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Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kai Meyer: "Loreley" (Historischer Roman) | Bastei Lübbe
Titania steh uns bei!

In eine Geschichte um Liebe, Zauberei, Musik, Tod und Weltbedrohung angesiedelt in der Welt des Mittelalters verführt Kai Meyer den Leser in seinem historischen Roman "Loreley" mithilfe eines beeindruckenden Figurenpersonals, das nicht immer menschlich ist. Es mag sich hier vielleicht um Trivialliteratur handeln, aber himmeldonnerwetternochmal dieses Buch schlägt voll ein.

Von Petra Gehrmann.

Ich weiss nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn

Heines Gedicht über die Loreley ist wohl der bekannteste Vertreter des allgemein bekannten Loreley Mythos. Doch wer hätte geahnt, dass es sich dabei nicht um eine alte Sage handelt, sondern eine neuerer Zeit, und wie könnte es denn auch anders sein, von einem Romantiker erster Güte: Clemens Brentano. Dies und mehr erfährt der geneigte Leser im erhellenden Nachwort von Kai Meyers Roman. Und es ist auch gut so, denn von der schönen Jungfrau, die siegend auf dem Felsen am Rhein eine solche Wirkung auf den Schiffer hat:

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh'.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley gethan.

ist in diesem Roman trotz des Titels nicht die Rede.
Zwar spielt der erste Teil der Handlung am heutigen Loreleyfelsen, doch finden sich kaum mehr Gemeinsamkeiten (Ausnahme ist das kleine blonde Mädchen), allerdings ist Meyers Geschichte nicht weniger dramatisch.

"Der Faden im Labyrinth"
Anno dazumal: Ailis, ein junges Mädchen, hat ein aussergewöhnliches Gehör. Deshalb nimmt ihr Vater sie mit auf die Jagd, doch nicht auf eine der Tiere. Ein kleines blondes Mädchen wird gejagt und Ailis muss hilflos mit ansehen, wie sie dieses Geschöpf in einen vergitterten Felsenschacht sperren und muss schwören nie ein Wort über das Geschehene verlauten zu lassen. Die Jahre vergehen und plötzlich hört Ailis lockende Töne, ein Gesang, der sie den Lurinfelsen erklimmen und den Schacht wieder finden lässt. Das Mädchen ist immer noch da, schmutzig doch lebendig. Und es will den Schlüssel zu dem Gitter, es lockt Ailis, lullt sie mit Tönen ein, und Ailis ist sich auf einmal nicht mehr sicher was für ein Wesen in diesem Schacht sitzt. Die Ereignisse überschlagen sich als Ailis gezwungen den Schlüssel bringt und ihre Herzensfreundin Fee das Gitter aufschliesst. Der Körper von Fee wird zum Wirt des nun freien Wesens. Das nun freie Echo, den um ein solches handelt es sich, hat die Macht mit seinen magischen Gesängen die ganze Welt in Bann zu schlagen und Fee zerstören. Es gibt nur noch einen Weg dies zu verhindern, Ailis muss sich auf den Weg der Spielmänner begeben...

"Immer dem Faden nach"
Das Werk ist in zwei Teile gegliedert, dessen zweiter Teil beherrscht wird von den Spielleuten. Auch bei diesen handelt es sich um einen beliebten Sagenstoff, man denke an den Rattenfänger von Hameln, und ihrer Musik. Mayer gewährt einen faszinierenden Einblick in das Leben der Spielmänner im Mittelalter und ihrer Gepflogenheiten. Mit dem Blickpunkt auf die Spielleute bekommt die Musik und die von ihr ausgehenden Macht eine tragende Rolle. Das Geheimnis der Musik ist die Musik hinter der Musik, eine leise Melodie, die nur besondere Menschen hören können und die den Zugang zu den Spielmannswegen ermöglicht. Das Ende ist somit das Geheimnis der Musik.

Neue Fiktion und alte Fiktion
Dass im Lurinfelsen das Echo sitzt, ist ein Teil, diesmal wirklich, alter Überlieferungen. Der Felsen ist dafür bekannt, dass er ein starkes Echo hervorruft (heute soll es durch Tunnel und Bauarbeiten zerstört worden sein) und dafür wurden die im Felsen lebenden Feen und Zwerge verantwortlich gemacht. Meyer verknüpft geschickt alte Sagenteile miteinander und mit neuen Interpretationen. Dabei ist nicht immer klar, was nun was ist, doch tut dies dem Lesespass keinen Abbruch, vielmehr verdankt seine Erzählung ihren Reiz der Verankerung in den alten Mythen. So handelt es sich bei ihm beim Brunnenschacht, nichts ist wie es scheint, um ein Tor in das Reich der Titania, der Königin der Feen, und das Echo ist sein Wächter. Es lässt sich die Frage stellen, ob bei einer solchen Verwebung von Phantastischem und Überlieferungen, die Gattungsbezeichnung historischer Roman angebracht ist. Doch der Roman verdient diesen Namen durch das Aufzeigen alter Rittersitten (wie die Tradition, das die Tochter des Gastgebers die Nacht im selben Bett wie der Gast verbringen muss), dem Leben auf einer Burg und dem Miteinbeziehen der Bewegung um Fra Dolcino.

Reinste Erzählfreude in diesem episch angelegten historischen Roman verbinden sich mit einem unglaublichen Erzähltempo, trotz der 460 Seiten geht es Schlag auf Schlag. Die Figuren sind liebevoll gezeichnet, die Landschaft und das Milieu wirken lebendig: eine neue Welt wird erschaffen, die bis zur letzten Seite spannend ist. Dieses Werk zeichnet sich vor allem durch seinen reichen Erzählstoff und seine Verknüpfung zu alten Überlieferungen und ist für Sagenfans ein absolutes Muss.

460 Seiten, CHF 14.70


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