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Wissenswertes über Bulgarien
Von Simon Eberhard.
Wie bereits letzen Monat von meiner Kollegin
angekündigt, werde ich diesen Monat für unsere geschätzten
Leserinnen und Leser Bulgarien erkunden. Geplant war eine gross
angelegte Reisereportage, in welcher sprachgewaltig Menschen,
Leben und Kultur dieses relativ unbekannten osteuropäischen
Landes portraitiert werden sollten. Spannende Interviews mit
Einheimischen sowie atmosphärisch dichte Schilderungen aus
dem bulgarischen Alltag sollten sich in ausgewogener und fesselnder
Weise die Waage halten. Die Koffer waren also bereits gepackt,
das Flugticket gebucht, der Migros-Schnellkurs "Bulgarisch
für Anfänger" erfolgreich absolviert, in freudiger
Erwartung harrte ich der kommenden Expedition ostwärts.
Doch es kam leider anders: in letzter Sekunde legte die Chefredaktion
ihr Veto ein, der Trip sei zu teuer, Kosten müssten gespart
werden, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten könne man sich
solche Extravaganzen nicht leisten und so weiter, aber ich möge
doch trotzdem was Nettes über Bulgarien schreiben, denn
man möchte die Leserschaft, die nach der Lektüre der
letzten Kolumne bereits ungeduldig auf den Bulgarien-Bericht
warte, nicht enttäschen.
Nun gut. Schreiben wir also über Bulgarien. Trotz meiner
diesbezüglichen Ahnungslosigkeit. Aber schliesslich haben
es kürzlich vier Autoren fertiggebracht, einen kompletten
Reiseführer über ein nicht existierendes Land namens
Molwanien zu schreiben, da sollte es dem Kolumnisten doch zumindest
möglich sein, sich einige interessante Fakten über
das definitiv existierende Bulgarien aus der Nase zu ziehen.
Versuchen kann man es ja. Ich werde jedenfalls meine männliche
Intuition bemühen. Wenn diese denn existiert. Doch dazu
später.
Was weiss ich über Bulgarien? Hmmm, da
war doch mal was an irgendeiner Fussball-WM, haben die Bulgaren
nicht mal die Deutschen rausgeworfen (und wir Schweizer uns dabei
königlich amüsiert. Dass wir bereits früher ausgeschieden
sind, tut nix zur Sache)? Genau, so wars! Und für detailversessene
Leser - hier erspare ich mir die weibliche Form - habe ich mir
die Mühe einer kurzen Recherche gemacht: Es war am 10. Juli
1994, Weltmeisterschaft in den USA, Viertelfinal Bulgarien-Deutschland
2:1, Torschützen Matthäus, Stojtschkow und Letschkow,
Spielort New York. Ich könnte auch noch den Namen des Schiedsrichters
sowie die gelben und roten Karten auflisten, doch ich will mal
nicht übertreiben. Information total, Rechercheaufwand zwei
Minuten - Danke, Internet! Ein Teil der Leserinnen wird nun bestimmt
denken: "Typisch männlich! Nix als Fussball im Kopf!".
Nun, zugegeben, die spontane Assoziation von bestimmten Ländern
oder Städten mit entsprechenden Fussballclubs und -spielen
ist schon eine typisch männliche Eigenschaft. Sehr schön
lässt sich das an der Episode illustrieren, als man in einer
Diskussion unter Freunden auf verschlungenen Wegen auf eine englische
Kleinstadt namens Peterborough zu sprechen kam. Ich glaube, es
ging um irgendein Auslandjahr. Peterborough? Nie gehört?
Denkste! Bei der Erwähnung dieses Namens leuchteten die
Augen meines Kollegen auf, das kenne er sehr wohl, schliesslich
habe er in seinem Fussball-Manager-Game als Manager von Peterborough
United den Club von der dritthöchsten in die höchste
Spielklasse führen und sich sogar einmal für die Champions
League qualifizieren können. Womit bewiesen wäre: Fussball
bildet! Noch ein Beispiel gefällig? Man frage einen eingefleischten
Fussballfan, ob ihm der Name Pelister etwas sagt. Ist
er wirklich so eingefleischt, wird er zweifellos wie aus der
Pistole geschossen folgende Antwort geben: "Natürlich,
Pelister ist eine Stadt in Mazedonien. In der UEFA-Cup-Qualifikationsrunde
2001/2002 konnte sich der FC St. Gallen nur knapp gegen den FK
Pelister durchsetzen." Voilà.
Unnötig zu erwähnen, dass fussballbegeisterte Männer
auch ohne Probleme und Zögern die Hauptstädte von Moldawien
oder Armenien zu nennen vermögen. Schliesslich gibt es auch
dort Clubs, welche im UEFA-Cup mitspielen. Nur aus Molwanien
hat es bisher noch keine Mannschaft in den Wettbewerb gebracht.
Aufmerksamen Zeitgenossen wird bestimmt nicht
entgangen sein, wie elegant ich das Thema Bulgarien umsegelt
und mich stattdessen breit über Fussball ausgelassen habe.
Typisch männlich halt. Aber oben erwähnte Aussage,
wir hätten nur Fussball im Kopf, ist nicht ganz korrekt.
