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Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wissenswertes über Bulgarien

Von Simon Eberhard.

Wie bereits letzen Monat von meiner Kollegin angekündigt, werde ich diesen Monat für unsere geschätzten Leserinnen und Leser Bulgarien erkunden. Geplant war eine gross angelegte Reisereportage, in welcher sprachgewaltig Menschen, Leben und Kultur dieses relativ unbekannten osteuropäischen Landes portraitiert werden sollten. Spannende Interviews mit Einheimischen sowie atmosphärisch dichte Schilderungen aus dem bulgarischen Alltag sollten sich in ausgewogener und fesselnder Weise die Waage halten. Die Koffer waren also bereits gepackt, das Flugticket gebucht, der Migros-Schnellkurs "Bulgarisch für Anfänger" erfolgreich absolviert, in freudiger Erwartung harrte ich der kommenden Expedition ostwärts. Doch es kam leider anders: in letzter Sekunde legte die Chefredaktion ihr Veto ein, der Trip sei zu teuer, Kosten müssten gespart werden, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten könne man sich solche Extravaganzen nicht leisten und so weiter, aber ich möge doch trotzdem was Nettes über Bulgarien schreiben, denn man möchte die Leserschaft, die nach der Lektüre der letzten Kolumne bereits ungeduldig auf den Bulgarien-Bericht warte, nicht enttäschen.
Nun gut. Schreiben wir also über Bulgarien. Trotz meiner diesbezüglichen Ahnungslosigkeit. Aber schliesslich haben es kürzlich vier Autoren fertiggebracht, einen kompletten Reiseführer über ein nicht existierendes Land namens Molwanien zu schreiben, da sollte es dem Kolumnisten doch zumindest möglich sein, sich einige interessante Fakten über das definitiv existierende Bulgarien aus der Nase zu ziehen. Versuchen kann man es ja. Ich werde jedenfalls meine männliche Intuition bemühen. Wenn diese denn existiert. Doch dazu später.

Was weiss ich über Bulgarien? Hmmm, da war doch mal was an irgendeiner Fussball-WM, haben die Bulgaren nicht mal die Deutschen rausgeworfen (und wir Schweizer uns dabei königlich amüsiert. Dass wir bereits früher ausgeschieden sind, tut nix zur Sache)? Genau, so wars! Und für detailversessene Leser - hier erspare ich mir die weibliche Form - habe ich mir die Mühe einer kurzen Recherche gemacht: Es war am 10. Juli 1994, Weltmeisterschaft in den USA, Viertelfinal Bulgarien-Deutschland 2:1, Torschützen Matthäus, Stojtschkow und Letschkow, Spielort New York. Ich könnte auch noch den Namen des Schiedsrichters sowie die gelben und roten Karten auflisten, doch ich will mal nicht übertreiben. Information total, Rechercheaufwand zwei Minuten - Danke, Internet! Ein Teil der Leserinnen wird nun bestimmt denken: "Typisch männlich! Nix als Fussball im Kopf!". Nun, zugegeben, die spontane Assoziation von bestimmten Ländern oder Städten mit entsprechenden Fussballclubs und -spielen ist schon eine typisch männliche Eigenschaft. Sehr schön lässt sich das an der Episode illustrieren, als man in einer Diskussion unter Freunden auf verschlungenen Wegen auf eine englische Kleinstadt namens Peterborough zu sprechen kam. Ich glaube, es ging um irgendein Auslandjahr. Peterborough? Nie gehört? Denkste! Bei der Erwähnung dieses Namens leuchteten die Augen meines Kollegen auf, das kenne er sehr wohl, schliesslich habe er in seinem Fussball-Manager-Game als Manager von Peterborough United den Club von der dritthöchsten in die höchste Spielklasse führen und sich sogar einmal für die Champions League qualifizieren können. Womit bewiesen wäre: Fussball bildet! Noch ein Beispiel gefällig? Man frage einen eingefleischten Fussballfan, ob ihm der Name Pelister etwas sagt. Ist er wirklich so eingefleischt, wird er zweifellos wie aus der Pistole geschossen folgende Antwort geben: "Natürlich, Pelister ist eine Stadt in Mazedonien. In der UEFA-Cup-Qualifikationsrunde 2001/2002 konnte sich der FC St. Gallen nur knapp gegen den FK Pelister durchsetzen." Voilà.
Unnötig zu erwähnen, dass fussballbegeisterte Männer auch ohne Probleme und Zögern die Hauptstädte von Moldawien oder Armenien zu nennen vermögen. Schliesslich gibt es auch dort Clubs, welche im UEFA-Cup mitspielen. Nur aus Molwanien hat es bisher noch keine Mannschaft in den Wettbewerb gebracht.

