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Tod und Jenseitsvorstellungen in den Religionen
und Kulturen - Teil 3: Judentum
Leben nach dem Tod - Wen kümmerts?
Von Sandra Despont.
Der jüdische Glaube ist stark von der
Bejahung des Diesseits und dem grossen Wert, der dem Leben zugeschrieben
wird, geprägt. Das Leben wird als Geschenk Gottes angenommen
und geehrt und nicht bloss als Vorspiel zum eigentlichen, besseren
Leben nach dem Tod gesehen. Der Tod als Endpunkt des Lebens ist
natürlich, unvermeidlich und tragisch. Das Leben geniessen
und es in den Dienst Gottes stellen lautet also das Motto. Dazu
passt, dass die frühen Schriften des Judentums keine einheitlichen
Schlüsse auf das Leben nach dem Tod zulassen - wenn es denn
überhaupt eines gibt. Die selbstverständliche Akzeptanz
des Todes hindert jüdische Gläubige aber natürlich
nicht daran, sich mit dem Tod zu befassen.
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Die traumhafte Aussiccht der Verstorbenen
auf Jerusalem |
Versammlung bei den Vätern oder doch
Auferstehung?
Lange spielte der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod im Judentum
fast keine Rolle. Die biblischen Schriften sprachen davon, dass
fromme Menschen "bei ihren Vätern versammelt"
würden. Was dies aber bedeutete, war nicht klar und wurde
theologisch auch nicht intensiv gedeutet. Der Glaube an den einen
Gott war das Thema, nicht das Leben nach dem Tod. Vor der Babylonischen
Gefangenschaft der Israeliten im 6. Jahrhundert v. Chr. ging
der Volksglaube zwar davon aus, dass der Geist eines Menschen
nach dem Tod weiterlebt, in den offiziellen schriftlichen und
mündlichen Überlieferungen spielte diese Vorstellung
aber kaum eine Rolle. Die Quellen sprechen eher von einer geradezu
gleichgültigen Haltung gegenüber dem Tod. Selbst wenn
eine Art Nach- oder Unterwelt angenommen wird, wird nicht davon
ausgegangen, dass die Toten dort Lohn bzw. Strafe erwartet. Erst
in den letzten Jahrhunderten vor der Zeitenwende kam der Glaube
an die Auferstehung auf. Die Diskussion um das Jenseits entbrannte
dann aber vor allem nach 70 n. Chr, als die Römer Jerusalem
erobert, den zweiten Tempel zerstört hatten und die Juden
in die Diaspora zerstreut waren. Durch den Einfluss anderer Kulturen
kamen nun Paradies- und Höllenvorstellungen vermehrt ins
Gespräch, welche von der rabbinischen Literatur ausführlich
behandelt wurden. Die Unterwelt "Scheol" wurde für
viele Juden zu einem Ort der Vergeltung für im Leben begangene
Sünden und es verbreitete sich die Erwartung der Auferstehung
und des ewigen Lebens der Gerechten in der Nähe Gottes.
"Einen Tag vor dem Tod kehre um!"
Trotzdem liegt der Fokus weiterhin auf dem Leben im Diesseits,
denn die Gegenwart Gottes und sein Segen können nur im Leben
gefunden werden. Der Tod bedeutet primär, dass der Gläubige
nicht mehr in der Lage ist, Gott zu verehren und ist deshalb
zu beklagen. Daraus folgt die Ablehnung von Selbstmord, Sterbehilfe,
aber auch der kultischen Totenverehrung und des Märtyrertums.
Das Leben soll ohne Angst vor dem Tod gelebt werden, jedoch so,
dass der Mensch jederzeit bereit ist, abberufen zu werden. So
habe Rabbi Elieser seinen Schülern geraten: "Einen
Tag vor dem Tode kehre um!" Auf die Frage eines Schülers,
ob man denn wisse, welcher Tag der Tag vor dem Tod sei, habe
der Rabbi erklärt: "Um so mehr kehre er noch heute
um, falls er morgen sterben sollte. So verbringt er all seine
Tage in Umkehr." Statt sie zu deprimieren, bringt diese
Unmittelbarkeit und Unvermeidbarkeit des Todes jüdische
Gläubige in ein enges Verhältnis zum Leben und zur
intensiven Beschäftigung mit dessen moralischen Dimensionen.
Der Umgang mit dem Sterben und den Toten ist aber dennoch minutiös
geregelt.
Einfach und Schnell
Wie in anderen Religionen ist im Judentum zentral, dass der Sterbende
nicht allein gelassen wird. Seit dem Mittelalter verfügen
viele jüdische Gemeinden deshalb über Vereine, die
sich dem Besuch und der Pflege von Kranken widmen. Der Sterbende
wird, sofern er dazu in der Lage ist, kurz vor seinem Tod aufgefordert,
das Schuldbekenntnis und das Glaubensbekenntnis Schma Israel
zu sprechen. Ist der Tod eingetreten, werden Mund und Augen des
Toten geschlossen und spätestens jetzt wird traditionellerweise
die "Chewra Kaddischa" informiert, der Beerdigungsverein
der jüdischen Gemeinde. Die Mitglieder dieser über
600 Jahre alten Gemeinschaft nehmen die rituelle Unreinheit auf
sich, die durch die Berührung des Toten entsteht. Der Leichnam
wird nun unter Rezitation von Psalmen und Gebeten gewaschen und
angekleidet. Früher haben sich die Trauerfamilien offenbar
in prächtigen und kostspieligen Totengewändern übertreffen
wollen und sind dabei teilweise an den Rand der Armut geraten.