Sex und Autos sind nämlich auch nicht zu vergessen. Doch
keine Angst: von weitschweifigen Ausführungen über
Autos werde ich die Leserinnenschaft verschonen, zumal ich als
ÖV-Benutzer und Autos-Irgendwie-Doof-Finder denkbar ungeeignet
hierzu bin. Stattdessen zwinge ich mich dazu, nochmals zum Ursprungsthema
zurückzukehren.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs soll Bulgarien ja zu einer
aufstrebenden Feriendestination geworden sein mit vielen wunderschönen
Badestränden. Sagt man. Gerne hätte ich auch in dieser
Hinsicht meine Fähigkeiten als kritischer Journalist unter
Beweis gestellt und anhand einer mehrwöchigen Recherche
überprüft, ob diese Gerüchte tatsächlich
der Wahrheit entsprechen. Doch die Redaktion verweigerte das
Budget. Immer diese Sparmassnahmen.
Sparmassnahmen will ich mir an dieser Stelle ebenfalls gönnen
und erspare dem geneigten Leser, der geneigten Leserin, weiteres
Schwadronieren über ein Land, welches ich nicht richtig
kenne. Wie viel lieber schreibe ich da beispielsweise über
feine Schinkengipfeli aus dem Globus! Da hält sich auch
der Budget-Aufwand für eine Recherche einigermassen im Rahmen.
Wird einem Hobby-Bäcker die Frage gestellt, wo er denn sein
Wunderprodukt gekauft habe, so gilt das gemeinhin als Beleidigung.
Das kann ich nicht verstehen, er sollte sich doch vielmehr geehrt
fühlen, dass man ihm zutraut, dass er Schinkengipfeli zu
backen imstande ist, welche den berühmten und leckeren Globus-Gipfeli
in nichts nachstehen. Lecker sind diese nämlich, das kann
ich bestätigen.
Doch nun bin ich etwas erschöpft ob der
geleisteten intensiven Denkarbeit, welche ich für mein Bulgarien-Kurzportrait
aufwenden musste, gepaart mit einem vollen Magen, welcher mir
zu sagen scheint: "Na, das war wohl mindestens ein Schinkengipfeli
zuviel". Dennoch mache ich keine Pause, fahre gnadenlos
weiter und erlaube mir einen Themawechsel vom Thema "Schinkengipfeli"
direkt zum Thema "Intuition". Eine smarte Überleitung
will mir in der schwülen Sommerhitze nicht recht gelingen,
deshalb lass ich's lieber sein.
Gibt es männliche Intuition? Bevor wir diese Frage klären,
kommen wir nicht darum herum, die viel zitierte und gerühmte
weibliche Intuition kritisch zu hinterfragen. Wenn frau stolz
erzählt, sie habe ohne jegliche Hilfe von Karten und/oder
anderen Hilfsmitteln und in Unkenntnis der genauen Adresse mit
nur siebenminütiger Verspätung das anvisierte Ziel
erreicht, so ist das zwar tatsächlich eine beachtliche Leistung.
Bevor man(n) nun allerdings in Jubelstürme verfällt,
sollte zuerst höflich nachgefragt werden, zu welcher Zeit
denn losgefahren wurde. Nicht dass ich an dieser Stelle irgendjemandem
irgendetwas unterstellen wollte - aber wenn sich erweist, dass
das bereits vor zwei Stunden war und die zurückgelegte Strecke
zwei Kilometer betrug, so relativiert das die Leistung ein wenig.
Böse Zungen würden an dieser Stelle sogar weitergehen
und behaupten, der Begriff "weibliche Intuition" stamme
lediglich von Frauen, welche hiermit ihre Abneigung gegen rationales
Überlegen kaschieren wollen. Aber ich habe ja keine böse
Zunge. Mild ist mein Herz gestimmt. Mit vornehmer Zurückhaltung
applaudiere ich den begnadeten Den-richtigen-Weg-auf-Anhieb-Finderinnen.
Meinerseits lese ich lieber Karten. Männer lieben das Konkrete,
die nackten Fakten. Der Begriff der Intuition ist uns eher fremd
und in der Hitparade der Wörter oder Ausdrücke, welche
uns gelegentlich auf die Palme zu bringen vermögen, unmittelbar
hinter "ausdiskutieren", "Gefühle zeigen"
oder "Nur noch eine Minute" klassiert.
Im Augenblick der Niederschrift dieses Textes
schreiben wir übrigens den längsten Tag des Jahres.
Nachdem der Mai so enttäuscht hat - die Vögel zwitscherten
zwar, doch richtige Frühlingsstimmung wollte nicht aufkommen
- bin ich nun zuversichtlich, einen umso spektakuläreren
Sommer zu erleben. Ich selbst sitze in meiner sonnendurchtränkten
Stube und erwarte jede Minute einen Anruf von der Redaktion.
Mein Vorschlag, in der übernächsten Kolumne eine spannende
Reisereportage von den Malediven zu liefern, wird gerade geprüft.
Doch erstmal werde ich das Feld wieder meiner verehrten Kollegin
überlassen und derweil ein wenig von bulgarischen Badestränden
träumen.
Literatur:
Santo Cilauro, Tom Gleisner, Rob Sitch, Gisbert Haefs: "Molwanien.
Land des schadhaften Lächelns", Heyne 2005.
www.randomhouse.de/dynamicspecials/molwanien/
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