Aufmerksamen Zeitgenossen wird bestimmt nicht entgangen sein, wie elegant ich das Thema Bulgarien umsegelt und mich stattdessen breit über Fussball ausgelassen habe. Typisch männlich halt. Aber oben erwähnte Aussage, wir hätten nur Fussball im Kopf, ist nicht ganz korrekt. Sex und Autos sind nämlich auch nicht zu vergessen. Doch keine Angst: von weitschweifigen Ausführungen über Autos werde ich die Leserinnenschaft verschonen, zumal ich als ÖV-Benutzer und Autos-Irgendwie-Doof-Finder denkbar ungeeignet hierzu bin. Stattdessen zwinge ich mich dazu, nochmals zum Ursprungsthema zurückzukehren.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs soll Bulgarien ja zu einer aufstrebenden Feriendestination geworden sein mit vielen wunderschönen Badestränden. Sagt man. Gerne hätte ich auch in dieser Hinsicht meine Fähigkeiten als kritischer Journalist unter Beweis gestellt und anhand einer mehrwöchigen Recherche überprüft, ob diese Gerüchte tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Doch die Redaktion verweigerte das Budget. Immer diese Sparmassnahmen.
Sparmassnahmen will ich mir an dieser Stelle ebenfalls gönnen und erspare dem geneigten Leser, der geneigten Leserin, weiteres Schwadronieren über ein Land, welches ich nicht richtig kenne. Wie viel lieber schreibe ich da beispielsweise über feine Schinkengipfeli aus dem Globus! Da hält sich auch der Budget-Aufwand für eine Recherche einigermassen im Rahmen. Wird einem Hobby-Bäcker die Frage gestellt, wo er denn sein Wunderprodukt gekauft habe, so gilt das gemeinhin als Beleidigung. Das kann ich nicht verstehen, er sollte sich doch vielmehr geehrt fühlen, dass man ihm zutraut, dass er Schinkengipfeli zu backen imstande ist, welche den berühmten und leckeren Globus-Gipfeli in nichts nachstehen. Lecker sind diese nämlich, das kann ich bestätigen.

Doch nun bin ich etwas erschöpft ob der geleisteten intensiven Denkarbeit, welche ich für mein Bulgarien-Kurzportrait aufwenden musste, gepaart mit einem vollen Magen, welcher mir zu sagen scheint: "Na, das war wohl mindestens ein Schinkengipfeli zuviel". Dennoch mache ich keine Pause, fahre gnadenlos weiter und erlaube mir einen Themawechsel vom Thema "Schinkengipfeli" direkt zum Thema "Intuition". Eine smarte Überleitung will mir in der schwülen Sommerhitze nicht recht gelingen, deshalb lass ich's lieber sein.
Gibt es männliche Intuition? Bevor wir diese Frage klären, kommen wir nicht darum herum, die viel zitierte und gerühmte weibliche Intuition kritisch zu hinterfragen. Wenn frau stolz erzählt, sie habe ohne jegliche Hilfe von Karten und/oder anderen Hilfsmitteln und in Unkenntnis der genauen Adresse mit nur siebenminütiger Verspätung das anvisierte Ziel erreicht, so ist das zwar tatsächlich eine beachtliche Leistung. Bevor man(n) nun allerdings in Jubelstürme verfällt, sollte zuerst höflich nachgefragt werden, zu welcher Zeit denn losgefahren wurde. Nicht dass ich an dieser Stelle irgendjemandem irgendetwas unterstellen wollte - aber wenn sich erweist, dass das bereits vor zwei Stunden war und die zurückgelegte Strecke zwei Kilometer betrug, so relativiert das die Leistung ein wenig. Böse Zungen würden an dieser Stelle sogar weitergehen und behaupten, der Begriff "weibliche Intuition" stamme lediglich von Frauen, welche hiermit ihre Abneigung gegen rationales Überlegen kaschieren wollen. Aber ich habe ja keine böse Zunge. Mild ist mein Herz gestimmt. Mit vornehmer Zurückhaltung applaudiere ich den begnadeten Den-richtigen-Weg-auf-Anhieb-Finderinnen. Meinerseits lese ich lieber Karten. Männer lieben das Konkrete, die nackten Fakten. Der Begriff der Intuition ist uns eher fremd und in der Hitparade der Wörter oder Ausdrücke, welche uns gelegentlich auf die Palme zu bringen vermögen, unmittelbar hinter "ausdiskutieren", "Gefühle zeigen" oder "Nur noch eine Minute" klassiert.

Im Augenblick der Niederschrift dieses Textes schreiben wir übrigens den längsten Tag des Jahres. Nachdem der Mai so enttäuscht hat - die Vögel zwitscherten zwar, doch richtige Frühlingsstimmung wollte nicht aufkommen - bin ich nun zuversichtlich, einen umso spektakuläreren Sommer zu erleben. Ich selbst sitze in meiner sonnendurchtränkten Stube und erwarte jede Minute einen Anruf von der Redaktion. Mein Vorschlag, in der übernächsten Kolumne eine spannende Reisereportage von den Malediven zu liefern, wird gerade geprüft. Doch erstmal werde ich das Feld wieder meiner verehrten Kollegin überlassen und derweil ein wenig von bulgarischen Badestränden träumen.

Literatur:
Santo Cilauro, Tom Gleisner, Rob Sitch, Gisbert Haefs: "Molwanien. Land des schadhaften Lächelns", Heyne 2005.

www.randomhouse.de/dynamicspecials/molwanien/


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