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Heine J. Dietiker: "Papanonna" (Roman)
| Edition 8
Das Familiengeheimnis oder wie meine Grossmutter Papst
wurde
Spätestens seit dem Erfolgsthriller
"Sakrileg" steht die Frage um die Rolle, die Frauen
in der christlichen Geschichte und Religion spielen und gespielt
haben, im Raum und auch das vorliegende Werk befasst sich auf
seine ganz eigene Weise mit dieser Frage. Doch wer einen Skandalroman
erwartet, liegt falsch. Vielmehr handelt es sich um ein Werk,
das die menschliche Natur allgemein hinterfragt, zu Gedanken
anregt und doch auch immer wieder zum Schmunzeln oder sogar laut
Lachen verführt.
Von Claudia Wehrli.
In einem Sanatorium, man könnte auch
sagen Spital, für alte Leute begegnet der Leser dem Ich-Erzähler
Giovanni di Stefano zum ersten Mal. Er teilt sich sein Zimmer
mit dem schwerreichen Unternehmer Bassi, der es Giovanni auch
seit geraumer Zeit mit seinem Reichtum ermöglicht, weiterzuleben.
Die beiden Patienten sind mit vielen Kabeln und Schläuchen
an lebenserhaltenden Maschinen angeschlossen, doch davon abgesehen
sind die beiden putzmunter. Bassi ist schon seit längerer
Zeit erpicht darauf, endlich di Stefanos Familiengeheimnis zu
erfahren und als der Unternehmer Giovanni eine Bluterneuerung
spendiert, beginnt dieser tatsächlich zu erzählen.
Seine Gedanken schweifen weit in die Vergangenheit ab, die in
etwa unserer heutigen Gegenwart entsprechen dürfte. Alles
begann damit, dass der Papst stirbt. Giovannis Grossonkel Vico
di Stefano ist Kardinal und hat gute Chancen, zum neuen Kirchenoberhaupt
gewählt zu werden. Doch unglücklicherweise segnet auch
Vico nicht lange nach dem Papst das Zeitliche und so beschliesst
die machthungrige Anführerin des di Stefano Clans, Rosa,
Vicos Zwillingsschwester Pia als Kardinal auszugeben. Prompt
gelingt die Maskerade und Pia wird zu Papst Africanus I., doch
ihr Mann Norbert ist von Pias neuer Aufgabe überhaupt nicht
begeistert, zumal auch ihm zuerst die Geschichte von Pias Tod
aufgetischt wurde wie dem Rest der Welt.
Africanus I. - der Schrecken des Vatikans
Pia als Africanus I. bringt in vielen
Bereichen einen frischen Wind in den Vatikan. Nicht nur, dass
sie immer einen Rat weiss, Heuchler sofort durchschaut und sich
nur von guten Argumenten überzeugen lässt, sie überführt
auch den päpstlichen Finanzchef des Betrugs und säubert
so gut als möglich den Vatikan von Opportunisten und radikalen
Kräften. Als sie den Amerikanischen Aussenminister trifft
und dieser eine lange, aber leere Rede über Freiheit hält
bringt sie ihn ziemlich in Verlegenheit mit der Frage, ob er
sich schon einmal überlegt habe, was Freiheit genau sei.
Leere Worte werden in dem Buch genau so angeprangert wie Selbstsucht,
Gier und Machthunger. Durch Pias Worte, ihre Taten und auch durch
die Reflexionen Giovannis wird der Leser ebenfalls dazu angeregt,
sich Gedanken über sein Leben und die gegenwärtige
Lage der Welt zu machen, jedoch nicht mit einem anklagenden Fingerzeig,
sondern mit einem beinahe liebevollen Anstoss.
Potential zum Klassiker
Der vorliegende Roman hat durchaus Klassikerqualitäten.
Der Erzählstil ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig,
mit jedem neuen Paragraphen wechselt auch der Schauplatz hin
und her von Rom nach Köln, dem Gut der di Stefanos, Südfrankreich,
Afrika und in die Zukunft. Hat man sich jedoch erst einmal an
die Erzählstruktur gewöhnt lernt man sie schätzen.
Die Charaktere sind nachvollziehbar und liebevoll gezeichnet,
die Wortwahl mutet zum Teil etwas seltsam an, doch sie beeinträchtigt
den Erzählfluss nicht. Der Roman bringt den Leser des Öfteren
zum Lachen, vor allem Pias gewitzter Umgang mit anderen Leuten
ist ein wahres Vergnügen. Ein Buch, das sich ausgezeichnet
als Hängematten- oder Zugbuch eignet.
304 Seiten, CHF 37.00
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