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Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tod und Jenseitsvorstellungen in den Religionen und Kulturen - Teil 3: Judentum
Leben nach dem Tod - Wen kümmerts?

Von Sandra Despont.

Der jüdische Glaube ist stark von der Bejahung des Diesseits und dem grossen Wert, der dem Leben zugeschrieben wird, geprägt. Das Leben wird als Geschenk Gottes angenommen und geehrt und nicht bloss als Vorspiel zum eigentlichen, besseren Leben nach dem Tod gesehen. Der Tod als Endpunkt des Lebens ist natürlich, unvermeidlich und tragisch. Das Leben geniessen und es in den Dienst Gottes stellen lautet also das Motto. Dazu passt, dass die frühen Schriften des Judentums keine einheitlichen Schlüsse auf das Leben nach dem Tod zulassen - wenn es denn überhaupt eines gibt. Die selbstverständliche Akzeptanz des Todes hindert jüdische Gläubige aber natürlich nicht daran, sich mit dem Tod zu befassen.

Die traumhafte Aussiccht der Verstorbenen auf Jerusalem

Versammlung bei den Vätern oder doch Auferstehung?
Lange spielte der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod im Judentum fast keine Rolle. Die biblischen Schriften sprachen davon, dass fromme Menschen "bei ihren Vätern versammelt" würden. Was dies aber bedeutete, war nicht klar und wurde theologisch auch nicht intensiv gedeutet. Der Glaube an den einen Gott war das Thema, nicht das Leben nach dem Tod. Vor der Babylonischen Gefangenschaft der Israeliten im 6. Jahrhundert v. Chr. ging der Volksglaube zwar davon aus, dass der Geist eines Menschen nach dem Tod weiterlebt, in den offiziellen schriftlichen und mündlichen Überlieferungen spielte diese Vorstellung aber kaum eine Rolle. Die Quellen sprechen eher von einer geradezu gleichgültigen Haltung gegenüber dem Tod. Selbst wenn eine Art Nach- oder Unterwelt angenommen wird, wird nicht davon ausgegangen, dass die Toten dort Lohn bzw. Strafe erwartet. Erst in den letzten Jahrhunderten vor der Zeitenwende kam der Glaube an die Auferstehung auf. Die Diskussion um das Jenseits entbrannte dann aber vor allem nach 70 n. Chr, als die Römer Jerusalem erobert, den zweiten Tempel zerstört hatten und die Juden in die Diaspora zerstreut waren. Durch den Einfluss anderer Kulturen kamen nun Paradies- und Höllenvorstellungen vermehrt ins Gespräch, welche von der rabbinischen Literatur ausführlich behandelt wurden. Die Unterwelt "Scheol" wurde für viele Juden zu einem Ort der Vergeltung für im Leben begangene Sünden und es verbreitete sich die Erwartung der Auferstehung und des ewigen Lebens der Gerechten in der Nähe Gottes.

"Einen Tag vor dem Tod kehre um!"
Trotzdem liegt der Fokus weiterhin auf dem Leben im Diesseits, denn die Gegenwart Gottes und sein Segen können nur im Leben gefunden werden. Der Tod bedeutet primär, dass der Gläubige nicht mehr in der Lage ist, Gott zu verehren und ist deshalb zu beklagen. Daraus folgt die Ablehnung von Selbstmord, Sterbehilfe, aber auch der kultischen Totenverehrung und des Märtyrertums. Das Leben soll ohne Angst vor dem Tod gelebt werden, jedoch so, dass der Mensch jederzeit bereit ist, abberufen zu werden. So habe Rabbi Elieser seinen Schülern geraten: "Einen Tag vor dem Tode kehre um!" Auf die Frage eines Schülers, ob man denn wisse, welcher Tag der Tag vor dem Tod sei, habe der Rabbi erklärt: "Um so mehr kehre er noch heute um, falls er morgen sterben sollte. So verbringt er all seine Tage in Umkehr." Statt sie zu deprimieren, bringt diese Unmittelbarkeit und Unvermeidbarkeit des Todes jüdische Gläubige in ein enges Verhältnis zum Leben und zur intensiven Beschäftigung mit dessen moralischen Dimensionen. Der Umgang mit dem Sterben und den Toten ist aber dennoch minutiös geregelt.