Heute ist jeglicher Pomp bei der Bestattung untersagt. Das Totengewand
ist einheitlich, weiss und trägt keine Abzeichen des sozialen
Status des Toten. Männer bekommen zusätzlich ihren
Tallit, den Gebetsschal umgelegt. Allerdings werden an einer
Ecke die Schaufäden abgeschnitten, um den Tallit unbrauchbar
zu machen, denn der Tote kann die religiösen Pflichten ja
nicht mehr erfüllen. Das Begräbnis fand ursprünglich
innerhalb von 24 Stunden statt, heute erfolgt es so rasch als
möglich. Aus Respekt vor dem Toten sind im gesetzestreuen
Judentum Autopsie und Verbrennung der Leiche normalerweise untersagt.
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Statt Blumen oder Kerzen werden Steine
als Grabschmuck mitgebracht |
Steine statt Blumen
Am Friedhof oder auch schon unmittelbar
nach dem Tod reissen sich die nächsten Angehörigen
des Toten als Zeichen der Trauer ihre Kleider ein, heute meist
allerdings symbolisch nur eine Krawatte oder ein auf die Kleider
geheftetes Band. Nach den Trauerreden und nachdem man den einfachen
Sarg mit dem Toten zur Begräbnisstätte gebracht, eingelassen
und völlig mit Erde bedeckt hat, spricht in der Regel der
älteste Sohn des Verstorbenen das Kaddisch, ein aramäisches
Gebet zur Heiligung Gottes. Dem Toten wird wenn möglich
etwas Erde aus Israel mit ins Grab gegeben, so dass er wenigstens
symbolisch in geheiligter Erde bestattet ist. Vor dem Verlassen
des Friedhofs waschen sich die Trauergäste die Hände,
denn die Vorstellung, dass die Berührung mit einem Toten
verunreinigt, wurde offenbar auch auf den Besuch eines Friedhofs
übertragen. Nach der Beerdigung beginnt für die nächsten
Angehörigen die siebentägige Trauerzeit "Shiva".
Im Trauerhaus sind die Spiegel verhängt, keine Gewürze
und kein Parfüm werden gebraucht. Während der ganzen
Trauerwoche wird ein Licht für den Toten brennen gelassen.
Freunde und Bekannte statten Kondolenzbesuche ab. Die Trauernden
sitzen auf niedrigen Stühlen oder am Boden und gehen nicht
aus. Ihnen ist weitgehend untersagt zu arbeiten, sich zu waschen,
sich Haare oder Nägel zu schneiden, Lederschuhe zu tragen,
Schmuck anzulegen, sexuell aktiv zu sein und zu grüssen.
Nach der Trauerwoche folgt die zweite Phase, Schloschim genannt,
die normalerweise dreissig Tage, wenn ein Elternteil gestorben
ist jedoch ein ganzes Jahr, dauert. In dieser Phase wird täglich
das Kaddisch gebetet und die Trauernden meiden Hochzeiten, Tanzveranstaltungen
und andere Vergnügungen. Zum Gedenken an den Toten wird
fortan jedes Jahr am Todestag die "Jahrzeit" abgehalten,
während der eine Kerze angezündet und das Kaddisch
gesagt wird. Bei einem Friedhofsbesuch ist es nicht üblich,
Blumen oder Kerzen mitzubringen. Stattdessen wird als Zeichen
zum Gedenken an den Verstorbenen ein kleiner Stein auf das Grab
gelegt.
Nach diesen uns doch einigermassen vertrauten
und einander recht ähnlichen Vorstellungen von Sterben,
Tod und dem Leben danach in Christentum, Islam und Judentum,
werden wir in der nächsten Folge des "Sterben"
einen Abstecher in eine uns sehr viel unvertrautere Welt machen
und die Jenseitsvorstellungen im Buddhismus unter die Lupe nehmen.
Literatur:
Abramovitch, Henry: Death, in: Cohen, Arthur A. und Mendes-Flohr,
Paul (Hgs.): Contemporary Jewish Religious Thought. Original
Essays on Critical Concepts, Movements, and Beliefs, London:
Collier Macmillan 1987.
Jacobs, Louis: Death and Burial, in: Jacobs, Louis: Jewish Religion.
A Companion, Oxford: University Press 1995.
Schwikart, Georg: Tod und Trauer in den Weltreligionen, Gütersloh:
Gütersloher Verlagshaus 1999.
Stemberger, Günter: Jüdische Religion, München:
Beck 1995.
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