diesmal wirklich, alter Überlieferungen. Der
Felsen ist dafür bekannt, dass er ein starkes Echo hervorruft
(heute soll es durch Tunnel und Bauarbeiten zerstört worden
sein) und dafür wurden die im Felsen lebenden Feen und Zwerge
verantwortlich gemacht. Meyer verknüpft geschickt alte Sagenteile
miteinander und mit neuen Interpretationen. Dabei ist nicht immer
klar, was nun was ist, doch tut dies dem Lesespass keinen Abbruch,
vielmehr verdankt seine Erzählung ihren Reiz der Verankerung
in den alten Mythen. So handelt es sich bei ihm beim Brunnenschacht,
nichts ist wie es scheint, um ein Tor in das Reich der Titania,
der Königin der Feen, und das Echo ist sein Wächter.
Es lässt sich die Frage stellen, ob bei einer solchen Verwebung
von Phantastischem und Überlieferungen, die Gattungsbezeichnung
historischer Roman angebracht ist. Doch der Roman verdient diesen
Namen durch das Aufzeigen alter Rittersitten (wie die Tradition,
das die Tochter des Gastgebers die Nacht im selben Bett wie der
Gast verbringen muss), dem Leben auf einer Burg und dem Miteinbeziehen
der Bewegung um Fra Dolcino.
Reinste Erzählfreude in diesem episch
angelegten historischen Roman verbinden sich mit einem unglaublichen
Erzähltempo, trotz der 460 Seiten geht es Schlag auf Schlag.
Die Figuren sind liebevoll gezeichnet, die Landschaft und das
Milieu wirken lebendig: eine neue Welt wird erschaffen, die bis
zur letzten Seite spannend ist. Dieses Werk zeichnet sich vor
allem durch seinen reichen Erzählstoff und seine Verknüpfung
zu alten Überlieferungen und ist für Sagenfans ein
absolutes Muss.
460 Seiten, CHF 14.70
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