Einfach und Schnell
Wie in anderen Religionen ist im Judentum zentral, dass der Sterbende nicht allein gelassen wird. Seit dem Mittelalter verfügen viele jüdische Gemeinden deshalb über Vereine, die sich dem Besuch und der Pflege von Kranken widmen. Der Sterbende wird, sofern er dazu in der Lage ist, kurz vor seinem Tod aufgefordert, das Schuldbekenntnis und das Glaubensbekenntnis Schma Israel zu sprechen. Ist der Tod eingetreten, werden Mund und Augen des Toten geschlossen und spätestens jetzt wird traditionellerweise die "Chewra Kaddischa" informiert, der Beerdigungsverein der jüdischen Gemeinde. Die Mitglieder dieser über 600 Jahre alten Gemeinschaft nehmen die rituelle Unreinheit auf sich, die durch die Berührung des Toten entsteht. Der Leichnam wird nun unter Rezitation von Psalmen und Gebeten gewaschen und angekleidet. Früher haben sich die Trauerfamilien offenbar in prächtigen und kostspieligen Totengewändern übertreffen wollen und sind dabei teilweise an den Rand der Armut geraten. Heute ist jeglicher Pomp bei der Bestattung untersagt. Das Totengewand ist einheitlich, weiss und trägt keine Abzeichen des sozialen Status des Toten. Männer bekommen zusätzlich ihren Tallit, den Gebetsschal umgelegt. Allerdings werden an einer Ecke die Schaufäden abgeschnitten, um den Tallit unbrauchbar zu machen, denn der Tote kann die religiösen Pflichten ja nicht mehr erfüllen. Das Begräbnis fand ursprünglich innerhalb von 24 Stunden statt, heute erfolgt es so rasch als möglich. Aus Respekt vor dem Toten sind im gesetzestreuen Judentum Autopsie und Verbrennung der Leiche normalerweise untersagt.

Statt Blumen oder Kerzen werden Steine als Grabschmuck mitgebracht

Steine statt Blumen
Am Friedhof oder auch schon unmittelbar nach dem Tod reissen sich die nächsten Angehörigen des Toten als Zeichen der Trauer ihre Kleider ein, heute meist allerdings symbolisch nur eine Krawatte oder ein auf die Kleider geheftetes Band. Nach den Trauerreden und nachdem man den einfachen Sarg mit dem Toten zur Begräbnisstätte gebracht, eingelassen und völlig mit Erde bedeckt hat, spricht in der Regel der älteste Sohn des Verstorbenen das Kaddisch, ein aramäisches Gebet zur Heiligung Gottes. Dem Toten wird wenn möglich etwas Erde aus Israel mit ins Grab gegeben, so dass er wenigstens symbolisch in geheiligter Erde bestattet ist. Vor dem Verlassen des Friedhofs waschen sich die Trauergäste die Hände, denn die Vorstellung, dass die Berührung mit einem Toten verunreinigt, wurde offenbar auch auf den Besuch eines Friedhofs übertragen. Nach der Beerdigung beginnt für die nächsten Angehörigen die siebentägige Trauerzeit "Shiva". Im Trauerhaus sind die Spiegel verhängt, keine Gewürze und kein Parfüm werden gebraucht. Während der ganzen Trauerwoche wird ein Licht für den Toten brennen gelassen. Freunde und Bekannte statten Kondolenzbesuche ab. Die Trauernden sitzen auf niedrigen Stühlen oder am Boden und gehen nicht aus. Ihnen ist weitgehend untersagt zu arbeiten, sich zu waschen, sich Haare oder Nägel zu schneiden, Lederschuhe zu tragen, Schmuck anzulegen, sexuell aktiv zu sein und zu grüssen. Nach der Trauerwoche folgt die zweite Phase, Schloschim genannt, die normalerweise dreissig Tage, wenn ein Elternteil gestorben ist jedoch ein ganzes Jahr, dauert. In dieser Phase wird täglich das Kaddisch gebetet und die Trauernden meiden Hochzeiten, Tanzveranstaltungen und andere Vergnügungen. Zum Gedenken an den Toten wird fortan jedes Jahr am Todestag die "Jahrzeit" abgehalten, während der eine Kerze angezündet und das Kaddisch gesagt wird. Bei einem Friedhofsbesuch ist es nicht üblich, Blumen oder Kerzen mitzubringen. Stattdessen wird als Zeichen zum Gedenken an den Verstorbenen ein kleiner Stein auf das Grab gelegt.

Nach diesen uns doch einigermassen vertrauten und einander recht ähnlichen Vorstellungen von Sterben, Tod und dem Leben danach in Christentum, Islam und Judentum, werden wir in der nächsten Folge des "Sterben" einen Abstecher in eine uns sehr viel unvertrautere Welt machen und die Jenseitsvorstellungen im Buddhismus unter die Lupe nehmen.

Literatur:
Abramovitch, Henry: Death, in: Cohen, Arthur A. und Mendes-Flohr, Paul (Hgs.): Contemporary Jewish Religious Thought. Original Essays on Critical Concepts, Movements, and Beliefs, London: Collier Macmillan 1987.
Jacobs, Louis: Death and Burial, in: Jacobs, Louis: Jewish Religion. A Companion, Oxford: University Press 1995.
Schwikart, Georg: Tod und Trauer in den Weltreligionen, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 1999.
Stemberger, Günter: Jüdische Religion, München: Beck 1995.


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